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Geschenke

Während Egwene zu der großen Zeltstadt zurückkehrte, versuchte sie sich wieder zu sammeln, aber sie war sich nicht sicher, daß ihre Füße tatsächlich den Boden berührten. Nun, sie wußte, daß dem so war. Sie trugen ihren kleinen Teil zu den vom heißen Wind aufgewirbelten Staubwolken bei. Sie mußte husten und wünschte, die Weisen Frauen trügen Schleier. Ein um den Kopf gewickelter Schal erfüllte nicht den gleichen Zweck und vermittelte außerdem das Gefühl, man trüge ein Dampfzelt mit sich. Und doch meinte sie, auf Luft zu gehen. Ihre Gedanken schienen sich zu drehen, aber nicht durch die Hitze.

Zuerst hatte sie geglaubt, Gawyn würde sie nicht treffen, aber dann war er plötzlich einfach da, als sie durch die Menge schritt. Sie hatten den ganzen Morgen im Privatspeiseraum des Großen Mannes verbracht, Händchen gehalten und sich beim Tee unterhalten. Sie war vollkommen schamlos gewesen, hatte ihn geküßt, sobald sich die Tür geschlossen hatte und bevor er auch nur Anstalten gemacht hatte, sie zu küssen, und hatte einmal sogar auf seinen Knien gesessen, wenn auch nicht lange. Es erregte sie, an seine Träume zu denken und daran, sich vielleicht wieder in sie einzuschalten, an Dinge, die keine anständige Frau überhaupt denken sollte! Und schon gar keine unverheiratete Frau.

Sie sah sich hastig um. Die Zelte waren noch eine halbe Meile entfernt, und bis dahin war niemand in ihrer Nähe. Wenn jemand dort gewesen wäre, hätte er sie erröten sehen können. Als sie erkannte, daß sie hinter ihrem Schal einfältig grinste, verbannte sie diesen Ausdruck sofort. Licht, sie mußte sich beherrschen, das Gefühl von Gawyns starken Armen vergessen und sich daran erinnern, warum sie soviel Zeit im Großen Mann gehabt hatten.

Sie sah sich um, während sie die Menge durchschritt, suchte Gawyn und versuchte mit einigen Schwierigkeiten, unauffällig zu wirken. Sie wollte nicht, daß er glaubte, sie sei ungeduldig. Plötzlich beugte sich eine Frau zu ihr und flüsterte eindringlich: »Folgt mir zum Großen Mann.«

Sie zuckte zusammen. Sie konnte nicht anders. Sie brauchte einen Moment, um Gawyn zu erkennen. Er trug einen einfachen braunen Umhang und einen fadenscheinigen Staubmantel mit hochgezogener Kapuze, so daß sein Gesicht fast verborgen war. Er war nicht der einzige, der einen Umhang trug — alle außer den Aiel, die die Stadttore durchschritten, trugen einen Umhang —, aber nicht viele hatten sogar in dieser brütenden Hitze die Kapuze hochgezogen.

Sie ergriff fest seinen Ärmel, als er ihr vorangehen wollte. »Was läßt dich glauben, daß ich einfach mit dir in ein Gasthaus gehen würde, Gawyn Trakand?« fragte sie mit verengten Augen. Sie sprach jedoch leise. Ein Streit würde nur unnötige Aufmerksamkeit erregen. »Wir wollten spazierengehen. Du hältst zu vieles für selbstverständlich, wenn du auch nur einen Moment glaubst... «

Er flüsterte ihr mit verzogenem Gesicht eilig zu: »Die Frauen, mit denen ich gekommen bin, suchen jemanden. Jemanden wie dich. Sie sagten mir gegenüber sehr wenig, aber ich habe hier und da etwas belauscht, jetzt folge mir.« Er schritt die Straße hinab, ohne einen Blick zurückzuwerfen, so daß sie ihm nur noch mit einem unruhigen Gefühl im Bauch folgen konnte.

Die Erinnerung daran ließ sie innehalten. Der verbrannte Boden fühlte sich unter den Sohlen ihrer weichen Stiefel fast genauso heiß an wie die Pflastersteine in der Stadt. Gawyn hatte nicht viel mehr gewußt als das, was er ihr in diesem ersten Gespräch gesagt hatte. Er folgerte, daß sie nicht nach ihr suchen könnten, daß sie einfach mit ihrer Gabe, die Macht zu lenken, vorsichtig sein und soweit wie möglich außer Sicht bleiben sollte. Aber er hatte selbst nicht sehr überzeugt gewirkt, nicht solange er eine Verkleidung trug. Sie versagte es sich, Bemerkungen über seine Kleidung zu machen. Er war so besorgt, daß sie alle möglichen Schwierigkeiten bekommen könnte, wenn diese Aes Sedai sie fanden, daß er sie zu ihr führen würde, und war so wenig bereit, sie nicht mehr zu sehen, obwohl er es selbst vorschlug. Und er war so überzeugt davon, daß sie irgendwie nach Tar Valon und in die Burg zurückgelangen müßte oder daß sie ihren Frieden mit Coiren und den anderen machen und mit ihnen zurückkehren sollte. Licht, sie hätte ihm böse sein sollen, weil er besser als sie zu wissen glaubte, was das beste für sie war, aber aus irgendeinem Grund brachte es sie selbst jetzt noch dazu, nachsichtig zu lächeln. Aus irgendeinem Grund konnte sie in bezug auf ihn einfach nicht logisch denken, und er schien sich ständig in ihre Gedanken einzuschleichen.

Sie biß sich auf die Lippen, während sie sich auf das eigentliche Problem besann. Die Aes Sedai der Burg. Wenn sie sich nur dazu überwinden könnte, Gawyn zu fragen. Es hätte nichts damit zu tun, ihn zu betrügen, wenn sie ihm nur einige kleine Fragen stellte, über ihre Ajahs, wohin sie gingen, oder... Nein! Sie hatte es sich geschworen, und diesen Schwur zu brechen, würde ihn entehren. Keine Fragen. Nur das, was er freiwillig preisgab.

Was auch immer er sagte — sie hatte keinen Grund zu glauben, daß sie nach Egwene al'Vere suchten. Und keinen wirklichen Grund zu glauben, wie sie widerwillig zugab, daß sie es nicht taten — nur eine Menge Vermutungen und Hoffnungen. Nur weil ein Burgspion Egwene al'Vere in einer Aielfrau nicht erkannte, bedeutete das nicht, daß der Spion den Namen nicht schon gehört hätte, oder nicht von Egwene Sedai von den Grünen Ajah erfahren hätte. Sie zuckte zusammen. Von jetzt an würde sie in der Stadt äußerst vorsichtig sein müssen.

Sie hatte die äußeren Zelte erreicht. Das Lager erstreckte sich über Meilen und bedeckte die bewaldeten und unbewaldeten Hügel östlich der Stadt. Aiel gingen zwischen den niedrigen Zelten einher, aber nur eine Handvoll Gai'shain befanden sich in der Nähe. Keine der Weisen Frauen war zu sehen. Sie hatte ein ihnen gegebenes Versprechen gebrochen. Eigentlich ein Amys gegenüber ausgesprochenes, aber doch ihnen allen gemachtes Versprechen. Die Notwendigkeit erschien ihr zunehmend fragwürdiger, ihre Täuschung zu rechtfertigen.

»Kommt zu uns, Egwene«, rief die Stimme einer Frau. Egwene war selbst mit bedecktem Kopf nicht schwer auszumachen es sei denn, sie war von noch nicht vollkommen ausgewachsenen Mädchen umgeben. Surandha, Sorileas Lehrling, hatte ihren dunkelblonden Schöpf aus einem Zelt gestreckt und winkte ihr zu. »Die Weisen Frauen treffen sich alle bei den Zelten, und sie haben uns heute freigegeben. Den ganzen Tag.« Das war ein seltenes Ereignis, das auch Egwene nicht verpassen wollte.

Drinnen lagen Frauen auf Kissen ausgestreckt, lasen bei Öllampenlicht — der Zelteingang war gegen den Staub geschlossen, und somit drang auch kein Licht herein — oder nähten, strickten oder stickten. Zwei spielten ein Fadenspiel. Leise Unterhaltungen erfüllten das Zelt, und mehrere Frauen grüßten Egwene lächelnd. Sie waren nicht alle Lehrlinge —zwei Mütter und mehrere Erstschwestern waren zu Besuch gekommen —, und die älteren Frauen trugen genauso viel Schmuck wie jede der Weisen Frauen. Alle hatten ihre Blusen halb geöffnet und die Schals um ihre Taillen geschlungen, obwohl die eingeschlossene Hitze sie nicht zu stören schien.

Ein Gai'shain ging herum und goß Tee nach. Etwas an der Art, wie er sich bewegte, wies ihn als Handwerker aus, nicht als Algai'd'siswai. Er hatte noch immer ein hartes Gesicht, wenn es auch inzwischen vergleichsweise weicher geworden war, und legte ein freundliches Verhalten an den Tag, das ihm nicht mehr so schwerzufallen schien. Er trug eines dieser Stirnbänder, das ihn als Siswat'aman kennzeichnete. Keine der Frauen gönnte ihm einen zweiten Blick, obwohl Gai'shain nur Weiß tragen sollten.