Etwas berührte ihn am Arm, und er hätte beinahe die Quelle ergriffen, bevor er erkannte, daß es Aviendha war. Sie mußte regelrecht in ihre Kleider geströmt sein, und doch wirkte sie, als hätte sie eine Stunde gebraucht, um jedes Haar an seinen Platz zu rücken. Die Leute sagten, Aiel zeigten keine Gefühle, aber sie waren einfach nur zurückhaltender als die meisten anderen. Ihre Gesichter sagten genausoviel aus wie die Gesichter anderer, wenn man wußte, wonach man zu suchen hatte. Aviendha war hin- und hergerissen zwischen Sorge und Wut.
»Geht es dir gut?« fragte sie.
»Ich habe nur nachgedacht«, belehrte er sie. Das war nur zu wahr. Antworte mir, Lews Therin! Komm zurück und antworte mir! Warum hatte er jemals geglaubt, Schweigen wäre diesem Morgen angemessen?
Unglücklicherweise glaubte ihm Aviendha, und wenn es nichts gab, worüber man sich Sorgen machen mußte... Sie stemmte die Fäuste in die Hüften. Das verstand er bei Frauen, egal ob Aiel oder Frauen der Zwei Flüsse oder wem auch immer: Die in die Hüften gestemmten Fäuste bedeuteten Ärger. Er hätte sich nicht die Mühe zu machen brauchen, die Lampen anzuzünden. Ihr Blick war heiß genug, den Raum zu beleuchten. »Du bist wieder ohne mich fortgegangen. Ich habe den Weisen Frauen versprochen, in deiner Nähe zu bleiben, bis ich gehen muß, aber du hast mein Versprechen zunichte gemacht. Du hast mir dafür Toh auferlegt, Rand al'Thor. Nandera, von jetzt an muß ich erfahren, wann er wohin geht. Er darf nicht ohne mich aufbrechen, wenn ich ihn begleiten sollte.«
Nandera zögerte keinen Moment, bevor sie nickte. »Wie du wünschst, Aviendha.«
Rand pflanzte sich vor beiden Frauen auf. »Nein, wartet! Niemand erfährt, wann ich komme und gehe, es sei denn, ich sage es.«
»Ich habe mein Wort gegeben, Rand al'Thor«, sagte Nandera mit tonloser Stimme. Sie sah ihm unnachgiebig in die Augen.
»Und ich ebenfalls«, sagte Jalani fast ebenso tonlos.
Rand Öffnete den Mund und schloß ihn wieder. Verdammtes Ji'e'toh. Es hatte natürlich keinen Zweck zu erwähnen, daß er der Car'a'carn war. Aviendha wirkte leicht überrascht, daß er sich überhaupt wehrte. Für sie war es anscheinend eine Selbstverständlichkeit. Er hob unbehaglich die Schultern, wenn auch nicht wegen Aviendha. Dieses unreine Gefühl war weiterhin spürbar und wurde jetzt noch stärker. Vielleicht war Lews Therin zurückgekommen. Rand rief ihn schweigend, aber er bekam keine Antwort.
Ein Klopfen an der Tür wurde sofort vom Eintreten Frau Harfors gefolgt, die ihren üblichen tiefen Hofknicks vollführte. Der Ersten Tochter des Speers war die frühe Stunde natürlich nicht anzusehen. Reene Harfor wirkte, gleichgültig zu welcher Tageszeit, stets, als hätte sie sich gerade erst zurechtgemacht. »Mehrere Leute sind in der Stadt eingetroffen, mein Lord Drache, und Lord Bashere dachte, Ihr solltet es so bald wie möglich erfahren. Lady Aemlyn und Lord Culhan sind gestern abend eingetroffen und weilen bei Lord Pelivar, Lady Arathelle traf eine Stunde später mit großem Gefolge ein. Lord Barel und Lord Macharan, Lady Sergase und Lady Negara sind in der Nacht getrennt mit jeweils nur wenig Gefolge eingetroffen. Niemand von ihnen hat dem Palast seine Aufwartung gemacht.« Sie äußerte letzteres in einem merkwürdigen Tonfall, aber ohne Hinweis auf ihre eigene Meinung darüber.
»Das sind gute Nachrichten«, belehrte er sie, und das stimmte auch, ob sie nun den Palast aufgesucht hatten oder nicht. Aemlyn und ihr Mann Culhan waren fast genauso mächtig wie Pelivar, und Arathelle war mächtiger als alle anderen außer Dyelin und Luan. Die anderen entstammten geringeren Häusern, und nur Barel war unter ihnen Hochsitz seines Hauses, aber die Adligen, die sich gegen ›Gaebril‹ gestellt hatten, begannen sich zu versammeln. Zumindest waren dies gute Nachrichten, falls er Elayne fand, bevor sie zu versuchen beschlossen, ihm Caemlyn wegzunehmen.
Frau Harfor betrachtete ihn einen Moment und zog dann einen Brief mit blauem Siegel hervor. »Dieser wurde gestern abend spät überbracht, mein Lord Drache. Durch einen Stallburschen. Ein schmutziger Stallbursche. Die Herrin der Wogen des Meervolks war nicht sehr erfreut, daß Ihr fort wart, als sie zur Audienz erschien.« Dieses Mal war die Mißbilligung deutlich aus ihrer Stimme herauszuhören, wenn auch nicht ersichtlich war, ob sie der verpaßten Audienz oder der Art der Überbringung des Briefes galt.
Er seufzte. Er hatte vollkommen vergessen, daß sich Angehörige des Meervolks in Caemlyn aufhielten. Das erinnerte ihn an den Brief, den man ihm in Cairhien übergeben hatte, und er nahm ihn hervor. Beide Siegel, das grüne wie auch das blaue, trugen dasselbe Gepräge, obwohl er nicht erkennen konnte, was es darstellen sollte: Es waren zwei flache, Schalen ähnliche Gegenstände mit einer breiten Reihe Ornamente, die sich von einer Schale durch die andere zogen. Beide Briefe waren an den ›Coramoor‹ gerichtet, wer auch immer das sein mochte. Er selbst vermutlich. Vielleicht nannte das Meervolk den Wiedergeborenen Drachen so. Er brach zunächst das blaue Siegel. Es gab keine Anrede, und der gesamte Brief unterschied sich sicherlich von allen anderen, die jemals an den Wiedergeborenen Drachen gerichtet worden waren.
Wenn das Licht es will werdet Ihr schließlich nach Caemlyn zurückkehren. Da ich weit gereist bin, um Euch zu sehen, werde ich vielleicht die Zeit dafür finden, wenn Ihr zurückkehrt.
Zaida din Parede Schwarzflügel vom Clan Catelar, Herrin der Wogen Frau Harfor hatte anscheinend recht. Die Herrin der Wogen war nicht sehr erfreut. Das grüne Siegel verbarg kaum Besseres.
Wenn es dem Licht gefällt, werde ich Euch an Deck der Gischt empfangen, sobald es Euch beliebt. Harine din Togara Zwei Winde vom Clan Shodein, Herrin der Wogen »Schlechte Nachrichten?« fragte Aviendha.
»Ich weiß es nicht.« Er betrachtete stirnrunzelnd die Briefe und merkte kaum, als Frau Harfor eine Frau in Rot und Weiß hereinließ und leise mit ihr sprach. Keine dieser Meervolk-Frauen klang wie jemand, mit dem er auch nur eine Stunde gemeinsam verbringen wollte. Er hatte jede Übersetzung der Prophezeiungen des Drachen gelesen, die er finden konnte, und obwohl auch die eindeutigste oft noch ungenau war, erinnerte er sich an nichts, was auf die Atha'an Miere hingedeutet hätte. Vielleicht waren sie auf ihren Schiffen auf dem Meer und auf ihren fernen Inseln ein Volk, das von ihm oder Tarmon Gai'don unberührt blieb. Er schuldete dieser Zaida eine Entschuldigung, aber vielleicht konnte er sie Bashere überlassen. Bashere besaß sicherlich ausreichend viele Titel, daß es der Eitelkeit jedes Menschen geschmeichelt hätte. »Ich glaube nicht.«
Die Dienerin sank vor ihm auf die Knie, den weißen Kopf tief gebeugt die Hände hoch erhoben, um noch einen weiteren Brief darzubieten, dieses Mal auf dickem Pergament. Allein schon die Haltung der Dienerin ließ ihn blinzeln. Er hatte selbst in Tear niemals einen Diener sich so krümmen sehen, und noch viel weniger in Andor. Frau Harfor schüttelte stirnrunzelnd den Kopf. Die kniende Frau sprach mit noch immer zu Boden gerichtetem Blick. »Dies wurde für meinen Lord Drachen überbracht.«
»Sulin?« keuchte er. »Was tust du? Was tust du in diesem ... Kleid?«
Sulin hob ihr Gesicht. Es wirkte verheert: ein Wolf, der vorgibt, eine Ziege zu sein. »Es ist das Kleid, das Frauen tragen, die für Geld dienen und gehorchen.« Sie schwenkte den Brief in ihren noch immer erhobenen Händen. »Mir wurde befohlen zu sagen, daß dies gerade für meinen Lord Drachen überbracht worden ist, von einem Reiter, der wieder davonritt, sobald der Brief übergeben war.« Die Erste Tochter des Speers schnalzte verärgert mit der Zunge.
»Ich will sofort eine Antwort«, sagte er und riß das Pergament an sich. Sie erhob sich, sobald der Brief ihren Händen entnommen war. »Komm hierher zurück, Sulin, ich will eine Antwort!« Aber sie lief so flink, wie sie es auch im Cadin'sor stets gewesen war, zu den Türen hinaus.