Rand hatte sich aus seinem Stuhl erhoben, noch bevor sie sich wieder aufrichteten. Das Leuchten Saidars umgab alle drei Aes Sedai. Sie hatten sich miteinander verbunden. Egwene versuchte sich einzuprägen, was sie davon bemerkt hatte, wie sie es getan hatten. Trotz des Leuchtens erschütterte nichts ihre äußere Ruhe, als Rand an ihnen vorbei auf die Dienerinnen zuging und nacheinander ihre Gesichter betrachtete.
Was wollte er...? Natürlich, er wollte sich versichern, daß keine von ihnen das alterslose Gesicht einer Aes Sedai hatte. Egwene schüttelte den Kopf und erstarrte dann erneut. Er war ein Narr, wenn er glaubte, daß das genügte. Die meisten besaßen ein zu hohes Alter — sie waren, nach gewöhnlichen Maßstäben, nicht alle alt, aber man konnte ihnen ein Alter zuweisen —, aber zwei der Dienerinnen waren jung genug, daß sie erst seit kurzem Aes Sedai sein könnten. Sie waren es nicht —Egwene konnte das Talent nur bei den drei Aes Sedai spüren, und sie war ihnen ausreichend nahe —, aber das konnte er sicherlich nicht allein durch Augenschein feststellen.
Er berührte das Kinn einer stämmigen jungen Frau und sah ihr lächelnd in die Augen. »Habt keine Angst«, sagte er sanft. Sie schwankte, als wollte sie in Ohnmacht fallen. Rand wandte sich seufzend auf dem Absatz um. Er sah die Aes Sedai nicht an, während er erneut an ihnen vorüberging. »Ihr werdet in meiner Gegenwart nicht die Macht lenken«, sagte er fest. »Laßt sie fahren.« Ein nachdenklicher Ausdruck überzog kurzzeitig Nesunes Gesicht, aber die beiden anderen beobachteten ruhig, wie Rand seinen Platz wieder einnahm. Er rieb sich den Arm — Egwene war dabeigewesen, als er dieses Kribbeln zum ersten Mal verspürt hatte — und sprach dann mit härterer Stimme weiter. »Ich sagte, Ihr werdet in meiner Gegenwart nicht die Macht lenken — oder Saidar auch nur aufnehmen.«
Egwene betete einen langen Moment still. Was würde er tun, wenn sie die Quelle weiterhin berührten? Versuchen, sie davon zu trennen? Eine Frau von Saidar zu trennen, wenn sie es erst berührt hatte, war weitaus schwerer, als sie vorher davon abzuschirmen. Sie war nicht sicher, ob er mit drei Frauen fertig würde, die fest miteinander verbunden waren. Schlimmer noch — was würden sie tun, wenn er überhaupt etwas versuchte? Das Leuchten verschwand, und sie konnte nur mühsam einen Seufzer der Erleichterung unterdrücken. Was auch immer er getan hatte, machte sie zwar unsichtbar, aber offensichtlich nicht unhörbar.
»Schon viel besser.« Rands Lächeln schloß sie alle ein, erreichte aber nicht seine Augen. »Wir sollten noch einmal beginnen. Ihr seid ehrenwerte Gäste, die gerade erst eingetreten sind.«
Sie verstanden natürlich. Rand war keiner Vermutung gefolgt. Coiren spannte sich leicht an, und die Augen der Frau mit dem rabenschwarzen Haar weiteten sich jetzt. Nesune nickte nur vor sich hin und merkte sich auch dies. Egwene hoffte verzweifelt daß er Vorsicht walten lassen würde. Nesune würde nichts entgehen.
Coiren sammelte sich sichtbar mühsam, glättete ihr Gewand und hätte beinahe den Schal gerichtet, den sie gar nicht trug. »Ich habe die Ehre«, verkündete sie klangvoll, »Coiren Saeldain Aes Sedai zu sein, Botschafterin der Weißen Burg und Abgesandte von Elaida do Avriny a'Roihan, der Wächterin des Siegels, der Flamme von Tar Valon und des Amyrlinsitzes.« Eine etwas weniger überladene Vorstellung, wenn auch mit den vollen Ehrentiteln der Aes Sedai, erfolgte von den anderen beiden. Die Frau mit den harten Augen war Galina Casban.
»Ich bin Rand al'Thor.« Die Einfachheit seiner Vorstellung bildete einen starken Kontrast dazu. Sie hatten den Wiedergeborenen Drachen nicht erwähnt, und er erwähnte ihn auch nicht, aber daß er den Titel ausließ, schien zu bewirken, daß er leise geflüstert im Raum umherschwebte.
Coiren atmete tief durch und hob den Kopf, als hörte sie das Flüstern. »Wir überbringen dem Wiedergeborenen Drachen eine huldvolle Einladung. Der Amyrlinsitz ist sich vollkommen bewußt, daß Zeichen gesetzt und Prophezeiungen erfüllt wurden, die...« Ihre tiefe, volltönende Stimme gelangte schnell zu dem Punkt, daß Rand sie »in aller ihm zustehenden Ehre« zur Weißen Burg begleiten sollte und daß ihm Elaida, wenn er die Einladung annahm, nicht nur den Schutz der Burg gewähren würde, sondern daß er auch ihr Ansehen und ihren Einfluß hinter sich wissen würde. Weitere blumige Worte entströmten ihrem Mund, bis sie endete. »...und als Zeichen dafür sendet der Amyrlinsitz dieses bescheidene Geschenk.«
Sie wandte sich den Kisten zu, hob den Kopf und zögerte dann mit leicht verzerrtem Gesicht. Sie mußte zweimal ein Zeichen geben, bevor die Dienerinnen verstanden und die messingbeschlagenen Deckel öffneten. Anscheinend hatten sie sie mit Saidar aufspringen lassen wollen. Die Kisten waren mit Lederbeuteln gefüllt. Eine weitere, schärfere Geste, und die Dienerinnen banden die Beutel auf.
Egwene schluckte schwer. Kein Wunder, daß die Frauen Mühe gehabt hatten! Aus den geöffneten Beuteln ergossen sich Goldmünzen aller Größen, funkelnde Ringe, glitzernde Halsketten und ungefaßte Edelsteine. Selbst wenn sich darunter auch wertloses Zeug befand, war dies schon ein Vermögen.
Rand lehnte sich auf seinem thronähnlichen Sessel zurück und betrachtete die Kisten lächelnd. Die Aes Sedai beobachteten ihn mit gelassenen Gesichtern, und doch glaubte Egwene in Coirens Augen eine Andeutung von Zufriedenheit und um Galinas Lippen etwas stärkere Verachtung zu erkennen. Nesune ... Nesune bedeutete die wahre Gefahr.
Die Deckel schlugen jäh zu, ohne daß eine Hand sie berührt hätte, und die Dienerinnen sprangen zurück, ohne ihre erschreckten Schreie zu dämpfen. Die Aes Sedai erstarrten, und Egwene betete inbrünstig. Sie wollte, daß er sich hochmütig und ein wenig anmaßend zeigte, aber nur so weit, daß sie aufmerksam blieben, nicht daß sie zu dem Beschluß genötigt wurden, ihn augenblicklich zähmen zu wollen.
Plötzlich erkannte sie, daß er bisher mitnichten ein Verhalten an den Tag gelegt hatte, das an die ›Bescheidenheit einer Maus‹ erinnerte. Er hatte niemals die Absicht gehabt. Rand hatte mit ihr gespielt! Hätte sie nicht zu große Angst gehabt, daß ihre Knie ihr nicht gehorchen würden, wäre sie hinübergegangen und hätte ihn geohrfeigt.
»Eine große Menge Gold«, sagte Rand. Er schien entspannt, und sein Lächeln nahm jetzt sein ganzes Gesicht ein. »Das kann ich immer gebrauchen.« Egwene blinzelte. Er klang fast habgierig!
Coiren erwiderte sein Lächeln und bot jetzt entschieden ein Bild gesetzter Selbstzufriedenheit. »Der Amyrlinsitz ist natürlich in höchstem Maße großzügig. Wenn Ihr die Weiße Burg erreicht habt...«
»Wenn ich dorthin gehe«, unterbrach Rand sie, als dächte er laut. »Ja, ich freue mich auf den Tag, an dem ich in der Burg sein werde.« Er beugte sich vor, die Ellbogen auf die Knie gestützt und das Drachenszepter in der Hand. »Es wird allerdings noch eine Weile dauern. Ich muß zunächst noch hier in Andor und anderswo Verpflichtungen erfüllen.«
Coiren preßte kurzzeitig die Lippen zusammen, aber ihre Stimme blieb genauso glatt und geschmeidig wie zuvor. »Wir haben sicherlich keine Einwände dagegen, einige Tage zu rasten, bevor wir die Rückreise nach Tar Valon antreten. Darf ich in der Zwischenzeit vorschlagen, daß eine von uns verfügbar bleibt, um Euch zu beraten, wenn Ihr Rat benötigt? Wir haben natürlich von Moiraines unglückseligem Ableben gehört. Ich kann nicht selbst bleiben, aber Nesune oder Galina würden es nur zu gern tun.«
Rand betrachtete die beiden Genannten stirnrunzelnd, und Egwene hielt den Atem an. Er schien erneut etwas zuzuhören oder auf etwas zu lauschen. Nesune betrachtete ihn als Reaktion genauso offen wie er sie. Galinas Finger strichen unbewußt ihre Röcke glatt.
»Nein«, sagte er schließlich und setzte sich zurück, die Hände auf die Armlehnen gestützt. Der Sessel wirkte dadurch mehr denn je wie ein Thron. »Es ist vielleicht nicht sicher. Ich möchte nicht, daß eine von Euch versehentlich einen Speer in die Rippen bekommt.« Coiren öffnete den Mund, aber er fuhr fort. »Um Eurer eigenen Sicherheit willen sollte keine von Euch ohne Erlaubnis näher als eine Meile an mich herankommen. Am besten bleibt Ihr, ohne anderweitige Erlaubnis, auch ebenso weit vom Palast entfernt. Ihr werdet es erfahren, wenn ich bereit bin, mit Euch zu gehen. Das verspreche ich.« Er erhob sich unvermittelt. Er stand so hoch aufragend auf dem Podest, daß die Aes Sedai den Hals recken mußten, und es war offensichtlich, daß ihnen dies genauso wenig gefiel wie seine Einschränkungen. Drei Versteinerte starrten zu ihm hoch. »Ihr könnt jetzt in Euer Quartier zurückkehren. Je schneller ich mich um gewisse Dinge kümmern kann, desto eher kann ich zur Burg ziehen. Ich werde Euch benachrichtigen, wann ich Euch wieder treffen kann.«