Sie waren über diese plötzliche Entlassung nicht erfreut. Aes Sedai bestimmten, wann eine Audienz beendet war, und doch konnten sie jetzt kaum etwas anderes tun als einen knappen Hofknicks zu vollführen, wobei ihre Verärgerung fast durch ihre zur Schau gestellten Gelassenheit hindurchbrach.
Als sie sich zum Gehen wandten, sprach Rand wie beiläufig erneut. »Ich vergaß zu fragen, wie es Alviarin geht.«
»Es geht ihr gut.« Galinas Mund blieb einen Moment offenstehen, und ihre Augen weiteten sich. Sie schien darüber erschrocken zu sein, daß sie gesprochen hatte.
Coiren zögerte, ob sie die Gelegenheit ergreifen und noch mehr sagen sollte, aber Rand wartete bereits ungeduldig. Als sie fort waren, trat er von dem Podest herab, wog die Speerspitze in der Hand und betrachtete die Türen, die sich hinter den Aes Sedai geschlossen hatten.
Egwene trat sofort zu ihm. »Welches Spiel spielst du, Rand al'Thor?« Sie hatte bereits ein halbes Dutzend Schritte zurückgelegt, bevor sie durch einen Blick auf ihr Spiegelbild in den Spiegeln erkannte, daß sie geradewegs durch sein Saidin-Gewebe hindurchgeschritten war. Zumindest hatte sie es nicht bemerkt, als es sie berührte. »Nun?«
»Galina gehört zu Alviarin«, sagte er nachdenklich. »Sie ist eine von Alviarins Freundinnen. Darauf könnte ich wetten.«
Sie stellte sich vor ihn hin. »Und du würdest dein Geld verlieren. Galina ist eine Rote, oder ich habe noch niemals zuvor eine Rote gesehen.«
»Weil sie mich nicht mag?« Jetzt sah er sie an, und sie wünschte fast, er würde es nicht tun. »Weil sie Angst vor mir hat?« Er verzog weder das Gesicht noch funkelte er sie an, noch wirkte sein Gesicht besonders hart, und doch schien sein Blick Dinge auszudrücken, von denen sie nichts wußte. Sie haßte das. Dann lächelte er so plötzlich, daß sie blinzeln mußte. »Egwene, erwartest du von mir zu glauben, daß du einer Frau ihre Ajah am Gesicht ansehen könntest?«
»Nein, aber... «
»Wie dem auch sei, sogar Rote werden mir letztendlich vielleicht folgen. Sie kennen die Prophezeiungen genauso gut wie jeder andere. ›Die makellose Burg zerbricht und beugt sich dem vergessenen Zeichen.‹ Davor wurde eine weiße Burg beschrieben, und was sonst könnte ›die makellose Burg‹ sein? Und das vergessene Zeichen? Mein Banner, Egwene, mit dem uralten Symbol der Aes Sedai.«
»Verdammt sollst du sein, Rand al'Thor!« Der Fluch drang unbeholfener hervor, als sie es sich gewünscht hätte. Sie war nicht daran gewöhnt, solche Dinge zu äußern. »Das Licht soll dich verbrennen! Du kannst doch nicht wirklich daran denken, mit ihnen zu gehen. Das kannst du nicht tun!«
Er lächelte belustigt. Belustigt! »Habe ich nicht getan, was du wolltest? Was du mir geraten hast und was du wolltest?«
Sie preßte empört die Lippen zusammen. Es war schon schlimm genug, daß er es wußte, aber es ihr auch noch ins Gesicht zu sagen, war sehr taktlos. »Rand, bitte hör mir zu. Elaida...«
»Die Frage ist jetzt, wie wir dich zu den Zelten zurückbringen können, ohne daß sie erfahren, daß du hier warst. Sie haben vermutlich Augen-und-Ohren im Palast.«
»Rand, du mußt...!«
»Wie wäre es, wenn du in einen jener großen Wäschekörbe stiegst? Ich kann ihn von zwei Töchtern des Speers tragen lassen.«
Sie hätte beinahe ergeben die Hände gehoben. Er war genauso bestrebt, sie loszuwerden, wie er die Aes Sedai hatte loswerden wollen. »Meine eigenen Füße werden durchaus genügen, vielen Dank.« Ein Wäschekorb, also wirklich! »Ich brauchte mir keine Sorgen mehr zu machen, wenn du mir sagen würdest, wie du von Caemlyn hierhergelangst, wann immer du willst.« Sie verstand nicht, warum die Frage verletzen sollte, und doch tat sie es. »Ich weiß, daß du es mich nicht lehren kannst, aber wenn du mir sagtest, wie, könnte ich vielleicht herausfinden, wie man es mit Saidar tun könnte.«
Anstatt des Scherzes auf ihre Kosten, den sie halbwegs erwartet hatte, nahm er die Enden ihres Schals in beide Hände. »Das Muster«, sagte er. »Caemlyn«, ein Finger auf seiner Linken hielt den Stoff auf, »und Cairhien.« Ein Finger der anderen Hand schuf ebenfalls eine Öffnung, und er führte die beiden Öffnungen zusammen. »Ich habe das Muster gebeugt und eine Öffnung von einem zum anderen geschaffen. Ich weiß nicht, wo hindurch ich gebohrt habe, aber es existiert kein Zwischenraum zwischen einem Ende der Öffnung und dem anderen.« Er ließ ihren Schal los. »Hilft dir das?«
Sie kaute auf ihren Lippen und betrachtete stirnrunzelnd und verärgert den Schal. Es half ihr überhaupt nicht. Allein der Gedanke daran, eine Öffnung in das Muster zu zwingen, verursachte ihr Übelkeit. Sie hatte gehofft, es wäre etwas wie das, was sie in bezug auf Tel'aran'rhiod herausgefunden hatte. Es war natürlich nicht so, daß sie es jemals benutzen wollte, aber sie hatte all jene Zeit zur Verfügung gehabt, und die Weisen Frauen nörgelten ständig über die Aes Sedai und fragten, wie man körperlich in die Welt der Träume eintrat. Sie dachte, man könnte es nur dadurch erreichen, daß man eine Ähnlichkeit zwischen der wirklichen Welt und ihrer Reflexion in der Welt der Träume schuf — der Begriff Ähnlichkeit schien die einzige Möglichkeit, es zu beschreiben. Dadurch sollte ein Ort geschaffen werden, an dem man einfach überwechseln könnte. Wenn Rands Methode zu reisen auch nur annähernd ähnlich gewesen wäre, hätte sie es gern versucht, aber so ... Saidar tat, was man wollte, solange man sich daran erinnerte, daß es unendlich viel stärker als man selbst war und sanft geführt werden mußte. Wenn man versuchte, das Falsche zu erzwingen, war man tot oder verbrannt, bevor man auch nur schreien konnte.
»Rand, bist du sicher, daß es keinen Sinn ergibt, Dinge auf die gleiche Art zu tun ... oder...?« Sie wußte nicht, wie sie es ausdrücken sollte, aber er hatte ohnehin bereits den Kopf geschüttelt, bevor sie abgebrochen hatte.
»Das klingt, als würde man das Gewebe des Musters ändern. Ich denke, es würde mich zerreißen, wenn ich es auch nur versuchte. Ich habe eine Öffnung gebohrt.« Er bohrte einen Finger in ihre Richtung, um es ihr zu verdeutlichen.
Nun, es hatte keinen Zweck, das weiterzuverfolgen. Sie rückte verärgert ihren Schal zurecht. »Rand, wegen dieser Meerleute. Ich weiß nicht mehr, als ich gelesen habe...« Sie wußte doch mehr darüber, aber sie würde es ihm noch immer nicht sagen, »Aber es muß etwas Wichtiges sein, wenn sie einen solch weiten Weg zurücklegen, um dich zu sehen.«
»Licht«, murmelte er abwesend, »du springst herum wie ein Tropfen Wasser auf einem heißen Backblech. Ich werde sie empfangen, wenn ich Zeit habe.« Er rieb sich einen Moment über die Stirn, und seine Augen schienen blind. Er blinzelte und sah sie dann wieder an. »Beabsichtigst du zu bleiben, bis sie zurückkommen?« Er wollte sie wirklich loswerden.
Sie hielt an der Tür inne, aber er durchschritt bereits den Raum, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, und sprach mit sich selbst. Leise, aber sie konnte einige Worte verstehen, »Wo verbirgst du dich, verdammter Kerl? Ich weiß, daß du da bist!«
Sie verließ schaudernd den Raum. Wenn er wirklich wahnsinnig wurde, konnte man es nicht ändern. Das Rad wob, wie das Rad es wünschte, und sein Gewebe mußte angenommen werden.