Выбрать главу

Überraschenderweise überzog ein Lächeln Sorileas lederartiges Gesicht. Ihre vielen Armreifen klimperten, als sie ihre Stola richtete. »Seht Ihr? Ich habe Euch gesagt, daß sie verstehen würde. Sie könnte eine Adel sein.«

Ein Teil der Angespanntheit wich von Amys, ein wenig mehr von Bair, und Egwene verstand wirklich. Sie waren nicht zornig darüber, daß sie Tel'aran'rhiod körperlich betreten wollte. Es war in ihren Augen falsch, aber man mußte tun, was man tun zu müssen glaubte, und sie war nur sich selbst gegenüber verpflichtet. Sie war überhaupt nicht zornig, noch nicht.

Ihre Lüge machte ihr zu schaffen. Ihr Magen flatterte. Die Lüge, die sie eingestanden hatte. Vielleicht ihre kleinste Lüge.

Ein weiterer tiefer Atemzug war nötig, um ihre Kehle für die Worte vorzubereiten. »Ich habe auch bei anderen Dingen gelogen. Ich bin allein nach Tel'aran'rhiod gegangen, obwohl ich versprochen hatte, es nicht zu tun.« Amys' Gesicht verdüsterte sich erneut. Sorilea, die keine Traumgängerin war, schüttelte nur traurig den Kopf. »Ich habe als Schülerin versprochen zu gehorchen, aber als Ihr sagtet, die Welt der Träume sei zu gefährlich, nachdem ich verletzt wurde, ging ich dennoch wieder hin.« Bair verschränkte mit ausdruckslosem Gesicht die Arme.

Sorilea murmelte etwas über törichte Mädchen, aber es klang nicht zornig. Ein dritter langer Atemzug. Dies würde am schwersten auszusprechen sein. Ihr Magen flatterte nicht mehr, sondern er tanzte so stark, daß es sie überraschte, nicht zu zittern. »Das schlimmste von allem ist, daß ich keine Aes Sedai bin. Ich bin nur eine Aufgenommene. Ihr könntet mich einen Lehrling nennen. Ich werde noch jahrelang nicht zur Aes Sedai erhoben werden, wenn ich es jetzt überhaupt noch irgendwann werden kann.«

Bei diesen Worten hob Sorilea den Kopf, die dünnen Lippen fest zusammengepreßt, aber noch immer schwiegen sie. Es blieb Egwene überlassen, die Dinge geradezurücken. Sie würden niemals mehr sein wie zuvor, aber...

Du hast alles eingestanden, flüsterte eine leise Stimme. Jetzt solltest du besser herausfinden, wie schnell du Salidar erreichen kannst. Du kannst noch immer eines Tages zur Aes Sedai erhoben werden, aber nicht, wenn du sie noch wütender machst, als sie es bereits sind.

Egwene senkte den Blick und betrachtete die farbenprächtigen Teppiche, während sie verächtlich den Mund verzog. Verachtung für diese leise Stimme. Und Scham, weil sie in ihrem Kopf sprechen konnte, weil sie sie denken konnte. Sie würde fortgehen, aber bevor sie das tat, mußte sie alles geraderücken. Es war unter dem Ji'e'toh möglich. Man tat, was man tun mußte, und bezahlte dann den Preis. Vor vielen Monaten, in der Wüste, hatte Aviendha ihr gezeigt, wie man für eine Lüge bezahlen mußte.

Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen, legte das Seidengewand beiseite und erhob sich. Seltsamerweise schien es einfacher fortzufahren, wenn man erst begonnen hatte. Sie mußte noch immer aufschauen, um ihren Blicken zu begegnen, aber sie tat es stolz, mit hocherhobenem Kopf, und sie mußte sich nicht mehr zu den Worten zwingen. »Ich habe Toh.« Ihr Magen rebellierte nicht mehr. »Ich bitte Euch darum, mir zu helfen, meinem Toh gegenüberzutreten.« Salidar würde warten müssen.

Auf einen Ellbogen gestützt, betrachtete Mat das auf dem Zeltboden ausgelegte Spiel mit den Schlangen und Füchsen. Gelegentlich fiel ein Tropfen Schweiß von seinem Kinn und verfehlte das Spielbrett nur knapp. Es war eigentlich kein richtiges Spielbrett, sondern nur ein Stück roter Stoff mit aufgemalten schwarzen Linien und Pfeilen, die anzeigten, auf welchen Bahnen man nur in einer Richtung und auf welchen man in beiden Richtungen ziehen durfte. Zehn helle Holzscheiben mit einem aufgemalten Dreieck waren die Füchse, und zehn mit einer Wellenlinie die Schlangen. Zwei auf beiden Seiten der Spielfläche aufgestellte Lampen spendeten reichlich Licht.

»Dieses Mal werden wir gewinnen, Mat«, sagte Olver aufgeregt. »Ich weiß, daß wir gewinnen werden.«

»Vielleicht«, erwiderte Mat. Ihre beiden schwarz bemalten Scheiben waren fast wieder zum Kreis in der Mitte des Spielbretts gelangt, aber der nächste Wurf galt den Schlangen und Füchsen. Die meiste Zeit gelangte man nicht weiter als bis zum äußeren Rand. »Würfele.« Er berührte den Würfelbecher seit dem Tag, an dem er ihn dem Jungen gegeben hatte, niemals mehr selbst. Wenn sie das Spiel spielten, konnte es genausogut ohne seine glückliche Hand geschehen.

Olver ließ den Würfelbecher grinsend klappern und schüttelte die Holzwürfel, die sein Vater gemacht hatte, dann heraus. Er stöhnte, als er die Symbole zählte. Dieses Mal zeigten drei Würfel mit einem Dreieck gekennzeichnete Oberflächen, und die anderen drei zeigten Wellenlinien. Wenn sie kamen, mußte man die Schlangen und Füchse auf dem kürzesten Weg auf seine Steine zubewegen, und wenn einer auf der Stelle landete, die man besetzt hielt... Eine Schlange berührte Olver, ein Fuchs Mat, und Mat konnte erkennen, daß er von noch zwei weiteren Schlangen berührt worden wäre, wenn die Symbole ausgespielt worden wären.

Nur ein Kinderspiel, und eines, das man nicht gewinnen würde, solange man den Regeln folgte. Olver wäre bald alt genug, das zu erkennen, und würde wie andere Kinder aufhören zu spielen. Nur ein Kinderspiel, aber Mat mochte es nicht, wenn der Fuchs ihn erwischte, und noch weniger, wenn es den Schlangen gelang. Es weckte schlechte Erinnerungen, selbst wenn das eine mit dem anderen nichts zu tun hatte.

»Nun«, murmelte Olver, »wir hätten fast gewonnen.

Noch ein Spiel, Mat?« Er wartete nicht auf die Antwort, sondern zeigte das Zeichen, das das Spiel eröffnete — ein Dreieck mit einer Wellenlinie darüber —und rezitierte die Worte: »›Mut, um Kraft zu geben, Feuer zum Blenden, Musik zum Verwirren, Eisen zum Fesseln.‹ Mat, warum sagen wir das? Da ist kein Feuer, keine Musik und kein Eisen.«

»Ich weiß es nicht.« Der Vers rührte an etwas in seinem Unterbewußtsein, aber es war nicht greifbar. Die alten Erinnerungen vom Ter'angreal hätten genausogut zufällig ausgewählt werden können —wahrscheinlich war es so —, und da waren all jene Lücken in seiner Erinnerung, all jene verschwommenen Stellen. Der Junge stellte stets Fragen, auf die er keine Antworten wußte, und die üblicherweise mit ›warum‹ begannen.

Daerid trat geduckt aus der Nacht herein und stieß einen Laut der Überraschung aus. Sein Gesicht schimmerte vor Schweiß und er trug noch immer seinen Mantel, wenn er ihn auch bereits geöffnet hatte. Seine neueste Narbe bildete eine rötliche Furche über den weißen Linien, die sein Gesicht kreuz und quer überzogen.

»Ich glaube, du müßtest längst im Bett sein, Olver«, sagte Mat und stieß sich hoch. Seine Wunden zwickten ein wenig, aber wirklich nur ein wenig. Sie heilten eigentlich sehr gut. »Nimm das Spielbrett mit.« Er trat nahe an Daerid heran und senkte seine Stimme zu einem Flüstern. »Wenn Ihr jemals etwas hiervon erzählt, schneide ich Euch die Kehle durch.«

»Warum?« fragte Daerid trocken. »Ihr werdet allmählich ein wunderbarer Vater. Er ähnelt Euch auf bemerkenswerte Weise.« Er schien mühsam ein Grinsen zu unterdrücken, aber kurz darauf wurde er wieder ernst. »Der Lord Drache kommt ins Lager«, sagte er.

Der Drang, Daerid auf die Nase zu boxen, verging. Mat schob den Zelteingang beiseite und trat in Hemdsärmeln geduckt in die Nacht hinaus. Sechs von Daerids Männern, die im Kreis um das Zelt herumstanden, erstarrten, als er erschien. Armbrustschützen. Speere würden Wachen sicherlich nicht viel nützen. Es war Nacht, aber das Lager lag nicht im Dunkeln. Der helle Schein eines zunehmenden Dreiviertelmondes an einem wolkenlosen Himmel verblaßte im Schein der Feuer zwischen den Zeltreihen. Männer schliefen auf dem Boden. Wächter standen alle zwanzig Schritt die ganze Holzpalisade entlang. Mat hätte es anders gemacht, aber wenn ein plötzlicher Angriff aus der Luft möglich war...