Wenn er die Erinnerungen schon nicht hinter sich lassen konnte, wollte er wenigstens die Aiel hinter sich lassen. Zumindest für einige Zeit. Er hatte Jeade'en bereits einem Stallburschen übergeben und den Palast betreten, bevor Nandera und Caldin ihn mit ungefähr zwei Dritteln mehr Töchtern des Speers und Bergtänzern, als sie zuvor bei sich gehabt hatten, einholten. Einige waren zurückgelassen worden, um sich um die Toten zu kümmern. Caldin sah sich verärgert um. Als Rand den Zorn in Nanderas Augen sah, dachte er, daß er froh sein sollte, daß sie nicht verschleiert war.
Bevor sie etwas sagen konnte, näherte sich ihm Frau Harfor und verfiel in einen tiefen Hofknicks. »Mein Lord Drache«, sagte sie mit tiefer, volltönender Stimme, »die Herrin der Wogen vom Clan Catelar, von den Atha'an Miere, bittet Euch um eine Audienz.«
Wenn der edle Schnitt von Reenes rotweißem Gewand nicht ausreichte zu behaupten, »Erste Tochter des Speers« sei eine unpassende Bezeichnung, genügte sicherlich ihre Art. Die etwas rundliche Frau mit ergrauendem Haar und einem langen Kinn sah Rand direkt in die Augen, legte den Kopf zurück, um dies tun zu können, und verband irgendwie einen angemessenen Grad an Ehrerbietung, einen äußersten Mangel an Unterwürfigkeit und eine Zurückhaltung miteinander, die die meisten adligen Frauen nicht erreichten. Wie Halwin Norry war sie geblieben, als die meisten anderen flohen, obwohl Rand halbwegs vermutete, daß sie den Palast vor Eindringlingen schützen wollte. Es hätte ihn nicht überrascht zu erfahren, daß sie seine Räume regelmäßig nach verborgenen Kostbarkeiten durchsuchte. Es hätte ihn nicht überrascht zu erfahren, daß sie die Aiel zu finden versuchte.
»Das Meervolk?« fragte er. »Was wollen sie?«
Sie sah ihn geduldig und um Milde bemüht an.
Offen um Milde bemüht. »Das wurde nicht gesagt, mein Lord Drache.«
Wenn Moiraine etwas über das Meervolk gewußt hatte, so hatte sie es ihn nicht gelehrt, aber nach Reenes Haltung zu urteilen, war diese Frau wichtig. Der Titel »Herrin der Wogen« klang zumindest wichtig. Das würde bedeuten, daß die Audienz in der Großen Halle stattfinden müßte. Er war dort nicht mehr gewesen, seit er aus Cairhien zurückgekehrt war. Nicht daß er einen Grund hätte, den Thronsaal zu meiden. Es hatte einfach keinen Anlaß gegeben, dorthin zu gehen. »Heute nachmittag«, sagte er bedächtig. »Sagt ihr, daß ich sie am späten Nachmittag treffen werde. Habt Ihr der Herrin der Wogen eine gute Unterkunft zugewiesen? Und ihrem Gefolge ebenfalls?« Er bezweifelte, daß jemand mit einem solch großartigen Titel allein reiste.
»Sie hat sie verweigert. Sie haben im Ball and Hoop Zimmer gemietet.« Sie preßte kurz den Mund zusammen. Anscheinend war dieses Verhalten aus Reene Harfors Sicht nicht angemessen, egal wie erhaben eine Herrin der Wogen sein mochte. »Sie waren sehr staubig und von der Reise erschöpft und konnten kaum noch stehen. Sie kamen zu Pferde, nicht in der Kutsche, aber ich glaube nicht, daß sie Pferde gewohnt sind.« Sie blinzelte, als sei sie überrascht, soviel preisgegeben zu haben, und hüllte sich dann wieder in Zurückhaltung wie in einen Umhang. »Und noch jemand möchte Euch sprechen, mein Lord Drache.« Ihre Stimme nahm einen kaum wahrnehmbar widerwilligen Unterton an. »Die Lady Elenia.«
Rand mußte fast grinsen. Elenia hielt zweifellos einen weiteren Vortrag über ihre Ansprüche auf den Löwenthron bereit. Bisher war es ihm gelungen, die meisten ihrer Worte zu überhören. Sie würde leicht abzuwimmeln sein. Aber er sollte etwas über die Geschichte Andors wissen, und niemand Greifbares wußte mehr darüber als Elenia Sarand. »Schickt sie bitte in meine Räume.«
»Beabsichtigt Ihr wirklich, die Tochter-Erbin den Thron einnehmen zu lassen?« Reene sprach nicht barsch, aber alle Ehrerbietung war geschwunden. Ihr Gesichtsausdruck hatte sich nicht verändert, und doch war sich Rand sicher, daß sie bei einer falschen Antwort rufen würde: »Für Elayne und den Weißen Löwen« und ihm den Schädel einschlagen würde, ob Aiel oder nicht Aiel.
»Ja«, seufzte er. »Der Löwenthron gehört Elayne. Beim Licht und meiner Hoffnung auf Wiedergeburt und Heil, so ist es.«
Renee betrachtete ihn einen Moment und vollführte dann erneut einen tiefen Hofknicks. »Ich werde sie zu Euch schicken, mein Lord Drache.« Sie schritt, wie immer mit starrem Rücken, davon. Er konnte nicht sagen, ob sie ein Wort geglaubt hatte.
»Ein verschlagener Feind«, sagte Caldin deutlich hörbar, bevor Reene auch nur fünf Schritte getan hatte, »wird einen schwachen Hinterhalt errichten, den Ihr durchbrechen sollt. Zuversichtlich, weil Ihr die Bedrohung bewältigt habt, vermindert Ihr dann Eure Wachsamkeit und geratet in den zweiten, stärkeren Hinterhalt.«
Nandera sagte unmittelbar nach Caldin mit kalter Stimme: »Junge Männer können ungestüm sein und voreilig. Junge Männer können Narren sein, aber der Car'a'carn darf kein junger Mann sein.«
Bevor er weiterging, schaute Rand gerade lange genug über die Schulter, um zu sagen: »Wir befinden uns jetzt innerhalb des Palastes. Wählt Eure zwei.« Es war kaum überraschend, daß Nandera und Caldin einander wählten, und noch weniger überraschend, daß sie ihm in hartnäckiges Schweigen gehüllt folgten.
An der Tür zu seinen Räumen befahl er ihnen, Elenia hereinzuschicken, wenn sie käme, und ließ sie im Gang zurück. Gewürzter Wein in einem silbern ziselierten Krug erwartete ihn, aber er rührte ihn nicht an. Statt dessen blieb er stehen, starrte auf den Krug und überlegte, was er sagen würde, bis er erkannte, was er tat und überrascht brummte. Was gab es zu überlegen?
Ein Klopfen an der Tür kündigte Elenia mit den honigfarbenen Haaren an, die in ihrem mit goldenen Rosen verzierten Kleid einen Hofknicks vollführte. »Mein Lord Drache ist zu gnädig, mich zu empfangen.«
»Ich möchte Euch über die Geschichte Andors befragen«, sagte Rand. »Möchtet Ihr einen Becher gewürzten Wein?«
Elenias Augen weiteten sich erfreut, bevor sie es verhindern konnte. Sie hatte zweifellos geplant, Rand zu überreden, ihren Ansprüchen nachzukommen, und jetzt wurde es ihr in den Schoß gelegt. Ein Lächeln erschien auf dem ruchsähnlichen Gesicht. »Gewährt mein Lord Drache mir die Ehre, für ihn einzugießen?« fragte sie und wartete gar nicht erst auf seine Zustimmung. Sie war so erfreut über die Wendung der Ereignisse, daß er fast erwartete, sie würde ihn in einen Sessel nötigen und ihn drängen, die Füße hochzulegen. »Welchen Zeitpunkt der Geschichte darf ich für Euch erhellen?«
»Allgemein eine Art...« Rand runzelte die Stirn; das wäre als Vorgabe geeignet ihre Vorfahren in allen Einzelheiten aufzulisten. »...wie Souran Maravaile dazu kam, seine Frau hierherzubringen. Stammte er aus Caemlyn?«
»Ishara hat Souran hierhergebracht, mein Lord Drache.« Elenias Lächeln wurde einen Moment nachgiebig. »Isharas Mutter war Endara Casalain, die dann hier Artur Falkenflügels Statthalterin war — die Provinz wurde Andor genannt — und auch die Tochter von Joal Ramedar, dem letzten König von Aldeshar. Souran war nur ... nur ein Lordhauptmann« — sie hatte sagen wollen: ein Bürgerlicher; darauf hätte er wetten können —, »wenn auch natürlich Falkenflügels bester Lordhauptmann. Endara gab ihre Befugnis auf und beugte sich Ishara als Königin.« Rand glaubte irgendwie nicht, daß es genau so oder auch nur annähernd so gewesen war. »Damals herrschten natürlich die schlimmsten Zeiten, sicherlich genauso schlimm wie die Zeit der Trolloc-Kriege. Als Falkenflügel tot war, wollten alle Adligen Hochkönig werden. Oder Hochkönigin. Ishara wußte jedoch, daß niemand dazu in der Lage sein würde. Es gab zu viele Parteien, und Bündnisse brachen, sobald sie geschlossen waren. Sie überzeugte Souran, die Belagerung Tar Valons aufzuheben, und brachte ihn mit dem Anteil seines Heers hierher, den er zusammenhalten konnte.«