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Er hatte seine Rasur fast beendet, hielt die Rasierklinge an seiner Wange in der Schwebe und betrachtete sich im Spiegel. Laufen. Er war sicher, daß es die Verlorenen waren, vor denen er in jenen Träumen davongelaufen war, oder der Dunkle König oder Tarmon Gai'don oder vielleicht sogar Lews Therin. So von sich eingenommen. Natürlich träumte der Wiedergeborene Drache, vom Dunklen König verfolgt zu werden. Trotz all seiner Einwände, Rand al'Thor zu sein, schien es, als könnte er es genauso leicht vergessen wie jeder andere, Rand al'Thor war vor Elayne davongelaufen, vor seiner Angst davor, Elayne zu lieben, genau wie er aus Angst davor, Aviendha zu lieben, davongelaufen war.

Der Spiegel zersprang, Scherben fielen in die Porzellanwaschschüssel. Die im Rahmen verbliebenen Reste warfen ein bruchstückhaftes Bild seines Gesichts zurück.

Er ließ Saidin fahren, schabte vorsichtig die letzten Reste Seifenschaum von seinen Wangen und klappte die Rasierklinge bedächtig ein. Kein Davonlaufen mehr. Er würde tun, was er tun mußte, aber kein Davonlaufen mehr.

Zwei Töchter des Speers warteten im Gang, als er hinaustrat. Harilin, eine schlanke Rothaarige ungefähr seines Alters, lief los, um die anderen herbeizuholen, sobald er auftauchte. Chiarid, eine Blonde mit lustigen Augen, die alt genug war, um seine Mutter zu sein, begleitete ihn durch Gänge, in denen nur wenige Diener umhergingen, die überrascht waren, ihn so früh zu sehen. Chiarid liebte es üblicherweise, Späße auf seine Kosten zu machen, wenn sie allein waren —auch wenn er nur einige davon verstand. Sie sah ihn als jüngeren Bruder an, der davor bewahrt werden mußte, übermütig zu werden, aber sie erspürte seine Stimmung an diesem Morgen und schwieg. Sie warf nur einmal einen angewiderten Blick auf sein Schwert.

Nandera und die restlichen Töchter des Speers holten sie ein, bevor sie die Hälfte des Weges zur Reisekammer zurückgelegt hatten, und erkannten sein Schweigen ebenso schnell. Wie auch die Mayeners und die Schwarzaugen, welche die quadratisch geschnittene Tür bewachten. Rand dachte, er könnte Cairhien verlassen, ohne daß jemand sprach, bis eine junge Frau in dem Rot und Blau der persönlichen Diener Berelains heraneilte und in einen tiefen Hofknicks verfiel, während er gerade das Wegetor öffnete.

»Die Erste schickt dies«, keuchte sie und hielt ihm einen Brief mit einem großen grünen Siegel entgegen. Sie war offensichtlich den ganzen Weg bis zu ihm gelaufen. »Er kommt vom Meervolk, mein Lord Drache.«

Rand steckte den Brief in seine Manteltasche und trat durch das Tor, wobei er die Frage der Frau unbeachtet ließ, ob er ihr eine Antwort mitgeben wollte. Heute morgen war ihm nach Schweigen zumute. Er ließ einen Daumen über die Gravur auf dem Drachenszepter gleiten. Er würde stark und hart sein und all sein Selbstmitleid hinter sich lassen.

Die dunkle Große Halle in Caemlyn ließ Alanna sich wieder tief in seinen Geist einnisten. Die Nacht hielt sie noch umfangen, aber sie war wach. Er wußte es so sicher, wie er wußte, daß sie weinte, so sicher, wie er wußte, daß ihre Tränen versiegten, kurz nachdem er das Tor hinter der letzten der Töchter des Speers geschlossen hatte. Ein kleiner Rest widerstreitender, undeutbarer Gefühle ballte sich noch immer in seinem Unterbewußtsein, und doch war er sich sicher, daß sie wußte, daß er zurückgekehrt war. Zweifellos hatten sie und ihr Zugeschworensein ihren Beitrag zu seiner Flucht geleistet, aber er erkannte dieses Zugeschworensein jetzt zumindest an, auch wenn er ihm nicht gefiel. Dieser Gedanke ließ ihn beinahe erstickt kichern. Er sollte ihn besser anerkennen, da er es ohnehin nicht ändern konnte. Sie hielt ihn an einem Faden fest — nur ein Faden: Licht, laß es nicht mehr sein —, was keine Gefahr bedeuten sollte, es sei denn, er ließ sie nahe genug an sich heran, daß eine Leine daraus werden könnte. Er wünschte, Thom Merrilin wäre da. Thom wußte wahrscheinlich alles über Behüter und das Zugeschworensein. Er wußte überraschend viele Dinge. Nun, wenn er Elayne fände, würde er auch Thom finden. Ganz einfach.

Saidin formte eine Kugel aus Licht, Feuer und Luft, um den Weg aus dem Thronsaal zu weisen. Die uralten Königinnen, die in der Dunkelheit weit über ihm verborgen waren, störten ihn überhaupt nicht. Sie waren nur Bilder aus buntem Glas.

Was man von Aviendha nicht behaupten konnte. Vor seinen Räumen entließ Nandera alle Töchter des Speers außer Jalani, und die beiden gingen mit ihm hinein, um die Räume zu überprüfen, während er die Macht lenkte, um die Lampen zu entzünden, und das Drachenszepter auf einen kleinen, mit Elfenbeineinlegearbeiten versehenen Tisch legte, der erheblich weniger Gold aufwies als die Tische im Sonnenpalast. Das galt für alle Möbel — weniger Gold, aber mehr Schnitzerei, zumeist Löwen oder Rosen. Ein großer, mit Goldfäden durchwirkter roter Teppich bedeckte den Boden.

Er bezweifelte, daß er die leisen Schritte der Töchter des Speers gehört hätte, wenn er nicht Saidin in sich gehabt hätte, aber bevor sie den Vorraum durchquerten, kam Aviendha aus dem dunklen Schlafzimmer, das Haar in wilder Unordnung und ihr Gürtelmesser in der Hand. Und sie trug nichts auf ihrer Haut. Als sie ihn sah, wurde sie steif wie ein Pfosten und stolzierte dorthin zurück, woher sie gekommen war, wenn sie auch beinahe gelaufen wäre. Schwaches Lampenlicht fiel durch den Eingang. Nandera lachte leise und wechselte amüsierte Blicke mit Jalani.

»Ich werde die Aiel niemals verstehen«, murmelte Rand. Es war weniger die Tatsache, daß die Töchter des Speers die Situation lustig fanden — er hatte es schon lange aufgegeben, den Aielhumor verstehen zu wollen. Es war Aviendha. Sie hielt es vielleicht für sehr lustig, sich vor ihm fürs Bett auszuziehen, aber wenn er auch nur einen Blick auf ihre Knöchel erhaschte, wenn sie sie nicht zeigen wollte, wurde sie zu einer fauchenden Katze. Ganz davon zu schweigen, daß sie ihm dann die Schuld dafür gab.

Nandera frohlockte. »Es sind nicht die Aiel, die du nicht verstehen kannst, sondern die Frauen. Kein Mann hat die Frauen jemals verstanden.«

»Aber andererseits sind Männer sehr leicht zu verstehen«, warf Jalani ein, deren Wangen noch den Babyspeck zeigten, und errötete leicht. Nandera erweckte den Eindruck, als wollte sie gleich laut auflachen.

Tod, flüsterte Lews Therin.

Rand vergaß alles andere. Tod? Was meinst du damit?

Der Tod kommt.

Welche Art von Tod? fragte Rand. Wovon sprichst du?

Wer bist du? Wo bin ich?

Rand fühlte sich, als hätte ihm eine Faust die Kehle zugedrückt. Er war sich sicher gewesen, aber... Dies war das erste Mal, daß Lews Therin etwas zu ihm gesagt hatte, etwas, was eindeutig an ihn gerichtet war. Ich bin Rand al'Thor, und du befindest dich in meinem Kopf.

In...? Nein! Ich bin ich selbst! Ich bin Lews Therin Telamon! Ich bin iiiiich! Der Schrei verklang in der Ferne.

Komm zurück, rief Rand. Welcher Tod? Antworte mir, verdammter Kerl! Schweigen. Er regte sich unbehaglich. Es zu wissen, war eine Sache, aber ein Toter in ihm, der vom Tod sprach, ließ ihn sich unrein fühlen, wie ein leiser Hauch des Makels auf Saidin.