Eine der Türen öffnete sich gerade weit genug, um Somara in den Raum einzulassen, die sie dann schnell wieder hinter sich schloß. »Die Aes Sedai sind hier, Car'a'carn.«
Rand wandte den Kopf mit versteinertem Gesicht zur Tür. »Sie sollten erst...! Sie wollen mich sicher unvorbereitet antreffen. Sie werden lernen müssen, wer hier die Regeln aufstellt.«
In diesem Moment kümmerte es Egwene nicht, ob sie ihn in einem ungünstigen Augenblick erwischen wollten. Alle Gedanken an Berelain schwanden.
Somara vollführte eine kleine, an Mitleid erinnernde Geste. Sie kümmerte es ebenfalls nicht. Rand konnte die Aes Sedai daran hindern, Egwene zu ergreifen, wenn sie ihn darum bäte. Sie mußte von jetzt an nur in seiner Nähe bleiben, damit sie sie nicht abschirmen und sie, sobald sie sich auf der Straße blicken ließ, fortdrängen konnten. Sie mußte nur darum bitten, sich unter seinen Schutz stellen zu dürfen. Die Wahl zwischen dieser Entscheidung und der Möglichkeit, in einem Sack in die Burg zurückbefördert zu werden, war so unerfreulich, daß ihr Magen schmerzte. Einerseits würde sie niemals eine Aes Sedai werden, wenn sie sich hinter ihm versteckte, und andererseits ließ sie der Gedanke daran, sich überhaupt runter jemandem zu verstecken, die Zähne zusammenbeißen. Aber sie waren hier, unmittelbar vor der Tür, und innerhalb einer Stunde könnte sie vielleicht in jenem Sack stecken, oder doch so gut wie. Sie atmete tief durch, konnte ihre Nerven aber nicht beruhigen.
»Rand, gibt es noch einen anderen Ausgang? Wenn nicht, werde ich mich in einem der anderen Räume verstecken. Sie dürfen nicht wissen, daß ich hier bin. Rand? Rand! Hörst du mir zu?«
Er sprach, aber bestimmt nicht mit ihr. »Du bist da«, flüsterte er heiser. »Es wäre ein zu großer Zufall, wenn du jetzt daran dächtest.« Er blickte zornig und vielleicht auch ängstlich ins Leere. »Verdammt, antworte mir! Ich weiß, daß du da bist!«
Egwene leckte sich die Lippen, bevor sie es verhindern konnte. Somara sah ihn zwar mit einem Blick an, den man als liebevolle mütterliche Besorgnis hätte beschreiben können, aber Egwenes Magen stülpte sich langsam um. Er konnte doch nicht so plötzlich verrückt geworden sein. Das konnte nicht geschehen sein. Aber er hatte anscheinend irgendeiner verborgenen Stimme gelauscht und dann vielleicht auch zu ihr gesprochen.
Sie erinnerte sich nicht, den Zwischenraum überbrückt zu haben, aber ihre Hand lag plötzlich auf seiner Stirn, Nynaeve sagte immer, man solle zuerst überprüfen, ob jemand Fieber habe, obwohl das kaum etwas nützen würde... Wenn sie nur mehr als nur einen Bruchteil vom Heilen verstünde. Aber das würde auch nichts nützen. Nicht wenn er... »Rand, bist du...? Geht es dir gut?«
Er kam zu sich, wich vor ihrer Hand zurück und sah sie mißtrauisch an. Im nächsten Moment sprang er auf, ergriff ihren Arm und zog sie so schnell durch den Raum, daß sie bei dem Versuch, ihm zu folgen, fast über ihre Röcke gestolpert wäre. »Bleib genau dort stehen«, befahl er barsch, platzierte sie neben dem Podest und ging zurück.
Sie rieb sich so heftig den Arm, daß es ihm nicht entgehen konnte, und wollte ihm folgen. Männer erkannten niemals, wie stark sie waren. Selbst Gawyn erkannte es nicht immer, obwohl es ihr bei ihm wirklich nichts ausmachte. »Was glaubst du...«
»Rühr dich nicht!« In angewidertem Tonfall fügte er hinzu: »Verdammt sei er, es scheint Wellen zu schlagen, wenn du dich bewegst. Ich werde es am Boden befestigen, damit du nicht aufspringen kannst. Ich weiß nicht, wie groß ich es gestalten kann, und jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, es herauszufinden.« Somaras Mund stand offen, aber sie schloß ihn hastig wieder.
Was wollte er am Boden befestigen? Worüber redete er...? Sie verstand so plötzlich, daß sie sich zu fragen vergaß, wer dieser ›er‹ war. Rand hatte Saidin um sie herumgewoben. Ihre Augen weiteten sich. Sie atmete zu schnell, aber sie konnte nicht damit aufhören. Wie nahe war es? Ihre Vernunft sagte ihr, daß der Makel aus nichts heraussickern könnte, was immer er durch das Lenken der Macht bewerkstelligen würde. Er hatte sie schon früher mit Saidin berührt, aber der Gedanke daran machte es allenfalls noch schlimmer. Sie zog unbewußt die Schultern zusammen und hielt ihre Röcke dicht vor sich.
»Was...? Was hast du getan?« Sie war sehr stolz auf ihre Stimme, die vielleicht ein wenig unsicher war, aber keinesfalls dem Schreien ähnelte, nach dem ihr zumute war.
»Schau in den Spiegel dort«, sagte er und lachte laut auf.
Sie gehorchte mürrisch — und keuchte. Dort in dem Spiegel sah sie den goldverzierten Stuhl auf dem Podest. Und ein Teil des restlichen Raumes. Aber nicht sie. »Ich bin ... unsichtbar«, hauchte sie. Einmal hatte Moiraine sie alle hinter einem Schirm aus Saidar verborgen, aber wie hatte er es gelernt?
»Das ist viel besser, als sich unter meinem Bett zu verstecken«, höhnte er. Als hätte sie daran jemals gedacht! »Ich möchte, daß du erkennst, wie ehrerbietig ich sein kann. Und außerdem«, sagte er mit jetzt ernsterer Stimme, »fällt dir vielleicht etwas auf, was mir entgeht. Vielleicht wärst du sogar bereit, es mir anschließend zu berichten.« Er sprang mit einem bellenden Lachen auf das Podest, hob die mit Quasten versehene Speerspitze auf und nahm seinen Platz ein. »Schickt sie herein, Somara. Die Abordnung der Weißen Burg soll sich dem Wiedergeborenen Drachen nähern.« Sein verzerrtes Lächeln ließ Egwene sich fast genauso unbehaglich fühlen wie die Nähe des verwobenen Saidin. Wie nahe war das verdammte Zeug?
Somara verschwand, und nach kurzer Zeit öffneten sich die Türen weit.
Eine rundliche, stattliche Frau, die nur Coiren sein konnte, ging der Gruppe voraus, in ein dunkelblaues Gewand gekleidet, gefolgt von Nesune in einem einfachen braunen Wollgewand und einer Aes Sedai mit rabenschwarzem Haar und in einem grünen Seidengewand, eine hübsche, rundgesichtige Frau mit einem prallen, fordernden Mund. Egwene wünschte, die Aes Sedai würden immer die Farben ihrer Ajah tragen — Weiße taten dies zumindest —, denn sie glaubte nicht, daß diese Frau, was immer sie war, eine Grüne war — nicht bei den harten Blicken, die sie Rand von ihrem ersten Schritt in den Raum an zuwarf. Kalte Gelassenheit konnte ihre Verachtung kaum verbergen — vielleicht nur jemandem gegenüber, der nicht an Aes Sedai gewöhnt war. Würde Rand es bemerken? Vielleicht nicht. Er konzentrierte sich anscheinend auf Coiren, deren Miene vollkommen unlesbar war. Nesune registrierte natürlich alles, richtete ihre vogelähnlichen Augen blitzschnell hierhin und dorthin.
Egwene war in diesem Moment sehr froh über den Umhang, den er für sie gewoben hatte. Sie wollte sich gerade mit dem Taschentuch, das sie noch immer in der Hand hielt, das Gesicht abtupfen und erstarrte dann. Er hatte gesagt, er würde es am Boden befestigen. Hatte er es getan? Licht, sie könnte plötzlich ungeschützt dastehen. Aber Nesunes Blick glitt über sie hinweg, ohne innezuhalten. Schweiß lief Egwenes Gesicht hinab. Er floß in Strömen. Verdammt sei der Mann! Sie wäre vollkommen damit zufrieden gewesen, sich unter seinem Bett zu verstecken.
Hinter den Aes Sedai betraten ein volles Dutzend weitere Frauen den Raum, die mit einfachen, rauhen Leinenstaubmänteln bekleidet waren. Die meisten waren stämmig und mühten sich mit dem Gewicht zweier durchaus nicht kleiner Kisten, deren polierte Messingbeschläge mit der Flamme von Tar Valon versehen waren. Die Dienerinnen stellten die Kisten mit hörbaren Seufzern der Erleichterung ab, bearbeiteten verstohlen ihre Arme und streckten die Rücken, während die Türen hinter ihnen zufielen und Coiren und die anderen beiden Aes Sedai in vollkommenem Gleichklang in einen, wenn auch nicht sehr riefen, Hofknicks versanken.