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In der Stadt versuchte sie, durch die bevölkerten Straßen zu schleichen, ohne den Eindruck zu erwecken, daß sie schlich, und bemühte sich zudem, überallhin zu blicken, während sie nur auf ihren Weg zu achten schien. Die Möglichkeit, Nesune über den Weg zu laufen, war gering, aber... Vor ihr traten zwei Frauen in schlichten Kleidern mit sauberen Schürzen beiseite, um aneinander vorbeizugelangen, aber beide bewegten sich in die gleiche Richtung, so daß sie mit den Nasen aneinandergerieten. Sie murmelten Entschuldigungen und traten erneut zur Seite. In dieselbe Richtung. Weitere Entschuldigungen, und wie im Tanz gerieten sie erneut aneinander. Als Egwene an ihnen vorüberging, traten sie noch immer in vollkommenem Einklang von einer Seite zur anderen, während sich ihre Gesichter zu röten begannen und ihre Entschuldigungen hinter zusammengepreßten Lippen verschluckt wurden. Sie wußte nicht, wie lange das noch weitergehen sollte. Es war hilfreich, sich daran zu erinnern, daß Rand in der Stadt war. Licht, wenn er in der Nähe war, wäre es durchaus möglich, daß sie allen sechs Aes Sedai auf einmal in dem Moment begegnen würde, wenn der Wind ihr den Schal vom Kopf riß und drei Leute ihren Namen riefen und sie eine Aes Sedai nannten. Wenn er in der Nähe war, wäre es durchaus möglich, daß sie Elaida in die Arme lief.

Sie eilte weiter, während ihre Furcht davor, in eine seiner Wirtshausstreitigkeiten verwickelt zu werden, zunahm und sie sich besorgt umsah. Glücklicherweise veranlaßte eine von Unruhe ergriffene Aiel mit verhülltem Gesicht — was wußten sie schon von dem Unterschied zwischen einem Schal und einem Schleier? —die Leute dazu, ihr aus dem Weg zu gehen, was ihr die Möglichkeit verschaffte, schnell voranzukommen, aber sie atmete erst beruhigt durch, als sie durch einen schmalen Dienstboteneingang auf der Rückseite in den Sonnenpalast gelangt war.

Durchdringender Küchengeruch hing in dem schmalen Gang, und livrierte Männer und Frauen eilten hin und her. Andere, die sich mit Hemdsärmeln oder flatternden Schürzen Luft zufächelten, sahen sie erstaunt an. Wahrscheinlich kam niemand außer den Dienern den Küchen jemals so nahe. Sicherlich keine Aiel. Sie sahen sie an, als erwarteten sie, daß sie einen Speer unter ihren Röcken hervorziehen würde.

Sie deutete auf einen kleinen, rundlichen Mann, der sich mit einem Taschentuch den Nacken abwischte. »Wißt Ihr, wo sich Rand al'Thor befindet?«

Er erschrak und sah seinen schnell enteilenden Begleitern augenrollend nach, denn er wäre ihnen gern gefolgt. »Der Lord Drache, hm ... Herrin? In seinen Räumen? Vermutlich.« Er trat zur Seite und verbeugte sich. »Wenn die Herrin ... hm ... wenn Ihr verzeiht, ich muß zurück zu meinen...«

»Ihr werdet mich hinbringen«, sagte sie fest. Sie würde dieses Mal nicht umherirren.

Ein letzter augenrollender Blick, ein schnell unterdrücktes Seufzen, ein eiliger, erschreckter Blick, um festzustellen, ob er gegen etwas verstoßen hatte, und er hastete davon, um seinen Umhang zu holen. Er war im Gewirr der Palastgänge sehr brauchbar, wie er so dahineilte und ihr bei jeder Kehre mit einer Verbeugung den Weg wies, aber als er schließlich mit einer weiteren Verbeugung auf hohe, mit vergoldeten aufgehenden Sonnen versehene und von einer Tochter des Speers und einem Aielmann bewachte Türen zeigte, verspürte sie plötzlich Verachtung, als sie ihn entließ. Sie konnte nicht verstehen warum. Er tat nur das, wofür er bezahlt wurde.

Der Aielmann stand auf, als sie näher kam, ein sehr großer Mann mittleren Alters mit breiter Brust und breiten Schultern und kalten grauen Augen. Egwene kannte ihn nicht, und er wollte sie eindeutig abweisen. Glücklicherweise kannte sie die Tochter des Speers.

»Laß sie eintreten, Marie«, sagte Somara grinsend. »Dies ist Amys' und Bairs und Melaines Lehrling, der einzige Lehrling, den ich kenne, die drei Weisen Frauen dient. Ihrem Aussehen nach zu urteilen, haben sie sie eiligst mit einer gewichtigen Nachricht zu Rand al'Thor geschickt.«

»Eiligst?« Maries Kichern ließ weder sein Gesicht noch seine Augen freundlicher wirken. »Anscheinend eher im Kriechgang.« Er bezog wieder Posten.

Egwene mußte nicht fragen, was er meinte. Sie zog ein Taschentuch aus ihrer Gürteltasche und wischte sich hastig übers Gesicht. Niemand konnte einen ernst nehmen, wenn man staubig war, und Rand mußte zuhören. »Aber es geht wirklich um eine wichtige Nachricht, Somara. Ich hoffe, er ist allein. Die Aes Sedai sind noch nicht gekommen?« Das Taschentuch war grau geworden, und sie steckte es seufzend wieder ein.

Somara schüttelte den Kopf. »Es dauert noch einige Zeit, bis sie kommen sollen. Werdet Ihr ihm sagen, daß er vorsichtig sein soll? Ich will gegenüber Euren Schwestern nicht respektlos sein, aber er wird nicht achtgeben. Er ist eigensinnig.«

»Ich werde es ihm sagen.« Egwene konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. Sie hatte Somara schon früher so reden hören — mit der Art übertriebenem Stolz, den eine Mutter vielleicht für einen zu abenteuerlustigen zehnjährigen Jungen empfand — und auch einige andere Töchter des Speers. Es mußte eine Art Aielscherz sein, und obwohl sie ihn nicht verstand, war ihr doch alles recht, was ihn davon abhielt, zu übermütig zu werden. »Ich werde ihm auch sagen, daß er sich die Ohren waschen soll.« Somara nickte sogar noch, bevor sie sich wieder fing. Egwene atmete tief durch. »Somara, meine Schwestern brauchen nicht zu erfahren, daß ich hier bin.« Marie sah sie neugierig an, wenn er nicht gerade jeden Diener beobachtete, der den Gang betrat. Sie mußte vorsichtig sein. »Wir stehen uns nicht nahe, Somara. Man könnte in Wahrheit sagen, daß wir soweit auseinander sind, wie Schwestern nur sein können.«

»Die schlechteste Beziehung herrscht zwischen Erst-Schwestern«, sagte Somara nickend. »Geht hinein.

Sie werden Euren Namen nicht von mir hören, und wenn Marie plaudert, werde ich ihm einen Knoten in die Zunge binden.« Marie, der mindestens doppelt so groß und schwer wie Somara war, lächelte, ohne sie anzusehen.

Die Angewohnheit der Töchter des Speers, sie hineinzuschicken, ohne sie anzumelden, hatte sie in der Vergangenheit in Verlegenheit gebracht, aber dieses Mal saß Rand nicht in der Badewanne. Die Räume hatten offensichtlich dem König gehört, und der Vorraum war eher ein Miniatur-Thronsaal, natürlich nur im Vergleich zum eigentlichen Thronsaal. Die wogenden Strahlen einer goldenen Sonne, eine ganze Spanne im Durchmesser, die in den glatten Steinboden eingelassen waren, waren die einzigen sichtbaren Rundungen. Hohe Spiegel in schlichten Rahmen säumten die Wände unter breiten, geraden Goldstreifen, und der tiefe Sims war aus goldenen Dreiecken gefertigt, die sich wie Schuppen überlappten. Schwere, goldverzierte Stühle zu beiden Seiten der aufgehenden Sonne bildeten sich gegenüberliegende Linien, die so starr wie ihre hohen Rückenlehnen wirkten. Rand saß auf einem vergoldeten Stuhl, dessen Rückenlehne doppelt so hoch war und der auf einem kleinen Podest stand, das ebenfalls goldverziert war. Er saß in einem goldbestickten Seidenumhang da, hielt die geschnitzte Seanchan-Speerspitze in der Armbeuge und runzelte finster die Stirn. Er wirkte wie ein König, genauer gesagt, wie ein König, der einen Mord zu begehen gedenkt.

Sie stemmte die Fäuste in die Hüften. »Somara sagt, du solltest dir die Ohren waschen, junger Mann«, sagte sie, und sein Kopf fuhr hoch.

Überraschung und eine Spur von Zorn wichen schnell. Er trat grinsend vom Podest herab und warf die Speerspitze auf den Sessel. »Was, unter dem Licht, hast du getan?« Er durchschritt den Raum, nahm sie bei den Schultern und wandte ihr Gesicht dem nächstgelegenen Spiegel zu.