36
Zur Amyrlin erhoben
Egwene hob den Kopf von den Kissen, sah sich um und war einen Moment überrascht, sich in einem Himmelbett in einem großen Raum zu befinden. Das frühe Morgenlicht drang durch die Fenster, und eine vollendet hübsche Frau in einem einfachen grauen Wollgewand stellte gerade einen großen weißen Krug mit heißem Wasser auf dem Waschtisch ab. Chesa war ihr letzte Nacht als ihr Dienstmädchen vorgestellt worden. Das Dienstmädchen der Amyrlin. Ein verdecktes Tablett stand bereits neben Kamm und Bürste auf einem kleinen Tisch unter einem Spiegel mit Silberrahmen. Der Duft frischen Brotes und gedünsteter Birnen schwebte in der Luft.
Anaiya hatte den Raum für Egwenes Ankunft vorbereitet. Die Möbel paßten nicht zueinander, aber es waren die besten Möbel, die Salidar zu bieten hatte, von dem bequemen Armsessel der mit grüner Seide aufgepolstert war, bis zu dem Standspiegel in der Ecke mit der makellosen Vergoldung und dem mit Holzschnitzereien verzierten Kleiderschrank, in dem jetzt ihre Habe hing. Leider schien Anaiya Spitze und Rüschen sehr zu mögen. Beides war in übertriebenem Maße am Betthimmel und den zurückgezogenen Bettvorhängen zu finden, und die einen oder anderen Spitzen oder Rüschen zierten auch die Tische und den Stuhl, die Armlehnen des gepolsterten Sessels, die Bettdecke, die Egwene auf den Boden geworfen hatte, und das dünne Seidenlaken, das dieser gefolgt war. Auch die Vorhänge an den Fenstern wiesen Spitze auf.
Egwene ließ den Kopf wieder sinken. Auch das Kissen war von Spitze gesäumt. Der Raum vermittelte ihr das Gefühl, in Spitze zu ertrinken.
Es war viel gesprochen worden, nachdem Sheriam und die anderen sie in die, wie sie es nannten, Kleine Burg gebracht hatten, die fast ganz auf ihrer Seite stand. Sie waren nicht wirklich an ihren Vermutungen interessiert, was Rand vorhatte oder was Coiren und die anderen vielleicht wollten. Eine Abordnung unter Merana, die nach Caemlyn ziehen wollte, hielt sich hier auf, und sie wußten, was zu tun war, obwohl sie sich nicht näher darüber äußerten. Sie übernahmen den größten Teil der Gespräche, während sie zuhörte, und ließen ihre Fragen unbeachtet. Die Antworten auf einige dieser Fragen waren im Moment ohne Belang, wurde ihr gesagt. Nur einige wurden schnell beantwortet, bevor wichtigere Dinge besprochen wurden. Abordnungen waren zu jedem Herrscher entsandt worden, die nacheinander benannt wurden. Dabei wurde erklärt, warum er oder sie für Salidars Zwecke absolut lebenswichtig war, was anscheinend für alle galt. Sie sagten nicht direkt, daß alles fehlschlagen würde, wenn sich auch nur ein Herrscher gegen sie stellte, aber die Art, wie jeder einzelne Herrscher ausdrücklich erwähnt wurde, sprach dafür. Gareth Bryne erhob gerade ein Heer, das ausreichend stark wäre, ihre Ansprüche gegen Elaida einzuklagen, wenn es dazu käme. Sie glaubten es anscheinend nicht, trotz Elaidas Forderung, in die Burg zurückkehren zu wollen. Sie glaubten anscheinend, daß die Aes Sedai zu Egwene al'Vere kommen würden, wenn sich die Nachricht ihrer Ernennung zum Amyrlin-Sitz verbreitet hätte, sogar einige der zur Zeit in der Burg befindlichen Aes Sedai, ausreichend viele, daß Elaida der Forderung zurückzutreten nachgeben müßte. Die Weißmäntel drehten aus irgendeinem Grund den Daumen, so daß es in Salidar gegenwärtig so sicher wie überall war. Daß Logain genauso geheilt worden war wie Siuan — und Leane, die natürlich geheilt worden wäre, wenn sie dagewesen wäre; es war schlicht überraschend, als man herausfand, daß sie tatsächlich da war —, wurde fast beiläufig erwähnt.
»Es gibt dort nichts, worüber Ihr Euch sorgen müßtet«, sagte Sheriam tröstend. Sie stand über Egwene, die in dem gepolsterten Armsessel saß, während die anderen im Kreis um sie herumstanden. »Der Saal wird darüber streiten, ob man ihn wieder besänftigen soll, bis das hohe Alter uns von dieser Sorge befreit.«
Egwene versuchte, ein weiteres Gähnen zu unterdrücken — es war schon spät —, und Anaiya sagte: »Wir müssen sie schlafen lassen. Der morgige Tag ist fast genauso wichtig, wie es der heutige Abend warf Kind.« Plötzlich lachte sie leise in sich hinein. »Mutter. Der morgige Tag ist auch wichtig, Mutter. Wir werden Chesa herschicken, damit sie Euch hilft. Euch fürs Bett fertigzumachen.«
Sie konnte, selbst nachdem sie gegangen waren, noch nicht einfach zu Bett gehen. Während Chesa noch Egwenes Kleid öffnete, erschien Romanda mit einer Reihe von Vorschlägen für die Amyrlin, die mit fester, ernster Stimme vorgetragen wurden, und sie ging nicht eher, als bis Lelaine kam, als hätte die Blaue Sitzende auf den Weggang der Gelben gewartet. Lelaine wußte auch hilfreichen Rat, den sie der aufrecht im Bett sitzenden Egwene mitteilte, nachdem Chesa sanft, aber bestimmt aus dem Raum geschickt worden war. Ihre Ratschläge glichen denen Romandas in keiner Weise — und auch Sheriams nicht sehr — und wurden mit herzlichem, sogar gütigen Lächeln dargebracht, aber auch mit genauso viel Sicherheit, daß Egwene in den ersten Monaten ein wenig Anleitung brauchen würde. Keine der Frauen sprach deutlicher aus als Sheriam, daß sie Egwene zu dem hinführen würde, was das beste für die Burg war, oder daß Sheriam und ihr kleiner Kreis vielleicht in zu viele Richtungen zu gehen versuchten, oder daß sie vielleicht schlechten Rat erteilen würden, aber Andeutungen waren deutlich erkennbar. Romanda und Lelaine deuteten auch beide an, daß die jeweils andere vielleicht ihre eigenen Schwerpunkte hätte, die zweifellos nicht genannte Verwicklungen bewirken würden.
Als Egwene die letzte Lampe durch das Lenken der Macht löschte, erwartete sie einen Schlaf voller Alpträume. Tatsächlich erinnerte sie sich am nächsten Morgen aber nur an zwei. In einem war sie die Amyrlin — eine Aes Sedai, aber ohne die Eide geleistet zu haben —, und alles, was sie tat, führte ins Unglück. Sie erwachte bei diesem Traum ruckartig, um davonzukommen, war sich aber dennoch sicher, daß es ein Traum ohne Bedeutung war. Er hatte einer ihrer Erfahrungen im Ter'angreal geähnelt, wo sie geprüft worden war, um eine Aufgenommene zu werden. Soweit jedermann wußte, hatten sie keinen Bezug zur Realität. Nicht zu dieser Realität. Der andere Traum war so töricht wie erwartet. Sie wußte genug über ihre Träume, um das zu erkennen, selbst wenn sie sich letztendlich aufwecken mußte, um auch diesem zu entrinnen. Sheriam hatte ihr die Stola von den Schultern gerissen, und dann hatten alle sie ausgelacht und auf die Närrin gezeigt, die tatsächlich geglaubt hatte, ein kaum achtzehnjähriges Mädchen könnte die Amyrlin sein. Nicht nur die Aes Sedai hatte gelacht, sondern auch alle Weise Frauen und Rand und Perrin und Mat und Nynaeve und Elayne, fast alle, denen sie jemals begegnet war, während sie nackt dort stand und verzweifelt versuchte, das Gewand einer Aufgenommenen anzuziehen, das vielleicht einem zehnjährigen Kind gepaßt hätte.
»Nun, Ihr könnt nicht den ganzen Tag im Bett liegen bleiben, Mutter.«
Egwene öffnete die Augen.
Chesas Gesicht zeigte einen Ausdruck gespielter Strenge, aber mit einem Zwinkern in den Augen. Sie war mindestens in Egwenes Alter. Bei ihrer ersten Begegnung war sie sofort in eine respektvolle und auch vertraute Haltung verfallen, die man von einer erfahrenen Dienerin erwarten konnte. »Der Amyrlin-Sitz darf keine Langschläferin sein, gerade heute nicht.«
»Daran würde ich zuletzt denken.« Egwene kletterte steif aus dem Bett und streckte sich, bevor sie ihr verschwitztes Nachtgewand auszog. Sie konnte nicht warten, bis sie die Macht lange genug angewandt hätte, um nicht mehr zu schwitzen. »Ich werde das blaue Seidengewand mit den weißen Morgensternen am Halsausschnitt tragen.« Sie bemerkte, daß Chesa bewußt nicht hinsah, während sie ihr ein frisches Hemd reichte. Die Wirkung ihrer Begegnung mit dem Toh hatte ein wenig nachgelassen, aber sie schien noch immer leicht zerschlagen zu sein. »Ich hatte einen Unfall, bevor ich hierherkam«, sagte sie und zog sich das frische Hemd eilig über den Kopf.