Sie folgte ihnen in ungefähr zwanzig Schritt Entfernung, indem sie sich durch die Menge schlängelte, und blieb dann stehen. Eine Rote Schwester — zumindest eine Rote, die sie gesehen hatte — mußte bedeuten, daß dies die lange erwarteten Abgesandten der Burg waren, diejenigen, die Rand, laut Elaidas Brief, nach Tar Valon begleiten würden. Es waren mehr als zwei Monate vergangen, seit dieser Brief von einem Eilboten gebracht worden war. Diese Gesellschaft mußte bald danach aufgebrochen sein.
Sie würden Rand nicht finden — nicht bis er unbemerkt hineingeschlüpft war. Sie hatte entschieden, daß er irgendwie die Begabung, die man das Schnelle Reisen nannte, wiederentdeckt haben mußte, wenn sie sich auch nicht erklären konnte, wie es vonstatten ging —, aber unabhängig davon, ob sie Rand fanden oder nicht, durften sie Egwene nicht finden. Das Beste, was sie erwarten konnte, war, wie eine Aufgenommene kurzerhand und ohne eine vereidigte Schwester, die sie überwachen würde, aus der Burg geworfen zu werden, und das war nur zu erwarten, wenn Elaida wirklich nicht sie suchte. Aber selbst dann würden sie sie nach Tar Valon zurückbefördern — mit Elaida. Sie hegte keine Illusionen darüber, sich fünf oder sechs Aes Sedai widersetzen zu können.
Mit einem letzten Blick auf die Aes Sedai raffte sie ihre Röcke und rannte los, schoß zwischen den Menschen hindurch, stieß manchmal gegen sie und duckte sich unter den Köpfen von Pferdegespannen von Wagen oder Kutschen hindurch. Verärgertes Geschrei folgte ihr. Als sie schließlich eines der hohen, eckigen Stadttore passierte, peitschte der heiße Wind ihr Gesicht. Von Gebäuden ungehindert, brachte er Staubwogen mit sich, die sie husten ließen, aber sie lief weiter, den ganzen Weg zu den niedrigen Zelten der Weisen Frauen zurück.
Zu ihrer Überraschung stand vor Amys Zelt eine graue Stute, deren Sattel und Zaumzeug goldverziert waren und die von einem Gai'shain beaufsichtigt wurde, der den Blick senkte, wenn er das lebhafte Tier berührte. Sie betrat das Zelt in geduckter Haltung und fand die Reiterin, Berelain, mit Amys, Bair und Sorilea Tee trinkend vor, die es sich auf hellen, mit Quasten versehenen Kissen bequem gemacht hatten. Eine weiß gewandete Frau, Rodera, kniete auf einer Seite und wartete demütig darauf, die Tassen erneut zu füllen.
»Aes Sedai sind in der Stadt«, sagte Egwene, sobald sie das Zelt betreten hatte. »Sie reiten auf den Sonnenpalast zu. Es muß Elaidas Abordnung für Rand sein.«
Berelain erhob sich ohne Hast. Egwene mußte, wenn auch widerwillig, zugeben, daß die Frau Anmut besaß. Ihre Reitkleidung war schicklich geschnitten, denn auch sie war nicht so töricht, in ihrer üblichen Kleidung in der Sonne zu reiten. Die anderen erhoben sich mit ihr. »Ich sollte wohl zum Palast zurückkehren«, seufzte sie. »Das Licht weiß, wie sie sich fühlen werden, wenn niemand zu ihrer Begrüßung erscheint. Amys, würdet Ihr Rhuarc benachrichtigen, daß er mich treffen soll?«
Amys nickte, aber Sorilea sagte: »Ihr solltet nicht so sehr auf Rhuarc vertrauen, Mädchen. Rand al'Thor hat Cairhien in Eure Obhut gegeben. Reicht den meisten Männern den Finger, und sie werden die ganze Hand nehmen, bevor Ihr es merkt. Reicht einem Clanhäuptling den Finger, und er wird den ganzen Arm nehmen.«
»Das stimmt«, murmelte Amys. »Rhuarc ist der Schatten meines Herzens, aber es stimmt.«
Berelain zog schmale Reithandschuhe aus ihrem Gürtel und streifte sie über. »Er erinnert mich an meinen Vater. Manchmal zu sehr.« Sie verzog einen Moment reumütig das Gesicht. »Aber er ist ein sehr guter Berater.
Und er weiß, wann er gebraucht wird und wie sehr. Ich glaube, daß sogar die Aes Sedai beeindruckt sein müssen, wenn Rhuarc sie ansieht.«
Amys lachte kehlig. »Er ist beeindruckend. Ich werde ihn zu Euch schicken.« Sie küßte Berelain leicht auf die Stirn und auf beide Wangen.
Egwene sah verwundert zu. So küßte eine Mutter ihren Sohn oder ihre Tochter. Was ging tatsächlich zwischen Berelain und den Weisen Frauen vor? Sie konnte natürlich nicht fragen. Eine solche Frage wäre beschämend für sie und für die Weisen Frauen. Und auch für Berelain, obwohl sie es nicht wissen würde, wobei Egwene nichts dagegen hätte, Berelain zu beschämen.
Als Berelain sich zum Gehen wandte, legte Egwene eine Hand auf den Arm der Frau. »Sie müssen vorsichtig behandelt werden. Sie werden Rand nicht freundlich gesinnt sein, aber ein falsches Wort könnte sie zu offenen Feinden machen.« Das war nur zu wahr, aber es war noch nicht das, was sie sagen mußte. Sie hätte sich lieber die Zunge herausgerissen, als Berelain um einen Gefallen zu bitten.
»Ich hatte schon früher mit Aes Sedai zu tun, Egwene Sedai«, erwiderte die andere Frau trocken.
Egwene versagte es sich, tief durchzuatmen. Es mußte getan werden, aber sie würde diese Frau nicht erkennen lassen, wie schwer es ihr fiel. »Elaida ist Rand nicht wohlgesinnt, nicht mehr als ein Wiesel einem Huhn, und diese Aes Sedai sind Elaidaner. Wenn sie hier erfahren, daß Rand eine Aes Sedai zur Seite steht, könnte Elaida sehr wohl bald darauf verschwinden.« Als sie Berelains undurchdringliches Gesicht sah, mochte sie nicht mehr sagen.
Nach einem langen Moment lächelte Berelain. »Egwene Sedai, ich werde für Rand tun, was immer ich kann.« Sowohl das Lächeln als auch der Tonfall ihrer Stimme waren voller Andeutungen.
»Mädchen«, sagte Sorilea scharf, und wundersamerweise bekamen Berelains Wangen rote Flecke.
Berelain sah Egwene nicht an, als sie mit jetzt sorgsam neutral gehaltener Stimme sagte: »Ich würde es zu schätzen wissen, wenn Ihr es Rhuarc nicht erzähltet.« Sie sah niemanden im besonderen an, aber sie versuchte, Egwenes Anwesenheit zu ignorieren.
»Das werden wir nicht tun«, warf Amys schnell ein, woraufhin Sorilea nur noch den Mund aufsperrte. »Das werden wir nicht tun.« Die Wiederholung war, sowohl Festigkeit als auch eine Frage beinhaltend, an Sorilea gerichtet, und schließlich nickte die älteste Weise Frau, wenn auch ein wenig widerwillig. Berelain seufzte wahrhaft erleichtert, bevor sie das Zelt verließ.
»Das Kind hat Mut«, stellte Sorilea lachend fest, sobald Berelain gegangen war. Sie lehnte sich wieder gegen die Kissen und bedeutete Egwene, sich auf dem Platz neben ihr niederzulassen. »Wir sollten den richtigen Ehemann für sie aussuchen, einen Mann, der zu ihr paßt. Sofern ein solcher unter den Feuchtländern überhaupt zu finden ist.«
Egwene wischte sich Gesicht und Hände mit einem feuchten Tuch ab, das Rodera gebracht hatte, und fragte sich währenddessen, ob diese Eröffnung ausreichte, sich ehrenhaft nach Berelain zu erkundigen. Sie nahm einen Teebecher aus dem grünen Porzellan des Meervolks entgegen und setzte sich dann in den Kreis der Weisen Frauen. Wenn eine der anderen Sorilea ansprach, genügte dies vielleicht.
»Seid Ihr sicher, daß diese Aes Sedai dem Car'a'carn schaden wollen?« fragte Amys statt dessen.
Egwene errötete. An Klatsch zu denken, wenn man sich um wichtige Dinge kümmern mußte. »Ja«, erwiderte sie schnell, und dann langsamer: »Zumindest... Ich weiß nicht genau, ob sie ihm schaden wollen, und wenn, dann ohnehin nicht absichtlich.« In Elaidas Brief hatte es geheißen, daß ihm ›alle Ehre und aller Respekt‹ gebühre. Was glaubte eine ehemalige Rote Schwester wohl, wieviel ein Mann, der die Macht lenken konnte, davon verdiente? »Aber ich bezweifle nicht, daß sie vorhaben werden, ihn irgendwie dazu zu bringen, den Wünschen Elaidas zu folgen. Sie sind nicht seine Freunde.« Inwieweit waren die Aes Sedai von Salidar seine Freunde? Licht, sie mußte mit Nynaeve und Elayne sprechen. »Und es wird sie nicht kümmern, daß er der Car'a'carn ist.« Sorilea brummte verstimmt.