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Egwene mußte nach Monaten der Verstellung nicht mehr glauben, daß sie die Abordnung der Burg meinte. »Ich werde Euch alles erzählen, was ich weiß. Was hat er gesagt?«

Egwene erfuhr, daß sechs Aes Sedai gekommen waren — davon zwei Rote, nicht eine, und Egwene konnte die Überheblichkeit, oder vielleicht Dummheit, nicht fassen, daß Elaida überhaupt welche mitgesandt hatte —, über die aber wenigstens eine Graue Befehlsgewalt hatte. Die Weisen Frauen, die überwiegend wie die Speichen eines Rades in einem großen Kreis lagen oder in den Zwischenräumen standen oder knieten, wandten ihre Blicke Egwene zu, sobald die Namensliste verkündet war.

»Ich fürchte, ich kenne nur zwei von ihnen«, sagte sie vorsichtig. »Es gibt immerhin zahlreiche Aes Sedai, und ich bin noch nicht ausreichend lange vereidigte Schwester, um auch viele zu kennen.« Köpfe nickten — sie erkannten das an. »Nesune Bihara ist aufrichtig gesinnt — sie hört allen Seiten zu, bevor sie eine Entscheidung trifft —, aber sie entdeckt auch den kleinsten Widerspruch in jemandes Worten. Sie sieht alles und erinnert sich an alles. Sie kann sich eine Buchseite einmal ansehen und sie Wort für Wort wiederholen, und ebenso eine Unterhaltung, die sie vor einem Jahr gehört hat. Manchmal spricht sie jedoch mit sich selbst, spricht ihre Gedanken aus, ohne es zu merken.«

»Rhuarc sagte, sie sei an der Königlichen Bibliothek interessiert.« Bair rührte in ihren Getreideflocken und beobachtete Egwene dabei. »Er sagte, er hätte sie etwas über Siegel murmeln hören.« Leichte Unruhe befiel die Frauen, die aber verging, sobald sich Sorilea geräuschvoll geräuspert hatte.

Egwene dachte nach, während sie ihr Frühstück aß, in dem sich Dörrpflaumen und süße Beeren befanden. Wenn Elaida Siuan gefoltert hatte, bevor sie hingerichtet worden war, wußte sie von den drei gebrochenen Siegeln. Rand hatte zwei davon versteckt — Egwene wünschte, sie wüßte, wo; er schien in letzter Zeit niemandem mehr zu trauen —, und Nynaeve und Elayne hatten eines in Tanchico gefunden und nach Salidar gebracht, aber davon konnte Elaida nichts wissen. Es sei denn, sie hätten vielleicht Spione in Salidar. Nein. Darüber mußte sie zu einem anderen Zeitpunkt nachdenken, jetzt war es unnütz. Elaida mußte verzweifelt auf der Suche nach den beiden anderen Siegeln sein. Es machte Sinn, daß Nesune in die nach der Weißen Burg zweitgrößte Bibliothek geschickt wurde, und das sagte Egwene den Weisen Frauen auch.

»Das habe ich bereits gestern abend gesagt«, grollte Sorilea. »Aeron, Colinda, Edarra — Ihr drei geht zur Bibliothek. Drei Weise Frauen sollten vor einer Aes Sedai finden können, was zu finden ist.« Das bewirkte drei lange Gesichter. Die Königliche Bibliothek war groß. Dennoch, Sorilea war Sorilea, und wenn die benannten Frauen auch seufzten und murrten, so stellten sie doch ihre Schalen ab und verließen sofort das Zelt. »Ihr sagtet, Ihr würdet zwei der Namen kennen«, sagte Sorilea, noch bevor sie das Zelt ganz verlassen hatten. »Nesune Bihara und wen?«

»Sarene Nemdahl«, sagte Egwene. »Ihr müßt wissen, daß ich beide nicht gut kenne. Sarene ist wie die meisten Weißen — sie durchdenkt alles logisch und scheint manchmal überrascht, wenn jemand nach dem Gefühl handelt —, doch ihr wohnt Zorn inne. Sie hält ihn meist strikt verborgen, aber wenn man zur falschen Zeit das Falsche tut, kann sie ... jemandem den Kopf abreißen, bevor er auch nur blinzeln kann. Sie hört jedoch zu, was man sagt, und gesteht auch ein, wenn sie sich geirrt hat — auch wenn sie zornig ist. Nun, irgendwann ist es dann ohnehin vergessen.«

Sie versuchte, die Weisen Frauen unbemerkt zu mustern, während sie sich einen Löffel Beeren in den Mund schob. Niemand schien ihr Zögern bemerkt zu haben. Sie hätte fast erzählt, daß Sarene jemanden die Fußböden schrubben ließ, bevor er auch nur blinzeln konnte. Sie kannte beide Frauen nur aus ihren Unterrichtsstunden als Novizin. Nesune, eine schlanke Kandori mit vogelähnlichen Augen, bemerkte sofort, wenn jemandes Aufmerksamkeit nachließ, auch wenn sie demjenigen den Rücken zuwandte. Sie hatte in mehreren Klassen unterrichtet, an denen Egwene gewesen war. Bei Sarene hatte sie nur zwei Vorlesungen über das Wesen der Wirklichkeit besucht, aber es war schwer, eine Frau zu vergessen, die vollkommen ernst verkündete, daß Schönheit und Häßlichkeit gleichermaßen Illusionen waren, während ihr Aussehen jeden Mann zweimal hinsehen ließ.

»Ich hoffe, daß Ihr Euch an noch mehr erinnern könnt«, sagte Bair und beugte sich zu ihr. »Anscheinend seid Ihr unsere einzige Verbindung.«

Das verwirrte Egwene kurzzeitig. Ja, natürlich. Bair und Amys mußten in der letzten Nacht versucht haben, in die Träume der Aes Sedai einzudringen, aber Aes Sedai schützten ihre Träume. Sie bedauerte, diese Fähigkeit nicht selbst erlernt zu haben, bevor sie die Burg verließ. »Ich werde tun, was ich kann. Wo befinden sich ihre Räume im Palast?« Wenn sie in Rands Nähe gelangen wollte, wenn er das nächste Mal kam, wäre es hilfreich, wenn sie auf ihrer Suche nicht an ihren Zimmern vorbeistolperte. Besonders nicht an Nesunes Zimmer. Sarene erinnerte sich vielleicht nicht an eine einzelne Novizin, aber Nesune würde dies höchstwahrscheinlich tun. Außerdem könnte sich vielleicht auch eine der Aes Sedai an sie erinnern, die sie nicht kannte. Es war viel über Egwene al'Vere gesprochen worden, während sie sich in der Burg befand.

»Sie lehnen Berelains Angebot des Schattens auch nur für eine Nacht ab.« Amys runzelte die Stirn. Unter den Aiel wurde ein Angebot der Gastfreundschaft stets angenommen. Es abzulehnen, galt auch unter Blutfeinden als Schande. »Sie wohnen bei einer Frau namens Arilyn, eine Adlige unter den Baummördern. Rhuarc glaubt, daß Coiren Saeldain diese Arilyn schon vorher gekannt hat.«

»Eine von Coirens Spioninnen«, sagte Egwene mit Bestimmtheit. »Oder eine der Spioninnen der Grauen Ajah.«

Mehrere Weise Frauen murrten zornig. Sorilea schnaubte angewidert, und Amys seufzte tief enttäuscht.

Andere beurteilten die Angelegenheit anders.

Corelna, ein grünäugiger Falke von einer Frau mit stark ergrautem flachsfarbenen Haar, schüttelte zweifelnd den Kopf, während Tialin, eine hagere Rothaarige mit scharfgeschnittener Nase, Egwene ungläubig ansah.

Spionage entweihte Ji'e'toh, obwohl Egwene noch nicht herausgefunden hatte, wie sich das mit dem Eindringen der Traumgänger in die Träume anderer Menschen vertrug. Es hatte keinen Sinn, darauf hinzuweisen, daß die Aes Sedai Ji'e'toh nicht folgten. Sie wußten es. Es war für sie nur schwer zu verstehen, weder bei Aes Sedai noch bei jemand anderem.

Was immer sie dachten — sie hätte alles darauf verwettet, daß sie recht hatte. Galldrian, der letzte König von Cairhien, hatte eine Aes-Sedai-Beraterin gehabt, bevor er ermordet wurde. Niande Moorwyn war, auch bevor sie nach Galldrians Tod verschwand, vollkommen unsichtbar gewesen, aber Egwene hatte unter anderem erfahren, daß sie die Ländereien der Lady Arilyn gelegentlich besucht hatte. Niande war eine Graue gewesen.

»Sie haben anscheinend einhundert Wächter unter diesem Dach versammelt«, sagte Bair nach einer Weile. Ihre Stimme wurde sehr sanft. »Es heißt, die Stadt sei noch unsicher, aber ich glaube, sie fürchten die Aiel.« Auf einigen Gesichtern war ein beunruhigend neugieriger Ausdruck zu erkennen.

»Einhundert!« rief Egwene aus. »Sie haben einhundert Männer hergebracht?«

Amys schüttelte den Kopf. »Über fünfhundert. Timolans Späher haben die meisten davon weniger als einen halben Tag nördlich der Stadt lagern sehen. Rhuarc sprach davon, und Coiren Saeldain sagte, die Männer seien eine Ehrengarde, aber sie hätten den größten Teil außerhalb der Stadt gelassen, um uns nicht zu beunruhigen.«