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SAGT ES DEM WIEDERGEBORENEN DRACHEN

Was soll ich ihm sagen? fragte sich Mat. Daß jemand einen ganzen Wagenzug von Kesselflickern umgebracht hatte? Oder war der Mann gestorben, bevor er aufschreiben konnte, was er vorgehabt hatte? Es wäre nicht das erste Mal, daß Kesselflicker an irgendeine wichtige Information gekommen wären. In einem Roman hätte er gerade lange genug gelebt, um die entscheidende Nachricht hinzukritzeln, die den Sieg bringen würde. Nun, wie die Nachricht auch lauten mochte, niemand würde sie jetzt noch erfahren.

»Ihr habt recht gehabt, Vanin.« Mat zögerte. Was sollte er dem Wiedergeborenen Drachen sagen? Keine Veranlassung, noch mehr Gerüchte in die Welt zu setzen, als sie schon in Umlauf gebracht hatten. »Sorgt dafür, daß der Rest des Wagens verbrannt wird, bevor Ihr weiterreitet. Und sollte jemand fragen, dann gab es hier nichts zu sehen außer einer Menge toter Männer.« Und Frauen, und Kinder.

Vanin nickte. »Dreckige Wilde«, knurrte er und spuckte noch einmal aus. »Könnten einige von denen gewesen sein, schätze ich.« Die Truppe von Aielmännern hatte sie mittlerweile eingeholt. Sie war drei- oder vierhundert Mann stark. Sie trabten den Hang herunter und überquerten den Bach nicht mehr als fünfzig Schritt von den Wagen entfernt. Einige von ihnen hoben eine Hand zum Gruß. Mat erkannte sie nicht doch eine ganze Menge Aiel hatten von Rand al'Thors Freund gehört, der immer diesen Hut trug und mit dem man besser kein Spielchen wagen sollte.

Verdammte Aiel dachte Mat. Er wußte, daß die Aiel die Kesselflicker mieden, wenn er auch den Grund nicht kannte, aber das hier... »Ich glaube das nicht«, sagte er. »Sorgt dafür, daß er verbrannt wird, Vanin.«

Talmanes und die beiden anderen befanden sich selbstverständlich genau dort, wo er sie zurückgelassen hatte. Als Mat ihnen berichtete, was vor ihnen lag und daß sie Leute ausschicken sollten, um die Toten zu beerdigen, nickten sie grimmig. »Kesselflicker?« brummte Daerid ungläubig.

»Wir werden hier unser Lager aufschlagen«, fügte Mat hinzu.

Er erwartete einen Kommentar, denn das Tageslicht würde durchaus reichen, um noch ein paar Meilen zurückzulegen, und diese drei waren von dem Ehrgeiz der Bande angesteckt worden, immer noch ein paar Meilen zuzulegen, so daß sie jetzt sogar Wetten darauf abschlossen, aber Nalesean sagte lediglich: »Ich schicke einen Mann hinunter, um den Schiffen ein Signal zu übermitteln, damit sie nicht zu weit vorausfahren.«

Vielleicht empfanden sie das gleiche wie er. Wenn sie nicht von der bisherigen Richtung abwichen und zum Fluß marschierten, würden sie zumindest den Anblick der aufgescheuchten Geier nicht vermeiden können. Nur weil ein Mann dem Tod ins Auge geblickt hatte, mußte er ihn deshalb nicht schön finden. Was Mat selbst betraf, fürchtete er, sich beim nächsten Anblick dieser Vögel übergeben zu müssen. Am Morgen würden nur noch Gräber zu sehen sein.

Doch die Erinnerung ließ sich nicht verdrängen, auch nachdem sein Zelt auf jener Kuppe errichtet worden war, um jeden noch so leichten Lufthauch vom Fluß herauf spüren zu können, falls sich jemals noch ein Lüftchen erheben würde. Menschliche Körper, von Mördern niedergestreckt, von Geiern zerfetzt. Schlimmer als die Kämpfe um Cairhien gegen die Shaido. Dort waren Töchter des Speers gestorben, aber er hatte ihre Leichen nicht gesehen, und dort waren keine Kinder gewesen. Ein Kesselflicker kämpfte nicht —noch nicht einmal, um das eigene Leben zu verteidigen. Niemand tötete das Fahrende Volk. Er aß wenig von seinem Bohnengemüse mit Rindfleisch und zog sich so schnell wie möglich in sein Zelt zurück. Selbst Nalesean wollte sich nicht unterhalten, und Talmanes wirkte noch verschlossener als sonst.

Die Nachricht von dem Gemetzel hatte sich ausgebreitet. Es lag eine Ruhe über dem Lager, wie sie Mat schon von früher her kannte. Gewöhnlich hörte man von Zeit zu Zeit wenigstens ein bißchen rauhes Gelächter und manchmal leicht anrüchige Lieder, die auch noch ziemlich falsch gesungen wurden, bis die Bannerträger die Handvoll Männer in ihre Decken jagten, die noch nicht zugeben wollten, daß sie müde waren. Heute war es wie an jenem Abend, als sie ein Dorf vorgefunden hatten, in dem man nicht einmal mehr die Leichen beerdigt hatte, oder als sie auf die Leichen einer Gruppe von Flüchtlingen gestoßen waren, die verzweifelt ihre wenigen Habseligkeiten vor Banditen hatten schützen wollen. Nur wenige brachten es danach noch fertig, zu lachen oder zu singen, und diese wenigen wurden dann von den übrigen schnell zum Schweigen gebracht.

Mat lag im Zelt, als die Dunkelheit sich herabsenkte, und rauchte seine Pfeife. Aber das Zelt war eng, und unter den Erinnerungen an die toten Kesselflicker stellte sich der Schlaf nicht ein. Andere Erinnerungen mischten sich ein, Erinnerungen an frühere Tote. Zu viele Schlachten und zu viele Leichen. Er befühlte seinen Speer und fuhr mit den Fingerspitzen die Inschrift in der Alten Sprache auf dem schwarzen Schaft nach:

So wurde unser Vertrag niedergeschrieben; so wurde die Einigung erzielt.

Der Gedanke ist der Pfeil der Zeit; die Erinnerung verblaßt nie.

Worum gebeten wurde, ist gegeben; der Preis wurde bezahlt.

Bei diesem Geschäft hatte er schlecht abgeschnitten.

Er nahm eine Decke und nach einem Moment des Überlegens den Speer und ging barfuß und in Unterhose hinaus. Der silberne Fuchskopf auf seiner bloßen Brust schimmerte im Lichtschein des Halbmonds. Eine leichte Brise wehte vom Fluß her, eine armselige Luftbewegung, die kaum Kühle brachte und nicht einmal die Flagge mit der Roten Hand zum Flattern brachte, deren Schaft man in den Boden vor seinem Zelt gesteckt hatte. Doch es war immerhin erträglicher als drinnen.

Er warf die Decke über die mageren Kräuter und legte sich auf den Rücken. Als er ein Junge war, hatte er sich manchmal, wenn er nicht einschlafen konnte, damit beholfen, daß er die Sternbilder aufzählte. An diesem wolkenlosen Himmel war der Mondschein so hell, daß er die meisten Sterne verblassen ließ, aber es blieben doch noch einige sichtbar. Dort, gerade über ihm, war der Heuwagen, dann die Fünf Schwestern und die Drei Gänse, die den Weg nach Norden zeigten. Der Bogenschütze, der Pflügende Bauer, der Schmied, die Schlange. Die Aiel nannten dieses Sternbild den Drachen. Der Schild, von manchen auch Falkenflügels Schild genannt — bei dem Gedanken wälzte er sich herum, denn in einigen seiner Erinnerungen hatte er nichts für Artur Paendrag Tanreall übrig —, der Hirsch und der Hammel. Der Pokal, und die Reisende, deren Stock deutlich zu sehen war.

Irgendein Geräusch erregte seine Aufmerksamkeit, er war aber nicht sicher, was es gewesen war. Wäre die Nacht nicht so ruhig gewesen, hätte dieser Laut nicht so verstohlen gewirkt, aber nun war er ihm gerade deshalb aufgefallen. Wer mochte hier herumschleichen? Neugierig richtete er sich auf einem Ellbogen auf —und erstarrte.

Wie die Schatten, die der Mond warf, huschten Gestalten um sein Zelt. Im Mondschein konnte er einen Augenblick lang ein verschleiertes Gesicht erkennen. Aiel? Was, beim Licht, war da los? Lautlos umringten sie das Zelt und traten näher heran. Helles Metall blinkte in der Dunkelheit auf, Stoff raschelte, als man ihn durchschnitt, und sie schlichen hinein. Nur einen Moment lang, dann waren sie wieder draußen. Und sie blickten sich um — es war hell genug, um das zu sehen.

Mat zog die Beine unter den Körper. Wenn er geduckt blieb, konnte er möglicherweise wegschlüpfen, ohne gehört zu werden.

»Mat?« rief Talmanes von weiter unten am Abhang.

Er klang betrunken.

Mat rührte sich nicht. Vielleicht würde der Mann zurückgehen, wenn er ihn schlafend wähnte. Die Aiel schienen mit der Nacht zu verschmelzen, doch er war sicher, daß sie lediglich auf der Stelle zu Boden gegangen waren.