Rand erinnerte sich an den Wald außerhalb von Shadar Logoth. Kein Myrddraal oder Trolloc würde sich diesmal dort aufhalten, und das Licht allein mochte wissen, in welcher Entfernung oder Richtung sich das nächste Dorf befand. »Ich werde mehr als das tun«, sagte er. »Ich kann Euch genauso schnell zu den Zwei Flüssen bringen.«
Die beiden älteren Ogier nickten ernst. »Der Segen von Licht und Ruhe möge Euch für Eure Hilfe zuteil werden«, murmelte Covril. Eriths Ohren bebten vor Spannung, vielleicht weil sie hoffte, Loial zu sehen und weil sie Shadar Logoth verlassen konnte.
Rand zögerte noch einen Augenblick. Loial würde sich wahrscheinlich in Emondsfeld aufhalten, aber dorthin konnte er sie nicht bringen. Zu viele Gerüchte über seinen Überraschungsbesuch würden aus den Zwei Flüssen nach außen dringen. Ein Stück vom Dorf entfernt also, weit genug, um die Bauernhöfe zu meiden, die in der Nahe lagen.
Der senkrechte Lichtschlitz erschien und erweiterte sich. Der Makel Saidins pochte wieder in seinem Inneren, schlimmer als zuvor, und der Boden schien gegen seine Stiefelsohlen zu trommeln.
Ein halbes Dutzend Aiel sprang hindurch, und die drei Ogier folgten ihnen mit einer Eile, die unter den gegebenen Umständen keineswegs unziemlich schien. Rand blieb noch kurz stehen und blickte zurück auf die Ruinenstadt. Er hatte versprochen, daß die Töchter für ihn sterben dürften.
Als die letzten Aiel durch das Tor sprangen, zischte Sulin. Er sah sie fragend an, doch sie schaute auf seine Hand. Seinen Handrücken, auf dem er mit den Fingernägeln einen tiefen Riß hinterlassen hatte, aus dem Blut quoll. Er war so sicher in das Nichts gehüllt, daß genausogut jemand anders die Schmerzen hätte empfinden können. Die äußerliche Verletzung spielte keine Rolle; sie würde heilen. Er hatte sich tief in seinem Inneren schlimmere zugefügt, die niemand sehen konnte. Eine für jede Tochter des Speers, die für ihn gestorben war, und er sorgte dafür, daß sie nicht heilten.
»Wir sind hier fertig«, sagte er und trat durch das Tor direkt in das Gebiet der Zwei Flüsse. Das Pochen verschwand mit dem Tor.
Mit gerunzelter Stirn versuchte Rand sich zu orientieren. Es war nicht leicht, ein Tor genau an den richtigen Ort zu bringen, wenn man noch nie dort gewesen war, aber er hatte sich einen Platz ausgesucht, den er kannte, eine mit Unkraut durchwachsene Wiese, die niemand je benützt hatte, etwa einen guten Zwei-Stunden-Marsch südlich von Emondsfeld. Im fahlen Zwielicht konnte er Schafe erkennen, eine ordentliche Herde, und einen Jungen mit einem Schäferstab in Händen und einen Bogen über dem Rücken, der sie aus hundert Schritt Entfernung anstarrte. Rand benötigte die Macht nicht, um zu erkennen, daß dem Jungen die Augen beinahe herausfielen, und das war auch verständlich. Dann ließ der Junge den Stab fallen und rannte los, auf ein Bauernhaus zu, das sich noch nicht dort befunden hatte, als Rand das letzte Mal hier war. Ein Bauernhaus mit Ziegeldach.
Einen Augenblick lang fragte sich Rand, ob er sich überhaupt in den Zwei Flüssen befinde. Nein, die Stimmung dieses Orts sagte ihm, daß er das Tor richtig ausgelegt hatte. Der Duft, der in der Luft lag, roch nach zu Hause. All diese Veränderungen, von denen Bode und der Rest der Mädchen ihm erzählt hatten, hatte er noch gar nicht richtig verarbeitet. Für ihn konnte sich immer noch nichts an den Zwei Flüssen jemals verändern. Sollte er die Mädchen hierher zurückschicken, nach Hause? Was du tun solltest, ist, dich von ihnen fernzuhalten. Der bloße Gedanke ärgerte ihn schon.
»Emondsfeld liegt in dieser Richtung«, sagte er. Emondsfeld. Perrin. Tam könnte sich ebenfalls dort aufhalten, in der Weinquellenschenke bei Egwenes Eltern. »Dort sollte Loial zu finden sein. Ich weiß nicht, ob Ihr es vor Anbruch der Dunkelheit schafft. Ihr könntet auch in dem Bauernhaus um ein Quartier bitten. Ich bin sicher, sie haben einen Schlafplatz für Euch. Sagt ihnen nichts von mir. Erzählt niemandem, wie Ihr hierhergekommen seid.« Der Junge hatte zugesehen, aber wenn plötzlich Ogier auftauchten, würde man die Geschichte eines solchen Jungen wohl für übertrieben halten.
Haman und Covril rückten die Bündel auf ihren Rücken zurecht, tauschten einen Blick, und sie sagte: »Wir werden nichts darüber sagen, wie wir hierherkamen.
Sollen die Leute erzählen, was sie wollen.«
Haman strich sich über den Bart und räusperte sich. »Ihr dürft Euch nicht umbringen.«
Selbst im Nichts empfand Rand Überraschung. »Was?«
»Der Weg vor Euch«, polterte Haman, »ist lang, dunkel, und, wie ich sehr fürchte, blutgetränkt. Ich fürchte ebenfalls sehr stark, daß Ihr uns alle auf diesen Weg führt. Aber Ihr müßt überleben, um sein Ende zu erreichen.«
»Das werde ich«, erwiderte Rand kurz angebunden. »Lebt wohl.« Er bemühte sich, ein wenig Wärme in die Worte zu legen, war sich aber des Erfolgs nicht sicher.
»Lebt ebenfalls wohl«, sagte Haman, und die Frauen wiederholten die Worte, bevor sich die drei dem Bauernhaus zuwandten. Aber nicht einmal bei Erith klang es, als glaube sie an die Erfüllung dieses guten Wunsches.
Rand stand noch einen Augenblick lang da. Menschen waren aus dem Haus gelaufen und beobachteten die Annäherung der Ogier, aber Rand blickte nach Nordwesten; nicht in Richtung Emondsfeld, sondern in Richtung des Hofes, auf dem er aufgewachsen war. Als er sich abwandte und ein Tor nach Caemlyn öffnete, war es, als reiße er sich den eigenen Arm ab. Der Schmerz war ein viel passenderes Andenken an Liah als der Kratzer.
22
In Richtung Süden
Die fünf Steine beschrieben einen elegant wirbelnden Kreis über Mats Händen, einer rot, einer blau, einer von klarem Grün, die anderen bemerkenswert gestreift. Er ritt dabei weiter, lenkte Pips durch Schenkeldruck und hatte den Speer mit dem schwarzen Schafft gegenüber dem unbespannten Bogen hinter den Sattelgurt gesteckt. Die Steine ließen ihn an Thom Merrilin denken, der ihm das Jonglieren beigebracht hatte, und er fragte sich, ob der alte Bursche noch am Leben sei. Wahrscheinlich nicht. Rand hatte den Gaukler Elayne und Nynaeve hinterhergeschickt, angeblich um auf sie aufzupassen. Das schien schon so lange her zu sein. Falls es Frauen gab, auf die man noch weniger aufpassen mußte, kannte Mat sie jedenfalls nicht. Doch viel eher konnte es sein, daß sie einen Mann in den Tod schickten, weil sie nicht auf Vernunft hören wollten. Nynaeve, die immer bohrte und wissen wollte, was ein Mann getan, gesagt oder gedacht hatte, und die immer an ihrem verdammten Zopf herumriß; und Elayne, die verdammte Tochter-Erbin, die glaubte, sie könne sich stets durchsetzen, wenn sie die Nase in die Luft steckte und einem die Meinung sagte, aber mindestens genauso hart wie Nynaeve, nur daß Elayne noch schlimmer war, denn wenn sie mit ihrem hochmütigen Getue nicht durchkam, lächelte Elayne und zeigte ihre Grübchen und erwartete, daß jeder zu Boden sank, weil sie so hübsch war. Er hoffte, Thom habe ihre Gesellschaft überlebt. Er hoffte auch, daß es ihnen gutgehe, aber er hätte nichts dagegen gehabt, wenn sie wenigstens einmal seit ihrem überstürzten Aufbruch ordentlich ins Schwitzen gekommen wären. Sie sollten erleben, wie das war, wenn er nicht da war, um sie wieder herauszuhauen. Und kein ehrliches Dankeschön, als er dagewesen war und ihnen geholfen hatte. So arg sollten sie nun auch wieder nicht schwitzen —gerade genug, um sich zu wünschen, Mat Cauthon befinde sich in der Gegend und rette sie wieder, der alte Narr.
»Wie steht es mit Euch, Mat?« fragte Nalesean und lenkte sein Pferd näher heran. »Habt Ihr jemals darüber nachgedacht, wie das ist, wenn man Behüter einer Aes Sedai ist?«
Mat hätte fast die Steine fallen gelassen. Daerid und Talmanes sahen ihn mit verschwitzten Gesichtern an und warteten auf seine Antwort. Die Sonne glitt bereits dem Horizont zu. Nicht mehr lange, und sie würden anhalten müssen. Die Dämmerung schien sich ein wenig verlängert zu haben, seit die Tage kürzer wurden, aber Mat wollte bei Sonnenuntergang gemütlich im aufgeschlagenen Lager sitzen und seine Pfeife rauchen. Außerdem konnte es in solchem Terrain leicht passieren, daß sich die Pferde die Beine brachen, wenn sie nicht mehr genug sahen. Den Männern mochte es ebenso ergehen.