Es war ihm zumindest gelungen, einen Teil des Pöbels zu töten, obwohl es schwer war, gegen Feinde zu kämpfen, die nur zu oft dahinschwanden als aufrechtzustehen, die mit ihren verdammten Fluchtsträngen verschmelzen konnten und — noch schlimmer —geistlose Wanderer, die anscheinend glaubten, al'Thor hätte alle Ordnung umgekehrt. Er hatte jedoch eine Lösung gefunden, wenn auch keine vollkommen zufriedenstellende Lösung. Die Straßen, die seine Legion passiert hatte, waren jetzt übersät und die Raben bis zum Bersten satt. Wenn man den Pöbel des Propheten schon nicht vom Flüchtlingspöbel unterscheiden konnte, nun, dann mußte man jedermann töten, der im Weg stand. Die Unschuldigen hätten in ihren Häusern bleiben sollen, wo sie hingehörten. Der Schöpfer würde sie ohnehin schützen. Seiner Meinung nach waren die Wanderer überflüssig.
»Ich habe in der Stadt gehört, Morgase sei hier«, sagte er. Er glaubte es nicht — jedes zweite Wort in Andor hatte von Vermutungen darüber gehandelt, wer Morgase getötet hätte —, und daher war er überrascht, als Dain nickte.
Die Überraschung wurde zu Widerwillen, als der junge Mann von Morgases Unterbringung zu schwärmen begann und darüber, wie gut sie behandelt wurde und wie zuversichtlich sie war, jeden Moment einen Vertrag mit den Kindern zu unterzeichnen. Valda runzelte offen die Stirn. Er hätte von Niall nichts Besseres erwarten sollen. Der Mann war zu seiner Zeit einer der besten Soldaten gewesen und galt als großer Hauptmann, aber er wurde bereits alt und verweichlichte. Valda hatte das erkannt, sobald seine Befehle Tar Valon erreicht hatten. Niall hätte beim ersten Word al'Thors Tear kraftvoll angreifen sollen. Er hätte alle Soldaten um sich versammeln sollen, die er auf dem Marsch brauchte. Die Völker hätten sich gegen einen falschen Drachen um die Kinder geschart. Damals hätten sie es getan. Jetzt war al'Thor in Caemlyn, und er war stark genug, die Kleinmütigen zu ängstigen. Aber Morgase war hier. Wenn er Morgase hatte, würde sie jenen Vertrag am ersten Tag unterzeichnen, und wenn jemand ihre Hand mit dem Stift führen müßte. Beim Licht, er würde sie lehren zu springen, wenn er sagte, spring. Wenn sie davor scheute, mit den Kindern nach Andor zurückzukehren, würde er sie mit den Handgelenken an einen Stock binden. Das wäre das richtige Banner für den Vorstoß auf Andor.
Dain schwieg schließlich und wartete. Er hoffte zweifellos auf eine Einladung zum Essen für diesen Abend. Er konnte den ihm vorstehenden Offizier nicht selbst einladen, aber er hoffte zweifellos, mit seinem alten Befehlshaber über Tar Valon und vielleicht sogar über seinen verstorbenen Vater sprechen zu können. Valda hatte nicht sehr viel von Geofram Bornhald gehalten. Der Mann war zu schwächlich gewesen. »Ich sehe Euch um sechs Uhr zum Essen im Lager. Ich möchte Euch nüchtern sehen, Kind Bornhald.«
Bornhald war eindeutig angetrunken. Er sperrte den Mund auf und stotterte etwas, bevor er salutierte und davonging. Valda fragte sich, was geschehen war. Dain war ein ausgezeichneter junger Offizier gewesen. Jemand, der sich zu viele Gedanken über Feinheiten machte, wie beispielsweise den Beweis einer Schuld zu erbringen, wenn es dafür keine Möglichkeit gab, aber er war dennoch ein ausgezeichneter Offizier gewesen. Nicht so schwach wie sein Vater. Es war bedauerlich zu sehen, daß er sich an den Branntwein verschwendete.
Leise vor sich hinmurmelnd — der Umstand, daß Offiziere inmitten der Festung des Lichts tranken, war ein weiteres Zeichen dafür, daß Niall den Kern erschütterte —, suchte Valda sein Quartier auf. Er beabsichtigte, im Lager zu schlafen, aber ein heißes Bad wäre nicht zu verachten.
Ein breitschultriges junges Kind näherte sich ihm in dem einfachen Steingang, den scharlachroten Hirtenstab der Hand des Lichts hinter der flammenden goldenen Sonne auf seiner Brust. Ohne anzuhalten oder Valda auch nur anzusehen, murmelte der Zweifler respektvolclass="underline" »Mein Lordhauptmann wünscht vielleicht, die Kuppel der Wahrheit zu sehen.«
Valda sah den Mann stirnrunzelnd an — er mochte Zweifler nicht. Sie leisteten auf ihre Art gute Arbeit, aber er konnte sich niemals des Gefühls erwehren, daß sie den Stab trugen, weil sie auf diese Weise niemals einem bewaffneten Feind gegenübertreten mußten; er wollte gerade die Stimme erheben, um den Burschen auszuschimpfen, hielt dann aber inne. Zweifler nahmen es mit der Disziplin nicht sehr genau, aber ein einfaches Kind würde niemals unangemessen mit einem Lordhauptmann sprechen. Vielleicht konnte das Bad noch warten.
Die Kuppel der Wahrheit war ein Wunder, das letztendlich einen Teil seines innersten Wesens wiederherstellte. Von außen rein weiß, spiegelte im Inneren Blattgold das Licht von tausend Hängelampen wieder. Dicke weiße Säulen umstanden den Raum, schlicht und glänzend poliert, aber die Kuppel selbst erstreckte sich über dem einfachen weißen Marmorpodest mitten auf dem weißen Marmorboden — wo der Lordhauptmann der Kinder des Lichts stand, um in ihren feierlichsten Momenten, bei ihren ernsthaftesten Zeremonien, zu den versammelten Kindern des Lichts zu sprechen —, hundert Schritt im Durchmesser und in fünfzig Schritt Höhe ungestützt bis zur Spitze. Eines Tages würde er dort stehen. Niall würde nicht ewig leben.
Dutzende von Kindern wanderten in dem riesigen Raum umher — es war ein sehenswerter Anblick, obwohl niemand außer den Kindern es natürlich jemals sah —, doch diese Nachricht war nicht gekommen, so daß er die Kuppel bewundern konnte. Er war sich dessen sicher. Hinter den großen Säulen verliefen Reihen kleinerer Säulen, die genauso schlicht und glatt poliert waren, und es gab hohe Nischen, in denen Szenen der Triumphe der Kinder während tausend Jahren festgehalten waren. Valda schlenderte umher und schaute in jede Nische. Schließlich sah er einen großen, bereits ergrauten Mann eines der Gemälde betrachten: Serenia Latar, die am Galgen geendet war, die einzige Amyrlin, die die Kinder jemals hatten hängen können. Sie war natürlich bereits tot gewesen, da lebende Hexen schwer gehängt werden können, aber das war unwichtig. Vor hundertdreiundneunzig Jahren war Gerechtigkeit dem Gesetz entsprechend vollzogen worden.
»Seid Ihr besorgt, mein Sohn?« Die Stimme klang sanft, fast milde.
Valda versteifte sich kaum merklich. Rhadam Asunawa war vielleicht der Hochinquisitor, aber er war auch immer noch ein Zweifler. Und Valda war ein Lordhauptmann, Gesalbter des Lichts, nicht ›mein Sohn‹. »Nicht, daß ich wüßte«, sagte er tonlos.
Asunawa seufzte. Sein hageres Gesicht war ein Bild gequälten Leidens, so daß man seinen Schweiß vielleicht auch für Tränen hätte halten können, aber seine tiefliegenden Augen schienen vor der Hitze zu brennen, die alles überflüssige Fleisch fortgebrannt hatte. Sein Umhang wies nur den Hirtenstab auf, keine flammende goldene Sonne, als stünde er außerhalb der Kinder. Oder vielleicht darüber. »Es herrschen besorgniserregende Zeiten. Die Festung des Lichts beherbergt eine Hexe.«
Valda versagte sich gerade noch einen schiefen Blick. Ob sie nun Feiglinge waren oder nicht — Zweifler konnten auch einem Lordhauptmann gefährlich werden. Der Mann könnte vielleicht niemals eine Amyrlin hängen, aber er träumte wahrscheinlich davon, der erste zu sein, der eine Königin hängte. Valda kümmerte es nicht, ob Morgase starb, vorausgesetzt es geschah nicht, bevor sie ihren Zweck erfüllt hatte. Er schwieg, und Asunawa zog seine dichten grauen Augenbrauen hoch, bis er aus den Augenhöhlen zu spähen schien.
»Es herrschen besorgniserregende Zeiten«, wiederholte er, »und Niall sollte nicht erlaubt werden, die Kinder des Lichts zu vernichten.«
Valda betrachtete einige Minuten lang das Gemälde. Vielleicht war der Künstler ein guter Maler gewesen, vielleicht aber auch nicht. Er wußte nichts von solchen Dingen, und sie kümmerten ihn auch nicht. Der Bursche trug jedoch die Waffen und Rüstung der Wachen, und sie wirkten echt. Von diesen Dingen verstand er etwas. »Ich bin bereit zuzuhören«, sagte er schließlich.