»Ich habe das auch nie behauptet.« Mat überlegte krampfhaft, um einen Grund zu finden, den Jungen mit den beiden Kronen bezahlen zu können. »Ich ... ich brauche jemanden als Laufburschen, um für mich Botschaften zu überbringen. Ich kann kein Mitglied der Bande darum bitten, denn sie haben alle ihre Aufgaben als Soldaten. Sicher, du müßtest dann dein eigenes Pferd pflegen. Ich kann schlecht jemand anders bitten, das für dich zu erledigen.«
Olver stand plötzlich ganz gerade da. »Ich würde mein eigenes Pferd bekommen?« fragte er ungläubig.
»Selbstverständlich. Dann ist da noch etwas. Ich heiße Mat. Wenn du mich noch einmal Lord Mat nennst, werde ich dir einen Knoten in die Nase machen.« Aufbrüllend zuckte er hoch. »Seng Euch, Nerim. Das ist ein Bein und kein verdammtes Stück Rindfleisch!«
»Wie mein Lord meint«, murmelte Nerim. »Das Bein meines Lords ist kein Stück Rindfleisch. Ich danke Euch, mein Lord, daß Ihr mich davon unterrichtet habt.«
Olver fühlte zögernd nach seiner Nase, als überlege er, ob sie sich wirklich verknoten ließe.
Mat sank stöhnend zurück. Nun hatte er sich den Jungen aufgehalst und ihm damit keineswegs einen Gefallen getan, jedenfalls nicht, falls er beim nächsten Mal in der Nähe war, wenn die Verlorenen sich bemühten, die Anzahl der Ta'veren auf der Welt zu verringern. Nun, sollte Rands Plan aufgehen, würde es statt dessen einen Verlorenen weniger geben. Wenn es allerdings nach Mat Cauthon ging, wollte er sich lieber aus allen Schwierigkeiten heraushalten, bis es keine Verlorenen mehr gab.
23
Um eine Botschaft zu begreifen...
Graendal beherrschte sich gerade noch, um nicht erstaunt die Augen aufzureißen, als sie den Saal betrat, doch ihr Gewand aus Streith verfärbte sich zu einem stumpfen Schwarz, bevor sie es verhindern und wieder in einen blauen Nebelschleier verwandeln konnte. Sammael hatte alles dafür getan, daß keiner glauben mochte, es handle sich hier um den Großen Ratssaal in Illian. Andererseits wäre sie überrascht gewesen, falls irgend jemand außer ihm selbst jemals uneingeladen so weit in die Gemächer ›Lord Brends‹ vordringen würde. Die Luft war angenehm kühl. In einer Ecke stand der Hohlzylinder eines Luftaustauschers. Glühbirnen, hell und gleichmäßig leuchtend, wirkten eigenartig auf den schweren, goldenen Kerzenhaltern und ergaben eine wesentlichere Beleuchtung, als Kerzen oder Öllampen jemals liefern konnten. Ein kleines Musikgerät stand auf dem Marmorsims des Kamins und gab aus seinem Speicher die sanften Klänge einer Klangskulptur wieder, die man vermutlich außerhalb dieses Saals dreitausend Jahre lang nicht mehr vernommen hatte. Und sie erkannte mehrere der Kunstwerke an den Wänden.
Sie blieb vor Ceran Tols Tempo der Unendlichkeit stehen. Es handelte sich nicht um eine Kopie. »Man könnte meinen, du hättest ein Museum geplündert, Sammael.« Es fiel ihr schwer, den Neid aus ihrem Tonfall herauszuhalten, und als sie sein leichtes Lächeln entdeckte, war ihr klar, daß er sie durchschaut hatte.
Er goß Wein in zwei silberne Pokale und reichte ihr einen davon. »Nur eine Stasis-Kammer. Ich denke, die Menschen haben versucht, alles zu bewahren, was sie nur konnten, damals, in jenen letzten Tagen.« Sein Lächeln verzerrte diese schreckliche Narbe, die schräg über sein Gesicht verlief. Er blickte sich stolz in dem Saal um. Besonders selbstgefällig sah er das Zarabrett an, das sein Spielfeld aus im Moment noch durchscheinenden Würfeln in die Luft projizierte. Ihm hatten schon immer die gewaltsameren Spiele am besten gefallen. Klar — ein Zarabrett bedeutete, daß die StasisKammer von jemandem gefüllt worden war, der dem Großen Herrn folgte, denn auf der anderen Seite hatte bereits der Besitz einer einzigen früher einmal menschlichen Spielfigur zu einer Gefängnisstrafe geführt. Was hatte er sonst noch gefunden?
Sie schlürfte ihren Wein und unterdrückte ein Aufseufzen, denn er stammte aus dem Hier und Jetzt. Sie hatte auf die zarte Blume eines Satare oder einen der exquisiten Comolader gehofft. Dann strich sie mit beringten Fingern über ihr Gewand. »Ich habe auch eine gefunden, doch sie enthielt außer Streith nur eine abschreckende Sammlung von nutzlosem Schrott.« Da er sie schließlich hierher eingeladen und ihr dies alles gezeigt hatte, war es an der Zeit für Vertraulichkeiten. Kleine Vertraulichkeiten.
»Wie traurig für dich.« Wieder dieses leichte Lächeln. Er hatte zweifellos mehr gefunden als nur hübsche Spielzeuge. »Auf der anderen Seite«, fuhr er fort, »bedenke bitte› wie furchtbar es gewesen wäre, eine Kammer zu öffnen und ein Nest voll Cafar aufzuscheuchen, oder sagen wir, eine Jumara, oder eine von Aginors anderen kleinen Schöpfungen. Wußtest du, daß in der Fäule Jumara frei herumlaufen? Voll ausgewachsen, wenn sie sich nun auch niemals verwandeln werden. Sie bezeichnen sie als ›Würmer‹.« Darüber mußte er derart schallend lachen, daß sein ganzer Körper bebte.
Graendal lächelte um einiges wärmer als ihr zumute war, aber falls ihr Gewand die Farbe änderte, war es wohl nur eine kleine Nuance. Sie hatte einmal eine unangenehme, ja beinahe tödliche Begegnung mit einem von Aginors Geschöpfen erlebt. Der Mann war auf seine Art brillant gewesen, aber eben wahnsinnig. Nur ein Wahnsinniger hätte etwas wie den Gholam geschaffen. »Du scheinst guter Dinge zu sein?«
»Warum auch nicht?« erwiderte er überschwenglich. »Ich habe ein ganzes Lager voller Angreal und was dort sonst noch so enthalten sein mag, schon beinahe in der Hand. Schau nicht so überrascht drein. Natürlich habe ich gewußt, daß der Rest von euch spioniert hat in der Hoffnung, daß ich euch ohne es zu wissen dorthin führen werde. Nun, das wird euch nicht helfen. O ja, ich werde mit euch teilen, aber erst, nachdem es sich in meinem Besitz befindet und ich ausgewählt habe, was ich für mich behalten will.« Er lag entspannt auf einem stark vergoldeten Sessel — oder vielleicht bestand er sogar aus reinem Gold, das sähe ihm ähnlich —, hatte einen Stiefel auf die Spitze des anderen gestützt und strich sich den goldenen Bart. »Außerdem habe ich al'Thor einen Abgesandten geschickt. Und die Antwort ist positiv ausgefallen.«
Graendal hätte fast ihren Wein verschüttet. »Tatsächlich? Ich hörte, er habe deinen Boten getötet.« Falls ihn ihr Wissen um diese Tatsache erschütterte, beherrschte er sich gut. Er lächelte sogar.
»Al'Thor hat niemanden getötet. Andris ging dorthin, um zu sterben. Glaubst du, ich will auf einen Kurier warten? Oder gar auf Tauben? Wie er starb, vermittelte mir die Antwort al'Thors.«
»Und die lautete?« fragte sie zurückhaltend.
»Waffenstillstand zwischen uns.«
Eisige Finger schienen sich in ihre Kopfhaut zu krallen. Das konnte doch nicht wahr sein. Trotzdem ... er wirkte so entspannt, wie sie ihn seit dem Erwachen nicht mehr erlebt hatte. »Lews Therin würde niemals...«
»Lews Therin ist schon lange tot, Graendal.« Der Einwurf klang amüsiert, sogar ein wenig spöttisch. Überhaupt nicht ärgerlich.
Sie verbarg ein tiefes Luftholen, indem sie zu trinken vorgab. Konnte es stimmen? »Sein Heer sammelt sich immer noch in Tear. Ich habe es gesehen. Das wirkt auf mich kaum wie ein Waffenstillstand.«
Sammael lachte schallend. »Es kostet Zeit, ein Heer zurückzurufen. Glaub mir, es wird niemals gegen mich ins Feld ziehen.«
»Glaubst du das wirklich? Ein oder zwei von meinen kleinen Freunden berichten, daß er dich töten will, weil du ein paar seiner Lieblingstöchter hast umbringen lassen. Wäre ich an deiner Stelle, dann würde ich mir überlegen, mich irgendwo aufzuhalten, wo er mich nicht aufspüren könnte.« Er zuckte nicht mit der Wimper. Es war, als hätte man alle Fäden durchgeschnitten, die ihn sonst tanzen ließen.
»Was spielt es schon für eine Rolle, wenn ein paar Töchter des Speers gestorben sind?« Seine Miene wirkte ehrlich verdutzt. »Es war im Kampf, und Soldaten fallen nun einmal im Kampf. Al'Thor mag ja ein Bauer sein, aber er verfügt über Generäle, die seine Schlachten austragen und ihm die Lage erklären können. Ich bezweifle, daß er das überhaupt bemerkt hat.«