Sheriam erteilte ihr sofort Anweisungen — so und so viele Meilen von diesem Dorf entfernt, so und so viele Meilen südlich davon —, aber die junge Blaue räusperte sich und sagte: »Dies ist gewiß hilfreicher.« Die Stimme klang vertraut, aber Egwene konnte sie nicht mit dem Gesicht in Verbindung bringen.
Vielleicht konnte sie ihre Kleidung auch nicht besser unter Kontrolle halten als die anderen — weiche grüne Seide wurde Tiefblau, während sie sprach, ein hoher, bestickter Kragen wurde zu einer Spitzenkrause in tairenischem Stil und eine Perlenkappe erschien auf ihrem Kopf —, aber sie wußte etwas über Tel'aran'rhiod.
Plötzlich hing auf einer Seite eine große Landkarte mit einem leuchtend roten, als ›Catrhien‹ bezeichneten Fleck an einem Ende und einem zweiten, als ›Salidar‹ bezeichneten Fleck am anderen Ende in der Luft. Die Landkarte begann sich auszudehnen und zu verändern. Plötzlich waren die Berge nicht mehr nur Linien, sondern ragten hoch auf, die Wälder nahmen Grün- und Braunschattierungen an und die Flüsse glitzerten wie blaues Wasser im Sonnenschein. Sie wuchs, bis sie eine Wand bildete, die eine Seite des Herzens vollkommen verbarg. Es war, als schaute man auf die Welt hinab.
Sogar die Weisen Frauen waren ausreichend beeindruckt, daß sie ihre Mißbilligung außer acht ließen, zumindest bis sich das tairenische Gewand der Frau in gelbe Seide mit einem silbern bestickten Halsausschnitt verwandelte. Sie interessierten die junge Frau jedoch nicht. Aus irgendeinem Grund sah sie die anderen Aes Sedai herausfordernd an.
»Das ist großartig, Siuan«, sagte Sheriam kurz darauf.
Egwene blinzelte. Siuan? Es mußte sich um eine Frau mit demselben Namen handeln. Diese jüngere Siuan schnaubte selbstzufrieden und nickte auf eine Art, die sehr an Siuan Sanche erinnerte, aber das war unmöglich. Du versuchst es einfach zu verdrängen, sagte sie sich entschieden. »Es genügt sicherlich, daß ich Salidar finden kann, ob ich nun...« Sie sah Amys und Bair an, die so voller schweigender Mißbilligung waren, daß sie wie in Stein gemeißelt schienen. »Ob ich nun in körperlicher Gestalt dorthin gelangen kann oder nicht — ich verspreche, daß ich auf die eine oder andere Weise nach Salidar kommen werde, sobald ich kann.« Die Landkarte verschwand. Licht, was werden sie mir antun?
Ihr Mund formulierte die Frage schon halbwegs, als Carlinya sie schroff unterbrach, wieder tief in Förmlichkeit eintauchte und noch härter sprach als zuvor. »Fragt nicht, warum Ihr gerufen werdet. Ihr sollt antworten, nicht fragen.«
»Verzögert Euer Kommen nicht«, sagte Anaiya. »Es obliegt Euch, eilig zu gehorchen.«
Die Aes Sedai wechselten Blicke und verschwanden dann so schnell, daß Egwene sich halbwegs fragte, ob sie glaubten, daß sie überhaupt gefragt hätte.
Also blieb sie mit Amys und Bair allein, aber als sie sich zu ihnen umwandte, unsicher, ob sie es mit einer Erklärung oder einer Entschuldigung oder einfach einer Bitte um Verständnis versuchen sollte, verschwanden auch sie und ließen sie dort allein, umgeben von den Sandsteinsäulen, Callandor neben ihr schimmernd. Es gab im Ji'e'toh keine Entschuldigungen.
Sie seufzte traurig und schlüpfte aus Tel'aran'rhiod wieder in ihren schlafenden Körper.
Sie erwachte sofort. Zu erwachen, wann man es wollte, war genauso Teil der Ausbildung einer Traumgängerin, wie einzuschlafen, wann man es wollte, und sie hatte versprochen, so schnell wie möglich aufzubrechen. Sie lenkte die Macht, während sie alle Lampen entzündete. Sie würde Licht brauchen. Sie versuchte, sich zu beeilen, während sie sich neben eine der an den Zeltwänden stehenden Kisten kniete und Kleider herausnahm, die sie nicht mehr getragen hatte, seit sie in die Wüste gegangen war. Ein Teil ihres Lebens war vorüber, aber sie würde diesen Verlust nicht beweinen. Das würde sie nicht tun.
Sobald Egwene verschwand, trat Rand al'Thor zwischen den Säulen hervor. Er kam manchmal hierher, um Callandar zu betrachten. Der erste Besuch hatte stattgefunden, nachdem Asmodean ihn gelehrt hatte, seine Gewebe umzukehren. Dann hatte er die rund um den Sa'angreal errichteten Fallen verändert, so daß nur er sie sehen konnte. Wenn man den Prophezeiungen glauben wollte, würde ihm, wer auch immer das Schwert herauszöge, nachfolgen. Er war sich nicht sicher, wieviel er noch glauben durfte, aber es hatte keinen Sinn, Risiken einzugehen.
Lews Therin murmelte in seinem Hinterkopf etwas — er tat dies stets, wenn Rand sich Callandor näherte —, aber heute nacht interessierte Rand das schimmernde Kristallschwert überhaupt nicht. Er betrachtete die Stelle, an der die große Landkarte gehangen hatte. Letztendlich eigentlich keine Landkarte, sondern mehr. Was war dieser Ort? War es lediglich ein Zufall, der ihn heute nacht anstatt gestern oder morgen hierhergezogen hatte? Einer dieser Ta'veren-Rucke am Muster? Egal. Egwene hatte diesen Ruf sanftmütig angenommen, und von der Burg und von Elaida verlautete, daß sie das niemals tun würde. Dieses Salidar war der Ort, wo sich ihre geheimnisvollen Freundinnen verbargen. Wo sich Elayne befand. Sie hatten sich ihm überantwortet.
Er öffnete lachend ein Tor zum Spiegelbild des Palastes in Caemlyn.
33
Mut
Egwene kniete nur in ihrem Nachtgewand auf dem Boden und betrachtete stirnrunzelnd das dunkelgrüne, seidene Reitgewand, das sie in der Wüste getragen hatte, was jetzt sehr lange zurückzuliegen schien. Es gab so vieles zu tun. Sie hatte sich ein wenig Zeit genommen, um eine eilige Notiz zu schreiben und Cowinde mit der Anweisung aus dem Bett zu scheuchen, sie am Morgen zum Großen Mann zu bringen. Die Notiz besagte kaum mehr als die Tatsache, daß sie fortgehen mußte — sie wußte selbst nicht wesentlich mehr —, aber sie konnte nicht einfach verschwinden, ohne es Gawyn mitzuteilen. Einige Sätze brachten sie in der Erinnerung zum Erröten — ihm zu sagen, daß sie ihn liebte, war eine Sache, aber ihn tatsächlich zu bitten zu warten! —, und dennoch hatte sie soweit wie möglich Rücksicht auf ihn genommen. Jetzt mußte sie sich bereitmachen, und sie wußte kaum wofür.
Der Zelteingang wurde zurückgeschlagen, und Amys, Bair und Sorilea traten ein. Sie stellten sich in eine Reihe und schauten auf sie herab. Drei vor Mißbilligung starre Gesichter. Es fiel ihr sehr schwer, ihr Gewand nicht krampfhaft über der Brust festzuhalten.
Sie fühlte sich in ihrem Nachthemd entschieden im Nachteil. Sie wäre sogar in einer Rüstung im Nachteil gewesen. Es ging nur darum, daß sie im Unrecht war. Es überraschte sie, daß sie so lange gebraucht hatten, um herzukommen.
Sie atmete tief ein. »Wenn Ihr gekommen seid, um mich zu bestrafen — ich habe keine Zeit, um Wasser zu tragen oder Löcher zu graben. Es tut mir leid, aber ich sagte, ich würde sobald wie möglich kommen, und ich denke, sie beabsichtigen die Minuten zu zählen.«
Amys hob überrascht die hellen Augenbrauen, und Bair und Sorilea wechselten verwirrte Blicke. »Wie sollten wir Euch bestrafen?« fragte Amys. »Ihr habt in dem Moment aufgehört, eine Schülerin zu sein, als Eure Schwestern Euch berufen haben. Ihr müßt als Aes Sedai zu ihnen gehen.«
Egwene verbarg ihr Erschrecken, indem sie erneut ihr Reitgewand begutachtete. Es war bemerkenswert wenig zerknittert, obwohl es all diese Monate zusammengelegt in der Kiste gelegen hatte. Sie zwang sich, die Weisen Frauen erneut anzusehen. »Ich weiß, daß Ihr zornig auf mich seid, und Ihr habt Grund...«
»Zornig?« erwiderte Sorilea. »Wir sind nicht zornig. Ich dachte, Ihr würdet uns besser kennen.« Sie klang wirklich nicht zornig, obwohl ihr Gesicht und die der beiden anderen noch immer von Mißbilligung zeugten.
Egwene schaute von einer zur anderen, besonders zu Amys und Bair. »Aber Ihr habt mir gesagt, daß Ihr es für falsch haltet, was ich zu tun beabsichtige. Ihr habt gesagt, ich sollte nicht einmal darüber nachdenken. Ich sagte, das würde ich auch nicht tun, und dann ging ich los und fand heraus, wie ich es doch tun kann.«