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»Nun, Ihr wißt alle, was zu tun ist«, belehrte sie ihr Gefolge. Solange sie selbst sich in ihren Räumen aufhielt, konnten sich die anderen verhältnismäßig frei bewegen. Davon hing alles ab. Nun, nicht alles, aber sicherlich die Flucht aller außer ihrer eigenen. »Lini, Ihr und Breane müßt Euch im Waschhof aufhalten, wenn die Glocke erklingt.« Lini nickte willfährig, aber Breane sah sie mit geschürzten Lippen an. Sie hatten dies schon zwanzig Mal durchgesprochen. Dennoch würde Morgase keinen Fehler zulassen, der bewirken würde, daß jemand zurückgelassen werden müßte. »Tallanvor, Ihr werdet Euer Schwert hierlassen und bei einem Gasthaus namens Eiche und Dom warten.« Er öffnete den Mund, aber sie kam ihm entschlossen zuvor. »Ich habe Eure Argumente gehört. Ihr könnt ein anderes Schwert finden. Sie werden glauben, daß Ihr zurückkehren wollt, wenn Ihr es hierlaßt.« Er verzog das Gesicht, nickte aber schließlich. »Lamgwin wird am Goldenen Haupt warten und Basel am...«

Ein hastiges Klopfen an der Tür, und sie öffnete sich weit genug, um Basels kahl werdenden Kopf freizugeben. »Meine Königin, da ist ein Mann ... ein Kind...« Er schaute über die Schulter in den Gang. »Da ist ein Zweifler, meine Königin.« Tallanvors Hände sanken zu seinem Schwertheft, und er würde sie nicht eher fortnehmen, bis sie es ihm zwei Mal bedeutet und ihn entsprechend angesehen hätte.

»Laßt ihn herein.« Es gelang ihr, die Stimme ruhig zu halten, aber fuchsgroße Schmetterlinge flatterten unruhig in ihrem Bauch. Ein Zweifler? Wurde alles, was plötzlich so gut verlaufen war, genauso plötzlich zu einer Katastrophe?

Ein großer, hakennasiger Mann schob Basel aus dem Weg und schloß die Tür dann vor seiner Nase. Der weiß-goldene Wappenrock mit dem karmesinroten Hirtenstab an der Schulter wies ihn als Inquisitor aus. Sie war Einor Saren noch nicht begegnet, aber er war ihr beschrieben worden. Sein Gesicht zeugte von unerschütterlicher Selbstgewißheit »Der Lordhauptmann will Euch sehen«, sagte er kalt. »Ihr werdet jetzt mitkommen.«

Morgases Gedanken rasten schneller als die Schmetterlinge. Sie war daran gewöhnt, gerufen zu werden — Niall kam nicht mehr zu ihr, seit er sie in der Festung wußte —, vor den Mann gerufen zu werden, um eine weitere Lektion über ihre Pflichten gegenüber Andor zu erhalten oder zu einem sogenannten freundlichen Gespräch, das ihr zeigen sollte, daß Niall in ihrem und Andors bestem Interesse handelte. Daran war sie gewöhnt, aber nicht an diese Art Boten. Wenn sie den Zweiflern übergeben würde, gäbe es keine Ausflüchte. Asunawa würde genügend viele Männer senden, um sie, und alle anderen mit ihr, fortzuzerren. Sie war ihm einmal kurz begegnet. Er ließ ihr Blut gefrieren. Warum war ein Inquisitor gesandt worden? Sie stellte die Frage, und Saren beantwortete sie in demselben eisigen Tonfall wie zuvor.

»Ich war beim Lordhauptmann, und ich kam hier entlang. Ich habe meine Aufgaben beendet und werde Euch jetzt mit zurücknehmen. Ihr seid immerhin eine Königin, der Respekt gebührt.« Das alles klang leicht gelangweilt, leicht ungeduldig, bis zum Schluß, als eine Spur Spott hinzukam. Aber keine Herzlichkeit.

»Sehr gut«, sagte sie.

»Soll ich meine Königin begleiten?« Tallanvor verbeugte sich förmlich. Zumindest zeigte er Ehrerbietung, wenn Fremde dabei waren.

»Nein.« Sie würde statt dessen Lamgwin mitnehmen. Nein, egal wen sie mitnähme — es würde wirken, als glaubte sie, Leibwächter zu benötigen. Saren ängstigte sie fast genauso wie Asunawa, aber sie würde es ihn auf keinen Fall erkennen lassen. Sie setzte ein beiläufiges Lächeln auf. »Ich brauche hier sicherlich keinen Schutz.«

Saren lächelte ebenfalls, oder zumindest lächelte sein Mund. Er schien sie auszulachen.

Draußen sahen Basel und Lamgwin sie unsicher an, und sie hätte fast ihre Meinung über eine Begleitung geändert. Sie hätte es auch getan, wenn sie sich nicht vorher dagegen ausgesprochen hätte. Aber zwei Männer könnten sie ohnehin nicht beschützen, wenn dies wirklich eine raffinierte Falle war, und zudem wäre es ein Zeichen von Schwäche, wenn sie ihre Meinung jetzt noch änderte. Sie schritt neben Saren durch die Korridore und fühlte sich schwach und überhaupt nicht wie eine Königin. Nein. Vielleicht würde sie wie jeder andere Mensch schreien, wenn die Zweifler sie in ihren Kerkern hatten — nun, da gab es kein Vielleicht. Sie war nicht so töricht zu glauben, königliches Fleisch sei in dieser Beziehung anders als das anderer Menschen —, aber bis dahin würde sie sein, was sie war. Sie machte sich wohlerwogen daran, die Schmetterlinge zu vertreiben.

Saren führte sie in einen kleinen, mit Fliesen ausgelegten Hof, wo Männer mit Schwertern auf Holzpfosten einschlugen. »Wohin gehen wir?« fragte sie. »Dies ist nicht der Weg, den ich früher zum Studierzimmer des Lordhauptmanns gegangen bin. Befindet er sich jetzt woanders?«

»Ich nehme den kürzesten Weg«, erwiderte er kurz angebunden. »Ich habe mich um wichtigere Dinge zu kümmern als...« Er beendete seinen Satz nicht und verlangsamte auch seinen Schritt nicht.

Sie hatte keine andere Wahl, als ihm zu folgen, einen von länglichen Räumen voller schmaler Feldbetten und Männern mit nackten Oberkörpern gesäumten Gang. Sie hielt ihren Blick fest auf Sarens Rücken gerichtet und formulierte im Geiste bereits die heftigen Sätze, die sie Niall an den Kopf werfen wollte. Es ging über einen Stallhof, über dem schwer der Geruch von Pferden und Dung hing und in dem ein Hufschmied in einer Ecke Pferde beschlug, einen weiteren Barackengang entlang, dann einen Gang, der auf einer Seite von Küchen gesäumt war und in dem es stark nach Geschmortem roch, in einen weiteren Hof... Sie blieb jäh stehen.

Ein langes, hohes Schafott stand mitten auf dem Hof. Drei Frauen und mehr als ein Dutzend Männer füllten jeden Fleck der Plattform, die Hände und Füße gefesselt und mit um den Hals gelegten Schlingen. Einige weinten jämmerlich, aber die meisten wirkten einfach verängstigt. Die letzten beiden Männer am anderen Ende waren Torwyn Barshaw und Paitr, der Junge in Hemdsärmeln, anstatt in dem rotweißen Umhang, den sie für ihn hatte fertigen lassen. Paitr weinte nicht, aber sein Onkel tat es. Paitr schien zu erschreckt, um an Tränen zu denken.

»Für das Licht!« rief ein Weißmantel-Offizier aus, und ein weiterer Weißmantel verschob einen langen Hebel am Ende des Schafotts.

Falltüren öffneten sich mit lautem Krachen, und die Opfer fielen außer Sicht. Einige der fest gespannten Stricke erbebten, als die an ihrem Ende hängenden Menschen ihr Leben herauswürgten, anstatt an einem gebrochenen Genick schnell zu sterben. Paitr war einer von ihnen. Und ihre sorgfältig geplante Fluchtmöglichkeit starb mit ihm. Vielleicht hätte sie sich genauso sehr um ihn sorgen sollen, aber sie dachte an die Flucht, an ihren Ausweg aus der Falle, in die sie getappt war. Sie war gefangen, und Andor mit ihr.

Saren sah sie an und erwartete eindeutig, daß sie in Ohnmacht fiele oder sich übergäbe.

»So viele auf einmal?« sagte sie und war stolz auf die Festigkeit ihrer Stimme. Paitrs Strick hatte aufgehört zu beben. Es schwang jetzt nur noch langsam von einer Seite zur anderen. Keine Fluchtmöglichkeit.