Als sie erkannte, daß sie die über den Gang eilenden Diener daraufhin betrachtete, ob sie vielleicht Aes Sedai-Spione sein könnten, blieb sie stehen. Das Rad wob, wie das Rad es wünschte. Sie nickte Somara zu, straffte die Schultern und bemühte sich, auf ihrem Weg zum nächstgelegenen Dienstboteneingang nicht zu rennen.
Es wurde nur wenig gesprochen, als Arilyns beste Kutsche vom Sonnenpalast fortschwankte, gefolgt von dem Wagen, der die Kisten beinhaltet hatte, und jetzt nur noch die Dienerinnen und den Kutscher beförderte. In der Kutsche legte Nesune nachdenklich die Finger an die Lippen. Ein beeindruckender junger Mann. Ein faszinierendes Studienobjekt. Ihr Fuß berührte eine der Musterkisten unter dem Sitz. Sie fuhr niemals irgendwohin, ohne die passenden Musterkisten dabeizuhaben. Man sollte denken, die Welt wäre schon vor langer Zeit aufgezeichnet worden, und doch hatte sie, seit sie Tar Valon verlassen hatten, schon fünfzig Pflanzen und zweimal so viele Insekten gesammelt, sowie die Knochen eines Fuchses, von drei Arten Lerchen und nicht weniger als fünf Arten Erdhörnchen, die, wie sie sicher wußte, nirgendwo verzeichnet waren.
»Ich wußte gar nicht, daß Ihr mit Alviarin befreundet seid«, sagte Coiren nach einer Weile.
Galina schnaubte. »Ich muß nicht mit ihr befreundet sein, um zu wissen, daß es ihr gutging, als wir aufbrachen.« Nesune fragte sich, ob sich die Frau bewußt war, daß sie schmollte. Vielleicht lag es nur an der Form der Lippen, aber man mußte mit seinem Gesicht zu leben lernen. »Glaubt Ihr, daß er es wahrhaftig wußte?« fuhr Galina fort. »Daß wir... Es ist unmöglich. Er kann es nur vermutet haben.«
Nesune spitzte die Ohren, obwohl sie sich weiterhin an die Lippen tippte. Das war eindeutig der Versuch, das Thema zu wechseln, und außerdem ein Zeichen dafür, daß Galina nervös war. Sie hatten alle so lange geschwiegen, weil niemand al'Thor erwähnen wollte, und doch schien kein anderes Thema möglich. Warum wollte Galina nicht über Alviarin sprechen? Die beiden waren sicherlich nicht befreundet. Es kam nur selten vor, daß eine Rote außerhalb ihrer Ajah Freunde hatte. Nesune wies der Frage im Geiste einen besonderen Platz zu.
»Wenn er es nur vermutet hätte, könnte er auf dem Jahrmarkt sein Vermögen machen.« Coiren war keine Närrin. Jenseits aller Vernunft hochtrabend, aber niemals eine Närrin. »Wie lächerlich es auch scheinen mag — wir müssen dennoch annehmen, daß er Saidar bei einer Frau spüren kann.«
»Das könnte sich als verhängnisvoll erweisen«, murmelte Galina. »Nein. Das kann nicht sein. Er kann es nur vermutet haben. Jeder Mann, der die Macht zu lenken vermag, sollte annehmen, daß wir Saidar willkommen heißen.«
Das Schmollen der Frau ärgerte Nesune. Diese ganze Reise ärgerte sie. Sie wäre glücklicher gewesen, sich dieser Aufgabe anzuschließen, wenn sie darum gebeten worden wäre, aber Jesse Bilal hatte sie nicht gebeten. Jesse hatte sie praktisch eigenhändig aufs Pferd gesetzt. Wie auch immer es in anderen Ajahs gehandhabt werden mochte — ein solches Verhalten wurde von der Vorsitzenden des Rates der Braunen nicht erwartet. Das Schlimmste war jedoch, daß Nesunes Begleiterinnen so auf den jungen Rand al'Thor ausgerichtet waren, daß sie allem anderen gegenüber blind geworden zu sein schienen.
»Habt Ihr irgendeine Ahnung, wer die Schwester war, die an unserem Gespräch teilhatte?« sann sie laut.
Vielleicht war es keine Schwester — drei Aielfrauen tauchten zufällig auf, als sie in die Königliche Bibliothek ging, und zwei davon konnten die Macht lenken —, aber sie wollte ihre Reaktionen sehen. Sie wurde nicht enttäuscht, oder, eher gesagt, sie wurde doch enttäuscht. Coiren setzte sich nur aufrechter hin, aber Galina starrte sie an. Es fiel Nesune schwer, nicht zu seufzen. Sie waren wirklich blind. Sie waren nur wenige Schritte von einer Frau entfernt gewesen, die die Macht lenken konnte, und sie hatten sie nicht gespürt, weil sie die Frau nicht sehen konnten.
»Ich weiß nicht, wie sie verborgen wurde«, fuhr Nesune fort, »aber es wird interessant sein, das herauszubekommen.« Es mußte sein Werk gewesen sein. Sie hätten jedes Saidar-Gewebe gesehen. Sie fragten nicht, ob sie sicher war. Sie wußten, daß sie eine Vermutung stets begründen konnte.
»Das ist die Bestätigung, daß Moiraine lebt.« Galina setzte sich mit grimmigem Lächeln zurück. »Wir werden vermutlich Beldeine darauf ansetzen, sie zu finden. Dann packen wir sie und sperren sie gefesselt im Kellergeschoß ein. In der Folge wird sie von al'Thor ferngehalten, und wir können sie mit ihm nach Tar Valon bringen. Ich bezweifle, daß er es auch nur bemerken wird, solange wir genügend Gold vor seiner Nase glitzern lassen.«
Coiren schüttelte nachdrücklich den Kopf. »Wir haben jetzt keine größere Bestätigung als zuvor, nicht was Moiraine betrifft. Vielleicht war es diese geheimnisvolle Grüne. Ich stimme zu, daß wir herausfinden müssen, wer sie ist, aber alles weitere müssen wir sorgfältig überdenken. Ich werde nicht alles aufs Spiel setzen, was wir so ausgiebig geplant haben. Wir müssen uns der Tatsache bewußt sein, daß al'Thor mit dieser Schwester verbunden ist — wer auch immer sie sein mag — und daß seine Bitte um Zeit vielleicht nur ein Vorwand ist. Glücklicherweise haben wir Zeit.« Galina nickte, wenn auch nur widerwillig. Sie würde eher heiraten und sich auf einem Bauernhof niederlassen, als ihre Plane zu gefährden.
Nesune gestattete sich ein leises Seufzen. Abgesehen von der Prahlerei war Coirens einziger wahrer Fehler, daß sie stets das Offensichtliche anführte. Sie hatte einen klaren Verstand, wenn sie ihn einmal benutzte. Und sie hatten wirklich Zeit. Ihr Fuß berührte erneut eine der Musterkisten. Wie auch immer sich die Ereignisse wenden würden — das Schriftstück, das sie al'Thor zu schicken gedachte, würde der Höhepunkt ihres Lebens werden.
28
Briefe
Lews Therin war tatsächlich da — Rand war sich dessen sicher —, aber kein Flüstern erklang in seinem Kopf, das nicht von ihm herrührte. Er versuchte, den Rest des Tages an andere Dinge zu denken, so nutzlos sie auch sein mochten. Berelain wurde mit jedem Mal, wenn er zu ihr hereinschaute, um sie etwas zu fragen, was sie sehr gut ohne ihn erledigen konnte, wütender. Er war sich nicht sicher, aber er glaubte, daß sie ihn zu meiden begann. Sogar Rhuarc wirkte ein wenig gehetzt, nachdem Rand ihn zum zehnten Mal wegen der Shaido in die Enge getrieben hatte. Die Shaido hatten sich nicht geregt, und die einzige Möglichkeit, die Rhuarc sah, war, sie in Brudermörders Dolch zu belassen oder sie zu enttarnen. Herid Fei war fortgegangen, was er häufig tat, wie Idrien schnell erklärte, und war nirgendwo zu finden. Wenn sich Fei in Gedanken verlor, verirrte er sich manchmal sogar in der Stadt. Rand schrie Idrien an. Feis Verhalten war nicht ihre Schuld, er unterstand nicht ihrer Verantwortung, aber Rand ließ sie dennoch bleich und zitternd zurück. Seine Stimmung wogte wie eine Folge von Unwettern, die vom Horizont heranrauschten. Er schrie auch Meilan und Maringil an, bis sie in ihren Stiefeln erzitterten, und ließ sie mit bläßlichen Gesichtern zurück, schüchterte Colavaere ein, bis sie verzweifelt weinte, und veranlaßte Anaiyella tatsächlich, mit bis zu den Knien gerafften Röcken davonzulaufen. Außerdem schrie er auch Amys und Sorilea an, als sie mit der Frage zu ihm kamen, was er den Aes Sedai geantwortet habe. Aus dem Ausdruck auf Sorileas Gesicht, als sie davonschritten, schloß er, daß ihr gegenüber vielleicht zum ersten Mal jemand die Stimme erhoben hatte. Es war das Wissen — das Wissen —, daß Lews Therin tatsächlich da war, mehr als nur eine Stimme, sondern ein Mann, der sich in seinem Kopf verborgen hielt.
Er hatte fast Angst einzuschlafen, als die Nacht kam, Angst, daß Lews Therin im Schlaf die Kontrolle übernehmen könnte. Und als er schlief, warfen ihn unruhige Träume hin und her und ließen ihn im Schlaf reden. Er wurde vom ersten schwachen Tageslicht, das durchs Fenster fiel, geweckt und fand sich in zerwühlten, schweißgetränkten Laken, mit brennenden Augen, einem sauren Geschmack im Mund und schmerzenden Beinen wieder. Die Träume, an die er sich erinnerte, hatten davon gehandelt, daß er vor etwas davongelaufen war, was er nicht sehen konnte. Er mühte sich aus dem großen Bett mit den vier Pfosten und wusch sich am goldverzierten Waschtisch. Als der Himmel draußen allmählich grau wurde, war der Gai'shain, der frisches Wasser bringen würde, noch nicht erschienen, aber das vorhandene Wasser genügte.