Warum? fragte er. Warum willst du ihn töten? Er erhielt keine Antwort, nur in der Ferne verrücktes Gelächter und Weinen.
Aviendha sah ihn mit äußerst besorgtem Gesichtsausdruck an. Sie hatte ihr Messer erhoben, aber das Kribbeln auf seiner Haut sagte ihm, daß sie Saidar zurückhielt. Die beiden Töchter des Speers hatten ihre Schleier angehoben, da jetzt festzustehen schien, daß Taims Erscheinen keinem Angriff gleichkam. Es gelang ihnen, mit einem Auge Taim und mit dem anderen den restlichen Raum zu beobachten und einander dennoch aus irgendeinem Grund verlegene Blicke zuzuwerfen.
Rand zog einen Stuhl an den Tisch, auf dem sein Schwert auf dem Drachenszepter lag. Der Kampf hatte nur wenige Augenblicke gedauert, aber seine Knie fühlten sich schwach an. Lews Therin hatte fast die Kontrolle übernommen, hatte schließlich beinahe Saidin übernommen. Vorher, in der Schule, hatte er sich belügen können, aber dieses Mal nicht mehr.
Wenn Taim etwas bemerkte, zeigte er es nicht. Er beugte sich herab, um den Brief aufzuheben, und betrachtete ihn, bevor er ihn Rand mit einer kaum wahrnehmbaren Verbeugung übergab.
Rand steckte das Pergament in die Tasche. Nichts konnte Taim erschüttern, nichts konnte sein Gleichgewicht zum Schwanken bringen. Warum wollte Lews Therin ihn töten? »Da Ihr alle dafür wart, den Aes Sedai zu folgen, überrascht es mich, daß Ihr nicht vorschlagt, Sammael anzugreifen — Ihr und ich und vielleicht einige wenige der kräftigeren Schüler —, indem wir ihm durch ein Tor in Illian genau auf den Kopf steigen. Dieser Mann muß von Sammael gekommen sein.«
»Vielleicht«, sagte Taim kurz angebunden und sah den Grauen Mann erneut an. »Ich würde viel darum geben, sicher sein zu können.« Das klang aufrichtig. »Und was Illian betrifft, so bezweifle ich, daß es genauso einfach wäre, wie sich zweier Aes Sedai zu entledigen. Ich denke gerade darüber nach, was ich an Sammaels Stelle tun würde. Ich würde Illian bewachen lassen, so daß ich, wenn ein Mann auch nur daran dächte, die Macht zu lenken, sofort wüßte, wo er wäre, und ich würde die Erde zu Asche verbrennen, bevor er auch nur die Zeit gehabt hätte einzuatmen.«
So sah Rand es auch. Niemand wußte besser als Sammael, wie man einen Ort verteidigte. Vielleicht war Lews Therin schlicht verrückt. Vielleicht auch eifersüchtig. Rand versuchte, sich einzureden, daß er die Schule nicht gemieden hatte, weil er eifersüchtig war, sondern weil er in Taims Nähe stets ein Kribbeln verspürte. »Ihr habt Eure Neuigkeiten überbracht. Also schlage ich vor, daß Ihr Euch darum kümmert, diesen Jahar Narishma ausbilden zu lassen. Trainiert ihn gut. Er wird sein Talent vielleicht nur zu bald nutzen müssen.«
Taims dunkle Augen glitzerten einen Moment, aber dann verbeugte er sich leicht. Er nahm schweigend Zugriff auf Saidin und eröffnete an Ort und Stelle ein Tor. Rand zwang sich sitzen zu bleiben, bis der Mann fort war und das Tor zu einer glühenden Lichtlinie wurde. Er durfte keinen weiteren Streit mit Lews Therin wagen, nicht wenn er vielleicht unterliegen könnte und dann Taim im Kampf gegenübertreten müßte. Warum wollte Lews Therin den Mann tot sehen? Licht, Lews Therin schien alle Menschen, einschließlich ihm selbst, tot sehen zu wollen.
Es war ein äußerst ereignisreicher Vormittag gewesen, besonders wenn man bedachte, daß der Himmel noch immer dämmerig war. Die guten Neuigkeiten hatten die schlechten überwogen. Er betrachtete den auf dem Teppich ausgestreckten Grauen Mann. Die Wunde war vermutlich genauso schnell ausgebrannt, wie sie entstanden war, aber Frau Harfor würde es ihn sicherlich schweigend wissen lassen, wenn auch nur ein Blutfleck vorhanden wäre. Was diese Herrin der Wogen des Meervolks betraf, so konnte sie seinetwegen in ihrer Verdrießlichkeit schmoren. Er hatte schon genug am Hals, ohne daß noch eine gereizte Frau hinzukam.
Nandera und Jalani traten in der Nähe der Tür noch immer von einem Fuß auf den anderen. Sie hätten, sobald Taim gegangen war, draußen ihre Plätze einnehmen sollen.
»Wenn ihr beide wegen des Grauen Mannes durcheinander seid, dann vergeßt es jetzt wieder. Nur ein Narr erwartet, einen der Seelenlosen anders als durch Zufall zu bemerken, und ihr seid beide keine Närrinnen.«
»Das ist es nicht«, sagte Nandera steif. Jalani biß die Zähne fest zusammen und kämpfte offensichtlich darum, den Mund zu halten.
Er verstand sehr schnell. Sie dachten nicht, daß sie den Grauen Mann hätten bemerken müssen, aber sie schämten sich dennoch, daß sie es nicht getan hatten.
Sie schämten sich und fürchteten, daß sich die Nachricht ihres ›Versagens‹ verbreiten würde. »Ich möchte nicht, daß jemand von Taims Hiersein oder von dem, was er gesagt hat, erfährt. Die Menschen sind ängstlich genug, weil sie wissen, daß sich die Schule irgendwo in der Nähe der Stadt befindet, ohne auch noch fürchten zu müssen, daß Taim oder einer der Schüler auftauchen könnte. Ich glaube, es wäre am besten, wenn wir über alles heute morgen Geschehene Stillschweigen bewahrten. Wir können die Leiche nicht geheimhalten, aber ihr müßt mir versprechen, daß ihr nichts anderes erzählt, als daß mich ein Mann töten wollte und darum sterben mußte. Mehr werde ich niemandem sagen, und es wäre mir verhaßt, wenn ihr mich zum Lügner stempeln würdet.«
Die Dankbarkeit auf ihren Gesichtern war bemerkenswert. »Ich habe Toh«, murmelten sie fast gleichzeitig.
Rand räusperte sich heftig. Das hatte er nicht erreichen wollen, aber er hatte zumindest ihr Gewissen erleichtert. Plötzlich kam ihm eine Idee, wie er mit Sulin zurechtkommen könnte. Es würde ihr nicht gefallen, aber es würde bedeuten, daß sie sich ihrem
Toh immer noch stellen könnte — vielleicht sogar noch besser, weil es ihr nicht gefallen würde. Außerdem würde es sein Gewissen erleichtern, und er könnte zumindest einem Teil seines Toh ihr gegenüber entgegentreten.
»Nehmt jetzt wieder eure Wachposten ein, sonst muß ich glauben, daß ihr meine Augenbrauen betrachten wolltet.« Das hatte Nandera gesagt. Aviendha war von seinen Augenbrauen entzückt? »Geht schon. Und sucht jemanden, der diesen Burschen fortbringt.« Sie verließen den Raum lächelnd und eifrig in der Zeichensprache gestikulierend, und er blieb stehen und nahm Aviendha beim Arm. »Du sagtest, wir müßten miteinander reden. Komm mit ins Schlafzimmer, bis dieser Raum gesäubert ist.« Wenn ein Makel bestand, konnte er ihn vielleicht durch das Lenken der Macht vertreiben.
Aviendha riß sich los. »Nein! Nicht dorthin!« Sie atmete tief durch und mäßigte dann ihre Stimme, aber sie wirkte noch immer mißtrauisch und reichlich verärgert. »Warum können wir nicht hier miteinander reden?« Es sprach nichts dagegen, außer dem toten Mann auf dem Boden, aber das zählte bei ihr nicht. Sie drängte Rand fast gewaltsam wieder in seinen Sessel, betrachtete ihn dann und atmete erneut tief durch.
»Ji'e'toh ist das Herz der Aiel. Wir sind Ji'e'toh. Heute morgen hast du mich bis auf die Knochen beschämt.« Sie verschränkte die Arme unter ihren Brüsten, sah ihm offen in die Augen, belehrte ihn über sein Unwissen und das Unvermögen, es zu verbergen, bis sie die Sache richtiggestellt hatte, und fuhr dann damit fort, daß man Toh um jeden Preis gegenübertreten müsse. Das dauerte einige Zeit.
Er war sich sicher, daß sie nicht das gemeint hatte, als sie gesagt hatte, sie wollte mit ihm reden, aber er genoß es verwunderlicherweise, ihr in die Augen zu sehen. Er genoß es. Nach und nach ließ er von dem Genuß ab, den ihre Augen ihm verschafften, und vertrieb ihn, bis nur noch ein dumpfer Schmerz übrigblieb.