Für Rand war das eine Lehrstunde. Es begann mit sieben Stedding, die über die Grenzlande hinweg verstreut waren. Zum Glück fürchteten sich die Trollocs davor, ein Stedding zu betreten, und selbst die Myrddraal mußten schon etwas ganz Großes im Sinn haben, um sie in eines hineinzutreiben. Im Rückgrat der Welt, der Drachenmauer, befanden sich dreizehn, einschließlich eines im Gebiet von Brudermörders Dolch, vom Stedding Schangtai im Süden bis zu Stedding Qichen und Stedding Sanschen im Norden, die nur wenige Meilen voneinander entfernt lagen.
»Das Land hat sich bei der Zerstörung der Welt sehr verändert«, gab Haman zu, als Rand ihn darauf ansprach. Er fuhr mit knappen Bewegungen fort, Markierungen anzubringen; zumindest für einen Ogier waren es knappe Bewegungen. »Festland wurde zum Meer und aus Meer wurde Festland, aber auch das eigentliche Festland wurde neu gefaltet. Manchmal befanden sich vorher weit entfernte Orte plötzlich nahe beieinander, und nahe waren sich mit einem Mal fern. Obwohl natürlich niemand mehr weiß, ob sich Qichen und Sanschen jemals weit voneinander befunden haben.«
»Du hast Cantoine vergessen«, verkündete Covril, was einen weiteren livrierten Diener dazu brachte, seine Armladung Karten vor Schreck fallen zu lassen.
Haman warf ihr einen Blick zu und trug dann den Namen gleich über dem Iralell ein, nicht weit nördlich der Haddon-Sümpfe. In dem Landstrich im Westen der Drachenmauer befanden sich von der Südgrenze Schienars bis zum Meer der Stürme nur vier, und alle neu gegründet wie es die Ogier sahen. Das bedeutete, Tsofu, das jüngste der vier, war seit etwa sechshundert Jahren besiedelt und die anderen noch nicht älter als tausend Jahre. An vielen Orten stellte die Existenz der Stedding — wie schon bei denen in den Grenzlanden — für Rand eine große Überraschung dar, wie diejenigen in den Verschleierten Bergen —sechs insgesamt — und einige an der Schattenküste. Auch die Schwarzen Hügel gehörten dazu, die Wälder nördlich des Ivo-Flusses und die Bergkette am Dhagon-Fluß ein kurzes Stück nördlich von Arad Doman.
Trauriger war die Liste der aufgegebenen Stedding, weil die Anzahl der dort lebenden Ogier zu sehr geschrumpft war. Auch auf dieser Liste waren das Rückgrat der Welt und die Verschleierten Berge und die Schattenküste verzeichnet genau wie ein Stedding mitten auf der Ebene von Almoth in der Nähe des großen Graswalds, und eines in der niedrigen Hügelkette im Norden der Toman-Halbinsel, direkt über dem Aryth-Meer. Am traurigsten war vielleicht die Kunde von der Aufgabe eines Steddings in Arafel am Rande der Fäule; die Myrddraal scheuten wohl davor zurück, ein Stedding zu betreten, doch die Fäule schob sich Jahr für Jahr weiter vor und erstickte alles.
Haman hielt mit seinen Eintragungen inne und sagte traurig: »Scherandu wurde vor eintausendachthundertunddreiundvierzig Jahren von der Großen Fäule verschlungen, und Chandar vor neunhundertundachtundsechzig Jahren.«
»Möge ihr Andenken im Licht gedeihen und blühen«, murmelten Covril und Erith gemeinsam.
»Ich kenne eines, das Ihr nicht eingezeichnet habt«, sagte Rand. Perrin hatte ihm berichtet, wie er einst in einem Stedding Schutz gesucht hatte. Er zog eine Karte von dem Teil Andors östlich des Arinelle hervor und deutete auf einen Punkt ein Stück oberhalb der Straße von Caemlyn nach Weißbrücke. Etwa dort mußte es liegen.
Haman verzog das Gesicht, und diesmal wirkte seine Miene fast böse. »Wo Falkenflügels Stadt stehen sollte. Das wurde niemals wieder besiedelt. Mehrere Stedding wurden gegründet und dann doch nicht mehr besiedelt. Wir versuchen, uns so weit wie möglich von den Ländern der Menschen fernzuhalten.« Alle Zeichen befanden sich mitten in rauhen Gebirgen, an Orten, die für Menschen schwer zugänglich waren, in einigen Fällen auch weit von jeder menschlichen Besiedelung entfernt. Von allen lag das Stedding Tsofu menschlichen Behausungen am nächsten, und auch Rand wußte recht gut, daß das nächste Dorf eine volle Tagesreise davon entfernt lag.
›Ein andermal wäre dies ein gutes Thema für ein Gespräch«, sagte Covril, wobei sie Rand ansprach, aber offensichtlich Haman damit ermahnen wollte, wie ihr Seitenblick klar belegte, »aber ich will noch vor Anbrach der Nacht so weit wie möglich nach Westen kommen.« Haman seufzte schwer.
»Aber sicher bleibt Ihr doch eine Weile hier«, protestierte Rand. »Du müßt doch erschöpft sein, wenn Ihr den ganzen Weg von Cairhien zu Fuß zurückgelegt habt«
»Frauen sind niemals erschöpft«, erwiderte Haman. »Sie erschöpfen nur die anderen. Das ist eine sehr alte Redensart bei uns.« Covril und Erith schnaubten voller Einigkeit. Haman knurrte noch etwas in sich hinein und fuhr mit seinen Markierungen fort, aber nun waren es die von den Ogiern erbauten Städte, in denen sich Haine befunden hatten, und in jedem Hain hatte ein Wegetor gestanden, damit die Ogier jederzeit den Weg zu ihrem Stedding zurücklegen konnten, ohne die oft so unruhigen Länder der Menschen durchwandern zu müssen.
Natürlich bezeichnete er Caemlyn und Tat Valon, Tear und Illian, Cairhien und Maradon und Ebou Dar. Das war aber schon alles, was die noch existierenden Städte betraf, und für Ebou Dar gebrauchte er den Namen Baraschta. Vielleicht gehörte Baraschta eher zu den anderen, die er als bloße Punkte an Orten einzeichnete, wo der Karte nach höchstens ein Dorf zu sehen war. Mafal Dadaranell, Ancohima und Londaren Cor natürlich, und Manetheren. Aren Mador, Aridhol, Schaemal, Deranbar, Braem, Condaris, Hai Ecorimon, Iman... Während die Liste wuchs, entdeckte Rand feuchte Flecken auf jeder Karte, mit der Haman fertig war. Er benötigte einen Augenblick, um zu begreifen, daß der Ogier-Älteste lautlos weinte, und die Tränen fielen auf die Karte, auf der er längst tote und vergessene Städte einzeichnete. Vielleicht beweinte er die Menschen, vielleicht auch nur die Erinnerungen. Rand konnte lediglich sicher sein, daß er nicht um die Städte selbst weinte, oder um die verlorenen Werke der Ogier-Steinmetzen. Für die Ogier war die Kunst der Steinbearbeitung lediglich etwas, das sie in der Zeit des Exils erlernt hatten, und welche Arbeit mit Steinen konnte sich mit den majestätischen Bäumen vergleichen?
Einer dieser Namen brannte in Rands Gedächtnis, genau wie auch seine Lage östlich von Baerlon, mehrere Tagesreisen über Weißbrücke am Arinelle. »Gab es hier einen Hain?« fragte er und strich mit dem Finger über das Zeichen Hamans.
»In Aridhol?« sagte Haman. »Ja, Ja, es gab einen. Das ist eine traurige Angelegenheit.«
Rand hob nicht den Kopf. »In Shadar Logoth«, verbesserte er den Ältesten. »Eine sehr traurige Angelegenheit. Könntet Ihr ... würdet Ihr ... mir das Wegetor zeigen, wenn ich Euch dorthin brächte?«
21
Nach Shadar Logoth
»Uns dorthin bringen?« fragte Covril und bedachte die Karte in Rands Händen mit einem besonders finsteren Blick. »Das würde uns ein ganzes Stück von unserem Weg abbringen, wenn ich mich richtig daran erinnere, wo sich die Zwei Flüsse befinden. Ich werde keinen weiteren Tag der Suche nach Loial verschwenden.« Erith nickte beifällig.
Haman, dessen Wangen noch immer tränenfeucht waren, schüttelte den Kopf ob ihrer Eile, sagte dann aber: »Ich kann es nicht gestatten. Aridhol — Shadar Logoth, wie Ihr es bei seinem heutigen Namen genannt habt — ist kein Ort für jemand, der so jung ist wie Erith. Um die volle Wahrheit zu sagen: Niemand sollte sich dort aufhalten.«
Rand ließ die Karte fallen und stand auf. Er kannte Shadar Logoth besser, als ihm lieb war. »Ihr werdet keine Zeit verlieren. Tatsächlich werdet Ihr sogar Zeit gewinnen. Ich werde Euch mit Hilfe einer Schnellen Reise durch ein Tor hinbringen, und auf diese Art legt Ihr noch heute den größten Teil des Weges zu den Zwei Flüssen zurück. Wir brauchen nicht lange. Ich weiß, daß Ihr mich direkt zu dem Wegetor führen könnt.«
Die Ogier spürten die Nähe eines Wegetores, wenn die Entfernung nicht zu groß war.