Ein Toreingang schwang ausreichend lange auf, um einen Sechsspänner durchzulassen, eine geschlossene schwarze Kutsche mit einem auf die Tür gemalten Siegel — zwei Silbersterne auf einem rotgrün gestreiften Feld. Die Kutsche bahnte sich einen Weg nordwärts durch die Menge, wobei der livrierte Kutscher seine lange Peitsche schwang, damit die Leute beiseite traten und um die Pferde anzutreiben. Fuhr die Lady Arilyn oder jemand von der Abordnung irgendwohin?
Nun, sie war nicht nur zum Schauen hierhergekommen. Sie wich zurück, so daß sie nur noch mit einem Auge um die Ecke spähte und gerade noch das Haus sehen konnte, dann zog sie einen kleinen roten Stein aus ihrer Gürteltasche, atmete tief durch und begann die Macht zu lenken. Wenn eine von ihnen auf dieser Seite aus dem Palast schaute, könnte sie die Stränge sehen, aber nicht Egwene. Sie mußte es riskieren.
Der glatte Stein war genau das: ein in einem Fluß glattgeschliffener Stein, aber Egwene hatte diesen Trick von Moiraine erlernt. Moiraine hatte den Stein für die Konzentration der Macht benutzt — zufällig ein Edelstein, aber das war nicht wichtig —, also tat Egwene es auch. Sie verwob Luft mit einem Hauch von Feuer, ein sehr leichtes Gewebe. So konnte man heimlich lauschen. Spionieren, würden es die Weisen Frauen nennen. Egwene war es gleichgültig, wie es genannt wurde, solange sie etwas über die Absichten der Aes Sedai erfuhr.
Ihr Gewebe berührte ein Fenster und öffnete es vorsichtig, ganz leise, dann ein weiteres und noch eines. Schweigen. Dann...
»...also sage ich zu ihm«, sprach die Stimme einer Frau ihr ins Ohr, »...wenn Ihr diese Betten gemacht haben wollt, solltet Ihr besser aufhören, mich am Kinn zu kitzeln, Alwin Rael.«
Eine andere Frau kicherte, »Oh, das hast du niemals gesagt.«
Egwene grinste. Dienstmädchen.
Eine beleibte Frau, die mit einem Brotkorb auf der Schulter vorbeiging, sah Egwene verwirrt an. Das war durchaus verständlich, da sie die Stimmen zweier Frauen hörte, obwohl nur Egwene dort stand und die Lippen nicht bewegte. Sie starrte die Frau so zornig an, daß diese aufschrie und fast ihren Korb fallen gelassen hätte, als sie davonstürzte.
Widerwillig verringerte Egwene die Intensität ihres Gewebes. Jetzt würde sie vielleicht nicht mehr so gut hören können, aber das war immer noch besser, als Gaffer anzuziehen. Sie wurde auch so schon von genügend vielen Menschen angestarrt — eine Aielfrau, die sich an eine Mauer preßte —, obwohl niemand lange zögerte, bevor er weiterging. Niemand wollte Schwierigkeiten mit Aiel haben. Egwene vertrieb sie aus ihren Gedanken. Sie bewegte das Gewebe von einem Fenster zum anderen, wobei sie heftig schwitzte, und das nicht nur aufgrund der bereits zunehmenden Hitze. Wenn nur eine Aes Sedai ihre Stränge bemerkte, selbst wenn sie nicht wußte, was sie waren, würde sie doch wissen, daß jemand die Macht auf sie lenkte. Sie würden den Zweck erraten. Egwene wich weiter zurück, so daß sie nur noch mit einem halben Auge zum Palast spähen konnte.
Schweigen. Schweigen. Ein Rascheln. Bewegte sich etwas? Leichte Schuhe auf einem Teppich? Aber keine Worte. Schweigen. Ein Mann murmelte, entleerte offensichtlich äußerst widerwillig Nachtgeschirre. Sie eilte mit brennenden Ohren weiter. Schweigen. Schweigen. Schweigen.
»...glaubt Ihr wirklich, daß es nötig ist?« Selbst im Flüsterton, wie es schien, klang die Stimme der Frau kräftig und selbstbewußt.
»Wir müssen auf alle Möglichkeiten vorbereitet sein, Coiren«, erwiderte eine andere Frau mit einer Stimme wie ein Reibeisen. »Ich habe ein bemerkenswertes Gerücht gehört...« Eine Tür wurde fest geschlossen und der Rest des Satzes abgeschnitten.
Egwene sank gegen die Steinwand des Stalles. Sie hätte vor Enttäuschung schreien mögen. Die diensthabende Graue Schwester und auch die andere mußten Sedai sein, sonst hätte sie niemals so mit Coiren, einer der Aes Sedai, gesprochen. Von keiner anderen hätte sie besser erfahren können, was sie hören wollte. Sie mußten also fortgehen. Welches bemerkenswerte Gerücht? Welche Möglichkeiten? Wie wollten sie sich vorbereiten? Das Lenken der Macht innerhalb des Palastes änderte sich erneut, nahm zu. Was taten sie? Egwene atmete tief ein und lauschte beharrlich.
Als die Sonne höher stieg, hörte sie eine große Anzahl kaum erkennbarer Geräusche und eine Menge Dienergeschwätz. Jemand namens Ceri würde ein weiteres Baby bekommen, und die Aes Sedai sollten zum Mittagessen Wein aus Arindrim bekommen, wo immer das lag. Die interessanteste Neuigkeit war jedoch, daß tatsächlich Arilyn mit jener Kutsche davongefahren war, um auf dem Land ihren Mann zu treffen. Das nützte jedoch nicht viel. Ein ganzer Vormittag war verschwendet.
Die Vordertüren des Palastes schwangen weit auf, und livrierte Diener verbeugten sich. Die Soldaten standen nicht stramm, aber sie wirkten jetzt aufmerksamer. Nesune Bihara kam heraus, gefolgt von einem großen jungen Mann, der aus einem Felsblock gehauen zu sein schien.
Egwene ließ ihr Gewebe hastig fahren, ließ Saidar fahren und atmete zur Beruhigung tief durch. Jetzt sollte sie nicht den Kopf verlieren. Nesune und ihr Wächter berieten sich. Dann spähte die dunkelhaarige Braune Schwester die Straße hinab, zuerst in eine Richtung, dann in die andere. Sie suchte anscheinend etwas.
Egwene entschied, daß sie jetzt vielleicht doch in Schrecken geraten sollte. Sie zog sich langsam zurück, um Nesunes scharfen Blick nicht auf sich zu ziehen, wandte sich hastig um, sobald sie außer Sicht dieser Frau war, raffte ihre Röcke, lief los und bahnte sich gewaltsam einen Weg durch die Menge. Sie lief drei Schritte. Dann stieß sie gegen eine Steinmauer, prallte ab und setzte sich so hart auf die Straße, daß sie auf den heißen Pflastersteinen erneut abprallte.
Sie schaute benommen hoch, wobei sie ihr Herzschlag noch benommener machte. Die Steinmauer war Gawyn, der auf sie hinabblickte und genauso benommen wirkte wie sie. Seine Augen waren strahlend blau. Und diese rotgoldenen Locken. Sie wollte sie erneut um ihre Finger wickeln. Sie spürte, wie sie zutiefst errötete. Du hast es niemals getan, dachte sie fest. Es war nur ein Traum!
»Habe ich Euch verletzt?« Besorgt kniete er sich neben sie. Sie mühte sich hoch und klopfte sich eilig ab. Hätte sie in diesem Moment einen Wunsch frei gehabt, hätte sie sich gewünscht, niemals wieder zu erröten. Sie hatten bereits einen Kreis Zuschauer angezogen. Sie schob einen Arm in seinen und zog ihn die Straße hinab in die Richtung, aus der sie gekommen war. Ein Blick über die Schulter zeigte ihr nur die ständig in Bewegung befindliche Menge.
Selbst wenn Nesune genau zu jener Ecke käme, sähe sie auch nicht mehr. Dennoch verlangsamte Egwene ihren Schritt nicht. Die Menge machte einer Aielfrau und einem Mann, der groß genug für einen Aiel war, auch wenn er ein Schwert trug, Platz. Die Art, wie er sich bewegte, zeigte, daß er mit dem Schwert umgehen konnte. Er verhielt sich wie ein Behüter.
Nach einem Dutzend weiteren Schritten löste sie ihren Arm widerwillig aus seinem. Er ergriff jedoch ihre Hand, bevor sie ihm entglitt, und sie ließ sie ihm, während sie weitergingen. »Vermutlich sollte ich darüber hinwegsehen«, sann er nach einer Weile, »daß Ihr wie eine Aiel gekleidet seid. Zuletzt hörte ich, Ihr wärt in Illian. Und vermutlich sollte ich auch keinerlei Bemerkung zu Eurem Davonlaufen vom Palast machen, wo sich sechs Aes Sedai aufhalten. Ein seltsames Verhalten für eine Aufgenommene.«
»Ich war niemals in Illian«, sagte sie und blickte sich hastig um, ob Aiel nahe genug waren, es gehört zu haben. Mehrere schauten in ihre Richtung, aber keine waren in Hörweite. Plötzlich erkannte sie, was er gesagt hatte. Sie ergriff seinen grünen Mantel, der dieselbe Schattierung aufwies wie die Mäntel der Soldaten. »Ihr gehört zu ihnen. Zu den Aes Sedai der Burg.« Licht, sie war eine Närrin, das nicht erkannt zu haben, sobald sie ihn gesehen hatte.
Sein Gesicht nahm einen weicheren Ausdruck an. Es hatte einen Moment sehr hart gewirkt. »Ich befehlige die Ehrengarde, die die Aes Sedai mitgebracht haben, um den Wiedergeborenen Drachen nach Tar Valon zu begleiten.« Seine Stimme war eine merkwürdige Mischung aus Verärgerung und Erschöpfung. »Wenn er letztendlich aufbrechen will. Und wenn er überhaupt hier wäre. Ich habe gehört, daß er ... auftaucht und verschwindet. Coiren ist beunruhigt.«