Licht, das war eine schöne Misere. Sie konnte ihm nicht sagen, daß sie nicht die Absicht hatte, zur Burg zurückzukehren, solange Elaida auf dem Amyrlin-Sitz saß. Und etwas Törichtes bedeutete fast immer, daß es etwas mit Rand zu tun hatte. Er wirkte so besorgt um sie. »Ich werde vorsichtig sein, Gawyn. Das verspreche ich.« So vorsichtig wie möglich, verbesserte sie sich insgeheim. Es war nur eine kleine Änderung, die aber das, was sie als nächstes sagen mußte, noch schwieriger machte. »Ich muß dich noch um einen zweiten Gefallen bitten. Glaub mir, Rand hat deine Mutter nicht getötet.« Wie konnte sie es ausdrücken, ohne ihn zu überfordern? Wie dem auch sei — sie mußte es tun. »Versprich mir, daß du nicht gegen Rand vorgehst, bis ich beweisen kann, daß er es nicht getan hat.«
»Ich verspreche es.« Abermals ohne Zögern, aber seine Stimme klang belegt und seine Hände drückten erneut kurz zu, härter als vorher. Sie wich nicht zurück. Der leichte Schmerz fühlte sich wie eine Erwiderung des Schmerzes an, den sie ihm zufügte.
»Es muß so sein, Gawyn. Er hat es nicht getan, aber es wird einige Zeit dauern, das zu beweisen.« Wie, unter dem Licht, konnte sie es beweisen? Rands Wort würde nicht genügen. Alles war so verwirrend. Sie durfte sich nur auf jeweils eine Sache konzentrieren. Was hatten jene Aes Sedai vor?
Gawyn schreckte sie aus ihren Gedanken, indem er hastig einatmete. »Ich werde für dich alles aufgeben, alles verraten. Flieh mit mir, Egwene. Wir werden alles hinter uns lassen. Ich besitze südlich von Weißbrücke ein kleines Anwesen mit einem Weinberg und einem Dorf, so weit draußen auf dem Land, daß die Sonne mit zwei Tagen Verspätung aufgeht. Dort kann die Welt uns kaum erreichen. Wir könnten unterwegs heiraten. Ich weiß nicht, wieviel Zeit wir haben —al'Thor, Tarmon Gai'don —, ich weiß es nicht, aber wir werden sie zusammen haben.«
Sie sah überrascht zu ihm hoch. Dann erkannte sie, daß sie ihren letzten Gedanken laut geäußert hatte —was hatten die Aes Sedai vor? —, und ein Schlüsselwort —verraten — trat an seine Stelle. Er glaubte, daß sie ihn bitten wollte, die Aes Sedai für sie auszuspionieren. Und er würde es tun. Auch wenn er verzweifelt einen Weg suchte, es nicht zu tun, würde er es dennoch tun, wenn sie ihn darum bäte. Er würde alles tun, hatte er versprochen, und alles bedeutete für ihn, daß er es unabhängig davon täte, was es ihn kosten würde. Sie versprach sich selbst etwas. Und ihm, aber dieses Versprechen konnte sie nicht laut äußern. Wenn er versehentlich etwas verriete, was sie benutzen konnte, würde sie — müßte sie — es tun, aber sie würde nicht nachfragen, keinesfalls. Was auch immer es sie kosten mochte. Sarene Nemdahl würde es niemals verstehen, aber es war die einzige Möglichkeit, wie sie dem entsprechen konnte, was er ihr dargeboten hatte.
»Ich kann nicht«, sagte sie sanft. »Du kannst dir nicht vorstellen, wie gern ich es täte, aber ich kann nicht.« Sie lachte jäh, spürte Tränen in ihre Augen steigen. »Und du. Verraten? Gawyn Trakand, dieses Wort paßt zu dir wie Dunkelheit zur Sonne.« Unausgesprochene Versprechen waren schön und gut, aber sie konnte es nicht dabei belassen. Sie würde benutzen, was er ihr gegeben hatte, es gegen das benutzen, woran er glaubte. Also mußte sie etwas anbieten. »Ich schlafe in den Zelten, aber ich gehe jeden Morgen in die Stadt. Ich komme kurz nach Sonnenaufgang durch das Tor in der Drachenmauer.«
Er verstand natürlich. Es war ihr Angebot, seinen Worten zu vertrauen, ihre in seine Obhut gegebene Freiheit. Er nahm ihre Hände in seine, drehte sie um und küßte sanft ihre Handflächen. »Du hast mir etwas Wertvolles anvertraut. Wenn ich jeden Morgen zum Tor in der Drachenmauer gehe, wird es sicherlich jemand bemerken, und ich kann vielleicht nicht jeden Morgen kommen, aber sei nicht allzu überrascht, wenn ich an den meisten Tagen, kurz nachdem du die Stadt betreten hast, neben dir auftauche.«
Als Egwene schließlich wieder herauskam, war die Sonne erheblich höher gestiegen, und die heißesten Stunden des Nachmittags waren angebrochen, so daß sich die Menge ein wenig gelichtet hatte. Die Verabschiedung hatte länger gedauert, als sie gedacht hatte. Gawyn zu küssen, war vielleicht nicht die Art Übung, welche die Weisen Frauen ihr zugedacht hatten, aber ihr Herz raste noch immer so, als wenn sie gelaufen wäre. Sie verbannte Gawyn entschlossen aus ihren Gedanken — nun, verbannte ihn mühsam in den Hintergrund — und kehrte dann zu ihrem Beobachtungsplatz neben dem Stall zurück. Jemand lenkte in dem Palast noch immer die Macht. Wahrscheinlich sogar mehr als nur ein Mensch, es sei denn, jemand wob etwas Großes. Es war schwächer zu spüren als zuvor, aber noch immer recht stark. Eine Frau betrat das Haus, eine dunkelhaarige Frau, die Egwene nicht erkannte, obwohl die Alterslosigkeit ihres Gesichts charakteristisch für sie war. Sie versuchte nicht mehr zu lauschen und blieb auch nicht lange — wenn sie ein- und ausgingen, bestand zu große Gefahr, gesehen und, trotz ihrer Kleidung, erkannt zu werden —, aber als sie davoneilte, ging ihr beharrlich ein Gedanke durch den Kopf. Was hatten sie vor?
»Wir wollen ihm anbieten, ihn nach Tar Valon zu begleiten«, sagte Katerine Alruddin und regte sich leicht. Sie war sich niemals schlüssig, ob die Stühle in Cairhien genauso unbequem waren, wie sie aussahen, oder ob man sie einfach für unbequem hielt, weil sie unbequem aussahen. »Wenn er Cairhien verläßt, um nach Tar Valon aufzubrechen, wird hier eine ... Leere entstehen.«
Lady Colavaere, die ihr gegenüber nachdenklich auf einem vergoldeten Stuhl saß, beugte sich leicht vor. »Ihr macht mich neugierig, Katerine Sedai. Laßt uns allein«, fuhr sie die Diener an.
Katerine lächelte.
»Wir wollen ihm anbieten, ihn nach Tar Valon zu begleiten«, sagte Nesune deutlich, aber sie war leicht verärgert. Trotz seines ruhigen Gesichtsausdrucks bewegte der Tairen unruhig die Füße, in der Gegenwart einer Aes Sedai ängstlich, weil er vielleicht erwartete, daß sie die Macht lenkte. Nur eine Amadician wäre schlimmer gewesen. »Wenn er erst nach Tar Valon aufbricht, wird Cairhien gestärkt werden müssen.«
Der Hochlord Meilan leckte sich die Lippen. »Warum erzählt Ihr mir das?«
Nesunes Lächeln hätte alles bedeuten können.
Als Sarene das Wohnzimmer betrat, befanden sich nur Coiren und Erian dort und tranken Tee. Ein Diener wartete natürlich darauf nachzugießen. Sarene bedeutete ihm zu gehen. »Berelain wird sich vielleicht als schwierig erweisen«, sagte sie, nachdem sich die Tür geschlossen hatte. »Ich weiß nicht, ob bei ihr besser das Zuckerbrot oder die Peitsche wirkt. Ich soll zwar morgen Aracome treffen, aber ich glaube, daß Berelain noch mehr Zeit braucht.«
»Zuckerbrot oder Peitsche«, sagte Erian angespannt. »Was auch immer notwendig ist.« Ihr Gesicht hätte aus von Rabenschwingen umkränztem, hellem Marmor sein können. Sarenes geheimes Laster war die Lyrik, obwohl sie niemals zugegeben hätte, daß sie etwas so ... Gefühlvolles interessierte. Sie wäre vor Scham gestorben, wenn Vitalien, ihr Behüter, entdeckt hätte, daß sie ihn in Gedichten unter anderen anmutigen, mächtigen und gefährlichen Tieren mit einem Leoparden verglichen hatte.