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»Sie glauben, daß sie den Car'a'carn nach Tar Valon begleiten werden.« Sorileas Stimme hätte Steine sprengen können, aber ihr Gesichtsausdruck ließ ihren Tonfall dennoch sanft erscheinen. Egwene hatte den Inhalt von Elaidas Brief an Rand nicht zurückgehalten. Er gefiel den Weisen Frauen jedes Mal weniger, wenn sie davon hörten.

»Rand ist nicht töricht genug, dieses Angebot anzunehmen«, sagte Egwene, aber sie glaubte es nicht wirklich. Fünfhundert Männer konnten eine Ehrengarde sein. Elaida dachte vielleicht wirklich, der Wiedergeborene Drache würde etwas in der Art erwarten und vielleicht sogar geschmeichelt sein. Eine Reihe von Vorschlägen kam ihr in den Sinn, aber sie mußte vorsichtig sein. Ein falsches Wort konnte Amys und Bair dazu bringen — oder noch schlimmer, Sorilea —, ihr Befehle zu erteilen, denen sie nicht gehorchen konnte, so daß sie dennoch tun mußte, was nur sie tun konnte. Oder zumindest tun würde. »Ich nehme an, die Häuptlinge halten ein Auge auf die Soldaten außerhalb der Stadt?« Einen halben Tag nördlich — noch wahrscheinlicher einen ganzen Tag, da sie keine Aiel waren —war zu weit entfernt, als daß sie gefährlich wären, aber ein wenig Vorsicht konnte niemals schaden. Amys nickte. Sorilea sah Egwene an, als hätte sie gefragt, ob mittags die Sonne am Himmel stünde. Egwene räusperte sich. »Ja.« Es war wenig wahrscheinlich, daß die Häuptlinge solche Fehler begingen. »Nun. Ich schlage Folgendes vor: Wenn jemand von diesen Aes Sedai zum Palast geht, sollte eine von Euch, die die Macht lenken kann, hinterhergehen und sich versichern, daß sie keine Fallen zurücklassen.« Sie nickten. Zwei Drittel der Frauen dort konnten Saidar führen, einige nicht viel besser als Sorilea, aber andere gleich gut wie Amys, die genauso stark war wie jede Aes Sedai, der Egwene jemals begegnet war. Die Weisen Frauen waren einander insgesamt vergleichbar. Ihre Fähigkeiten unterschieden sich von denen der Aes Sedai — auf einigen Gebieten weniger, auf anderen mehr —, und doch sollten sie in der Lage sein, jede unwillkommene Gabe zu entdecken. »Und wir müssen uns versichern, daß es nur sechs sind.«

Sie mußte es ihr erklären. Sie hatten Feuchtländerbücher gelesen, aber selbst jene, die die Macht lenken konnten, kannten die um Aes Sedai, die mit Menschen umgingen, die das Saidin gefunden hatten, entstandenen Rituale nicht wirklich. Unter den Aiel glaubte ein Mensch, der erfahren hatte, daß er die Macht lenken konnte, daß er auserwählt sei, und ging nach Norden in die Große Fäule, um den Dunklen König zu jagen. Niemand kehrte jemals zurück. Egwene hatte die Rituale auch nicht gekannt, bis sie zur Burg ging. Die Geschichten, die sie vorher gehört hatte, wiesen selten Ähnlichkeit mit der Wahrheit auf.

»Rand kann mit zwei Frauen zugleich fertig werden«, endete sie. Das war für sie eine Tatsache. »Er könnte vielleicht sogar mit sechs fertig werden, aber wenn sie mehr sind, als sie uns glauben machen, ist das ein Beweis dafür, daß sie gelogen haben — oder zumindest etwas ausgelassen haben.« Sie zuckte fast zusammen, als die Weisen Frauen die Stirn runzelten. Wenn man log, lud man demjenigen Toh auf. Aber in ihrem Fall war es notwendig. Es war notwendig.

Während des restlichen Frühstücks entschieden die Weisen Frauen, wer heute durch den Palast wandern würde, und welchen Häuptlingen man bei der Auswahl der Männer und Töchter des Speers trauen konnte, die nach weiteren Aes Sedai Ausschau halten sollten. Einigen würde es ohnehin widerstreben, sich gegen die Aes Sedai zu stellen. Die Weisen Frauen sagten es nicht geradeheraus, aber es wurde aus dem, was sie — oft ungehalten — äußerten, nur zu deutlich. Andere dachten vielleicht, daß man jeder Bedrohung des Car'a'carn, auch der durch die Aes Sedai, am besten mit dem Speer begegnen sollte. Auch einige der Weisen Frauen schienen sich dieser Lösung anzunähern. Sorilea erwiderte auf mehr als einen fragwürdigen Vorschlag eilig, diese Sorge würde aus der Welt geschafft, wenn die Aes Sedai einfach nicht mehr da wären. Letztendlich stimmten Rhuarc und Mandelain von Daryne dem als einzige zu.

»Versichert Euch, daß sie keine Siswai'aman erwählen«, sagte Egwene, denn sie würden sicherlich beim kleinsten Hinweis auf eine Bedrohung zum Speer greifen. Diese Bemerkung brachte ihr viele erstaunte Blicke aller Schattierungen ein. Die Weisen Frauen waren keine Närrinnen. Eines beunruhigte Egwene. Keine der Weisen Frauen erwähnte, was sie fast immer zu hören bekam, wenn über Aes Sedai gesprochen wurde: daß die Aiel die Aes Sedai einst im Stich gelassen hatten und vernichtet würden, wenn sie es erneut wagten.

Bis auf diese eine Bemerkung hielt sich Egwene aus der Debatte heraus und beschäftigte sich statt dessen mit einer zweiten Schale Getreideflocken mit Dörrobst, was ihr ein anerkennendes Nicken von Sorilea einbrachte. Aber es ging ihr nicht um Sorileas Anerkennung. Sie hatte wirklich Hunger, aber hauptsächlich hoffte sie auch, daß sie ihre Anwesenheit vergessen würden. Es schien zu funktionieren.

Als das Frühstück und die Beratung vorüber waren, schlenderte sie zu ihrem Zelt, hockte sich dann unmittelbar hinter dem Zelteingang hin und beobachtete, wie eine kleine Gruppe Weise Frauen, angeführt von Amys, auf die Stadt zustrebte. Als sie durch das nächstgelegene Tor verschwanden, verließ sie ihr Zelt wieder. Überall waren Aiel und Gai'shain, aber die anderen Weisen Frauen befanden sich alle in ihren Zelten, und niemand beachtete sie, als sie gemessenen Schritts auf die Stadtmauer zuging. Wenn jemand sie bemerkte, würde er wohl denken, sie sei auf dem Weg zu ihren morgendlichen Übungen. Der Wind frischte auf und blies Staub und Asche vom Vortor heran, aber sie behielt ihren stetigen Schritt bei.

In der Stadt wußte die schlanke Frau, die von einem Wagen herab zu Wucherpreisen verschrumpelte Äpfel verkaufte und die sie als erste fragte, nicht, wo sich der Palast der Lady Arilyn befand, und auch eine rundliche Näherin nicht, die mit großen Augen auf eine Aielfrau zuging, die ihren Laden betreten hatte, noch eine magere Scherenschleiferin, die geglaubt hatte, Egwene sei an ihren Messern interessiert. Schließlich gab ihr eine schmaläugige Silberschmiedin, die sie die ganze Zeit über, die Egwene in ihrem Laden verbrachte, genau beobachtet hatte, die gewünschte Auskunft. Egwene bahnte sich kopfschüttelnd ihren Weg durch die Menge. Manchmal vergaß sie, wie groß eine Stadt wie Cairhien wirklich war, so daß nicht jedermann wußte, wo sich der Palast befand.

Egwene verlief sich dreimal und mußte noch zweimal nach dem Weg fragen, bevor sie sich an die Seitenwand eines Mietstalls drängte und um die Ecke auf der anderen Straßenseite eine gedrungene Anhäufung dunkler Steinquadern mit sehr schmalen Fenstern, winkelförmigen Baikonen und Stufentürmen erspähte. Das Gebäude war klein für einen Palast, wenn auch groß für ein Haus. Arilyn war irgendwo unmittelbar oberhalb des mittleren Adels Cairhiens anzusiedeln, wenn sich Egwene recht erinnerte. Soldaten in grünen Mänteln und mit Brustharnischen und Helmen standen auf der breiten Vordertreppe, an jedem für sie einsehbaren Tor und sogar auf den Baikonen Wache. Seltsamerweise schienen sie alle noch jung zu sein. Aber das war für sie weniger interessant. In diesem Gebäude lenkten Frauen die Macht, und da sie es sogar hier unten auf der Straße so massiv spüren konnte, handelte es sich nicht nur um geringe Mengen Saidar. Plötzlich wurde es weniger, aber es war noch immer erheblich.

Sie kaute auf den Lippen. Sie wußte nicht, was sie taten. Sie mußte erst die Stränge sehen, aber aus dem gleichen Grund mußten auch sie die Stränge sehen, tun sie zu verweben. Selbst wenn sie an einem Fenster standen, mußten alle Stränge, die aus dem Palast gelenkt wurden und die sie nicht sehen konnte, nach Süden gerichtet mit sein, weit vom Sonnenpalast entfernt, weit von allem entfernt. Was taten sie?