Sie legte die Bürste entschlossen hin, blies die Lampe aus und legte sich aufs Bett. Sie war ausreichend müde, daß sie rasch einschlief, obwohl sie sich inzwischen jederzeit in Schlaf versetzen konnte, wenn es nötig war, oder in eine leichte Trance, in der sie noch mit jemandem sprechen — nun, murmeln — konnte, der bei ihr war. Kurz vor dem Einschlafen traf sie eine überraschende Erkenntnis: Ihr Magen rebellierte nicht mehr.
Sie stand in einem großen, gewölbeartigen Raum mit dicken Säulen aus geglättetem Sandstein. Das Herz des Steins, im Stein von Tear. Vergoldete Lampen hingen von Ketten über ihr. Sie waren nicht entzündet, aber natürlich kam Licht von überall und nirgends. Amys und Bair waren bereits dort und sahen nicht anders aus als heute morgen, außer daß alle ihre Ketten und Armbänder ein wenig stärker funkelten, als selbst Gold das normalerweise tat. Sie sprachen leise miteinander und wirkten verwirrt. Egwene erhaschte nur hier und da ein Wort, aber zwei davon lauteten ›Rand al'Thor‹.
Sie erkannte jäh, daß sie das weiße Gewand mit dem gestreiften Saum einer Aufgenommenen trug. Sobald sie es bemerkte, wurde es zu einem Kleidungsstück der Weisen Frauen, aber ohne Schmuck. Sie glaubte nicht, daß die anderen beiden Frauen es bemerkt hatten oder, falls sie es doch bemerkt hatten, wissen würden, was es bedeutete. Manchmal verlor man durch Verzicht weniger Ji und erlegte sich weniger Toh auf als auf andere Weisen, aber keine Aiel würde jemals daran denken, ohne den Kampf auch nur zu versuchen.
»Sie sind erneut spät dran«, sagte Amys verärgert, während sie auf die offene Fläche unter der großen Kuppel des Raums hinaustrat. In die Steine des Bodens eingetrieben, war eine Art Schwert aus Kristall zu sehen, der Callandor der Prophezeiung, ein männlicher Sa'angreal und einer der mächtigsten, die jemals geschaffen wurden. Rand hatte ihn dort hinterlegt, um die Tairener an ihn zu erinnern, als bestünde eine Möglichkeit, daß sie ihn jemals vergessen könnten, aber Amys beachtete es kaum. Für andere war Das Schwert, Das Kein Schwert War vielleicht ein Symbol des Wiedergeborenen Drachen. Für sie war es eine Angelegenheit der Feuchtländer. »Wir können zumindest darauf hoffen, daß sie nicht vorzugeben versuchen werden, daß sie alles und wir nichts wissen. Sie waren letztes Mal viel besser.«
Bairs Schnauben hätte Sorilea blinzeln lassen. »Sie werden niemals besser sein. Sie könnten sich wenigstens da aufhalten, wo sie zu sein behaupteten, als sie sagten, sie...« Sie brach ab, als plötzlich mehrere Frauen auf der anderen Seite Callandors erschienen.
Egwene erkannte sie, einschließlich der jungen Frau mit den entschlossenen blauen Augen, die sie schon früher in Tel'aran'rhiod gesehen hatte. Wer war sie? Amys und Bair hatten die anderen erwähnt —meist in bissigem Tonfall —, aber niemals noch eine weitere. Sie trug eine blau gestreifte Stola. Sie alle trugen ihre Stolen. Ihre Kleidung veränderte ständig Farbe und Schnitt, aber die Stolen blieben stets gleich.
Die Blicke der Aes Sedai richteten sich sofort auf Egwene. Die Weisen Frauen hätten genausogut nicht dasein können.
»Egwene al'Vere«, sagte Sheriam förmlich, »Ihr werdet vor den Saal der Burg gerufen.« Ihre schrägstehenden grünen Augen schimmerten vor unterdrückter Empfindung. Egwenes Magen sank. Sie wußten, daß sie sich als vereidigte Schwester ausgegeben hatte.
»Fragt nicht, warum ihr gerufen werdet«, sagte Carlinya unmittelbar nach Sheriam. Ihre frostige Stimme ließ die Förmlichkeit noch härter wirken. »Ihr sollt antworten, nicht fragen.« Aus irgendeinem Grund hatte sie ihr dunkles Haar kurz geschnitten. Das war eine unwichtige Einzelheit, die in Egwenes Geist aufzuragen schien. Sie wollte bestimmt nicht darüber nachdenken, was das alles bedeutete. Die förmlichen Phrasen rollten in stetem Gleichmaß weiter heran. Amys und Bair richteten ihre Stolen und runzelten die Stirn. Ihre Verwirrung verwandelte sich allmählich in Sorge.
»Kommt nicht zu spät.« Egwene hatte Anaiya immer für freundlich gehalten, aber die Frau mit dem offenen Gesicht klang genauso bestimmt wie Carlinya und in ihrer Förmlichkeit auch nicht herzlicher. »Es obliegt Euch, unverzüglich zu gehorchen.«
Die drei Frauen sprachen gleichzeitig. »Es ist angemessen, den Ruf des Saals zu fürchten. Es ist angemessen, eilig und bescheiden und ohne Fragen zu stellen zu gehorchen. Ihr werdet aufgefordert, vor dem Saal der Burg niederzuknien und sein Urteil anzunehmen.«
Egwene hielt ihre Atmung zumindest soweit unter Kontrolle, daß sie nicht hörbar war. War das die Strafe für ihre Taten? Sie vermutete, daß es angesichts all dieser Förmlichkeiten keine milde Strafe würde. Alle sahen sie an. Sie versuchte, aus den Aes-Sedai-Gesichtern etwas herauszulesen. Sechs zeigten zeitlose Gelassenheit mit vielleicht einem Hauch Anspannung in den Augen. Die junge Blaue zeigte die kühle Ruhe einer Frau, die schon seit Jahren eine Aes Sedai war, aber sie konnte ihr zufriedenes Lächeln nicht verhüllen.
Sie schienen auf etwas zu warten. »Ich werde kommen, sobald ich kann«, sagte sie. Vielleicht war ihr der Magen bis zu den Knöcheln gesunken, aber sie konnte ihre Stimme noch den ihren anpassen. Kein Feigling.
Sie würde eine Aes Sedai werden. Wenn sie es hiernach noch zuließen. »Ich weiß jedoch nicht, wie bald das sein wird. Es ist ein langer Weg, und ich weiß nicht genau, wo Salidar ist. Nur daß es irgendwo am Fluß Eldar liegt.«
Sheriam wechselte Blicke mit den anderen. Ihr Kleid veränderte sich von Hellblau zu Dunkelgrau. »Wir sind sicher, daß es eine Möglichkeit gibt, die Reise in Bälde anzutreten, wenn die Weisen Frauen helfen. Siuan ist überzeugt, daß es nicht mehr als einen oder zwei Tage erfordern wird, wenn Ihr Tel'aran'rhiod körperlich betretet...«
»Nein«, fauchte Bair im gleichen Augenblick, als Amys sagte: »So etwas werden wir sie nicht lehren. Es wurde zum Bösen verwendet, es ist böse, und wer auch immer es tut, verliert einen Teil seines Selbst.«
»Dessen könnt Ihr nicht sicher sein«, sagte Beonin geduldig, »da es anscheinend noch niemand von Euch getan hat. Aber wenn Ihr davon wißt, müßt Ihr eine gewisse Vorstellung davon haben, wie man es macht. Vielleicht können wir herausfinden, was Ihr nicht wißt.«
Geduld war entschieden der falsche Weg. Amys richtete ihre Stola und stand noch aufrechter als gewöhnlich. Bair stemmte mit grimmigem Gesichtsausdruck die Fäuste in die Hüften. Gleich würde es einen jener Ausbrüche geben, auf die die Weisen Frauen angespielt hatten. Sie würden diesen Aes Sedai eine Lektion erteilen, was in Tel'aran'rhiod möglich war, indem sie ihnen zeigten, wie wenig sie wußten. Die Aes Sedai traten ihnen sehr ruhig und voller Zuversicht entgegen. Ihre Stolen blieben stets gleich, aber ihre Gewänder veränderten sich fast so schnell wie Egwenes Herzschlag. Nur das Gewand der jungen Blauen schien sich kaum zu verändern, außer einmal während dieses langen Schweigens.
Sie mußte es unterbinden. Sie mußte nach Salidar gehen, und es würde sicherlich nichts nützen, wenn sie als Zeugin der Demütigung dieser Aes Sedai käme. »Ich weiß wie. Ich glaube, ich weiß es. Ich bin bereit, es zu versuchen.« Wenn es nicht funktionierte, konnte sie immer noch reiten. »Aber ich muß trotzdem wissen, wo Salidar liegt — auf jeden Fall genauer, als ich es im Moment weiß.«
Amys und Bair wandten ihre Aufmerksamkeit von den Aes Sedai ihr zu. Nicht einmal Carlinya oder Morvrin hätten diese kalten Blicke übertreffen können. Egwenes Herz sank genauso wie ihr Magen.