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»Dort ist es«, sagte Haman, und Rand fuhr zusammen. Shadar Logoth war der letzte Ort auf der Welt, an dem man sich in Gedanken verlieren durfte.

Wo der Älteste stand, hatte sich einst ein geräumiger Platz erstreckt, dessen eine Hälfte aber mittlerweile von verwittertem Schutt bedeckt war. Mitten auf dem Platz, wo man ansonsten einen Brunnen erwartet hätte, stand statt dessen ein kunstvollfiligraner Zaun aus einem glänzenden Material, so hoch wie ein Ogier und von Rost unberührt. Er umschloß etwas, das wie ein hohes Steindenkmal aussah und in das so feine Ranken und Blätter eingehauen waren, daß man beinahe glaubte, den Windhauch zu spüren, der sie bewegte, und man war überrascht, wenn man feststellte: sie waren grau und nicht grün. Das Wegetor, aber es wirkte keineswegs wie irgendeine Art von Eingang oder Ausgang.

»Sie haben den Hain gefällt, kaum daß die Ogier zum Stedding abgereist waren«, brummte Haman zornig mit heruntergezogenen langen Augenbrauen, »höchstens zwanzig oder dreißig Jahre später, und sie haben ihre Stadt erweitert.«

Rand berührte den Zaun mit einem Strang aus Luft, wobei er sich fragte, wie sie ihn durchdringen sollten, dann jedoch riß er die Augen auf, als der ganze Zaun sich mit einem Mal in zwanzig oder mehr Einzelteile auflöste, die ihrerseits mit lautem Krachen umstürzten, daß sogar die Ogier zusammenfuhren. Rand schüttelte den Kopf. Selbstverständlich. Metall, das sich so lange ohne eine Spur von Rost gehalten hatte, mußte mit Hilfe der Macht hergestellt worden sein. Vielleicht stammte es sogar aus dem Zeitalter der Legenden, aber die Bügel, die den Zaun zusammengehalten hatten, waren durchgerostet und hatten nur auf einen kräftigen Stoß gewartet.

Covril legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Ich möchte Euch bitten, es nicht zu öffnen. Zweifellos hat Euch Loial gesagt, wie man es öffnet, denn er hat immer schon zuviel Interesse an solchen Dingen gezeigt, aber die Kurzen Wege sind gefährlich.«

»Ich kann es verschließen«, sagte Haman, »damit man es nur wieder öffnen kann, falls man den Talisman des Wachstums besitzt. Hmmm. Hmmm. Eine simple Sache, einfach durchzuführen.« Allerdings schien er nicht gerade erpicht darauf zu sein. Und er trat keineswegs näher heran.

»Es könnte gebraucht werden, ohne daß man die Zeit hat, so etwas aufzutreiben«, sagte Rand zu ihm. Möglicherweise mußte man alle Wege benützen, welche Gefahren dort auch drohen mochten. Sollte er sie auf irgendeine Weise reinigen können... Aber das wäre beinahe genauso großspurig wie seine Prahlerei Taim gegenüber, er werde Saidin säubern.

Er machte sich daran, Stränge von Saidin um das Wegetor zu verweben, wobei er alle Fünf Mächte benutzte. Er hob sogar die Einzelteile des Zauns wieder auf und brachte sie an ihren jeweiligen Platz zurück. Vom ersten Strang an, den er webte, schien die Verderbnis Saidins in ihm zu pulsieren. Die Vibration wurde langsam stärker. Es mußte an dem Bösen in Shadar Logoth selbst liegen, ein Mitschwingen des Bösen mit dem Bösen. Selbst im Nichts geborgen wurde ihm schwindlig von diesen Schwingungen. Es war, als schwinge die ganze Welt unter seinen Füßen mit. Er verspürte den Drang, alles herauszukotzen, was er je gegessen hatte. Trotzdem gab er nicht nach. Er konnte schließlich genausowenig Männer hierher auf Wache entsenden, wie er sie hätte suchen lassen können.

Was er wob und dann nach innen stülpte, war eine hinterhältige Falle, wie sie einem so hinterhältigen Ort gerecht wurde. Ein Wachgewebe von überragender Gemeinheit. Menschen konnten unbehelligt hindurchschreiten, vielleicht sogar die Verlorenen, denn er konnte das Tor nur gegen Menschen oder Schattenwesen schützen, aber nicht gegen beides, doch selbst ein männlicher Verlorener konnte das Gewebe nicht erkennen. Sollte irgendeine Art von Schattenwesen hindurchzugehen versuchen... Das war eben die Gemeinheit daran. Sie würden nicht gleich sterben, ja, möglicherweise könnten sie es sogar zurück über die Stadtmauer schaffen. Es würde jedenfalls lange genug dauern, daß die Toten weit entfernt lägen und somit den nächsten Myrddraal, der hierherkam, nicht abschrecken konnten. Lange genug vielleicht, um einem Trolloc-Heer das Verlassen der Stadt zu ermöglichen und dabei die eigenen Toten mitzunehmen. Grausam genug für einen Trolloc. Das Ding zurechtzuweben, machte ihn genauso krank wie der Makel auf Saidin.

Das Gewebe abzunabeln und Saidin loszulassen brachte nicht viel Erleichterung. Der Rückstand an Schmutz, der jedesmal blieb, pulsierte nach wie vor in ihm. Es war beinahe ein Gefühl, als bebe der Boden unter seinen Füßen. Seine Zähne und Ohren schmerzten. Er konnte es nicht erwarten, von hier wegzukommen.

Er holte tief Luft und bereitete sich darauf vor, erneut zur Macht zu greifen und ein Tor zu öffnen —aber dann hielt er mit gerunzelter Stirn inne. Schnell zählte er alle, und dann noch einmal etwas langsamer. »Jemand fehlt. Wer?«

Die Aiel brauchten nur einen Augenblick, um sich zu beraten.

»Liah«, sagte Sulin durch ihren Schleier hindurch.

»Sie kam gleich hinter mir.« Jalanis Stimme war unverkennbar.

»Vielleicht hat sie irgend etwas entdeckt?« Er glaubte, Desoras Stimme zu erkennen.

»Ich habe allen befohlen, zusammenzubleiben!« Zorn überflutete das Nichts wie Wogen, die sich schäumend an einem Felsen brachen. Eine von ihnen fehlte, ausgerechnet hier, und sie nahmen es mit dieser lichtversengten Kühle, wie sie den Aiel zu eigen war. Eine Tochter des Speers fehlte. Eine Frau fehlte, und das in Shadar Logoth. »Wenn ich sie finde...!« Einen Fingerbreit nach dem anderen unterdrückte er den Zorn, der die ihn einhüllende Leere zu erfassen drohte. Was er mit Liah machen wollte, war, sie anzuschreien, daß sie in Ohnmacht fiel, und sie dann für den Rest ihres Lebens zu Sorilea schicken. Dieser Zorn erweckte brutale Mordgelüste in ihm. »Teilt Euch paarweise auf. Ruft nach ihr, seht Euch überall um, aber geht nirgends hinein, gleich, aus welchem Grund. Und haltet Euch von Schatten fern. Hier könntet Ihr sterben, bevor Ihr überhaupt etwas merkt. Falls Ihr sie in einem Gebäude entdeckt und sie nicht gleich herauskommt, ruft zuerst nach mir, auch wenn es so aussieht, als sei alles in Ordnung.«

»Wir können schneller suchen, wenn wir allein auf die Suche gehen«, sagte Urien, und Sulin nickte zustimmend. Es nickten überhaupt viel zu viele.

»Paare!« Rand unterdrückte seinen Zorn wieder mit Mühe. Das Licht soll die Sturheit der Aiel versengen! »Auf diese Weise habt Ihr wenigstens jemand, der Euch Rückendeckung gibt. Tut endlich ausnahmsweise einmal, was ich Euch befehle, wenn ich es Euch befehle. Ich war schon hier und weiß einiges über diesen Ort.«

Ein paar Minuten später, in denen sie beratschlagten, wie viele bei Rand zurückbleiben sollten, verteilten sich zwanzig Aielpaare. Die eine, die bei ihm verblieb, war Jalani, wie Rand glaubte, obwohl man das bei dem Schleier nur schwer sagen konnte. Ausnahmsweise schien sie nicht glücklich darüber zu sein, ihn bewachen zu dürfen. In den grünen Augen lag eine klare Andeutung von Ärger.

»Ich denke, wir könnten ein weiteres Paar bilden«, sagte Haman, wobei er Covril anblickte.

Sie nickte, »Und Erith kann hier bleiben.«