Aus irgendeinem Grund sah Frau Harfor Nandera an. »Ich habe euch gesagt, daß dies nicht gutgehen würde. Und ich habe euch beiden gesagt, daß ich, solange sie die Palastlivree trägt, von ihr erwarte, daß sie dem Palast Ehre macht, egal ob sie eine Aiel oder die Königin von Saldaea ist.« Sie vollführte einen Hofknicks, gewährte Rand ein schnelles »mein Lord Drache« und stolzierte davon, während sie etwas über verrückte Aiel vor sich hinmurmelte.
Er war ihrer Meinung. Er schaute von Nandera zu Aviendha und dann zu Jalani. Keine von ihnen schien im mindesten überrascht. Keine von ihnen wirkte, als sei sie Zeugin von etwas Ungewöhnlichem geworden. »Wollt ihr mir sagen, was, unter dem Licht, hier vorgeht? Das war Sulin!«
»Zuerst«, sagte Nandera, »gingen Sulin und ich zu den Küchen. Sie hielt es für angemessen, Töpfe zu schrubben. Aber ein Bursche dort sagte, er hätte alle Küchenhilfen, die er brauchte. Er schien zu glauben, daß sich Sulin ständig mit den anderen anlegen würde. Er war nicht sehr groß«, sie deutete eine Rands Kinn entsprechende Höhe an, »aber genauso breit, und ich glaube, er hätte uns zum Speerkampf herausgefordert, wenn wir nicht gegangen wären. Dann eilten wir zu der Frau Reene Harfor, da sie hier die Dachherrin zu sein scheint.« Sie verzog leicht das Gesicht, denn eine Frau sollte entweder Dachherrin sein oder nicht — im Aieldenken war kein Platz für eine Erste Tochter des Speers vorgesehen. »Sie verstand es nicht, aber letztendlich willigte sie ein. Ich dachte fast, Sulin würde ihre Meinung ändern, als sie erkannte, daß Frau Harfor sie in ein Kleid stecken wollte, aber das tat sie natürlich nicht. Sulin ist mutiger als ich. Ich würde lieber von einer neuen Seia Doon zur Gai'shain gemacht werden.«
»Ich würde lieber ein Jahr lang jeden Tag vor meiner Mutter vom Erstbruder meines schlimmsten Feindes geschlagen werden«, sagte Jalani kühn.
Nandera verengte mißbilligend die Augen, und ihre Finger zuckten, aber anstatt die Zeichensprache zu benutzen, sagte sie wohlerwogen: »Du rühmst dich wie eine Shaido, Mädchen.« Wäre Jalani älter gewesen, hätten die drei bewußten Beleidigungen vielleicht Schwierigkeiten heraufbeschworen, aber statt dessen preßte sie die Augen zu, um jene nicht mehr sehen zu müssen, die Zeuge ihrer Beschämung geworden waren.
Rand fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. »Reene hat nicht verstanden? Was hat das zu bedeuten, Nandera? Warum tut sie das? Hat sie den Speer aufgegeben? Wenn sie einen Andormann heiratete« — es waren schon seltsamere Dinge um ihn herum geschehen —, »würde ich ihr genügend Gold geben, daß sie sich einen Bauernhof, oder was immer sie wollen, kaufen könnten. Sie braucht keine Dienerin zu werden.« Jalani öffnete die Augen ruckartig wieder, und die drei Frauen sahen ihn an, als sei er wahnsinnig geworden.
»Surin tritt ihrem Toh gegenüber, Rand al'Thor«, sagte Aviendha fest. Sie stand sehr gerade und hielt seinem Blick stand, eine gute Nachahmung Amys'. Nur lag mit jedem Tag weniger Nachahmung als vielmehr mehr von ihr selbst darin. »Es hat nichts mit dir zu tun.«
Jalani nickte zustimmend. Nandera stand nur da und betrachtete müßig eine Speerspitze.
»Sulin hat sehr wohl etwas mit mir zu tun«, belehrte er sie. »Wenn ihr etwas geschähe...« Er erinnerte sich plötzlich an das Gespräch, das er belauscht hatte, bevor er nach Shadar Logoth gegangen war. Nandera hatte Sulin beschuldigt, als Far Dareis Mai mit einer Gai'shain gesprochen zu haben, und Sulin hatte es zugegeben und gesagt, sie würden später darüber sprechen. Er hatte Sulin nicht mehr gesehen, seit er von Shadar Logoth zurückgekehrt war, aber er hatte angenommen, sie wäre zornig auf ihn und überließe die Arbeit, ihn zu bewachen, einfach anderen. Er hätte es besser wissen müssen. Wenn man längere Zeit mit einer Aiel zusammen war, lernte man etwas über das Ji'e'toh, und Töchter des Speers waren noch empfindlicher als andere, außer vielleicht Steinsoldaten und Schwarzaugen. Und dann war da noch Aviendha und ihre Versuche, ihn in einen Aiel zu verwandeln.
Die Situation war einfach, oder so einfach wie alles, was jemals im Ji'e'toh enthalten war. Wäre er nicht so sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen, hätte er es vom ersten Augenblick an erkannt. Man konnte sogar eine Dachherrin jeden Tag, den sie Gai'shain-Weiß trug, daran erinnern, wer sie war — es war zutiefst beschämend, aber erlaubt, und wurde manchmal sogar ermutigt —, und doch galt für neun der dreizehn Kriegergemeinschaften, daß eine Erinnerung daran zutiefst unehrenhaft war, wenn dem nicht eine Handvoll Umstände zugrunde lagen, deren er sich nicht erinnern konnte. Die Far Dareis Mai war mit Sicherheit eine der neun Kriegergemeinschaften. Dies war eine der wenigen Möglichkeiten, einer Gai'shain Toh aufzuerlegen, aber es wurde als die schwerste Verpflichtung überhaupt angesehen. Anscheinend hatte Sulin beschlossen, dem gegenüberzutreten, indem sie eine, nach Ansicht der Aiel noch größere Scham auf sich nahm, als sie ihrerseits zugefügt hatte. Es war ihr Toh, also war es auch ihre Wahl, wie sie ihm gegenübertreten und wie lange sie weiterführen wollte, was sie verabscheute. Wer wußte besser um den Wert ihrer Ehre oder die Tiefe ihrer Verpflichtung als sie selbst? Dennoch hatte sie nur auf diese Art gehandelt, weil er ihr nicht genug Zeit gelassen hatte. »Es ist mein Fehler«, sagte er.
Das war falsch. Jalani sah ihn bestürzt an, und Aviendha errötete verlegen. Sie behauptete ständig, daß es unter dem Ji'e'toh keine Entschuldigungen gab. Wenn die Tatsache, daß man sein Kind rettete, einem Blutsfeind gegenüber eine Verpflichtung bedeutete, bezahlte man diesen Preis ohne Zögern.
Der Blick, den Nandera Aviendha zuwarf, konnte nur als milde verächtlich bezeichnet werden. »Wenn du aufhören würdest, am hellichten Tag von seinen Augenbrauen zu träumen, würdest du ihn besser unterweisen.«
Aviendhas Gesicht wurde vor Empörung dunkelrot, aber Nandera sprach in der Zeichensprache mit Jalani, woraufhin diese den Kopf zurückwarf und lachte, wodurch das Karmesinrot auf Aviendhas Wangen heller wurde und wieder zu einem Ausdruck reiner Verlegenheit wurde. Rand erwartete halbwegs, eine Herausforderung zum Speerkampf zu hören. Nun, nicht genau das. Aviendha hatte ihn gelehrt, daß weder Weise Frauen noch ihre Lehrlinge so etwas taten. Aber es hätte ihn nicht überrascht, wenn sie Nandera geohrfeigt hätte.
Er sprach schnell, um alledem zuvorzukommen. »Da ich Sulin zu ihrem Handeln veranlaßt habe — habe ich mir dann nicht ihr gegenüber Toh aufgeladen?«
Anscheinend hatte er es geschafft, einen noch größeren Narren aus sich zu machen, als er es vorher bereits getan hatte. Irgendwie rötete sich Aviendhas Gesicht noch stärker, und Jalani betrachtete interessiert den Teppich unter ihren Füßen. Sogar Nandera wirkte ein wenig betroffen über sein Unwissen. Man konnte gesagt bekommen, daß man Toh auf sich geladen hatte, obwohl das beleidigend war, oder man konnte daran erinnert werden, aber danach zu fragen bedeutete, daß man es nicht wußte. Nun, er wußte, daß dem so war. Er könnte damit beginnen, Sulin aus ihrem lächerlichen Dienst als Dienerin zu entlassen, sie wieder den Cadin'sor anziehen lassen und... Und sie daran hindern, ihrem Toh gegenüberzutreten. Alles, was er tun konnte, um ihr die Last zu erleichtern, wäre nicht mit ihrer Ehre vereinbar. Ihr Toh, ihre Wahl. Es war etwas daran, was er aber nicht erkennen konnte. Vielleicht sollte er Aviendha fragen. Später, wenn sie nicht mehr vor Demütigung stürbe. Die Gesichter aller drei Frauen verdeutlichten, daß er sie im Moment mehr als ausreichend in Verlegenheit gebracht hatte. Licht, welch ein Durcheinander.