Er räusperte sich, steckte sich die kalte Pfeife zwischen die Lippen und beugte sich herab, um die Karte eingehend zu betrachten. Die Horde würde die Entfernung von der Lichtung nach Salidar wahrscheinlich in einem Tag bewältigen, wenn er sie vorantrieb, selbst in diesem bewaldeten Gebiet, aber er beabsichtigte, zwei oder sogar drei Tage einzuplanen. Die Aes Sedai sollten ausreichend vorgewarnt sein. Er wollte sie nicht noch mehr beunruhigen, als sie es bereits waren. Eine beunruhigte Aes Sedai war fast ein Widerspruch in sich. Er war, selbst wenn er das Medaillon trug, nicht erpicht darauf zu erfahren, zu was eine beunruhigte Aes Sedai in der Lage wäre.
Er spürte Aviendhas Blick im Nacken und hörte ein schabendes Geräusch. Sie saß mit überkreuzten Beinen an der Zeltwand, zog ihr Gürtelmesser über einen Schleifstein und beobachtete ihn.
Als Nalesean mit Daerid und Talmanes eintrat, begrüßte er sie mit den Worten: »Wir werden einige Aes Sedai unter dem Kinn kitzeln, einen Dickkopf retten und ein eigenwilliges Mädchen auf den Thron bringen. O ja. Das ist Aviendha. Seht sie nicht schief an, sonst wird sie Euch die Kehle durchschneiden und ihre eigene wahrscheinlich aus Versehen ebenfalls.« Die Frau lachte, als hätte er einen der besten Scherze der Welt gemacht. Sie hielt jedoch nicht mit dem Messerschärfen inne.
Einen Moment konnte Egwene nicht verstehen, warum der Schmerz nicht stärker geworden war. Dann erhob sie sich von dem Teppich in ihrem Zelt und schluchzte so stark, daß sie zitterte. Sie hatte das dringende Bedürfnis, sich die Nase zu putzen. Sie wußte nicht, wie lange sie schon so heftig weinte. Sie wußte nur, daß sie von den Hüften bis zu den Kniekehlen entbrannt zu sein schien. Es gelang ihr kaum stillzustehen. Das Hilfsmittel, das sie als geringen Schutz hatte benutzen wollen, war schon vor einiger Zeit unbrauchbar geworden. Tränen liefen ihr Gesicht hinab, und sie stand da und schluchzte.
Sorilea, Amys und Bair beobachteten sie ausdruckslos; sie waren nicht die einzigen, obwohl die meisten anderen auf Kissen saßen oder sich ausgestreckt hatten, plauderten und den von einer schlanken Gai'shain servierten Tee genossen. Eine Frau, dem Licht sei Dank. Alle waren Frauen, Weise Frauen und Lehrlinge, Frauen, denen Egwene erzählt hatte, sie sei eine Aes Sedai. Sie war dankbar, daß es sie nur glauben zu lassen nicht zählte. Sonst hätte sie es nicht überleben können! Das Behaupten, die ausgesprochene Lüge zählte, aber es hatte Überraschungen gegeben, Cosain, eine hagere, gelbhaarige Rückgrat-Miagoma, hatte mürrisch gesagt, Egwene habe ihr gegenüber kein Toh, aber sie würde zum Tee bleiben. Und Estair ebenfalls. Aeron wiederum schien sie vernichten zu wollen, und Surandha ..
Egwene versuchte den Tränenschleier fortzublinzeln und schaute dann zu Surandha. Sie saß mit drei Weisen Frauen zusammen, unterhielt sich und schaute gelegentlich in Egwenes Richtung. Surandha war erbarmungslos gewesen. Nicht daß eine von ihnen gnädig mit ihr umgegangen wäre. Der Gürtel, den Egwene in einer der Kisten gefunden hatte, war dünn und fein gearbeitet, aber zweimal so breit wie ihre Hand, und diese Frauen hatten alle starke Arme. Ungefähr ein halbes Dutzend Schläge von jeder der Frauen summierten sich.
Egwene hatte sich noch niemals in ihrem Leben so geschämt wie jetzt Nicht weil sie nackt war, ein gerötetes Gesicht hatte und wie ein Baby weinte. Nun, das Weinen war ein Grund. Und auch nicht, daß sie alle bei ihrer Züchtigung zusahen, ohne selbst Hand an sie zu legen. Sie schämte sich, weil sie es so schwergenommen hatte. Sogar ein Aiel-Kind wäre gleichmütiger gewesen. Nun, ein Kind wäre dem niemals ausgesetzt worden, aber es ging um das Prinzip einfacher Wahrheit.
»Ist es vorbei?« Gehörte diese belegte, unsichere Stimme wirklich ihr? Wie diese Frauen lachen würden, wenn sie wüßten, wie sorgfältig sie ihren Mut zusammengenommen hatte.
»Nur Ihr kennt den Wert Eurer Ehre«, sagte Amys tonlos. Sie ließ den Gürtel an der Seite baumeln und benutzte die breite Schnalle als Griff. Die leisen Unterhaltungen hatten aufgehört.
Egwene atmete zwischen ihren Schluchzern tief und zitternd ein. Sie brauchte nur zu sagen, daß es vorbei war, und es wäre vorbei. Sie hätte nach einem Schlag von jeder Frau sagen können, es sei vorbei. Sie hätte...
Sie kniete sich hin und streckte sich dann erneut auf den Teppichen aus. Sie bewegte die Hände unter Bairs Röcke, um durch die weichen Stiefel ihre mageren Knöchel zu umklammern. Dieses Mal würde sie allen Mut zusammennehmen. Dieses Mal würde sie nicht aufschreien. Dieses Mal würde sie nicht treten oder um sich schlagen oder... Der Gürtel hatte sie noch nicht getroffen. Sie hob den Kopf und sah die Frauen blinzelnd an. »Worauf wartet Ihr?« Ihre Stimme zitterte noch immer, aber sie klang jetzt auch zornig. Sie zu allem anderen noch warten zu lassen! »Ich muß heute abend eine Reise antreten, falls Ihr es vergessen habt. Macht weiter.«
Amys warf den Gürtel neben Egwenes Kopf. »Diese Frau hat mir gegenüber kein Toh.«
»Diese Frau hat mir gegenüber kein Toh.« Das war Bairs leise Stimme.
»Diese Frau hat mir gegenüber kein Toh«, sagte Sorilea eindringlich. Sie beugte sich herab und strich Egwene das feuchte Haar aus dem Gesicht. »Ich wußte, daß Ihr im Herzen eine Aiel seid. Aber seid jetzt nicht zu stolz, Mädchen. Ihr seid Eurem Toh gegenübergetreten. Steht auf, bevor wir glauben, daß Ihr frohlockt.«
Sie halfen ihr hoch, umarmten sie, wischten ihr die Tränen fort und hielten schließlich auch ein Taschentuch für sie bereit, damit sie sich die Nase putzen konnte.
Die anderen Frauen versammelten sich um sie, und jede verkündete, daß diese Frau ihnen gegenüber kein Toh habe, bevor sie Egwene nacheinander umarmten und anlächelten. Das Lächeln war der größte Schock. Surandha strahlte sie so freundlich an wie immer. Aber natürlich! Toh existierte nicht mehr, wenn man ihm gegenübergetreten war. Was auch immer es bewirkt hatte, hätte genausogut nicht geschehen sein können. Ein kleiner, nicht in das Ji'e'toh eingebundener Teil Egwenes glaubte, daß ihre Worte wie auch die Tatsache, daß sie sich zunächst wieder hingelegt hatte, vielleicht letztendlich gewirkt hatten. Vielleicht war sie am Anfang nicht gleichmütig gewesen, aber zumindest am Ende — darin hatte Sorilea recht. Sie war in ihrem Herzen eine Aiel. Sie glaubte, daß sie in einem Teil ihres Herzens stets eine Aiel sein würde.
Die Weisen Frauen und die Lehrlinge zerstreuten sich allmählich. Anscheinend hätten sie die ganze Nacht bleiben und mit Egwene lachen und reden sollen, aber das war nur ein Brauch, nicht Ji'e'toh, und mit Sorileas Hilfe konnte sie sie davon überzeugen, daß sie nicht die Zeit dafür hatte. Letztendlich blieben nur sie, Sorilea und die beiden Traumgängerinnen im Zelt. Die Umarmungen und das Lächeln hatten ihre Tränen fast versiegen lassen, und auch wenn ihre Lippen noch immer zitterten, konnte sie doch schon wieder lächeln. In Wahrheit hätte sie gern erneut geweint, wenn auch aus einem anderen Grund. Zum Teil aus einem anderen Grund.
»Ich werde Euch alle sehr vermissen.«
»Unsinn.« Sorilea schnaubte nachdrücklich. »Wenn Ihr Glück habt, werden sie Euch sagen, daß Ihr jetzt keine Aes Sedai mehr werden könnt. Dann könnt Ihr zu uns zurückkehren. Ihr werdet mein Lehrling sein. In drei oder vier Jahren werdet Ihr Eure eigene Feste haben. Ich weiß sogar schon, welcher Ehemann für Euch in Frage kommt: der jüngste Enkel meiner Enkelin Amaryn, Taric. Er wird, glaube ich, eines Tages Clanhäuptling sein, also werdet Ihr nach einer Schwester-Frau als seine Dachherrin Ausschau halten müssen.«
»Danke.« Egwene lachte. Anscheinend gab es etwas, worauf sie zurückgreifen konnte, wenn der Saal in Salidar sie fortschickte.
»Und Amys und ich werden Euch in Tel'aran'rhiod treffen«, sagte Bair, »und Euch von den Ereignissen hier und mit Rand al'Thor berichten. Ihr werdet in der Welt der Träume jetzt Euren eigenen Weg gehen, aber wenn Ihr wollt, werde ich Euch noch immer lehren.«