Sie gingen nur ein kurzes Stück die festgetretene Straße hinauf und um eine Biegung in eine andere, schmalere Straße. Lachen erklang aus einigen Häusern. Nildra blieb vor einem stillen Haus stehen, obwohl auch hier aus dem vorderen Raum Licht auf die Straße fiel.
Sie hielt gerade ausreichend lange inne, um an die Tür zu klopfen, und trat dann ein, bevor eine Antwort erklang. Sie vollführte einen vollkommenen, wenn auch schnellen Hofknicks und sprach in etwas respektvollerem Tonfall als zuvor. »Aes Sedai, dieses Mädchen sagt, ihr Name sei Egwene, und sie...« Mehr konnte sie nicht äußern.
Sie waren alle da, die Sieben aus dem Herzen des Steins, und keine von ihnen wirkte bereit, schlafen zu gehen, obwohl sie alle, außer der jungen Frau mit Siuans Namen, Nachtgewänder trugen. Aus der Anordnung ihrer Stuhle schloß Egwene, daß sie in eine Besprechung geraten war. Sheriam sprang als erste auf und bedeutete Nildra zu gehen. »Licht, Kind! Schon?«
Niemand beachtete Nildras Hofknicks oder ihren gespielten Widerwillen zu gehen.
»Das hätten wir niemals erwartet«, sagte Anaiya und ergriff mit herzlichem Lächeln Egwenes Arme. »Nicht so bald. Willkommen, Kind. Willkommen.«
»Habt Ihr irgendwelchen Schaden davongetragen?« fragte Morvrin. Sie war nicht aufgestanden und Carlinya und die junge Aes Sedai auch nicht, aber Morvrin beugte sich aufmerksam vor. Die Gewänder aller anderen waren aus Seide verschiedener Schattierungen gearbeitet, einige mit Metallfäden durchwirkt oder bestickt. Ihres jedoch bestand aus einfacher brauner Wolle, obwohl es weich und gut gearbeitet schien. »Spürt Ihr irgendwelche Veränderungen durch diese Erfahrung? Wir hatten bisher herzlich wenig Anhaltspunkte. Ich bin, ehrlich gesagt, überrascht, daß es funktioniert hat.«
»Wir werden es unmittelbar erleben müssen, um erkennen zu können, wie gut es funktioniert.« Beonin hielt inne, um einen Schluck Tee zu trinken, und stellte Tasse und Teller dann auf einem zerbrechlich wirkenden Beistelltisch ab. Die Tasse und der Teller paßten nicht zusammen, aber andererseits paßten auch sämtliche Möbel nicht zusammen, und die meisten wirkten genauso schief wie der Tisch. »Wenn es Schädigungen gibt, kann sie geheilt werden, so daß sie wieder vergehen werden.«
Egwene trat schnell von Anaiya fort und stellte ihre Habe neben der Tür ab. »Nein, es geht mir gut. Wirklich.« Sie hätte zögern können. Anaiya hätte sie sehr wohl fraglos heilen können. Aber das wäre Betrug gewesen.
»Sie erscheint ausreichend gesund«, sagte Carlinya kühl. Ihr Haar war wirklich kurz geschnitten, so daß die dunklen Locken kaum ihre Ohren bedeckten. Es war nichts, was sie in Tel'aran'rhiod getan hatte. Sie trug natürlich Weiß. Sogar die Stickerei war weiß. »Wir können sie später gründlich von einer der Gelben untersuchen lassen, um sicherzugehen, wenn es sein muß.«
»Laßt sie erst einmal zu sich kommen«, sagte Myrelle lachend. Üppige Blumen in Gelb und Rot bedeckten ihr Gewand derart, daß kaum noch Grün zu sehen war. »Sie ist gerade in einer Nacht tausend Meilen gereist. Innerhalb von Stunden.«
»Es ist keine Zeit, sie zu sich kommen zu lassen«, wandte die junge Aes Sedai bestimmt ein. Sie wirkte in ihrem gelben Gewand mit den blau geschlitzten Röcken und dem tiefen, runden, blau bestickten Halsausschnitt wirklich fehl am Platz. Deshalb und aufgrund der Tatsache, daß sie die einzige war, der man möglicherweise ein Alter zuordnen konnte. »Wenn der Morgen graut, wird sich der Saal um sie scharen. Wenn sie nicht bereit ist, wird Romana sie ausweiden wie einen fetten Karpfen.«
Egwene sperrte den Mund auf. Diese Stimme drückte mehr aus als nur die Worte. »Ihr seid Siuan Sanche. Nein, das ist unmöglich!«
»Oh, es ist sehr wohl möglich«, erwiderte Anaiya trocken und warf der jungen Frau einen geduldigen Blick zu.
»Siuan ist wieder eine Aes Sedai.« Myrelles Blick wirkte eher gereizt als geduldig.
Es mußte stimmen — sie hatten es gesagt —, aber Egwene konnte es kaum glauben, selbst als Sheriam es ihr erklärte. Nynaeve hatte Gedämpftes geheilt? Sah Siuan deshalb nicht älter als Nynaeve aus, weil sie gedämpft gewesen war? Siuan war stets eine Herrin der Pflichten mit lederartigem Gesicht gewesen, und auch mit lederartigem Herzen und nicht so hübsch wie jetzt mit ihren zart angehauchten Wangen und einem fast schön geschwungenen Mund.
Egwene beobachtete Siuan, während Sheriam sprach. Diese blauen Augen waren doch noch die gleichen. Wie konnte sie diesen Blick gesehen haben, der Nägel eintreiben konnte, und es nicht gewußt haben? Nun, der Gesichtsausdruck war Antwort genug. Siuan hatte sich stets um die Macht bemüht. Wenn ein Mädchen die Macht auszuprobieren begann, mußte geprüft werden, wie stark sie sein würde, aber sie hatte diese Stärke nicht ein einziges Mal erreicht. Egwene wußte jetzt genug, um eine andere Frau innerhalb von Momenten einzuschätzen. Sheriam war, außer Egwene selbst, eindeutig die stärkste Frau im Raum. Myrelle kam als nächste, obwohl man dessen kaum sicher sein konnte. Alle anderen schienen, außer Siuan, nahe beieinander zu liegen. Siuan war bei weitem die Schwächste.
»Dies ist wahrhaftig Nynaeves. bemerkenswerteste Entdeckung«, sagte Myrelle. »Die Gelben benutzen, was sie benutzt hat, und gestalten ihre eigenen Wunder, aber sie hat damit begonnen. Setzt Euch, Kind. Die Geschichte ist zu lang, um sie sich im Stehen anzuhören.«
»Danke, aber ich möchte lieber stehen bleiben.« Egwene betrachtete den Stuhl mit der hohen Rückenlehne und dem Holzsitz, auf den Myrelle gedeutet hatte, und konnte nur mit Mühe ein Schaudern unterdrücken. »Was ist mit Elayne? Geht es ihr gut? Ich möchte alles über sie und Nynaeve hören.« Nynaeves bemerkenswerteste Entdeckung? Das besagte, daß sie mehr als eine gemacht hatte. Es schien, daß sie bei den Weisen Frauen in Rückstand geraten war. Sie würde hart daran arbeiten müssen, es aufzuholen. Zumindest glaubte sie jetzt, daß es ihr gestattet würde. Sie hätten sie kaum so herzlich begrüßt, wenn sie sie in Ungnade fortschicken wollten. Sie hatte keinen Hofknicks vollführt oder eine der Frauen auch nur einmal Aes Sedai genannt — eher weil sie keine Gelegenheit dazu bekam, als aus einem anderen Grund; man sollte Aes Sedai nicht mit Trotz begegnen —, und doch hatte niemand sie gerügt. Vielleicht wußten sie es doch noch nicht. Aber warum hatten sie sie dann gerufen?
»Es geht ihr, bis auf kleinere Reibereien, die sie und Nynaeve im Moment mit Töpfen haben, ausreichend gut«, begann Sheriam, aber Siuan unterbrach sie grob.
»Warum plappert Ihr alle daher wie geistlose Kinder? Es ist zu spät, sich zu fürchten weiterzumachen. Es hat begonnen. Ihr habt es begonnen. Entweder Ihr beendet es, oder Romanda wird Euch neben diesem Mädchen zum Trocknen in die Sonne hängen, und Delana und Faiselle und der restliche Saal werden dort sein, um Euch zu strecken.«
Sheriam und Myrelle wandten sich fast gleichzeitig zu ihr um. Alle Aes Sedai taten dies, wobei sich Morvrin und Carlinya auf ihren Stühlen umwandten. Kalte Aes-Sedai-Augen blickten aus kalten Aes-Sedai-Gesichtern.
Zuerst begegnete Siuan den Blicken herausfordernd, genauso sehr Aes Sedai wie sie, wenn auch scheinbar viel jünger. Dann sank ihr Mut ein wenig, und rote Flecke erschienen auf ihren Wangen. Sie erhob sich mit gesenkten Augen. »Ich habe übereilt gesprochen«, sagte sie leise. Die Blicke veränderten sich nicht —vielleicht bemerkten die Aes Sedai es nicht, aber Egwene sah es —, und doch sah dies Siuan nicht ähnlich.
Egwene erkannte aber auch, daß sie nicht wußte, was hier überhaupt vor sich ging. Siuan war nicht lammfromm, das am wenigsten. Was hatten sie begonnen? Warum würde sie zum Trocknen aufgehängt, wenn sie innehielten?
Die Aes Sedai wechselten so unlesbare Blicke, wie es Aes Sedai nur möglich war. Morvrin nickte als erste.
»Ihr seid aus einem sehr speziellen Grund hierhergerufen worden, Egwene«, sagte Sheriam ernst.