Varilin drängte sich neben Nisao. Die schlanke, rothaarige Graue ragte tatsächlich über Nynaeve auf, weil sie genauso groß war wie Logain. »Das habe ich befürchtet, seit alle anfingen, sie wegen ihrer Entdeckungen zu verhätscheln. Sobald sie aufhörten, endete auch das Verhätscheln, und sie stellt blitzschnell irgendeine wilde Behauptung auf, um es zurückzuerlangen.«
»Das kommt, weil wir sie zuviel Zeit mit Siuan und Leane haben verbringen lassen«, sagte Romanda fest. »Und mit diesem Burschen. Man hätte sie lehren sollen, daß es Dinge gibt, die man nicht heilen kann, und damit basta!«
»Aber ich habe es getan!« widersprach Nynaeve.
»Ich habe es getan! Bitte schirmt ihn ab. Bitte, Ihr müßt es tun!« Die vor ihr stehenden Aes Sedai wandten sich zu Logain um und ließen gerade genug Raum zwischen sich, daß auch sie ihn sehen konnte. Er begegnete all diesen Blicken mit ausdruckslosem Gesicht. Er zuckte sogar die Achseln!
»Ich denke, wir könnten ihn wenigstens solange abschirmen, bis wir vollkommen sicher sind«, schlug Sheriam vor. Romanda nickte, und ein Schild in ausreichender Stärke wurde errichtet, das einen Riesen hätte halten können, während Saidar fast jede Frau im Raum umhüllte. Romanda stellte wieder ein wenig Ordnung her, indem sie energisch sechs Frauen benannte, die noch einen kleineren, aber angemessenen Schild aufrechterhalten sollten.
Myrelle ergriff Nynaeves Arm. »Bitte verzeiht, Romanda, aber wir müssen Nynaeve allein sprechen.«
Sheriam ergriff Nynaeves anderen Arm. »Wir sollten es nicht zu lange aufschieben.«
Romanda nickte abwesend. Sie sah Logain stirnrunzelnd an. Die meisten der Aes Sedai taten es ihr nach. Niemand ging.
Sheriam und Myrelle zogen Nynaeve hoch und drängten sie zur Tür.
»Was tut Ihr?« fragte sie atemlos. »Wohin bringt Ihr mich?« Draußen drängten sie sich durch die Menge der Aes Sedai, von denen viele sie scharf oder sogar anklagend ansahen. Sie kamen auch an Elayne vorbei, die reumütig grinste. Nynaeve schaute über ihre Schulter, während die beiden Aes Sedai sie so schnell vorandrängten, daß sie beinahe stolperte. Nicht daß sie von Elayne Hilfe erwartet hätte, aber sie sah sie vielleicht zum letzten Mal. Beonin sagte etwas zu Elayne, die daraufhin eilig durch die Menge davonging. »Was habt Ihr mit mir vor?« jammerte Nynaeve.
»Wir könnten Euch den Rest Eures natürlichen Lebens Töpfe schrubben lassen«, sagte Sheriam leutselig.
Myrelle nickte. »Ihr könntet den ganzen Tag in den Küchen arbeiten.«
»Wie könnten Euch statt dessen auch jeden Tag auspeitschen lassen.«
»Eure Haut in Streifen abschälen lassen.«
»Euch in ein Faß einnageln und Euch durchs Zapfloch Nahrung zukommen lassen.«
»Nur Brei, wenn auch verdorbenen Brei.«
Nynaeve versagten die Knie. »Es war ein Versehen! Ich schwöre es! Ich wollte das nicht!«
Sheriam schüttelte sie fest, ohne ihren Schritt auch nur zu verlangsamen. »Seid keine Närrin, Kind. Ihr habt vielleicht gerade das Unmögliche getan.«
»Ihr glaubt mir? Ihr glaubt mir! Warum habt Ihr nichts gesagt, als Nisao und Varilin und... Warum habt Ihr nichts gesagt?«
»Ich sagte ›vielleicht‹, Kind.« Sheriams Stimme klang auf niederdrückende Weise unbeteiligt.
»Eine andere Möglichkeit ist«, sagte Myrelle, »daß Euer Gehirn vielleicht durch die Anstrengung angeschwollen ist.« Ihre mit Lidern versehenen Augen betrachteten Nynaeve. »Ihr wärt überrascht über die Anzahl der Aufgenommenen und sogar Novizinnen, die behaupten, sie hätten irgendein verlorenes Talent wiederentdeckt oder ein neues gefunden. Zu meiner Zeit als Novizin war eine Aufgenommene namens Echiko so davon überzeugt zu wissen, wie man fliegen könne, daß sie vom höchsten Punkt der Burg sprang.«
Nynaeve wandte ruckartig den Kopf und schaute von einer Frau zur anderen. Glaubten sie ihr oder nicht? Glaubten sie wirklich, ihr Geist wäre gebeugt worden? Was, unter dem Licht, werden sie mit mir tun? Sie versuchte, Worte zu finden, um sie zu überzeugen — sie log nicht und war nicht verrückt; sie hatte Logain geheilt —, aber ihr Mund formte noch tonlose Worte, als sie bereits in die Kleine Burg eilten.
Erst als sie den ehemaligen Privatspeiseraum betraten, ein langer Raum, in dem jetzt ein schmaler Tisch mit Stühlen vor einer Wand stand, erkannte Nynaeve, daß ihnen viele Menschen gefolgt waren. Mehr als ein Dutzend Aes Sedai folgten ihnen auf den Fersen in den Raum. Nisao kreuzte ihre Arme fest unter den Brüsten, und Dagdara reckte das Kinn empor, als wollte sie durch eine Mauer gehen. Shanelle und Therva und... Alle Mitglieder der Gelben Ajah, außer Sheriam und Myrelle. Der Tisch ließ den Raum wie einen Verhandlungsraum wirken, und die Reihe grimmiger Gesichter ließ ebenfalls an eine Verhandlung denken. Nynaeve schluckte schwer.
Sheriam und Myrelle ließen sie stehen und traten zum Tisch hinüber, um sich leise zu beraten. Als sie sich wieder umwandten, waren ihre Mienen unlesbar.
»Ihr behauptet, Logain geheilt zu haben.« In Sheriams Stimme klang eine Spur Verachtung mit. »Ihr behauptet, einen gedämpften Mann geheilt zu haben.«
»Ihr müßt mir glauben«, beharrte Nynaeve. »Ihr sagtet, Ihr würdet mir glauben.« Sie zuckte zurück, als etwas Unsichtbares hart über ihre Hüften schlug.
»Erinnert Euch, Aufgenommene«, sagte Sheriam kalt. »Habt Ihr diese Behauptung aufgestellt?«
Nynaeve starrte die Frau an. Sheriam war die Verrückte, die ihre Meinung ständig änderte. Dennoch sagte sie respektvolclass="underline" »Ja, Aes Sedai.« Dagdara schnaubte, was wie reißendes Segeltuch klang.
Sheriam beendete mit einer Geste das Murmeln unter den Gelben, »Und Ihr habt es versehentlich getan, wie Ihr sagtet. Wenn das stimmt, besteht vermutlich keine Aussicht, es zu beweisen, indem Ihr es erneut tut«
»Wie könnte sie?« fragte Myrelle anscheinend belustigt. Belustigt! »Wenn sie blind dort hineingestolpert ist — wie sollte sie es dann wiederholen können? Aber das wäre unwichtig, wenn sie es zunächst tatsächlich vollbracht hätte.«
»Antwortet mir!« fauchte Sheriam, und die unsichtbare Peitsche schlug erneut zu. Dieses Mal gelang es Nynaeve, nicht zurückzuzucken. »Besteht auch nur die geringste Chance, daß Ihr Euch an irgend etwas von dem erinnert, was Ihr getan habt?«
»Ich erinnere mich, Aes Sedai«, sagte sie mürrisch und erwartete den nächsten Schlag. Er kam nicht, aber sie konnte um Sheriam jetzt das Leuchten Saidars sehen. Das Leuchten schien bedrohlich.
Ein unbedeutender Tumult an der Tür, und Carlinya und Beonin drangen durch die Reihen der Gelben Schwestern, wobei eine Siuan und die andere Leane vor sich herschob. »Sie wollten nicht mitkommen«, verkündete Beonin verärgert. »Ist es zu glauben, daß sie uns weismachen wollten, sie wären beschäftigt?« Leanes Gesicht gab genauso wenig preis wie die Gesichter aller Aes Sedai, aber Siuan schoß zornige Blicke auf jedermann ab — besonders auf Nynaeve.
Schließlich verstand Nynaeve. Letztendlich fügte sich alles zusammen. Die Anwesenheit der Gelben Schwestern. Daß Sheriam und Myrelle ihr zunächst geglaubt hatten, dann wieder nicht und sie dann bedrohten und anfuhren. Das geschah alles absichtlich, um sie ausreichend zornig zu machen, ihr Heilen bei Siuan und Leane anzuwenden, um sich den Gelben gegenüber zu beweisen. Nein. Ihren Gesichtern nach zu urteilen wollten sie sie nur scheitern sehen. Sie gab sich keine Mühe, den festen Zug an ihrem Zopf zu verbergen. Tatsächlich tat sie es noch einmal, falls jemand das erste Mal nicht bemerkt hätte. Sie wollte ihnen allen ins Gesicht schlagen. Sie wollte ihnen eine Kräutermischung verabreichen, deren Geruch allein ausreichen würde, daß sie sich auf den Boden setzten und wie kleine Kinder weinten. Sie wollte ihnen allen das Haar ausreißen und sie damit erwürgen, damit...
»Muß ich mir diesen Unsinn gefallen lassen?« grollte Siuan. »Auf mich wartet wichtige Arbeit, aber auch wenn es nur darum ginge, Fische auszunehmen, wäre das immer noch...«