Выбрать главу

»Dann werden wir miteinander sprechen, mein Sohn. Später, wenn nur noch wenige Augen zusehen und wenige Ohren zuhören werden. Das Licht erleuchte dich, mein Sohn.« Asunawa schritt ohne ein weiteres Wort davon. Sein weißer Umhang bauschte sich leicht, und das Geräusch seiner Stiefel hallte wider, als versuche er, jeden Schritt in den Stein hineinzutreiben. Einige der Kinder verbeugten sich, als er vorüberging.

Niall beobachtete aus einem schmalen Fenster hoch über dem Hof, wie Valda abstieg, mit dem jungen Bornhald sprach und dann zornig davonschritt Valda war stets zornig. Hätte eine Möglichkeit bestanden, die Kinder von Tar Valon nach Hause zu bringen und Valda hierzu lassen, hätte Niall sie sofort ergriffen. Der Mann war ein guter Befehlshaber in der Schlacht, aber er war noch geeigneter, Pöbel zu erheben. Er verstand unter Taktik Angriff, und unter Strategie ebenfalls.

Niall schritt kopfschüttelnd zu seinem Audienzraum. Er hatte Wichtigeres zu bedenken als Valda. Morgase widerstand noch immer wie ein mit Proviant und einer hohen Moral ausgerüstetes Heer auf einer Anhöhe. Sie weigerte sich einzugestehen, daß sie einen Talboden ohne Ausweg hielt, und ihr Feind die Anhöhen besetzte.

Balwer stand vom Tisch auf, als Niall den Vorraum betrat. »Omerna war hier, mein Lord. Er hat dies für Euch zurückgelassen.« Balwer deutete auf ein Bündel Papiere auf dem Tisch mit einem roten Band darum, »Und dies.« Er preßte die dünnen Lippen zusammen, während er eine kleine Knochenröhre aus der Tasche zog.

Niall nahm die Röhre brummend entgegen und stapfte in den inneren Raum. Omerna wurde aus irgendeinem Grund mit jedem Tag nutzloser. Es war schon schlimm genug, daß er seine Berichte bei Balwer hinterließ, unsinnig wie sie waren, aber selbst Omerna wußte es besser, daß er eine dieser Röhren mit den drei roten Streifen niemand anderem als Niall persönlich übergeben sollte. Er hielt die Röhre nahe an eine Lampe und betrachtete das Wachs. Das Siegel war ungebrochen gewesen, bevor er es mit dem Daumennagel durchbohrte. Er würde Omerna einschüchtern, die Angst vor dem Licht in ihn einpflanzen müssen. Der Narr war kein guter Lockvogel, es sei denn, er spielte, soweit es ihm möglich war, den vollendeten Meisterspion.

Die Nachricht kam wiederum von Varadin, in Nialls persönlichem Code — ein wirres, spinnenartiges Gekritzel auf einem dünnen Streifen Papier. Er hätte sie fast ungelesen verbrannt, aber dann erweckte etwas seine Aufmerksamkeit. Er las sie von Anfang an und achtete bewußt auf den Code. Er wollte vollkommen sicher sein. Die Nachricht beinhaltete, genau wie zuvor, Geschwätz über gegängelte Aes Sedai und seltsame Bestien, aber ganz am Schluß... Varadin hatte Asidim Faisar geholfen, in Tanchico ein Versteck zu finden. Er würde versuchen, Faisar hinauszuschmuggeln, aber die Ahnen wachten so gut, daß nicht einmal ein Flüstern ohne Erlaubnis aus den Mauern hinausgelangte.

Niall rieb sich nachdenklich das Kinn. Faisar war einer jener Männer, die er nach Tarabon gesandt hatte, um herauszufinden, ob noch etwas zu retten war. Faisar wußte nichts von Varadin, und Varadin sollte nichts von Faisar wissen. Die Ahnen wachten so gut, daß nicht einmal ein Flüstern nach draußen gelangte. Das Gekritzel eines Verrückten.

Er stopfte das Papier in seine Tasche und kehrte in den Vorraum zurück. »Balwer, welche Nachrichten gibt es aus dem Westen?« So bezeichneten sie stets die Grenze zu Tarabon.

»Keine Neuigkeiten, mein Lord. Spähtrupps, die sehr weit nach Tarabon vordringen, kehren nicht zurück. Das größte Problem nahe der Grenze ist, daß Flüchtlinge hinüberzugelangen versuchen.«

Die Patrouillen waren zu weit vorgedrungen.

Tarabon war eine Grube voller Giftschlangen und tollwütiger Ratten, aber... »Wie schnell könntet Ihr einen Boten nach Tanchico bringen?«

Balwer blinzelte nicht einmal. Der Mann würde auch keine Überraschung zeigen, wenn eines Tages sein Pferd zu ihm spräche. »Es dürfte schwierig sein, frische Pferde zu bekommen, wenn er die Grenze erst überschritten hat, mein Lord. Normalerweise würde ich sagen, zwanzig Tage hin und zurück, vielleicht etwas weniger. Jetzt, mit Glück, doppelt so lange. Vielleicht doppelt so lange, um Tanchico zu erreichen.« Eine Grube, die einen Boten verschlingen könnte, ohne auch nur einen Knochen übrigzulassen.

Eine Rückkehr würde notwendig sein, aber das behielt Niall für sich. »Laßt es vorbereiten, Balwer. Ich werde in einer Stunde einen Brief bereithalten. Ich werde selbst mit dem Boten sprechen.« Balwer neigte zustimmend den Kopf, aber er fühlte sich gleichzeitig beleidigt. Sollte er doch. Es bestand eine kleine Chance, dies durchzuführen, ohne Varadin bloßzustellen. Es war natürlich eine unnötige Vorsichtsmaßnahme, wenn er verrückt war, aber wenn nicht ... Ihn zu verraten, würde nichts beschleunigen.

Als er in den Audienzraum zurückgekehrt war, las Niall Varadins Nachricht erneut, bevor er den Papierstreifen in die Flamme einer Lampe hielt und zusah, wie er Feuer fing. Er zerrieb die Asche zwischen den Fingern.

Er beherzigte bei seinem Vorgehen und bezüglich Informationen vier Regeln: Plane niemals etwas, ohne soviel wie möglich über deinen Feind zu wissen. Scheue dich niemals, deine Pläne zu ändern, wenn du neue Informationen erhältst. Glaube niemals, alles zu wissen. Und warte niemals darauf, alles zu erfahren. Der Mann, der darauf wartete, alles zu erfahren, saß noch immer in seinem Zelt, wenn der Feind es über seinem Kopf niederbrannte. Niall befolgte jene Regeln. Er hatte sie nur einmal in seinem Leben außer acht gelassen, um einer Ahnung zu folgen. In Jhamara hatte er, aus keinem anderen Grund als einem Kribbeln im Hinterkopf, ein Drittel seines Heers Berge begutachten lassen, die alle für unpassierbar hielten. Während er seine restlichen Kräfte gegen die Murandianer und die Altarener geführt hatte, drang ein illianisches Heer, das hundert Meilen entfernt sein sollte, aus jenen angeblich unpassierbaren Pässen hervor. Der einzige Grund, warum es ihm gelang, sich zurückzuziehen, ohne zerschlagen zu werden, war dieses unbestimmte Gefühl. Und jetzt verspürte er dieses Kribbeln erneut.

»Ich traue ihm nicht«, sagte Tallanvor fest. »Er erinnert mich an einen jungen Burschen mit unschuldigem Gesichtsausdruck, den ich einmal auf einem Jahrmarkt gesehen habe und der dir in die Augen sehen und grinsen konnte, während er dir den Stuhl unter dem Hintern wegstahl.«

Morgase hatte zum ersten Mal keine Schwierigkeiten, ihr Temperament im Zaum zu halten. Der junge Paitr hatte berichtet, daß sein Onkel einen Weg gefunden hätte, sie aus der Festung des Lichts herauszuschmuggeln, sie und die anderen. Die anderen waren das Problem gewesen, Torwyn Barshaw hatte schon lange behauptet, er könnte sie allein hinausbringen, aber sie wollte die anderen nicht in der Willkür der Weißmäntel zurücklassen. Nicht einmal Tallanvor.

»Ich werde Eure Gefühle berücksichtigen«, sagte sie nachsichtig. »Aber laßt Euch nicht von ihnen behindern. Wißt Ihr ein passendes Sprichwort, Lini? Etwas für den jungen Tallanvor und seine Gefühle?« Licht, warum hatte sie ein solches Vergnügen daran, ihn zu verspotten? Er beging fast einen Treubruch, aber sie war seine Königin und nicht... Der Gedanke wollte nicht fortgeführt werden.

Lini saß nahe den Fenstern und wickelte ein Knäuel aus blauem Garn von dem Strang auf, den Breane über den Händen hielt. »Paitr erinnert mich an diesen jungen Stallburschen, unmittelbar bevor Ihr zur Weißen Burg gingt. Derjenige, der zwei Mägde geschwängert hat und dann erwischt wurde, als er sich mit einem Sack voller Tafelsilber Eurer Mutter aus dem Palast schleichen wollte.«

Morgase preßte die Kiefer zusammen, aber nichts konnte ihr Vergnügen verderben, nicht einmal der Blick, den Breane ihr zuwarf, als sollte es ihr erlaubt sein, auch ihre Meinung zu sagen. Paitr war bei Morgases unmittelbar bevorstehender Flucht außer sich vor Freude gewesen. Natürlich erwartete er für seinen Anteil daran anscheinend eine Belohnung von seinem Onkel — zumindest ließen einige seiner Bemerkungen über das Wiedergutmachen eines zu Hause begangenen Fehlers darauf schließen —, aber der junge Mann tanzte fast vor Freude, als sie dem Plan zustimmte, der sie alle heute aus der Festung und morgen bei Sonnenaufgang aus Amador herausbringen würde. Fort von Amador und auf den Weg nach Ghealdan, wo keine Soldaten mit Stricken drohten, um sie an Andor zu fesseln. Vor zwei Tagen war Barshaw selbst gekommen, um den Plan zu erläutern —als Krämer verkleidet, der Stricknadeln und Garn lieferte, ein untersetzter Mann mit großer Nase, cholerischem Blick und einem höhnisch verzogenen Mund, der jedoch ausreichend respektvoll sprach. Es war schwer zu glauben, daß er Paitrs Onkel war — sie sahen einander überhaupt nicht ähnlich —, und noch weniger, daß er ein Händler war. Dennoch war sein Plan bewundernswert einfach — wenn er auch kaum gewürdigt wurde —, und setzte nur ausreichend viele Menschen außerhalb der Festung des Lichts voraus. Morgase würde die Festung des Lichts in einem Karren unter einer Wagenladung Küchenabfälle verlassen.