Talmanes Stiefel knirschten näher heran. »Ich habe Brandy hier, Mat. Ich glaube, Ihr solltet auch etwas trinken. Dann träumt man nicht mehr, Mat. Und man denkt nicht mehr an sie.«
Mat fragte sich, ob die Aiel ihn bei dem Lärm, den Talmanes veranstaltete, hören konnten, wenn er sich jetzt wegschlich. Es waren ungefähr zehn Schritte bis zum nächsten Schlafplatz seiner Männer — das Erste Banner der Kavallerie, Talmanes Donnerschläge, hatte heute nacht die ›Ehre‹ — und weniger als zehn bis zum Zelt und den Aiel. Sie waren schnell, doch mit ein oder zwei Schritt Vorsprung würden sie ihn nicht bekommen, bevor er nicht fünfzig Männer unmittelbar um sich hatte.
»Mat? Ich glaube nicht, daß Ihr schlaft, Mat. Ich habe Eure Miene gesehen. Es wird besser, wenn man die Träume ertränkt. Glaubt mir, ich kenne das.«
Mat kauerte am Boden, holte tief Luft und packte seinen Speer dabei fester. Zwei Schritte.
»Mat?« Talmanes kam immer näher. Der Idiot konnte jeden Moment über die Aiel stolpern. Sie würden ihm völlig geräuschlos die Kehle durchschneiden.
Seng dich, dachte Mat. Ich hätte nur zwei Schritte gebraucht. »Hoch die Schwerter!« schrie er und sprang auf. »Aiel im Lager!« Er rannte den Abhang hinunter. »Sammelt Euch am Banner! Sammelt Euch unter der Roten Hand! Kommt her, Ihr hundsföttischer Grabräuber!«
Das weckte natürlich alle auf. Es mußte wohl, denn immerhin brüllte er wie ein Stier im Dorngestrüpp! In jeder Richtung verbreiteten sich Rufe; Trommelschläge rissen die Männer hoch, und Trompeten riefen zum Sammeln. Die Männer des Ersten Banners sprangen unter Kampfgeschrei aus den Decken und rannten die Schwerter schwingend zu ihrer Flagge.
Trotzdem war es unbestreitbar, daß die Aiel ihm näher waren als die Soldaten. Und sie wußten genau, hinter wem sie her waren. Irgend etwas — Instinkt, sein Glück, vielleicht eine Eigenschaft des Ta'veren; jedenfalls konnte Mat bei all dem Lärm gewiß nichts gehört haben — brachte ihn dazu, herumzuwirbeln, gerade als die erste verschleierte Gestalt wie aus dem Nichts hinter ihm auftauchte. Keine Zeit zum Überlegen. Mit dem Schaft seines Speers parierte er die heranzuckende Speerspitze des Angreifers, doch seinen Gegenstoß fing der Aiel mit dem Armschild ab und trat ihm in den Bauch. Die Verzweiflung verlieh Mat die Kraft, auf den Beinen zu bleiben, obwohl er keine Luft bekam. Er duckte sich gerade noch unter der Speerspitze weg, die nur die Haut über seinen Rippen ritzte, schlug mit dem eigenen Speerschaft dem Aiel durch einen kräftigen Hieb die Beine unter dem Leib weg und durchbohrte sein Herz. Licht, hoffentlich war es wirklich ›sein‹ Herz!
Er riß den Speer rechtzeitig heraus, um sich dem Angriff der anderen zu stellen. Ich hätte wegrennen sollen, als ich verdammt noch mal die Gelegenheit hatte! Er benutzte den Speer wie einen Bauernspieß und so schnell wie noch nie zuvor in seinem Leben, ließ ihn wirbeln, fing die zustoßenden Speerspitzen der Aiel ab und hatte keine Zeit zurückzuschlagen. Zu viele. Ich hätte meinen verfluchten Mund halten sollen und rennen! Er bekam wieder Luft. »Kommt her, Ihr hirnlosen Schafdiebe! Seid Ihr alle taub? Putzt Euch die Ohren aus und sammelt Euch!«
Er fragte sich, wieso er noch nicht tot war. Er hatte beim ersten Aiel Glück gehabt, aber soviel Glück gab es einfach nicht. Plötzlich wurde ihm bewußt, daß er nicht mehr allein war. Ein magerer Soldat aus Cairhien in Unterwäsche fiel ihm mit einem schrillen Aufschrei vor die Füße und wurde durch einen Tairener mit flatterndem Hemd und geschwungenem Schwert ersetzt. Weitere Soldaten drängten heran und schrien alles mögliche, von »Lord Matrim und Sieg!« über »Die Rote Hand!« bis zu »Bringt dieses Ungeziefer um!«
Mat schlüpfte rückwärts weg und überließ ihnen das Kämpfen. Der General der in der ersten Linie kämpft, ist ein törichter Narr. Das entsprang diesen uralten Erinnerungen, das Zitat eines Mannes, dessen Name nicht mehr Teil der Erinnerungen war. Ein Mann könnte dort glatt umgebracht werden. Das war der reine Mat Cauthon.
Zum Schluß war es die schiere Übermacht, die den Ausschlag gab. Ein Dutzend Aiel, und gegen sie, wenn nicht die ganze Bande, dann doch immerhin ein paar Hundert, die den Hügel emporklommen, bevor alles vorüber war. Zwölf Aiel getötet, und weil es Aiel gewesen waren, um die Hälfte mehr Tote bei der Bande. Dazu bluteten und stöhnten noch einmal mindestens doppelt so viele, bis man ihre Wunden versorgt hatte, soweit sie dann noch am Leben waren. Selbst nach dieser kurzen Auseinandersetzung schmerzte Mats Körper, und Blut rann aus einem halben Dutzend Wunden. Er vermutete, man werde ihn an mindestens drei Stellen nähen müssen.
Sein Speer gab einen guten Krückstock ab, als er hinüber zu Talmanes humpelte, der ausgestreckt auf dem Boden lag, während Daerid sein linkes Bein abband.
Talmanes weißes, geöffnetes Hemd glänzte an zwei Stellen dunkel und feucht. »Es scheint«, brachte er schwer atmend heraus, »daß Nerim wieder einmal seine Künste als Näherin bei mir ausprobieren muß, und das mit seinen Wurstfingern.« Nerim war sein Bursche und flickte seinen Herrn genauso oft zusammen wie dessen Kleidung.
»Wird er wieder?« fragte Mat leise.
Daerid zuckte die Achseln. Er hatte nur seine Hose an. »Er blutet weniger als Ihr, glaube ich.« Er blickte auf. Jetzt würde er der Sammlung auf seinem Gesicht eine neue Narbe hinzufügen können. »Gut, daß Ihr ihnen rechtzeitig aus dem Weg gegangen seid, Mat. Es ist unverkennbar, daß sie hinter Euch her waren.«
»Dann haben sie glücklicherweise nicht bekommen, was sie wollten.« Stöhnend kämpfte sich Talmanes mit einem Arm um Daerids Schulter auf die Beine.
»Es wäre schlimm, das Glück der Bande einer Handvoll Wilder in der Nacht zu opfern.«
Mat räusperte sich. »Das hatte ich auch im Sinn.« Die Erinnerung daran, wie die Aiel in seinem Zelt verschwunden waren, stieg in seinem Geist empor und ließ ihn schaudern. Wieso, beim Licht, wollten Aiel ihn umbringen?
Nalesean kam von der Stelle herüber, wo man die Leichen der Aiel nebeneinandergelegt hatte. Selbst jetzt hatte er seinen Mantel an, wenn er auch nicht zugeknöpft war. Dabei studierte er finster einen Blutfleck auf dem Revers. Vielleicht war es sein eigenes Blut, vielleicht auch nicht. »Seng meine Seele, ich wußte doch, daß diese Wilden uns früher oder später überfallen würden. Ich schätze, sie kamen aus der Truppe, die uns vor ein paar Stunden überholt hat.«
»Das bezweifle ich«, sagte Mat. »Hätten sie mich gewollt, dann hätten sie mich auf den Spieß gesteckt und zum Abendessen über dem Feuer geröstet, bevor einer von Euch etwas gemerkt hätte.« Er zwang sich, hinüberzuhumpeln und die Aiel zu mustern. Er nahm eine Laterne mit, die jemand gebracht hatte, um den schwachen Mondschein zu unterstützen. Die Erleichterung, nur die Gesichter von Männern zu entdecken, ließ ihm die Knie zittern. Er kannte keinen von ihnen, aber er kannte sowieso nur wenige Aiel. »Shaido, denke ich«, sagte er und kehrte mit der Laterne zu den anderen zurück. Das konnten wirklich Shaido sein. Und Schattenfreunde dazu. Er wußte nur zu gut, daß es unter den Aiel Schattenfreunde gab. Und Schattenfreunde hatten allen Grund, seinen Tod zu wünschen.
»Morgen«, sagte Daerid, »sollten wir meiner Meinung nach eine dieser Aes Sedai auf dem anderen Ufer aufspüren. Talmanes wird es überleben, wenn er nicht zuviel Alkohol verloren hat, aber einige andere haben vielleicht nicht soviel Glück.« Nalesean sagte nichts, aber sein Knurren sprach Bände. Er war schließlich Tairener und liebte die Aes Sedai noch weniger als Mat.
Mat zögerte nicht mit seiner Zustimmung. Er würde nicht zulassen, daß eine Aes Sedai bei ihm die Macht anwandte — auf gewisse Weise bedeutete jede Narbe für ihn einen Sieg, eine weitere Gelegenheit, da er die Aes Sedai hatte meiden können —, aber er konnte von keinem Mann verlangen, deshalb zu sterben. Anschließend sagte er ihnen, was er noch wollte.