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Dieses Gerücht beunruhigte sie. Nicht daß sich die Burg gespalten hatte — das hätte nicht länger geheimbleiben können —, aber die Erwähnung eines Krieges unter den Aes Sedai. Zu wissen, daß Aes Sedai gegen Aes Sedai angingen, war genauso, als wüßte sie, daß ein Teil ihrer Familie gegen einen anderen anginge, was kaum vorstellbar war, wenn man die Gründe nicht kannte, und' doch war der Gedanke, daß es vielleicht zu mehr kommen könnte... Wenn es nur eine Möglichkeit gäbe, die Burg zu heilen, sie ohne Blutvergießen wieder zusammenzufügen.

Ein Stück weiter die Straße hinab verteilte eine schwitzende Vortor-Frau, die man vielleicht als hübsch bezeichnet hätte, wenn ihr Gesicht sauberer gewesen wäre, aus einem Bauchladen neben Bändern und Nadeln auch Gerüchte. Sie trug ein blaues Seidenkleid, dessen Rock mit roten Schlitzen versehen und das für eine größere Frau gedacht war. Der stark zerschlissene Saum gab ihre plumpen Schuhe frei, und Löcher in Ärmeln und Leibchen ließen erkennen, wo eine Stickerei entfernt worden war. »Ich sage Euch etwas«, redete sie auf die Frauen ein, die in ihrem Bauchladen stöberten. »In der Stadt wurden Trollocs gesehen, ja, dieses Grün wird gut zu Euren Augen passen. Hunderte von Trollocs und...«

Egwene hielt kaum inne. Wenn auch nur ein Trolloc irgendwo in der Stadt aufgetaucht wäre, hätten die Aiel es gewußt, lange bevor es Straßentratsch geworden wäre. Sie wünschte, die Weisen Frauen würden tratschen. Nun, manchmal taten sie es, aber nur über andere Aiel. Für die Aiel war nichts über die Feuchtländer allzu fesselnd. Dadurch, daß Egwene in Elaidas Studierzimmer in Tel'aran'rhiod ein- und ausgehen und die Briefe der Frau lesen durfte, war sie es jedoch gewohnt zu wissen, was in der Welt geschah.

Egwene erkannte jäh, daß sie ihre Umgebung und die Gesichter der Menschen auf andere Art betrachtete. In Cairhien befanden sich genauso zweifelsfrei, wie sie schwitzte, Augen-und-Ohren der Aes Sedai. Elaida erhielt täglich durch Brieftauben einen Bericht — wenn nicht mehr — aus Cairhien. Burgspione, Ajahspione, Spione für einzelne Aes Sedai. Sie waren überall, häufig dort, wo man sie am wenigsten erwartete und häufig auch jemand, den man am wenigsten erwartete. Warum standen diese Akrobaten einfach nur da? Ruhten sie sich aus oder beobachteten sie sie? Plötzlich bewegten sie sich wieder, indem einer von ihnen auf den Schultern eines anderen einen Handstand vollführte.

Ein Spion für die Gelben Ajah hatte einmal auf einen von Elaida ausgegebenen Befehl hin versucht, Elayne und Nynaeve zu fesseln und nach Tar Valon zu verschleppen. Egwene wußte nicht genau, ob Elaida sie auch wollte, aber etwas anderes anzunehmen, wäre töricht. Egwene konnte nicht glauben, daß Elaida jemandem vergab, der eng mit der Frau zusammengearbeitet hatte, die sie abgesetzt hatte.

Was das betraf, hatten wahrscheinlich auch die Aes Sedai von Salidar hier Augen-und-Ohren. Sollten sie jemals von ›Egwene Sedai der Grünen Ajah‹ erfahren... Jedermann konnte es sein. Diese hagere Frau an der Ladentür, die anscheinend einen Ballen dunkelgrauen Stoff betrachtete, oder die schlampige Frau, die sich neben dem Eingang der Schenke rekelte und sich mit der Schürze Luft zufächelte, oder dieser dicke Bursche mit seinem Handkarren voller Pasteten — warum sah er sie so seltsam an? Fast wäre sie zum nächstgelegenen Stadttor gerannt.

Es war tatsächlich der dicke Bursche, der sie aufhielt, oder besser gesagt, die Art, wie er die Pasteten plötzlich mit seinen Händen zu verdecken versuchte. Er sah sie an, weil sie ihn angesehen hatte. Er befürchtete wahrscheinlich, daß eine Aiel›wilde‹ ihm einen Teil seiner Pasteten nehmen würde, ohne zu bezahlen.

Egwene lachte leise. Aiel. Sogar Leute, die ihr ins Gesicht sahen, vermuteten, daß sie eine Aiel war. Ein Burgspion, der sie suchte, würde achtlos an ihr vorübergehen. Da sie sich jetzt erheblich besser fühlte, schlenderte sie weiterhin ziellos durch die Straßen und belauschte, was immer sie konnte.

Egwene hatte sich daran gewöhnt, Dinge schon Wochen oder sogar Tage, nachdem sie geschehen waren, zu wissen und auch sicher zu wissen, daß sie geschehen waren. Ein Gerücht mochte hundert Meilen an einem Tag oder in einem Monat bewältigen und gebar jeden Tag zehn Töchter. Heute erfuhr sie, daß Siuan hingerichtet worden war, weil sie die Schwarze Ajah aufgedeckt hatte, daß Siuan eine Schwarze Ajah sei und noch lebe und daß die Schwarze Ajah jene Aes Sedai, die keine Schwarzen von der Burg seien, vertrieben habe. Es waren keine neuen Gerüchte, sondern lediglich Abwandlungen eines alten. Ein neues Gerücht das sich wie Feuer auf einer Sommerwiese ausbreitete, besagte, daß die Burg hinter all den falschen Drachen stecke. Das verärgerte sie so sehr, daß sie mit starrem Rücken davonschritt, wann immer sie es hörte.

Was bedeutete, daß sie recht häufig mit starrem Rücken davonschritt. Sie hörte, daß Andoraner in Aringill irgendeine Adlige zur Königin ernannt hatten — Dylin, Delin, der Name variierte —, da Morgase nun tot war, was der Wahrheit entsprechen könnte, und daß Aes Sedai in Arad Doman umherliefen und sehr unwahrscheinliche Dinge täten, was sicherlich nicht der Wahrheit entsprach. Der Prophet kam nach Cairhien; der Prophet war zum König von Ghealdan gekrönt worden — nein, von Amadicia; der Wiedergeborene Drache hatte den Propheten wegen Blasphemie getötet. Die Aiel gingen alle fort; nein, sie wollten sich niederlassen und bleiben. Berelain sollte den Sonnenthron einnehmen. Ein hagerer kleiner Mann mit durchtriebenen Augen wurde von seinen Zuhörern vor einer Schenke fast erschlagen, weil er behauptete, Rand sei einer der Verlorenen, aber da mischte sich Egwene ohne nachzudenken ein.

»Habt Ihr kein Ehrgefühl?« fragte sie kalt. Die vier grobgesichtigen Männer, die den hageren Burschen gerade hatten ergreifen wollen, sahen sie blinzelnd an. Sie waren aus Cairhien, nicht wesentlich größer als sie, aber weitaus massiver, und doch hielt sie sie mit ihrer Selbstsicherheit am Fleck. Damit und durch die Anwesenheit von Aiel auf der Straße. Sie waren nicht so töricht, unter solchen Umständen einer vermeintlichen Aielfrau gegenüber grob zu werden. »Wenn Ihr einen Mann für seine Behauptungen zur Rechenschaft ziehen wollt, dann stellt ihm Euch ehrenhaft einer nach dem anderen. Dies ist keine Schlacht. Ihr beschämt Euch, wenn Ihr zu viert einen einzelnen angreift.«

Sie sahen sie an, als wäre sie verrückt, und sie errötete allmählich. Sie hoffte, sie hielten dies für Verärgerung. Nicht: Wie könnt Ihr es wagen, jemand Schwächeren anzugreifen, sondern: Wie könnt Ihr es wagen, ihn Euch nicht einer nach dem anderen vorzunehmen? Sie hatte sie gerade zurechtgewiesen, als folgten sie Ji'e'toh. Und natürlich hätte keine Notwendigkeit bestanden, sie zurechtzuweisen, wenn dem so wäre.

Einer der Männer neigte den Kopf in einer halbherzigen Verbeugung. Seine Nase war nicht nur gekrümmt, sondern ihr fehlte auch die Spitze. »Hm ... er ist jetzt fort ... hm... Können wir auch gehen, Herrin?«

Es stimmte. Der hagere Mann hatte ihre Einmischung genutzt und war verschwunden, wie sie verächtlich erkannte. Er war davongelaufen, weil er Angst hatte, gegen vier Männer anzutreten. Wie konnte er die Schande ertragen? Licht, sie tat es schon wieder.

Sie öffnete den Mund, um den Männern zu sagen, daß sie natürlich gehen könnten —, aber kein Laut drang hervor. Sie deuteten ihr Schweigen als Einverständnis oder auch als Entschuldigung und eilten davon, aber sie bemerkte es kaum. Sie war zu sehr damit beschäftigt, die Rückfront einer berittenen Gesellschaft zu betrachten, die sich ihren Weg die Straße hinauf bahnte.

Sie erkannte die ungefähr ein Dutzend mit grünen Mänteln bekleideten Soldaten nicht, die sich ihren Weg durch die Menge erzwangen, aber mit ihrer Eskorte verhielt es sich anders. Sie konnte nur die Rücken der Frauen sehen — fünf oder sechs, glaubte sie, zwischen den Soldaten —, sogar nur Teile ihrer Rücken, aber das war mehr als genug. Viel mehr. Die Frauen trugen leichte Staubmäntel, helles Leinen mit Braunschattierungen, und Egwene merkte, daß sie unmittelbar auf eine anscheinend rein weiße, auf den Rücken eines dieser Mäntel gestickte Scheibe starrte. Diese Stickerei zeigte die Weiße Flamme von Tar Valon von der Grenze, die die Weiße Ajah kennzeichnete. Sie erhaschte einen Blick auf Grün, auf Rot. Auf Rot! Fünf oder sechs Aes Sedai, die auf den Königlichen Palast zuritten, wo auf einem Stufenturm eine Nachahmung des Drachenbanners neben einer von Rands karmesinroten Flaggen mit dem uralten Aes-Sedai-Symbol im schwachen Wind flatterte. Einige nannten dies das Drachenbanner und andere Al'Thors Banner oder auch das Aielbanner oder wiesen ihm noch ein Dutzend weitere Namen zu.