Lange bevor sie Maerone erreicht hatten, hatte Mat Nalesean, Daerid und Talmanes überrascht, als er die Namen der besten Wilderer und Pferdediebe unter ihren Männern wissen wollte, diejenigen, von denen sie wußten, die sie aber nie überführen konnten. Besonders die beiden Adligen hatten nicht zugeben wollen, daß sie solche Männer unter ihrem Befehl hatten, aber nachdem Mat ein wenig gebohrt hatte, nannten sie schließlich die Namen von drei Männern aus Cairhien, zwei Tairenern, und überraschenderweise zweien aus Andor. Mat hatte nicht geglaubt, daß die Andoraner sich schon lange genug bei der Bande befanden, um so aufzufallen, aber offensichtlich hatte sich einiges herumgesprochen.
Diese sieben Männer hatte er auf die Seite genommen und ihnen mitgeteilt, daß er Kundschafter benötige, und daß ein guter Kundschafter in etwa über die gleichen Fertigkeiten wie ein Wilderer oder ein Pferdedieb verfügen müsse. Er beachtete ihre leidenschaftlichen Beteuerungen nicht, sie hätten niemals irgendein Verbrechen gleich welcher Art auch immer begangen — das beteuerte jeder von ihnen doppelt so oft wie Talmanes und Nalesean zusammen, und mindestens genauso blumig, wenn auch in weniger feiner Sprache — er bot ihnen eine Amnestie für alle Diebstähle an, die sie bislang begangen hatten, dreifache Bezahlung und keinerlei Arbeitszuteilung, solange sie alles wahrheitsgemäß berichteten. Bei der ersten Lüge würden sie allerdings hängen, denn falls ein Kundschafter log, könnten eine Menge Männer sterben. Trotz dieser Drohung griffen sie zu; wahrscheinlich noch eher, weil sie keine Lagerarbeiten mehr verrichten mußten, als der erhöhten Entlohnung in schwerem Silber wegen.
Aber sieben reichten nicht aus, und so bat er sie, weitere Männer vorzuschlagen, wobei sie bedenken sollten, welche Fertigkeiten er von ihnen verlangte. Außerdem machte er ihnen klar, daß ihr Überleben und somit auch die dreifache Bezahlung, die er ihnen versprochen hatte, weitgehend von den Fähigkeiten jener abhingen, die sie benannten. Das brachte sie dazu, sich am Kinn zu kratzen und einander vorsichtige und mißtrauische Blicke zuzuwerfen, aber gemeinsam brachten sie dann elf weitere Namen hervor, wobei sie natürlich vehement betonten, daß sie damit gar nichts in bezug auf diese Männer behaupten wollten. Elf Kerle, so gute Wilderer und Pferdediebe, daß weder Daerid, noch Talmanes oder Nalesean sie in Verdacht gehabt hatten, aber nicht gut genug, um der Aufmerksamkeit der sieben Männer zu entgehen. Mat bot ihnen das gleiche an und fragte auch sie wieder nach weiteren Namen. Als er schließlich an einem Punkt ankam, da sich keine neuen Namen mehr ergaben, verfugte er über siebenundvierzig Kundschafter. Die schweren Zeiten hatte eben eine Menge Männer dazu getrieben, Soldaten zu werden, anstatt ihr erlerntes Handwerk auszuüben.
Der letzte, den alle drei vor ihm in der Kette benannt hatten, war Chel Vanin gewesen, ein Andoraner, der in Maerone gewohnt hatte, aber sein Unwesen über große Strecken ausgedehnt auf beiden Seiten des Erinin getrieben hatte. Vanin konnte selbst einer Fasanenhenne die Eier beim Brüten aus dem Nest stehlen, wenn auch anzunehmen war, daß er die Henne gleich mit in den Sack steckte. Vanin konnte einem Adligen das Pferd unter dem Hintern wegstehlen, und der würde es noch zwei Tage lang nicht merken. Jedenfalls hatten das diejenigen voller Ehrfurcht behauptet, die ihn empfohlen hatten. Vanin hatte mit seinem Zahnlückenlächeln und dem Ausdruck völliger Unschuld auf dem runden Gesicht beteuert, er sei lediglich Stallbursche und gelegentlich als Fuhrmann tätig, wenn er eine Arbeitsstelle fand. Aber diesen Posten als Kundschafter würde er für den vierfachen Sold übernehmen, den man bei der Bande sonst erhielt. Bisher war er mehr als das wert gewesen.
Vanin saß vor Mat auf der Anhöhe im Sattel seines Braunen und blickte verstört drein. Ihm war es recht, daß Mat nicht auf der Anrede ›mein Lord‹ bestand, da er sich nicht gern irgend jemandem beugte, aber immerhin brachte er es fertig, mit der Faust ganz locker die Stirn zu berühren — seine etwas unbeholfene Form einer Ehrenbezeugung. »Ich glaube, das müßt Ihr sehen. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Ihr müßt es Euch selbst anschauen.«
»Wartet hier«, befahl Mat den anderen, und zu Vanin sagte er: »Zeigt es mir.«
Es war kein langer Ritt, nur über die nächsten beiden Hügel und einen gewundenen Bach entlang, der breite Ränder aus getrocknetem Schlamm auf wies. Der Gestank machte ihm bereits klar, was ihm Vanin zeigen wollte, bevor sich noch die ersten Geier schwerfällig in die Luft erhoben. Andere schlugen nur mit den Flügeln und hüpften ein paar Schritt weiter. Dann ließen sie sich wieder nieder und streckten die nackten Köpfe vor, um sie empört anzukreischen. Am schlimmsten waren diejenigen, die sich nicht von ihrem Mahl aufscheuchen ließen, eine sich ständig verschiebende Masse blutverschmierter schwarzer Federn.
Ein umgekippter Wagen wie ein kleines Haus auf Rädern, in giftigen Grün-, Blau- und Gelbtönen angestrichen, kennzeichnete das Ganze als einen Wagenzug der Kesselflicker, doch nur wenige Wohnwagen waren dem Feuer entronnen. Überall lagen Leichen in bunter, zerrissener und blutverschmierter Kleidung: Männer und Frauen und Kinder. Ein Teil Mats analysierte die Szene ganz kalt, während der Rest seiner selbst sich am liebsten übergeben hätte oder weggerannt wäre, alles, nur hier auf Pips sitzen wollte er nicht. Die ersten Angreifer waren von Westen gekommen. Dort lagen die meisten Männer und älteren Jungen und mitten darunter das, was von einigen großen Hunden übriggeblieben war. Sie lagen da, als hätten sie sich bemüht, eine Kette zu bilden, um mit ihren Körpern die Angreifer aufzuhalten, während die Frauen und Kinder wegliefen. Eine vergebliche Flucht. Aufgehäufte Leichen zeigten, wo sie kopflos in die zweite Angriffswelle hineingerannt waren. Nun rührten sich nur noch die Geier.
Vanin spuckte angewidert durch eine Zahnlücke aus. »Man jagt sie fort, bevor sie zuviel gestohlen haben — sie schnappen sich sogar Kinder, wenn man nicht aufpaßt, und ziehen sie als die eigenen auf —vielleicht tritt man sicherheitshalber auch noch einmal zu, damit sie schneller weg sind, aber das macht man doch nicht. Wer würde so was tun?«
»Ich weiß nicht. Räuber vielleicht.« Alle Pferde fehlten. Aber Räuber wollten stehlen und nicht morden, und kein Kesselflicker würde sich wehren, wenn man seinen letzten Pfennig stahl und dann noch seinen Mantel obendrein mitnahm. Mat zwang seine Hände dazu, ihren verkrampften Griff um die Zügel zu lockern. Er konnte nirgendwohin blicken, ohne die Leiche einer Frau oder eines Kindes zu sehen. Wer das auch angerichtet haben mochte, wollte nicht, daß jemand überlebte. Er ritt langsam im Kreis um den Schauplatz herum, und bemühte sich, die Geier zu ignorieren, die zischten und mit den Flügeln schlugen, wenn er vorbeiritt. Der Boden war zu trocken, um gut sichtbare Spuren zu hinterlassen. Er glaubte aber doch, schwache Hufabdrücke von Pferden zu entdecken, die in mehreren Richtungen wegführten. Dann kam er zu Vanin zurück. »Ihr hättet mir davon berichten können. Ich mußte das nicht unbedingt sehen!« Licht, besser nicht!
»Ich habe Euch doch gesagt, daß es keine eindeutigen Spuren gibt«, sagte Vanin und ließ sein Pferd wenden, um dann durch den seichten Bach weiterzureiten. »Vielleicht solltet Ihr das hier sehen.«
Das Feuer hatte den größten Teil des Wagens verschlungen, der dort auf der Seite lag, aber das Wagenbett hatte es überstanden, genau wie die gelben Räder mit den roten Speichen. Ein Mann in einem Mantel, bei dem noch immer ein wenig von der grellblauen Farbe zu sehen war, lag halb unter dem Überrest des Wagens begraben. Ehe ausgestreckte Hand war schwarz von Blut. Was er in zittrigen Buchstaben geschrieben hatte, stach dunkel von den Brettern des Wagenbodens ab: