Der Gedanke wirkte wie ein Eimer kaltes Wasser ins Gesicht. Der Schmerz blieb, aber die Tränen versiegten, und sie stand mühsam auf. Liebe? Das war genauso unmöglich wie ... wie... Ihr fiel nichts ein, was ausreichend unmöglich gewesen wäre. Der Mann war unmöglich!
Plötzlich bemerkte sie, daß Leane keine zwei Schritte entfernt stand und sie beobachtete. Siuan versuchte, sich schnell die Tränen vom Gesicht zu wischen, gab es dann aber auf. Auf Leanes Gesicht war nur Mitgefühl erkennbar. »Wie hast du Anjens ... Tod verkraftet, Leane?« Das war fünfzehn Jahre her.
»Ich habe geweint«, sagte Leane. »Einen Monat lang habe ich mich am Tage beherrscht und nachts weinend und zitternd zusammengerollt auf meinem Bett gelegen, nachdem ich die Laken in Stücke gerissen hatte. Drei weitere Monate lang mußte ich häufig ohne Vorwarnung weinen. Mehr als ein Jahr verging, bevor es nicht mehr weh tat. Darum habe ich mich niemals wieder mit jemand anderem verbunden. Ich glaube nicht, daß ich das noch einmal durchstehen würde. Aber es geht vorbei, Siuan.« Irgendwie gelang es ihr, halbwegs zu lächeln. »Inzwischen könnte ich, glaube ich, mit zwei oder drei, wenn nicht sogar vier Behütern zurechtkommen.«
Siuan nickte. Sie konnte nachts weinen. Und bezüglich des verdammten Gareth Bryne... Es gab kein ›bezüglich‹. Es gab es nicht! »Glaubst du, sie sind fertig?« Sie hatten unten nur wenige Momente Zeit gehabt zu reden. Dieser Haken mußte schnell gesetzt werden, sonst würde er niemals gesetzt.
»Vielleicht. Ich hatte nicht viel Zeit. Und ich mußte vorsichtig sein.« Leane hielt inne. »Bist du sicher, daß du das durchziehen willst, Siuan? Es verändert alles, wofür wir gearbeitet haben, ohne den geringsten Nutzen... Ich bin nicht mehr so stark, wie ich einmal war, Siuan, und du auch nicht. Die meisten Frauen hier können die Macht inzwischen besser lenken als wir beide. Licht, ich glaube, sogar einige der Aufgenommenen können es, ganz zu schweigen von Elayne oder Nynaeve.«
»Ich weiß«, sagte Siuan. Sie mußten es wagen. Der ursprüngliche Plan war nur eine Notlösung gewesen, weil sie keine Aes Sedai mehr gewesen war. Aber jetzt war sie wieder eine Aes Sedai und war nur mit einer kaum wahrnehmbaren Beugung des Burggesetzes abgesetzt worden. Wenn sie wieder eine Aes Sedai war — war sie dann nicht auch wieder die Amyrlin?
Sie straffte die Schultern und ging hinunter, um sich mit dem Saal auseinanderzusetzen.
Elayne lag auf ihrem Bett, unterdrückte ein Gähnen und rieb weiterhin die Creme in die Haut ihrer Hände ein, die Leane ihr gegeben hatte. Sie schien zu wirken. Zumindest fühlte sich die Haut jetzt wieder weicher an. Ein nächtlicher Windhauch fuhr durch das Fenster und ließ die einzelne Kerze flackern. Wenn die Brise überhaupt Wirkung zeigte, dann erhitzte sie den Raum nur noch mehr.
Nynaeve stolperte herein, schlug die Tür zu, warf sich quer über ihr Bett und sah Elayne an. »Magla ist die verachtungswürdigste, hassenswerteste, gemeinste Frau der ganzen Welt«, murmelte sie. »Nein, Larissa ist es. Nein, es ist Romanda.«
»Vermutlich haben sie dich ausreichend verärgert, daß du die Macht lenken kannst.« Nynaeve brummte mit entsprechendem Gesichtsausdruck, und Elayne fuhr eilig fort. »Vor wie vielen hast du es vorgeführt? Ich hatte dich schon lange erwartet. Ich habe beim Essen nach dir Ausschau gehalten, konnte dich aber nicht finden.«
»Ich hatte nur ein Brötchen zum Essen«, murmelte Nynaeve. »Ein Brötchen! Ich habe es vor ihnen allen vorgeführt, vor jeder einzelnen Gelben in Salidar. Nur daß sie damit nicht zufrieden sind. Sie wollen mich noch einmal nacheinander sehen. Sie stellen gerade einen Zeitplan auf. Larissa sieht mich morgen früh —vor dem Frühstück! — und Zenare gleich danach, dann... Sie haben darüber geredet, wie sie mich wütend machen können, als wäre ich nicht dagewesen!« Sie hob den Kopf von der Decke und wirkte erschüttert. »Elayne, sie wetteifern darum, wer meine Blockade als erste lösen wird. Sie sind wie Jungen, die am Festtag ein eingefettetes Schwein fangen wollen, und ich bin das Schwein!«
Elayne reichte ihr gähnend den Tiegel mit der Handcreme, und kurz darauf rollte sich Nynaeve herum und begann sich einzucremen. Das dauerte einige Zeit.
»Es tut mir leid, daß ich vor Tagen nicht deinem Vorschlag gefolgt bin, Nynaeve. Wir hätten Masken wie Moghediens weben und einfach an allen vorbeispazieren können.« Nynaeve hielt in ihrer Bewegung inne. »Was ist los, Nynaeve?«
»Ich habe niemals daran gedacht. Ich habe niemals auch nur daran gedacht!«
»Nein? Du hast es immerhin zuerst gelernt.«
»Ich habe versucht, nicht einmal darüber nachzudenken, was wir den Schwestern nicht sagen konnten.« Nynaeves Stimme klang tonlos wie Eis und fast ebenso kalt. »Und jetzt ist es zu spät. Ich wäre zu müde, um die Macht zu lenken, selbst wenn du mein Haar in Brand stecken würdest, und wenn es nach ihrem Willen geht, werde ich für immer zu müde sein. Der einzige Grund, warum sie mich heute abend haben gehen lassen, war, daß ich Saidar nicht finden konnte, selbst als Nisao...« Sie erschauderte; dann bewegte sie ihre Hände erneut und massierte die Creme weiterhin ein.
Elayne ließ langsam den Atem ausströmen. Beinahe wäre sie ins Fettnäpfchen getreten. Sie war müde.
Wenn man zugab, daß man sich geirrt hatte, fühlte sich der andere immer besser, aber sie hatte nicht erwähnen wollen, Saidar als Maske zu benutzen. Sie hatte von Anfang an befürchtet daß Nynaeve es tun würde. Hier konnten sie zumindest ein Auge auf das haben, was die Salidar-Aes Sedai vorhatten, und Rand durch Egwene gegebenenfalls eine Nachricht zukommen lassen, wenn sie nach Tel'aran'rhiod zurückkehrte. Im schlimmsten Fall hätten sie vielleicht durch Siuan und Leane ein wenig Einfluß.
Als sei der Gedanke ein Ruf gewesen, öffnete sich die Tür, und genau jene Frauen traten ein. Leane trug ein Holztablett mit Brot und einer Schale Suppe, einem roten Tonbecher und einem weiß glasierten Krug. Sogar ein Zweiglein mit grünen Blättern in einer kleinen blauen Vase befand sich darauf. »Siuan und ich dachten, Ihr wärt vielleicht hungrig, Nynaeve. Ich hörte, daß die Gelben Euch hart bedrängt haben.«
Elayne war sich nicht sicher, ob sie aufstehen sollte oder nicht. Es waren nur Siuan und Leane, aber sie waren wieder Aes Sedai. Sie glaubte es zumindest. Die beiden beendeten ihre Überlegung, indem sie sich hinsetzten: Siuan auf das Fußende von Elaynes Bett und Leane auf Nynaeves. Nynaeve betrachtete sie beide mißtrauisch, bevor sie sich aufsetzte, sich mit dem Rücken an die Wand lehnte und das Tablett auf die Knie nahm.
»Ich habe gerüchteweise gehört, daß Ihr Euch an den Saal gewandt habt, Siuan«, sagte Elayne vorsichtig. »Hätten wir einen Hofknicks vollführen sollen?«
»Haltet Ihr uns für Aes Sedai, Mädchen? Das sind wir. Sie haben sich gezankt wie Fischweiber am Sonntag, aber sie haben zumindest soviel gewährt.« Siuan wechselte Blicke mit Leane, und Siuans Wangen röteten sich leicht. Elayne vermutete, daß sie niemals lernen würde, was nicht gewährt worden war.
»Myrelle war so freundlich, mich aufzusuchen und es mich wissen zu lassen«, sagte Leane in das kurzzeitige Schweigen hinein. »Ich glaube, ich werde die Grüne Ajah erwählen.«