Egwene band sich ihren Schal ebenfalls um die Taille und nahm dankbar das Wasser an, mit dem sie sich Gesicht und Hände waschen konnte. Dann öffnete sie ihre Bluse ein wenig und nahm auf einem mit Quasten versehenen Kissen zwischen Surandha und Estair, Aerons rothaariger Elevin, Platz. »Warum treffen sich die Weisen Frauen?« Aber in Gedanken war sie nicht bei den Weisen Frauen. Sie hatte nicht die Absicht, die Stadt zur Gänze zu meiden — sie hatte zugestimmt, jeden Morgen beim Großen Mann hereinzuschauen, um nachzusehen, ob Gawyn dort war, obwohl das einfältige Grinsen auf dem Gesicht der untersetzten Wirtin ihre Wangen zum Glühen brachte. Nur das Licht wußte, was diese Frau dachte! Aber sie würde sicher nicht mehr versuchen, in Lady Arilyns Gut zu lauschen. Nachdem sie Gawyn verlassen hatte, war sie noch einmal ausreichend nahe herangegangen, um spüren zu können, daß das Lenken der Macht im Inneren weiterging, aber dann war sie nach einem schnellen Blick um die Ecke gegangen. Allein schon so nahe zu sein, bewirkte das unbehagliche Gefühl, daß Nesune hinter ihr auftauchen würde. »Weiß jemand es?«
»Eure Schwestern natürlich«, antwortete Surandha lachend. Sie war eine hübsche Frau mit großen blauen Augen, die wunderschön war, wenn sie lachte. Sie war ungefähr fünf Jahre älter als Egwene, konnte die Macht genauso gut lenken wie viele Aes Sedai und wartete begierig darauf, eine eigene Feste zugewiesen zu bekommen. In der Zwischenzeit sprang sie natürlich, wenn Sorilea dachte: spring. »Was sonst würde sie aufrütteln, als hätten sie sich auf Segadestacheln gesetzt?«
»Wir sollten Sorilea hinschicken, um mit ihnen zu reden«, sagte Egwene, während sie einen grün gestreiften Teebecher von dem Gai'shain entgegennahm. Als Gawyn ihr erzählt hatte, daß seine Jünglinge in alle nicht von den Aes Sedai belegten Schlafräume gepfercht worden waren, und einige sogar in die Ställe, hatte er verraten, daß nicht einmal mehr Platz für ein weiteres Küchenmädchen war und daß die Aes Sedai auch keinen Platz schufen. Das waren gute Neuigkeiten. »Sorilea könnte jede beliebige Anzahl Aes Sedai aufrütteln.« Surandha warf lachend den Kopf zurück.
Estair lachte kaum, denn sie war mehr als nur ein wenig empört. Die schlanke junge Frau mit den ernsten grauen Augen benahm sich stets, als würde sie von einer Weisen Frau beobachtet. Egwene konnte sich gar nicht genug darüber wundern, daß Sorilea einen Lehrling hatte, die sehr humorvoll war, während Aeron, die freundlich und herzlich war und nie ein hartes Wort äußerte, einen Lehrling hatte, die es nach Gehorsamsregeln zu lechzen schien. »Ich glaube, es ist der Car'a'carn«, sagte Estair sehr ernst.
»Warum?« fragte Egwene abwesend. Sie würde die Stadt meiden müssen. Bis auf Gawyn natürlich. So ungern sie es vielleicht auch zugab — sie würde auf die Treffen mit ihm nur verzichten, wenn feststand, daß Nesune im Großen Mann wartete. Das bedeutete, daß sie zu ihren Übungen in all diesem Staub wieder um die Stadtmauern herumlaufen mußte. Dieser Morgen war eine Ausnahme gewesen, aber sie würde den Weisen Frauen keinen Vorwand liefern, ihre Rückkehr nach Tel'aran'rhiod zu verschieben. Heute abend würden sich die Aes Sedai aus Salidar allein treffen, aber in sieben Nächten würde sie dabeisein. »Was jetzt?«
»Habt Ihr es nicht gehört?« rief Surandha aus.
In zwei oder drei Tagen konnte sie sich Nynaeve und Elayne nähern oder wieder in ihren Träumen zu ihnen sprechen. Ihr blieb nur der Versuch, zu ihnen zu sprechen. Man konnte niemals vollkommen sicher sein, daß der andere wußte, daß man mehr als eine Traumgestalt war, nicht bevor sie es nicht gewohnt waren, sich auf diese Weise zu verständigen, was für Nynaeve und Elayne sicherlich nicht galt. Sie hatte erst einmal zuvor auf diese Weise zu ihnen gesprochen. Auf jeden Fall fühlte sie sich bei dem Gedanken, sich ihnen überhaupt zu nähern, ein wenig unbehaglich. Sie hatte beinahe einen weiteren unklaren Alptraum deswegen gehabt. Jedes Mal, wenn eine von ihnen etwas sagte, stolperten sie und fielen auf ihre Gesichter oder ließen einen Becher oder einen Teller fallen oder rissen eine Vase herunter, immer etwas, was durch den Aufprall zerschmetterte. Seit sie den Traum über Gawyn dahingehend richtig gedeutet hatte, daß er ihr Behüter sein würde, hatte sie sich bemüht, alle Träume zu deuten. Bisher ohne wirklichen Erfolg, aber sie war sicher, daß sie bedeutsam waren. Vielleicht sollte sie besser bis zum nächsten Treffen warten, um mit ihnen zu sprechen. Außerdem bestand immer die Möglichkeit, wieder in Gawyns Träume hineingezogen zu werden. Allein der Gedanke daran ließ sie erröten.
»Der Car'a'carn ist zurückgekehrt«, sagte Estair. »Er wird Eure Schwestern heute nachmittag treffen.«
Nachdem alle Gedanken an Gawyn und die Träume gewichen waren, blickte Egwene stirnrunzelnd in ihren Teebecher. Zweimal innerhalb von zehn Tagen. Es war ungewöhnlich für ihn, so bald zurückzukehren. Warum hatte er es getan? Hatte er irgendwie von den Aes Sedai der Burg erfahren? Wie? Und wie immer warfen auch seine Reisen Fragen auf. Wie machte er es?
»Wie macht er was?« fragte Estair, und Egwene blinzelte, überrascht darüber, ihren Gedanken laut ausgesprochen zu haben.
»Wie schafft er es, meinen Magen so leicht in Unruhe zu versetzen?«
Surandha schüttelte mitfühlend den Kopf, aber sie mußte auch grinsen. »Er ist ein Mann, Egwene.«
»Er ist der Car'a'carn«, sagte Estair nachdrücklich und sehr ehrerbietig. Egwene wäre überhaupt nicht überrascht gewesen, sie diesen albernen Stoffstreifen um ihren Kopf winden zu sehen.
Surandha gab Estair zu bedenken, wie sie jemals mit einem Festenhäuptling oder sogar einem Septimen oder Clanhäuptling zurechtkommen wollte, wenn sie nicht erkannte, daß ein Mann nicht aufhörte, ein Mann zu sein, nur weil er ein Anführer war, während Estair eigensinnig darauf beharrte, daß der Car'a'carn anders sei. Eine der älteren Frauen, Mera, die gekommen war, um ihre Tochter zu besuchen, beugte sich zu ihnen und sagte, daß man mit jedem Häuptling — egal ob Septimen- oder Clanhäuptling oder dem Car'a'carn —so umgehen mußte wie mit einem Ehemann, was Baerin zum Lachen brachte, die ebenfalls hier war, um eine Tochter zu besuchen. Sie bemerkte daraufhin, daß dies eine gute Möglichkeit wäre, eine Dachherrin dazu zu bringen, den Fehdehandschuh zu werfen. Baerin war vor ihrer Heirat eine Tochter des Speers gewesen, aber jedermann konnte jedem anderen außer einer Weisen Frau und einem Hufschmied den Krieg erklären. Bevor Mera noch zu Ende gesprochen hatte, stimmten ihr alle außer dem Gai'shain zu und überstimmten damit die arme Estair — der Car'a'carn war ein Häuptling unter Häuptlingen und nicht mehr; soviel war sicher. Man war sich aber auch uneins, ob es besser sei, sich einem Häuptling direkt oder durch seine Dachherrin zu nähern.
Egwene hörte kaum zu. Rand würde sicher nichts Törichtes tun. Er hatte in bezug auf Elaidas Brief starke Zweifel gehegt, doch glaubte er Alviarins Brief, der nicht nur herzlicher, sondern regelrecht schmeichlerisch war. Er glaubte, in der Burg Freunde und sogar Gefolgsleute zu haben. Sie glaubte das nicht. Drei Schwüre oder nicht — sie war davon überzeugt, daß sich Elaida und Alviarin diesen zweiten Brief mit dem ganzen lächerlichen Gerede von ›in seinem strahlenden Glanz knien‹ zusammen ausgedacht hatten. Das war eine List, um ihn in die Burg zu bekommen.
Egwene betrachtete kummervoll ihre Hände, seufzte und stellte ihren Becher ab. Er wurde von dem Gai'shain aufgehoben, bevor sie ihre Hand ganz fortgenommen hatte.
»Ich muß gehen«, sagte sie zu den beiden Lehrlingen. »Mir ist eingefallen, daß mir noch etwas zu tun bleibt.« Surandha und Estair machten viel Aufhebens darum, daß sie mit ihr gehen wollten — nun, mehr als Aufhebens; wenn Aiel etwas bekundeten, dann meinten sie es auch —, aber sie wurden durch ihr Gespräch aufgehalten und widersprachen daher nicht, als Egwene darauf bestand, daß sie bleiben sollten. Sie wickelte sich den Schal wieder um den Kopf und ließ die lauter werdenden Stimmen hinter sich zurück — Mera erklärte Estair sehr bestimmt, daß sie zwar letztendlich eine Weise Frau werden könnte, bis dahin aber auf eine Frau hören sollte, die ohne die Hilfe einer Schwester-Frau einen Ehemann versorgt und drei Töchter und zwei Söhne großgezogen hatte — und tauchte wieder in den windverwehten Staub.