sagen, was wir in Tel'aran'rhiod erfahren haben, ihn davon abhalten, bei den Aes Sedai irgendeinen törichten Fehler zu begehen. Sie wird es erkennen. Etwas über dieses Abgeschnittene... Wenn es mit Feuer und Geist überbrückt wurde, dann...
Die leichte Erweiterung von Logains Augen zeigte ihr, was sie getan hatte. Der Atem gefror in ihrer Kehle. Sie wich so hastig vor ihm zurück, daß sie über ihren Rock stolperte.
»Nynaeve«, sagte Elayne und setzte sich auf. »Was ist...?«
Ein Herzschlag, und Nynaeve hatte alles Saidar, das sie aufnehmen konnte, in einen Schild umgewandelt. »Geh und suche Sheriam«, sagte sie drängend. »Niemand anderen als Sheriam. Sage ihr...« Sie atmete tief und scheinbar zum ersten Mal seit Stunden durch. Ihr Herz begann zu rasen. »Sage ihr, daß ich Logain geheilt habe.«
30
Die Heilung
Etwas stieß gegen den Schild, den Nynaeve zwischen Logain und der Wahren Quelle befestigt hatte, und baute sich auf, bis sich der Schild zu biegen begann und das Gewebe fast bis zum Bersten erbebte. Sie ließ Saidar süß und bis an den Rand des Schmerzes durch sich hindurchfließen und die Macht durch jede Faser in den Geist, in den Schild lenken. »Geh, Elayne!« Es kümmerte sie nicht im geringsten, ob es gequält klang.
Elayne — das Licht möge auf sie scheinen — verschwendete keine Zeit mit Fragen. Sie sprang von ihrem Stuhl auf und war im Handumdrehen verschwunden.
Logain hatte keinen Muskel bewegt. Sein Blick hielt Nynaeves Blick fest. Seine Augen schienen zu strahlen. Licht, wie groß er war. Sie streckte die Hand nach ihrem Gürtelmesser aus, erkannte, wie lächerlich diese Geste war — er konnte es ihr wahrscheinlich ohne die geringste Anstrengung abnehmen, denn seine Schultern schienen plötzlich so breit, wie sie groß war —, und richtete einen Teil ihres Gewebes als Fesseln in die Luft, die ihn an Armen und Beinen genau dort festhielten, wo er saß. Er war immer noch groß, aber er wirkte plötzlich normaler und vollkommen kontrollierbar. Erst da kam es ihr in den Sinn, daß sie die Kraft des Schildes geschwächt hatte. Aber sie konnte keinesfalls weiterhin die Macht lenken. Die ... die pure Freude am Leben, die Saidar bedeutete, war in ihr bereits so stark, daß sie fast weinte. Er lächelte sie an.
Einer der Behüter streckte den Kopf zur Tür herein, ein dunkelhaariger Mann mit kühner Nase und einer tiefen, weißen Narbe am hageren Kiefer. »Stimmt etwas nicht? Die andere Aufgenommene lief davon, als hätte sie sich auf ein Nadelkissen gesetzt.«
»Es ist alles unter Kontrolle«, belehrte sie ihn kühl. So kühl, wie es ihr möglich war. Niemand brauchte es zu wissen — niemand! —, bevor sie nicht mit Sheriam hatte sprechen können, um die Frau auf ihre Seite zu ziehen. »Elayne war gerade etwas eingefallen, was sie vergessen hatte.« Das klang albern. »Ihr könnt gehen. Ich bin beschäftigt.«
Tervail — das war sein Name. Tervail Dura, Beonin zugeschworen. Und was, unter dem Licht, kümmerte sie sein Name? Tervail grinste sie verzerrt an und verbeugte sich spöttisch, bevor er ging. Behüter ließen es Aufgenommenen selten durchgehen, wenn sie sich mit Aes Sedai beschäftigten.
Es kostete sie erhebliche Mühe, sich nicht über die Lippen zu lecken. Sie betrachtete Logain. Er wirkte äußerlich ruhig, als wenn sich nichts geändert hätte.
»Das ist nicht nötig, Nynaeve. Glaubt Ihr, ich würde beschließen, ein Dorf anzugreifen, in dem sich Hunderte von Aes Sedai befinden? Sie würden mich in Stücke hacken, bevor ich auch nur zwei Schritte getan hätte.«
»Seid still«, sagte sie mechanisch. Sie griff hinter sich nach einem Stuhl und setzte sich hin, ohne den Blick von ihm abzuwenden. Licht, was hielt Sheriam auf? Sheriam mußte begreifen, daß es ein Versehen gewesen war. Sie mußte es! Der Zorn auf sich selbst war das einzige, was es ihr weiterhin erlaubte, die Macht zu lenken. Wie hatte sie so sorglos, solch ein blinder Dummkopf sein können?
»Fürchtet nichts«, sagte Logain. »Ich werde mich jetzt nicht gegen sie wenden. Ihre Erfolge entsprechen meinen Plänen, ob sie es wissen oder nicht. Die Rote Ajah ist erledigt. In einem Jahr wird keine Aes Sedai mehr zuzugeben wagen, daß sie eine Rote ist.«
»Ich sagte, seid still!« fauchte sie. »Denkt Ihr, ich würde Euch glauben, daß Ihr nur die Roten haßt?«
»Wißt Ihr, ich bin einmal einem Mann begegnet, der mehr Schwierigkeiten verursachen wird, als ich es jemals getan habe. Vielleicht war er der Wiedergeborene Drache. Ich weiß es nicht. Das war, als sie mich durch Caemlyn führten, nachdem ich gefangengenommen wurde. Er war weit weg, aber ich sah ein ... ein Leuchten, und ich wußte, daß er die Welt erschüttern würde. Obwohl ich gefangen war, konnte ich nicht umhin zu lachen.«
Sie verrückte einen kleinen Teil der Luft, die ihn festhielt, und zwang sie als Knebel zwischen seine Kiefer. Er senkte in düsterem Zorn die Augenbrauen, obwohl dieser Ausdruck sofort wieder wich. Es kümmerte sie nicht. Sie hatte ihn jetzt geknebelt. Zumindest... Er hatte sich überhaupt nicht zu wehren versucht, aber das kam vielleicht daher, daß er vom ersten Augenblick an gewußt hatte, daß sie ihn nur fesseln würde. Vielleicht. Aber wie stark hatte er versucht, ihren Schild zu durchbrechen? Dieser Stoß, der sich eigentlich nicht langsam, aber sicherlich auch nicht schnell aufgebaut hatte. Fast wie ein Mann, der lange ungenutzte Muskeln streckte und gegen etwas stieß, was er nicht bewegen, sondern woran er nur jene Muskeln wieder spüren wollte. Der Gedanke ließ ihren Magen erstarren.
Die Haut um Logains Augen kräuselte sich vor Belustigung, obwohl er alles erkannt hatte, was ihr durch den Kopf gegangen war. Das erzürnte sie. Er saß mit töricht offenstehendem Mund da, gefesselt und abgeschirmt, und war doch der Ruhigere. Wie hatte sie eine solche Närrin sein können? Sie war noch nicht zur Aes Sedai geeignet, nicht wenn ihre Blockade in diesem Augenblick bröckelte. Sie war noch nicht geeignet, allein hinausgelassen zu werden. Sie mußten Birgitte sagen, sie solle sich versichere daß sie nicht mit dem Gesicht in den Staub fiel, wenn sie die Straße überquerte.
Es geschah nicht absichtlich, aber sich selbst auszuschelten, hielt ihren Zorn leichter am Schwelen, bis die Tür aufgerissen wurde. Aber es war nicht Elayne.
Sheriam folgte Romanda, zusammen mit Myrelle und Morvrin, in den Raum. Dicht dahinter kamen Takima, Lelaine und Janya, Delana, Bharatine und Beonin und noch weitere hinzu, drängten alle herein, bis der Raum voller Frauen war. Nynaeve konnte durch die Tür noch weitere sehen, die nicht mehr hineingelangen konnten. Diejenigen, die jedoch in dem Raum waren, betrachteten sie und ihr Gewebe so angespannt, daß sie schwer schlucken mußte und all ihr schöner Zorn wich. Und damit natürlich auch ihr Schild und die Logain bindenden Fesseln.
Bevor Nynaeve jemanden bitten konnte, ihn erneut abzuschirmen, pflanzte sich Nisao vor ihr auf. Obwohl sie klein war, gelang es ihr, scheinbar über Nynaeve aufzuragen. »Was ist mit all dem Unsinn, daß Ihr ihn geheilt hättet?«
»Sie hat behauptet, das getan zu haben?« Es gelang Logain tatsächlich, überrascht zu klingen.