»Einen Graben?« fragte Talmanes in ungläubigem Tonfall.
»Rund um das Lager herum?« Naleseans Spitzbart bebte. »Jeden Abend?«
»Und eine Palisade?« rief Daerid. Er blickte sich schnell um und senkte die Stimme. Es befanden sich noch einige Soldaten in ihrer Nähe, um die Leichen wegzuschaffen. »Das wird eine Meuterei geben, Mat.«
»Nein, wird es nicht«, sagte Mat. »Am Morgen wird auch der letzte Mann wissen, daß sich Aiel ins Lager eingeschlichen hatten, um mein Zelt zu erreichen. Die Hälfte wird nicht mehr schlafen aus Angst, einen Aielspeer zwischen die Rippen zu bekommen. Ihr drei werdet ihnen die Tatsache schmackhaft machen, daß eine Palisade die Aiel davon abhalten wird, sich nochmal bei uns einzuschleichen.« Zumindest würde es sie aufhalten. »Jetzt geht und laßt mich heute nacht noch ein wenig schlafen.«
Nachdem sie weg waren, betrachtete er sein Zelt genauer. Lange Schlitze in den Wänden, wo die Aiel eingedrungen waren, deren Ränder im leichten Wind flatterten. Seufzend wollte er schon zu seiner Decke im Gestrüpp zurückkehren, zögerte dann aber. Das Geräusch, das ihn aufgeschreckt hatte. Die Aiel hatten kein Geräusch verursacht, hatten nicht einmal geflüstert. Ein Schatten war genauso laut wie ein Aiel. Was hatte das also verursacht?
Er stützte sich auf seinen Speer und humpelte um das Zelt herum, wobei er den Boden genau betrachtete. Er wußte selbst nicht, wonach er suchte. Die weichen Aielstiefel hatten keine Spuren hinterlassen, soweit er das im Schein der Laterne feststellen konnte. Zwei der Zeltleinen hingen lose, wo man sie durchschnitten hatte, aber... Er stellte die Laterne auf den Boden und befühlte die Leinen. Dieses Geräusch hätte davon stammen können, daß man eine straffe Leine kappte, aber es hatte doch gar keinen Grund gegeben, sie durchzuschneiden, um hineinzukommen. Etwas an dem Winkel der Schnitte und der Art, wie sie sich aneinanderfügten, erregte seine Aufmerksamkeit. Er nahm die Laterne wieder und blickte sich in der Umgebung um. Ein dürftiger Busch unweit des Zeltes war an einer Seite abgeschnitten worden. Dünne Zweige mit kleinen Blättern daran lagen auf dem Boden. Der Busch war ganz sauber getrimmt worden, die Schnittfläche gerade und die Enden der abgeschnittenen Zweige glatt. Es wirkte, als habe ein Möbelschreiner daran gearbeitet.
Die Härchen in Mats Nacken standen zu Berge. Eines dieser Löcher in der Luft, wie sie Rand benutzte, war hier geöffnet worden. Schlimm genug, daß Aiel versucht hatten, ihn zu töten, aber sie waren von jemandem geschickt worden, der eines dieser ... Tore, wie Rand sie bezeichnete, öffnen konnte, Licht, wenn er inmitten der Bande noch nicht einmal vor den Verlorenen in Sicherheit war, wo dann? Er fragte sich, wie er von nun an schlafen solle — vielleicht mit Wachfeuern um sein Zelt herum? Und mit einer Leibgarde — nein, als Ehrengarde würde er sie bezeichnen, damit es ihnen nicht ganz so schwerfallen würde, vor seinem Zelt Wache zu stehen. Beim nächsten Mal würden möglicherweise hundert Trollocs kommen, oder tausend, anstelle einer Handvoll Aiel. War er überhaupt wichtig genug für so etwas? Falls sie entschieden, er sei zu wichtig, könnte es beim nächsten Mal ein Verlorener sein. Blut und Asche! Er hatte nie darum gebeten, ein Ta'veren zu sein, und freiwillig hätte er sich niemals an den Wiedergeborenen verdammten Drachen gebunden!
»Blut und blutige...!«
Ein Knirschen am Boden in seinem Rücken warnte ihn, und er wirbelte knurrend mit dem Speer in Händen herum. Gerade noch rechtzeitig hielt er die zustoßende Klinge am Ende des Speers zurück, als Olver aufschrie und platt auf den Rücken fiel. Mit weit aufgerissenen Augen starrte der Junge die Speerspitze an.
»Was, beim verdammten Krater des Verderbens, tust du hier?« fuhr ihn Mat an.
»Ich ... ich...« Der Junge mußte erst einmal schlucken. »Sie sagen, fünfzig Aiel hätten versucht, Euch im Schlaf zu töten, Lord Mat, aber Ihr hättet sie zuerst getötet, und ich wollte sehen, ob es Euch gutgeht, und ... Lord Edorion hat mir Schuhe gekauft. Seht Ihr?« Er hob einen beschuhten Fuß.
Mat knurrte in sich hinein und zog Olver hoch. »Das hatte ich nicht gemeint. Warum bist du nicht in Maerone? Hat Edorion niemanden gefunden, der sich um dich kümmert?«
»Sie war nur hinter Lord Edorions Geld her und wollte mich gar nicht haben. Außerdem hatte sie schon sechs eigene Kinder. Meister Burdin gibt mir eine Menge zu essen, und alles, was ich tun muß, ist, seine Pferde zu tränken und sie trockenzureiben. Das gefällt mir, Lord Mat. Aber er läßt mich nicht reiten.«
Jemand räusperte sich. »Lord Talmanes hat mich geschickt, mein Lord.« Nerim war selbst für einen Bewohner Cairhiens klein, ein hagerer, grauhaariger Mann mit einem langen Gesicht, das wirkte, als wolle es sagen: ›Im Moment geht alles schief, und wahrscheinlich auch auf lange Sicht, aber heute ist ein besserer Tag als üblich.‹ »Wenn mein Lord mir meine Worte verzeiht, diese Blutflecke werden nie mehr aus der Unterwäsche meines Lords zu entfernen sein, aber falls mein Lord mir die Erlaubnis gibt, werde ich vielleicht in der Lage sein, etwas hinsichtlich der Risse in meinem Lord zu unternehmen.« Er hatte sein Nähkästchen unter den Arm geklemmt. »Du, Junge, hol ein wenig Wasser! Keine Widerrede. Wasser für meinen Lord, und das etwas plötzlich.« Nerim brachte es fertig, beim Verbeugen noch die Laterne aufzuheben. »Wenn mein Lord mit hinein kommen würde? Die Nachtluft ist schlecht für offene Wunden.«
Nach kurzer Zeit lag Mat neben seinem, Bettzeug auf dem Boden ausgestreckt — »Mein Lord wird seine Decken nicht beschmutzen wollen« —, ließ Nerim getrocknetes Blut abwaschen und ihn die Wunden zusammenflicken. Talmanes hatte recht: als Näherin war der Mann wirklich ein lausiger Versager. Da aber Olver zugegen war, blieb ihm nichts anderes übrig, als mit den Zähnen zu knirschen und alles über sich ergehen zu lassen.
In dem Versuch, sich von Nerims Nadel abzulenken, deutete Mat auf die zerschlissene Stofftasche, die von Olvers Schulter hing. »Was hast du da drinnen?« ächzte er.
Olver drückte die zerfledderte Tasche an seine Brust. Er war gewiß sauberer als zuvor, wenn auch nicht hübscher deswegen. Die Schuhe schienen fest zu sein, und sein wollenes Hemd und die Hose wirkten neu. »Das ist meine«, sagte er trotzig. »Ich habe nichts gestohlen.« Einen Augenblick später öffnete er die Tasche und fing an Gegenstände herauszunehmen.
Eine Ersatzhose, zwei weitere Hemden und einige Paare Strümpfe interessierten ihn selbst offenbar wenig. Doch die anderen Dinge zählte er auf: »Das ist meine Feder von einem roten Milan, Lord Mat, und dieser Stein hat die Farbe der Sonne. Seht Ihr?« Er legte einen kleinen Beutel dazu. »Ich habe fünf Kupferpfennige und sogar einen Silberpfennig.« Ein eingerolltes Tuch, das durch eine Schnur zusammengehalten wurde, und ein kleines Holzkästchen. »Mein Schlange-und-Fuchs-Spiel. Das hat mein Vater für mich gemacht. Er hat auch das Brett bemalt.« Einen Moment lang verzog er sein Gesicht, als wolle er weinen, doch dann fuhr er fort: »Und schaut mal... In diesem Stein ist ein Fischkopf drin. Ich weiß nicht, wie er da hineingekommen ist. Und das ist mein Schildkrötenpanzer. Eine Schildkröte mit blauem Rücken. Seht Ihr die Streifen?«
Mat ächzte unter einem besonders harten Stoß der Nähnadel und streckte die Hand nach dem zusammengerollten Tuch aus. Er fühlte sich viel besser, wenn er durch die Nase atmete. Es war eigenartig, wie sich die Löcher in seinen Erinnerungen auswirkten. Er erinnerte sich beispielsweise daran, wie man Schlange und Fuchs spielte, aber nicht, daß er es jemals gespielt hätte. »Das ist ein schöner Schildkrötenpanzer, Olver. Ich hatte auch einmal einen. Eine grüne Karettschildkröte.« So streckte er die Hand nach der anderen Seite aus und fand seinen Geldbeutel. Er kramte zwei Goldkronen aus Cairhien heraus. »Steck die in deinen Beutel, Olver. Ein Mann braucht ein wenig Gold in der Tasche.«
Beleidigt begann Olver, seine Habseligkeiten in die Tasche zu packen. »Ich bettle nicht, Lord Mat. Ich kann für mein Essen arbeiten. Ich bin kein Bettler.«