»Das will ich.« Wenn der Saal sie irgendwo in die Nähe von Tel'aran'rhiod ließ. Aber andererseits konnten sie sie nicht davon fernhalten. Was auch immer sie tun würden — das konnten sie nicht tun. »Bitte behaltet ein wachsames Auge auf Rand und die Aes Sedai. Ich weiß nicht, was er vorhat, aber ich bin sicher, daß es gefährlicher ist, als er glaubt.«
Amys erwähnte natürlich nichts mehr über weiteres Lernen. Sie hatte ihr Wort gegeben, sich ihr gegenüber auf bestimmte Weise zu verhalten, und selbst die Begegnung mit dem Toh konnte daran nichts ändern.
Statt dessen sagte sie: »Ich weiß, daß Rhuarc es bedauern wird, heute abend nicht hier zu sein. Er ist in den Norden gegangen, um die Shaido selbst zu sehen. Fürchtet nicht, daß Euer Toh ihm gegenüber ungeklärt bleibt. Er wird Euch die Gelegenheit geben, wenn Ihr Euch das nächste Mal seht.«
Egwene war überrascht und verbarg es, indem sie sich zum anscheinend zehnten Mal die Nase putzte. Sie hatte Rhuarc ganz vergessen. Natürlich besagte nichts, daß sie ihre Verpflichtung ihm gegenüber auf dieselbe Art erfüllen mußte. Vielleicht war sie im Herzen zumindest zum Teil eine Aiel, aber einen Moment suchte ihr Geist verzweifelt nach einer anderen Möglichkeit. Es mußte eine andere Möglichkeit geben. Und sie würde viel Zeit haben, sie zu ersinnen, bevor sie ihm wieder begegnete. »Ich wäre sehr dankbar dafür«, sagte sie leise. Und da war auch noch Melaine. Und Aviendha. Licht! Sie hatte gedacht, es sei erledigt. Ihre Füße bewegten sich weiterhin unruhig, egal wie sehr sie diese auch stillzuhalten versuchte. Es mußte eine andere Möglichkeit geben.
Bair öffnete den Mund, aber Sorilea kam ihr zuvor. »Wir müssen sie sich ankleiden lassen. Sie muß sich auf die Reise begeben.« Bairs dünner Hals erstarrte, und Amys' Mundwinkel sanken herab. Ihnen allen mißfiel offensichtlich, was sie vorhatte, und zwar noch mehr als zuvor.
Vielleicht wollten sie bleiben und es ihr ausreden, aber Sorilea murmelte nur leise etwas über Narren, die eine Frau davon abzuhalten versuchten, das zu tun, was sie tun zu müssen glaubte. Die beiden Jüngeren richteten ihre Stolen — Bair mußte siebzig oder achtzig Jahre alt sein, aber sie war noch immer jünger als Sorilea —, umarmten Egwene ein letztes Mal und verließen das Zelt mit einem gemurmelten: »Möget Ihr stets Wasser und Schatten finden.«
Sorilea verharrte noch einen Moment länger. »Denkt an Taric. Ich hätte ihn zum Dampfzelt bitten sollen, damit Ihr ihn hättet kennenlernen können. Bis dahin erinnert Euch an Folgendes: Wir haben stets mehr Angst, als uns lieb ist, aber wir können stets auch tapferer sein, als wir erwarten. Bleibt Euch selbst treu, dann können die Aes Sedai nicht verletzen, was Euch wirklich ausmacht — Euer Herz. Sie stehen nicht annähernd so weit über uns, wie wir geglaubt haben. Möget Ihr stets Wasser und Schatten finden, Egwene. Und Euch stets Eures Mutes entsinnen.«
Als Egwene schließlich allein war, stand sie eine Weile nur da, starrte ins Leere und dachte nach. Ihr Mut. Vielleicht hatte sie mehr Mut, als sie dachte. Sie hatte getan, was sie hier hatte tun müssen. Sie war eine Aiel gewesen. In Salidar würde sie das brauchen. Die Methoden der Aes Sedai unterschieden sich in mancherlei Beziehung von denen der Weisen Frauen, aber sie würden es ihr nicht leichtmachen, wenn sie wußten, daß sie sich eine Aes Sedai genannt hatte. Wenn sie es wußten. Sie konnte sich nicht vorstellen, warum man sie sonst so streng berufen hätte, aber Aiel ergaben sich nicht vor dem Kampf.
Sie kam ruckartig wieder zu sich. Wenn ich mich
nicht vor dem Kampfergeben will, dachte sie, kann ich mich vielleicht genausogut auf den Kampf einlassen.
34
Die Reise nach Salidar
Egwene wusch sich das Gesicht. Zweimal. Dann packte sie ihre Satteltaschen. Sie steckte Elfenbeinkamm, Bürste, Spiegel, Nähkästchen — ein zart vergoldetes Kästchen, das wahrscheinlich einst den Schmuck einer adligen Dame enthalten hatte — und schließlich ein weißes Stück Seife mit Rosenduft saubere Strümpfe, Nachthemden, Taschentücher und eine Menge anderer Dinge ein, bis die Lederseiten ausgebeult waren und sie die Taschen kaum noch schließen konnte. Sie mußte mehrere Kleider und Umhänge und eine Aiel-Stola zu einem ordentlichen Bündel verschnüren. Als dies getan war, sah sie sich noch nach anderen Dingen um, die sie vielleicht mitnehmen wollte. Alles gehörte ihr. Sogar das Zelt war ihr geschenkt worden, aber es war zu sperrig, wie auch die Teppiche und Kissen. Ihr Kristallwaschbecken war wunderschön, aber viel zu schwer. Dasselbe galt für die Kisten, obwohl mehrere davon mit wundervollen Schnitzereien versehen waren.
Erst als sie über die Kisten nachdachte, erkannte sie, daß sie ihre Abreise zu verzögern suchte. »Mut«, sagte sie trocken. »Der Mut einer Aiel.«
Es gelang ihr, die Strümpfe anzuziehen, ohne sich hinzusetzen, indem sie herumhüpfte. Feste Schuhe folgten, die geeignet wären, falls sie weit laufen müßte, ein seidenes, weißes, weiches Gewand und dann das dunkelgrüne Reitgewand mit den engen, geteilten Rocken. Leider spannte es über den Hüften so stark, daß sie daran erinnert wurde, daß sie eine Weile nicht würde bequem sitzen können.
Es wäre nicht gut, jetzt hinauszugehen. Bair und Amys hielten sich zwar wahrscheinlich in ihren Zelten auf, aber sie hatte nicht die Absicht zu riskieren, daß sie ihnen hierbei vielleicht zusehen könnten. Es wäre für sie wie ein Schlag ins Gesicht. Wenn es funktionierte, war es das tatsächlich. Wenn nicht, hatte sie einen sehr langen Ritt vor sich.
Sie rieb nervös mit den Fingern über ihre Handflächen, umarmte Saidar und ließ sich davon erfüllen. Und regte die Füße. Saidar bewirkte, daß man sich allem bewußt wurde, einschließlich des eigenen Körpers, den sie in diesem Moment aber genausogut hätte entbehren können. Sie versuchte etwas Neues, etwas, was noch niemand anderer jemals zuvor versucht hatte und was, wie sie wußte, langsam und vorsichtig getan werden sollte. Sie lenkte energisch die Macht und wob ganz einfach Stränge aus Geist.
Die Luft schimmerte inmitten des Zeltes an ihrem Gewebe entlang und hüllte die andere Seite in Dunst. Wenn sie recht hatte, dann hatte sie gerade einen Ort geschaffen, an dem das Innere ihres Zeltes seinem Spiegelbild in Tel'aran'rhiod vollkommen gleich war.
Eines war das andere. Aber es gab nur einen Weg, sich dessen wirklich zu versichern.
Sie schlang sich die Satteltaschen über die Schultern, nahm das Bündel unter den Arm, trat durch das Gewebe hindurch und ließ Saidar fahren.
Sie war in Tel'aran'rhiod. Sie konnte es allein schon daran erkennen, daß die angezündeten Lampen nicht mehr brannten und doch eine Art Licht vorhanden war. Die Dinge bewegten sich zwischen zwei Blicken leicht, das Waschbecken, eine Kiste. Sie war leibhaftig in Tel'aran'rhiod. Es fühlte sich nicht anders an, als wenn sie es im Traum betrat.
Sie trat geduckt hinaus. Ein Dreiviertelmond schien auf die Zelte herab, zwischen denen kein Feuer brannte und sich niemand bewegte, auf ein Cairhien, das seltsam entrückt und schattenumwölkt wirkte. Jetzt mußte sie nur noch einen Weg finden, tatsächlich nach Salidar zu gelangen. Sie hatte darüber nachgedacht. Es hing zum großen Teil davon ab, ob sie leibhaftig genausoviel Kontrolle besaß wie in der Welt der Träume.
Sie konzentrierte sich auf das, was sie vorfinden würde, trat um das Zelt herum — und lächelte. Dort stand Bela, die kleine, struppige Stute, auf der sie vor einer Lebenszeit von den Zwei Flüssen fortgeritten war. Nur eine Traum-B ela, aber die stämmige Stute stupste sie mit der Nase an und wieherte bei ihrem Anblick.