Die Landschaft war hier fast vollkommen eben, so daß er den auf ihn zuschreitenden Rand gut sehen konnte. Er war nicht allein. Zwei verschleierte Aiel gingen auf Zehenspitzen neben ihm und verdrehten jedes Mal die Köpfe, wenn einer der Horde sich im Schlaf umwandte oder ein Wächter seine Lage veränderte, um sie zu beobachten. Auch diese Aiel-Frau Aviendha war bei ihm, ein Bündel über den Rücken geschnürt und einherstolzierend, als würde sie jedermann an die Kehle gehen, der ihr in den Weg kam. Mat verstand nicht, warum Rand sie in seiner Nähe duldete. Aiel-
Frauen bedeuten nur Ärger, dachte er trübe, und ich habe noch niemals eine Frau erlebt, die mehr auf Ärger aus wäre als sie.
»Ist das wirklich der Wiedergeborene Drache?« fragte Olver atemlos. Er preßte das zusammengerollte Spiel an seine Brust und wäre vor Aufregung fast auf und ab gehüpft.
»Er ist es«, belehrte Mat ihn. »Aber jetzt ab ins Bett. Dies ist kein Ort für Jungen.«
Olver ging murrend davon, aber nur bis zum nächststehenden Zelt. Mat sah aus den Augenwinkeln, wie der Junge außer Sicht eilte. Dann erschien sein Gesicht erneut, als er um die Ecke spähte.
Mat ließ ihn gewähren, obwohl er sich nach einem prüfenden Blick auf Rands Gesicht fragte, ob dies überhaupt ein Ort für erwachsene Männer war, geschweige denn für einen Jungen. Mit Rands Gesicht hätte man eine Mauer einschlagen können, aber dennoch sollte sich eine Empfindung zeigen, Aufregung oder vielleicht Ungeduld. Rands Augen glänzten aufgeregt. Er hielt ein großes, zusammengerolltes Stück Pergament in einer Hand, während er mit der anderen unbewußt über das Schwertheft strich. Die Gürtelschnalle in Drachenform schimmerte im Feuerschein. Manchmal schimmerte auch der Kopf eines der Drachen auf, die aus seinen Mantelärmeln hervorsahen.
Als er Mat erreichte, verschwendete er keine Zeit mit Begrüßungen. »Ich muß mit dir sprechen. Allein. Du mußt etwas für mich tun.« Die Nacht war rabenschwarz, und Rand trug einen goldbestickten grünen Mantel mit hohem Kragen, aber er schwitzte nicht.
Daerid, Talmanes und Nalesean standen wenige Schritte entfernt und beobachteten sie. Mat bedeutete ihnen zu warten und nickte dann in Richtung seines Zeltes. Er folgte Rand hinein und betastete den silbernen Fuchskopf unter seinem Hemd. Er brauchte sich um nichts Sorgen zu machen. Zumindest hoffte er das.
Rand hatte gesagt, allein, aber Aviendha dachte offensichtlich, daß dies für sie nicht galt. Sie blieb beharrlich zwei Schritte von ihm entfernt stehen, nicht mehr und nicht weniger. Die meiste Zeit beobachtete sie Rand mit undurchdringlichem Blick, aber hin und wieder schaute sie auch stirnrunzelnd und ihn von Kopf bis Fuß messend zu Mat. Rand beachtete sie nicht, und obwohl er vorher sehr in Eile gewesen zu sein schien, galt dies jetzt nicht mehr. Er sah sich in dem Zelt um, obwohl Mat sich unbehaglich fragte, ob er es überhaupt zur Kenntnis nahm. Es gab nicht viel zu sehen. Olver hatte die Lampen wieder auf den kleinen, zusammenlegbaren Tisch gestellt. Auch der Stuhl war zusammenlegbar, wie auch das Waschgestell und das Bett. Alles war schwarz lackiert und goldverziert. Wenn ein Mann Geld besaß, konnte er es genausogut ausgeben. Die Risse, die die Aiel der Zeltwand zugefügt hatten, waren ordentlich geflickt worden, aber immer noch zu sehen.
Das Schweigen zehrte an Mat. »Was ist los, Rand? Du hast doch hoffentlich nicht beschlossen, den Plan jetzt noch zu ändern?« Keine Antwort, nur ein Blick, als hätte Rand sich gerade erst wieder daran erinnert, daß Mat da war. Das machte Mat unruhig. Was auch immer Daerid und die restliche Horde dachten — er bemühte sich sehr, sich aus Kämpfen herauszuhalten. Manchmal jedoch stand Ta'veren seinem Glück entgegen. So sah er es. Er glaubte, daß Rand etwas damit zu tun hatte. Er war stärker Ta'veren, manchmal ausreichend stark, daß Mat fast ein Ziehen verspürte. Wenn Rand die Finger im Spiel hatte, wäre Mat nicht überrascht, sich plötzlich inmitten eines Kampfes wiederzufinden, wenn er in einer Scheune schliefe. »Noch ein paar Tage, dann werde ich in Tear sein. Die Fähren werden die Horde über den Fluß bringen, so daß wir in einigen Tagen bei Weiramon sein werden. Es ist, verdammt noch mal, zu spät, noch etwas zu ändern...«
»Ich möchte, daß du Elayne nach ... Caemlyn bringst«, unterbrach ihn Rand. »Ich möchte, daß du sie sicher in Caemlyn unterbringst, ganz gleich was geschieht. Weiche ihr nicht von der Seite, bis sie den Löwenthron bestiegen hat.« Aviendha räusperte sich. »Ja«, sagte Rand. Aus irgendeinem Grund wurde seine Stimme ebenso kalt und hart wie sein Gesicht. Aber brauchte er andererseits Gründe, wenn er wahnsinnig wurde? »Aviendha begleitet dich. Das halte ich für das beste.«
»Das hältst du für das beste?« fragte sie aufgebracht. »Wenn ich nicht rechtzeitig aufgewacht wäre, hätte ich niemals erfahren, daß du sie gefunden hast. Du schickst mich nirgendwohin, Rand al'Thor. Ich muß aus ... persönlichen Gründen mit Elayne sprechen.«
»Ich bin sehr froh, daß du Elayne gefunden hast«, sagte Mat vorsichtig. Wenn er Rand wäre, würde er die Frau belassen, wo immer sie war. Licht, Aviendha wäre besser! Zumindest gingen Aiel-Frauen nicht mit in die Luft gereckten Nasen umher oder erwarteten, daß man sprang, nur weil sie es sagten. Natürlich spielten sie teilweise rauhe Spiele, und sie hatten die Angewohnheit, einen hin und wieder töten zu wollen. »Ich verstehe einfach nicht, warum du mich brauchst. Spring durch eines deiner Tore, küsse sie, nimm sie auf den Arm und spring zurück.« Aviendha bedachte ihn mit einem zornigen Blick. Man hätte denken können, er hätte vorgeschlagen, sie zu küssen.
Rand entrollte das Pergament auf dem Tisch und benutzte die Lampen, um die Ecken zu beschweren. »Sie befindet sich hier.« Es war eine Landkarte, ein Teil des Flußlaufes des Eldar und ungefähr fünfzig Meilen Land zu jeder Seite. Ein Pfeil war in blauer Tinte eingezeichnet, der in einen Wald zeigte. Salidar stand neben dem Pfeil. Rand tippte auf den östlichen Rand der Karte. Auch hier befand sich überwiegend Wald. »Hier gibt es eine große Lichtung. Du kannst sehen, daß das nächstgelegene Dorf fast zwanzig Meilen nördlich liegt. Ich werde für dich und die Horde ein Tor zu der Lichtung eröffnen.«
Mat gelang es, seinen erschreckten Gesichtsausdruck in ein Grinsen zu verwandeln. »Schau, wenn ich es unbedingt sein muß — warum dann nicht nur ich? Eröffne dein Tor zu diesem Salidar, ich werde sie auf ein Pferd hieven und dann...« Und dann was? Würde Rand auch ein Tor von Salidar nach Caemlyn eröffnen? Es war ein langer Ritt von Eldar nach Caemlyn. Ein sehr langer Ritt, wenn man nur eine hochnäsige Adlige und eine Aiel als Begleitung hatte.
»Die Horde, Mat«, fauchte Rand. »Du und die ganze Horde! « Er atmete tief und zitternd ein, und seine Stimme wurde sanfter. Sein Gesicht blieb jedoch genauso starr wie zuvor, und seine Augen glänzten noch immer fiebrig. Mat mußte fast annehmen, daß er krank sei oder Schmerzen habe. »Es sind Aes Sedai in Salidar, Mat. Ich weiß nicht, wie viele. Hunderte, habe ich gehört, aber ich wäre nicht überrascht, wenn es eher fünfzig wären. So wie sie in der Burg umherwandeln, heil und rein, bezweifle ich, daß man mehr sehen würde. Ich beabsichtige dich in zwei oder drei Tagen Entfernung zu platzieren, so daß sie von deiner Ankunft erfahren können. Wir wollen sie nicht überraschen — sonst könnten sie einen Angriff der Weißmäntel vermuten. Sie lehnen sich gegen Elaida auf und sind wahrscheinlich ausreichend verängstigt, daß du nur ein wenig auftrumpfen und sagen mußt, daß Elayne in Caemlyn gekrönt werden soll, damit sie sie gehen lassen. Wenn du glaubst, daß man ihnen vertrauen kann, biete ihnen deinen Schutz an. Und auch meinen. Sie sollten auf meiner Seite stehen, und sie wären inzwischen vielleicht sogar über meinen Schutz froh. Dann begleitest du Elayne — und so viele Aes Sedai, wie mitkommen möchten — über Altara und Murandy nach Caemlyn. Wenn du meine Banner zeigst und ankündigst, was du tust, dann glaube ich nicht, daß die Altarener oder Murandianer große Schwierigkeiten machen, solange du weiterziehst. Wenn du unterwegs auf Drachenverschworene stößt, schließe sie dir ebenfalls an. Die meisten werden wahrscheinlich zu Banditen werden, wenn ich sie nicht bald an mich binde — ich habe bereits gerüchteweise davon gehört —, aber du wirst sie einziehen, läßt meine Banner flattern.« Er grinste plötzlich, was aber die glänzenden Augen unberührt ließ, »Wie viele Vögel mit einem Stein, Mat? Du reitest mit sechstausend Mann und mit dem Drachenschwert hinter dir durch Altara und Murandy und kannst mir vielleicht beide Länder übergeben.«