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Rand hob die Zügel an und stieß Jeade'en die Fersen in die Seiten. Als der Schecke antrabte, setzten sich auch die ihn umgebenden Aiel in Bewegung. Heute morgen waren es Bergtänzer, Hama N'dore, von denen mehr als die Hälfte das Stirnband der Siswai'aman trug. Caldin, bereits ergraut und zäh, hatte Rand zu überreden versucht, ihn mehr als zwanzig Männer einbringen zu lassen, wo doch so viele bewaffnete Feuchtländer in der Nähe waren. Keiner der Aiel verschwendete Zeit mit verächtlichen Blicken auf Rands Schwert. Nandera verbrachte mehr Zeit damit, die zweihundert seltsamen Frauen zu beobachten, die ihnen zu Pferde folgten. Sie schien die saldaeanischen Damen und die Frauen der Offiziere als bedrohlicher zu empfinden als die Soldaten, und da Rand einigen der saldaeanischen Frauen begegnet war, war er nicht bereit, darüber zu streiten. Sulin hätte wahrscheinlich darüber gestritten. Ihm fiel auf, daß er Sulin nicht mehr gesehen hatte seit ... seit seiner Rückkehr aus Shadar Logoth. Vor acht Tagen. Er fragte sich, ob er sie irgendwie beleidigt hatte.

Aber es war keine Zeit, sich über Sulin oder Ji'e'toh Gedanken zu machen. Er umrundete das Tal, bis er den Hügelkamm erreichte, über den er die Saldaeaner zuerst hatte auftauchen sehen. Bashere selbst war ungefähr dort hinabgeritten und hatte zunächst eine Gruppe überprüft, während sie voranritt, und dann eine weitere. Fast zufällig tat er dies auf seinem Sattel stehend.

Einen Moment ergriff Rand Saidin und ließ es einen Herzschlag später wieder fahren. Da seine Sicht gesteigert war, war es nicht schwierig, die beiden weißen Steine nahe dem Fuß des Hügels liegen zu sehen, genau dort, wo Bashere sie in der vorigen Nacht vier Schritt auseinander selbst hingelegt hatte. Mit etwas Glück hatte ihn niemand gesehen. Mit etwas Glück würde niemand zu viele Fragen über diesen Morgen stellen. Unter ihm ritten jetzt einige Männer zwei Pferde, jeweils einen Fuß auf jedem Sattel und noch immer in schnellem Galopp. Andere trugen einen Mann auf ihren Schultern, manchmal im Handstand.

Er blickte sich beim Geräusch eines auf ihn zukommenden Pferdes um. Deira ni Ghaline t'Bashere ritt scheinbar unbekümmert, nur mit einem kleinen Messer an ihrem Silbergürtel und in einem grauseidenen, an den Ärmeln und am hohen Kragen silbern bestickten Reitgewand, durch die Aiel. Sie schien sie zum Angriff herauszufordern. Genauso groß wie viele Töchter des Speers und fast eine Handbreit größer als ihr Mann, war sie eine beeindruckende Frau. Nicht dick, nicht einmal rundlich, sondern einfach beeindruckend. Ihr schwarzes Haar war von Weiß durchzogen, und ihre dunklen, schrägstehenden Augen waren auf Rand gerichtet. Er vermutete, daß sie eine wunderschöne Frau war, wenn seine Gegenwart ihr Gesicht nicht hart werden ließ. »Unterhält Euch mein Mann?« Sie sprach Rand niemals mit seinem Titel oder Namen an.

Er betrachtete die anderen saldaeanischen Frauen. Sie beobachteten ihn wie eine zum Angriff bereite Kavallerietruppe, ihre Gesichter waren wie Granit und die schrägstehenden Augen eiskalt. Sie warteten nur auf Deiras Befehl. Er hielt die Geschichten durchaus für glaubhaft, daß saldaeanische Frauen die Schwerter ihrer gestürzten Männer aufnahmen und ihre Männer in den Kampf zurückführten. Freundlich zu sein, hatte ihn bei Basheres Frau nirgendwohin gebracht. Bashere selbst zuckte nur die Achseln und sagte, sie sei manchmal schwierig, während er offensichtlich stolz grinste.

»Sagt Lord Bashere, daß ich erfreut bin«, sagte er. Er wandte Jeade'en um und schaute wieder nach Caemlyn. Die Blicke der saldaeanischen Frauen schienen gegen seinen Rücken zu drängen.

Lews Therin kicherte, anders konnte man es nicht nennen. Greife niemals eine Frau an, wenn es nicht sein muß. Sie wird dich schneller und aus geringerem Anlaß töten als ein Mann, auch wenn sie später deswegen weint.

Bist du wirklich da? fragte Rand. Bist du mehr als nur eine Stimme? Nur dieses leise, verrückte Lachen antwortete.

Er sann den ganzen Weg nach Caemlyn zurück über Lews Therin nach, sogar noch nachdem sie an einem der langen Märkte mit Ziegeldächern vorbeigeritten waren, die die Zuwege zu den Toren und in die Neustadt säumten. Er befürchtete, verrückt zu werden — es war nicht real, aber es war schlimm genug; wenn er geisteskrank würde, wie sollte er dann tun, was er tun mußte? —, aber er hatte keine Anzeichen davon bemerkt. Aber andererseits — würde er es merken, wenn sein Geist versagte? Er hatte noch niemals einen Verrückten gesehen. Er mußte nur von dem in seinem Kopf faselnden Lews Therin beherrscht werden. Wurden alle Menschen auf gleiche Art verrückt? Würde er so enden, daß er über Dinge lachte und weinte, die niemand sonst sah oder wahrnahm? Er erkannte, daß er eine Chance zu überleben hatte, wenn auch eine scheinbar unmögliche. Wenn du lebst, mußt du sterben. Das war eine von drei ihm bekannten Wahrheiten, die ihm in einem Ter'angreal mitgeteilt worden waren; die Antworten waren immer richtig, wenn auch niemals leicht verständlich. Aber so zu leben... Er war sich nicht sicher, daß er nicht lieber sterben würde.

Die Menschenmengen in der Neustadt machten mehr als vierzig Aiel Platz, und eine Handvoll erkannten auch den Wiedergeborenen Drachen. Vielleicht erkannten ihn noch mehr Leute, aber es erklangen nur wenige rauhe Hochrufe, als er vorüberritt. »Möge das Licht auf den Wiedergeborenen Drachen scheinen!« und »Der Glanz des Lichts für den Wiedergeborenen Drachen!« und »Der Wiedergeborene Drache, König von Andor!«

Dieser letzte Hochruf erschütterte ihn, wann immer er ihn hörte, und er hörte ihn jetzt häufiger. Er mußte Elayne finden. Er merkte, daß er mit den Zähnen knirschte. Er konnte die Menschen auf der Straße nicht ansehen. Er wollte sie zu Boden zwingen, sie anschreien, daß Elayne ihre Königin sei. Er versuchte, nicht hinzuhören, er betrachtete den Himmel, die Häuserdächer, alles, nur nicht die Menge. Und nur darum sah er den Mann in einem weißen Umhang auf einem mit roten Ziegeln bedeckten Dach aufstehen und eine Armbrust erheben.

Alles geschah innerhalb weniger Herzschläge. Rand ergriff Saidin und lenkte die Macht, während der Pfeil auf ihn zuflog. Er traf mit einem Geräusch wie Metall auf Metall auf Luft auf, einer silbrig blauen Masse, die über der Straße hing. Eine Feuerkugel entsprang Rands Hand und traf den Armbrustschützen in die Brust, während der Pfeil von dem Luftschild abprallte. Flammen umfingen den Mann, und er fiel schreiend vom Dach. Und dann sprang jemand Rand an und warf ihn aus dem Sattel.

Er traf hart auf dem Pflaster auf, ein Gewicht über sich spürend, und sein Atem und Saidar verließen ihn vollständig. Er rang nach Luft, kämpfte mit dem Gewicht, schüttelte es ab — und stellte fest, daß er Desora an den Armen hielt. Sie lächelte ihn an, ein wunderschönes Lächeln, und dann sackte ihr Kopf zur Seite. Blinde blaue Augen sahen ihn an, die bereits glasig wurden. Der Armbrustpfeil, der aus ihren Rippen hervorstak, drückte gegen sein Handgelenk. Warum hatte sie dieses wunderschöne Lächeln stets verborgen?

Hände ergriffen ihn, hoben ihn hoch. Töchter des Speers und Bergtänzer drängten ihn zum Straßenrand, dicht an die Vorderwand des Ladens eines Blechschmieds, und bildeten einen festen, verschleierten Kreis um ihn, die Hornbögen in Händen, die Blicke die Straße und die Dächer absuchend. Rufe und Schreie erklangen überall, aber die Straße war bereits auf gut fünfzig Schritt in jede Richtung geräumt. Schreie drangen von der mahlenden Menschenmasse heran, die zu entkommen suchte. Die Straße war bis auf die Toten geräumt: Desora und sechs andere, drei davon Aiel. Noch eine Tochter des Speers, dachte er. Man konnte es aus der Entfernung schwer sagen, wenn jemand wie ein Haufen Lumpen zusammengekauert dalag.