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»Souran Maravaile hat Tar Valon belagert?« fragte Rand überrascht. Artur Falkenflügel hatte Tar Valon zwanzig Jahre lang belagert und einen Preis auf den Kopf jeder Aes Sedai ausgesetzt.

»Im letzten Jahr«, sagte sie ein wenig ungeduldig. »So wird es berichtet.« Es war offensichtlich, daß sie an Souran nur als Isharas Ehemann wahres Interesse hatte. »Ishara war klug. Sie versprach den Aes Sedai, daß ihre älteste Tochter zum Studium in den Weißen Turm geschickt würde, damit sie den Rückhalt des Turmes und eine Aes-Sedai-Beraterin namens Ballair erhielt. Sie war die erste Regentin. Andere folgten natürlich, aber sie wollten noch immer Falkenflügels Thron.« Sie war jetzt ganz in ihrem Element, das Gesicht lebhaft, der Becher gewürzter Wein vergessen, mit der freien Hand gestikulierend. Die Worte sprudelten hervor. »Eine ganze Generation verging, bevor dieser Gedanke erstarb, obwohl auch Narasim Bhuran es während der letzten zehn Jahre des Hundertjährigen Krieges versucht hatte — ein gräßlicher Fehler, der ein Jahr danach mit seinem Kopf auf einem Spieß endete. Esmara Getares Bemühungen ungefähr dreißig Jahre später waren erheblich erfolgreicher, bis sie Andor zu erobern versuchte und die letzten zwölf Jahre ihres Lebens als Gast von Königin Telaisien verbrachte. Esmara wurde letztendlich ermordet, obwohl es keinerlei Berichte darüber gibt, warum jemand sie tot sehen wollte, nachdem Telaisien ihre Macht gebrochen hatte. Wie Ihr seht, folgten die Königinnen, die nach Ishara kamen — von Alesinde bis Lyndelle —, ihrem Weg, und nicht nur darin, eine Tochter zum Turm zu schicken. Ishara ließ Souran zunächst das Land um Caemlyn sichern, zu Anfang nur einige Dörfer, aber dann dehnte sie ihren Einfluß aus. Nun, sie brauchte fünf Jahre, bis sie den Fluß Erinin erreicht hatte. Aber das Land, das Andors Königinnen beherrschten, gehörte ihnen unumschränkt, wohingegen die meisten anderen, die sich Könige oder Königinnen nannten, eher daran interessiert waren, weitere Länder zu erringen, als zu festigen, was sie bereits besaßen.«

Sie schöpfte Atem, und Rand schaltete sich schnell ein. Elenia sprach von diesen Menschen, als kenne sie sie persönlich, aber die Namen, die er niemals zuvor gehört hatte, gerieten in seinem Kopf durcheinander. »Warum gibt es kein Haus Maravaile?«

»Keiner von Isharas Söhnen wurde älter als zwanzig Jahre.« Elenia zuckte die Achseln und trank von ihrem gewürzten Wein. Das Thema interessierte sie nicht. Aber es gab ihr ein neues Stichwort. »Neun Königinnen regierten während des Hundertjährigen Krieges, aber keine dieser Königinnen hatte einen Sohn, der alter als dreiundzwanzig wurde. Es wurde beständig gekämpft, und Andor wurde von allen Seiten bedrängt. Nun, während Maragaines Regierungszeit erhoben vier Könige ihr Heer gegen sie — an der Stelle ist eine Stadt nach dieser Schlacht benannt. Die Könige waren...«

»Aber alle Königinnen waren Abkömmlinge Sourans und Isharas?« warf Rand schnell ein. Die Frau hätte ihm täglich eine neue Geschichte erzählen können, wenn er es zugelassen hätte. Da er saß, bot er auch ihr einen Sitzplatz an.

»Ja«, sagte sie widerwillig, wahrscheinlich, weil sie Souran nicht einbeziehen wollte. Aber sie strahlte sofort wieder. »Es geht darum, wie viel von Isharas Blut ein jeder besitzt. Wie viele Linien den einzelnen mit ihr verbinden und in welchem Maß. In meinem Fall... «

»Das ist für mich nicht leicht zu verstehen. Nehmen wir, zum Beispiel, Tigraine und Morgase. Morgase hatte den aussichtsreichsten Anspruch, Tigraine zu folgen. Das bedeutet vermutlich, daß Morgase und Tigraine eng miteinander verwandt waren?«

»Sie waren Cousinen.« Elenia bemühte sich, ihre Verärgerung darüber zu verbergen, daß sie so oft unterbrochen wurde, besonders jetzt, wo sie dem so nahe war, was sie sagen wollte, aber noch immer gehindert wurde. Sie wirkte wie ein bissiger Fuchs —, aber das Huhn gelangte immer wieder außer Reichweite.

»Ich verstehe.« Cousinen. Rand trank einen großen Schluck, mit dem er den Becher halbwegs leerte.

»Wir sind alle Cousinen. Alle Häuser.« Sein Schweigen schien sie zu stärken. Sie lächelte wieder. »Da die Häuser während tausend Jahren immer wieder untereinander geheiratet haben, gibt es kein Haus ohne einen Tropfen von Isharas Blut. Aber das Maß zählt und die Anzahl der Verbindungslinien. In meinem Fall...«

Rand blinzelte. »Ihr seid alle Cousinen? Ihr alle? Das scheint mir...« Er beugte sich aufmerksam vor. »Elenia, wenn Morgase und Tigraine ... Kaufleute oder Bauern gewesen wären — wie nahe wären sie dann miteinander verwandt gewesen?«

»Bauern?« rief sie aus und starrte ihn an. »Mein Lord Drache, welch absonderlicher...« Alles Blut wich langsam aus ihrem Gesicht. Er war immerhin ein Bauer gewesen. Sie benetzte nervös ihre Lippen. »Ich vermute ... ich sollte zunächst darüber nachdenken. Bauern? Ich vermute, das bedeutet, daß man sich alle Häuser als Bauernhäuser vorstellen muß.« Ein nervöses Kichern entschlüpfte ihr, bevor sie es in ihrem gewürzten Wein ertränkte. »Wenn sie Bauern gewesen wären, glaube ich nicht, daß irgend jemand sie überhaupt als Verwandte angesehen hätte. Alle Verbindungen liegen zu weit zurück. Aber sie waren keine Bauern, mein Lord Drache...«

Er hörte nur noch mit halbem Ohr zu und sank in seinem Sessel zurück. Nicht verwandt.

»...habe einunddreißig Verbindungslinien zu Ishara, während Dyelin nur dreißig hat, und...«

Warum fühlte er sich plötzlich so entspannt? Muskelverkrampfungen hatten sich gelöst, die er nicht einmal bemerkt hatte, bis sie verschwanden.

»...wenn ich so sagen darf, mein Lord Drache.« »Was? Verzeiht mir. Meine Gedanken sind einen Moment abgeschweift... Ich habe Eure letzte Bemerkung nicht gehört.« Sie hatte jedoch etwas beinhaltet, was seine Aufmerksamkeit erregt hatte.

Elenia hatte das unterwürfige, schmeichlerische Lächeln aufgesetzt, das auf ihrem Gesicht so fremd wirkte. »Nun, ich sagte gerade, daß Ihr selbst Tigraine in gewisser Weise ähnelt, mein Lord Drache. Ihr könntet vielleicht sogar einen Hauch von Isharas Blut besitzen...« Sie brach mit einem kleinen Schrei ab, und er erkannte, daß er aufgesprungen war.

»Ich ... fühle mich ein wenig müde.« Er versuchte, seine Stimme ruhig klingen zu lassen, aber sie klang so fern, als befände er sich tief im Nichts. »Wenn Ihr mich bitte allein lassen würdet.«

Er wußte nicht, welcher Ausdruck auf seinem Gesicht lag, aber Elenia verließ überstürzt ihren Sessel und stellte den Becher hastig auf den Tisch. Sie zitterte, und wenn ihr Gesicht schon vorher blutleer gewesen war, wirkte es jetzt weiß wie Schnee. Sie vollführte einen Hofknicks, der einem beim Stehlen ertappten Küchenmädchen angemessen gewesen wäre, eilte zur Tür, wobei sie mit jedem Schritt schneller ging, und beobachtete ihn unablässig über die Schulter, bis sie die Tür aufriß und den Gang hinab davoneilte. Nandera streckte den Kopf hinein und betrachtete ihn prüfend, bevor sie die Tür wieder zuzog.

Rand stand lange Zeit ins Leere starrend da. Es war kein Wunder, daß jene uralten Königinnen ihn angestarrt hatten. Sie wußten, was er dachte, auch wenn er es selbst noch nicht wußte. Da war wieder diese plötzliche innere Unruhe, die unbemerkt an ihm nagte, seit er den wahren Namen seiner Mutter herausgefunden hatte. Aber Tigraine war nicht mit Morgase verwandt gewesen. Seine Mutter war nicht mit Elaynes Mutter verwandt gewesen. Er war nicht verwandt mit...

»Du bist schlimmer als ein Wüstling«, sagte er laut und verbittert. »Du bist ein Narr und ein...« Er wünschte, Lews Therin würde zu ihm sprechen, damit er sich sagen könnte: Das ist ein Wahnsinniger. Ich bin geistig gesund. Waren es die toten Regenten Andors, die ihn beobachteten, oder war es Alanna? Er schritt zur Tür und riß sie auf, Nandera und Caldin saßen auf den Fersen unter einem Wandteppich mit bunten Vögeln. »Versammelt Eure Leute«, befahl er ihnen. »Ich gehe nach Cairhien. Und sagt Aviendha nichts davon.«