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»Haltet den Mund«, unterbrach Nynaeve sie gereizt.

Ein Schritt, und sie ergriff mit beiden Händen Siuans Kopf, als wollte sie der Frau den Hals brechen. Sie hatte diesen Unsinn geglaubt, sogar die Geschichte mit dem Faß! Sie hatten sie wie eine Marionette gelenkt!

Saidar erfüllte sie, und sie lenkte die Macht so, wie sie es bei Logain getan hatte, vermischte alle Fünf Mächte. Dieses Mal wußte sie, wonach sie suchte: das fast nicht vorhandene Gefühl von etwas Abgeschnittenem. Geist und Feuer, um die Öffnung zu heilen, und...

Einen Moment starrte Siuan nur ausdruckslos vor sich hin. Dann umhüllte sie das Leuchten Saidars. Keuchen erfüllte den Raum. Siuan beugte sich langsam vor und küßte Nynaeve auf beide Wangen. Eine Träne rann ihr Gesicht hinab, dann eine weitere, und plötzlich weinte Siuan richtig, umfaßte sich und zitterte. Die schimmernde Aura um sie herum schwand. Sheriam nahm sie tröstend in die Arme. Sheriam wirkte, als wollte auch sie weinen.

Alle anderen im Raum sahen Nynaeve an. Die durch all die Gemütsruhe der Aes Sedai hindurchschimmernde Bestürzung und auch die Verärgerung waren recht befriedigend. Shanelles Augen, hellblau in einem hübschen dunklen Gesicht, schienen ihr fast aus dem Kopf zu fallen. Nisaos Mund stand offen, bis sie merkte, daß Nynaeve sie ansah, und ihn ruckartig schloß.

»Was hat Euch auf den Gedanken gebracht, Feuer zu benutzen?« fragte Dagdara mit einer erstickten Stimme, die für solch eine große Frau entschieden zu hoch klang. »Und Erde? Ihr habt Erde gebraucht. Heilen ist Geist, Wasser und Luft.« Diese Worte öffneten die Schleusentore, und Fragen drangen aus jeder Kehle, aber im Grunde waren alles die gleichen Fragen, die nur jeweils anders gestellt wurden.

»Ich weiß nicht warum«, erwiderte Nynaeve, als sie einmal zu Wort kam. »Es schien einfach richtig. Ich habe fast immer alles benutzt.« Was eine Reihe von Warnungen auslöste. Heilen war Geist, Wasser und Luft. Es war gefährlich, mit dem Heilen zu experimentieren. Ein Fehler konnte nicht nur einen selbst, sondern auch den Patienten töten. Sie erwiderte nichts, und die Warnungen erstarben schnell und wurden von reumütigen Blicken abgelöst. Sie hatte niemanden getötet, und sie hatte geheilt, was sie für unheilbar erklärt hatten.

Leane zeigte ein fast schmerzlich anrührendes, hoffnungsvolles Lächeln. Nynaeve näherte sich ihr mit einem Lächeln ihrerseits und verbarg so die schwelende Verärgerung in sich. Die Gelbe Ajah und all ihr berühmtes Wissen über das Heilen, das auf Knien zu erbitten sie bereit gewesen war! Sie wußte mehr über das Heilen als jede einzelne von ihnen! »Schaut jetzt genau hin. Ihr werdet nicht so bald wieder eine Gelegenheit bekommen zu sehen, wie es geschieht.«

Sie spürte die Verbindung deutlich, während sie die Macht lenkte, obwohl sie immer noch nicht hätte sagen können, womit sie sich verband. Es fühlte sich anders an als bei Logain — so war es auch bei Siuan gewesen —, aber sie sagte sich fortwährend, daß Männer und Frauen einfach anders waren. Licht, ich habe Glück, daß es bei ihnen genauso gut wirkt wie bei Logain! Dieser Gedanke brachte eine Reihe unbequemer Überlegungen auf. Was wäre, wenn einige Dinge bei Männern anders geheilt werden mußten als bei Frauen? Vielleicht wußte sie doch nicht so viel mehr als die Gelben.

Leane reagierte anders als Siuan. Keine Tränen. Sie umarmte Saidar, lächelte selig und ließ es dann wieder los, obwohl das Lächeln blieb. Dann schlang sie ihre Arme um Nynaeve, drückte sie, bis ihre Rippen zu brechen drohten, und flüsterte immer wieder: »Danke, danke, danke.«

Aus den Reihen der Gelben wurde Murmeln hörbar, und Nynaeve hielt sich bereit, sich in deren Glückwünschen zu sonnen. Sie würde ihre Entschuldigungen gnädig annehmen. Dann hörte sie, was sie sagten.

»...hat Feuer und Erde gebraucht, als wollte sie ein Loch durch Felsen bohren.« Das kam von Dagdara.

»Eine sanftere Berührung wäre besser gewesen«, stimmte Shanelle ihr zu.

»...erkenne, wo Feuer bei Herzkrankheiten nützlich sein könnte«, sagte Therva, während sie mit dem Finger an ihre lange Nase tippte. Beldemaine, eine rundliche Arafellin mit Silberglocken im Haar, nickte nachdenklich.

»...wenn die Erde so mit Luft verbunden wäre, versteht Ihr... «

»...in Wasser verwobenes Feuer...«

»...mit dem Wasser vermischte Erde...«

Nynaeve sperrte den Mund auf. Sie hatten sie vollkommen vergessen. Sie dachten, sie könnten das, was sie ihnen gerade gezeigt hatte, besser tun als sie!

Myrelle tätschelte ihren Arm. »Ihr habt es sehr gut gemacht«, murmelte sie, »Macht Euch keine Sorgen. Sie werden Euch später ausgiebig loben. Im Moment sind sie noch ein wenig verwirrt.«

Nynaeve räusperte sich laut, aber keine der Gelben schien es zu bemerken. »Ich hoffe, das bedeutet wenigstens, daß ich keine Töpfe mehr schrubben muß.«

Sheriam wandte mit verblüfftem Gesichtsausdruck ruckartig den Kopf. »Warum, Kind, wie kommt Ihr darauf?« Sie hatte noch immer einen Arm um Siuan gelegt, die mit einem Spitzentaschentuch verwirrt ihre Augen abtupfte. »Wenn jedermann jede beliebige Regel brechen könnte und der Bestrafung dadurch entgehen könnte, indem er im Ausgleich etwas Gutes tut, wäre die Welt ein Chaos.«

Nynaeve seufzte tief. Sie hätte es wissen müssen.

Nisao verließ die Reihen der Gelben, räusperte sich und warf Nynaeve im Vorbeigehen einen Blick zu, den man nur als anklagend bezeichnen konnte. »Dies bedeutet vermutlich, daß wir Logain erneut einer Dämpfung unterziehen müssen.« Sie klang, als wollte sie das Geschehene leugnen.

Köpfe nickten, und Carlinya sprach mit einer Stimme, die den Raum wie ein Eiszapfen durchbohrte.

»Können wir das?« Aller Augen wandten sich ihr zu, aber sie fuhr ruhig und kühl fort. »Können wir, moralisch gesehen, erwägen, einen Mann zu unterstützen, der die Macht lenken kann, ein Mann, der andere Männer zu versammeln versucht, die dies ebenfalls tun können, während wir gleichzeitig so weitermachen wie zuvor, indem wir jene einer Dämpfung unterziehen, die wir finden? Welche Wirkung wird es auf ihn haben, wenn er lernt? So schmerzlich es angesichts der Lage vielleicht ist, wird er uns von der Burg und, was noch wichtiger ist, von Elaida und der Roten Ajah abgetrennt sehen. Wenn wir auch nur einen Mann einer Dämpfung unterziehen, könnten wir dieses Unterscheidungsmerkmal verlieren und damit jede Aussicht, ihn vor Elaida unter Kontrolle zu bekommen.«

Schweigen erfüllte den Raum, als sie geendet hatte. Aes Sedai wechselten besorgte Blicke, und die Nynaeve zugewandten ließen Nisaos Blicke geradezu löblich wirken. Schwestern waren bei der Gefangennahme Logains gestorben, und selbst wenn er wieder sicher abgeschirmt war, hatte sie ihnen die Aufgabe auferlegt, sich erneut mit ihm zu beschäftigen — sowie eine noch schlimmere Aufgabe.

»Ich denke, Ihr solltet gehen«, sagte Sheriam leise.

Nynaeve wollte nicht streiten. Sie vollführte eilig, aber sorgfältig einen Hofknicks und tat ihr Bestes, nicht davonzulaufen.

Draußen erhob sich Elayne von der Steintreppe. »Es tut mir leid, Nynaeve«, sagte sie und strich über ihren Rock. »Ich war so aufgeregt, daß ich Sheriam gegenüber mit allem herausgeplatzt bin, bevor ich erkannte, daß auch Romanda und Delana dort waren.«

»Das macht nichts«, sagte Nynaeve niedergeschlagen und trat auf die bevölkerte Straße. »Es wäre früher oder später ohnehin herausgekommen.« Aber es war dennoch einfach nicht fair. Ich habe etwas getan, wovon sie behauptet haben, daß es nicht getan werden könnte, und ich muß trotzdem noch Töpfe schrubben! »Elayne, es kümmert mich nicht, was du gesagt hast. Wir müssen gehen. Carlinya sprach davon, Rand ›unter Kontrolle‹ zu bekommen. Sie sind auch nicht besser als Elaida. Thom oder Juilin werden uns Pferde besorgen, und Birgitte muß sich um sich selbst kümmern.«