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Chesa nickte plötzlich verstehend. »Pferde sind bösartige, wenig vertrauenswürdige Ungeheuer. Ihr würdet mich niemals auf ein Pferd bekommen, Mutter. Ein guter, robuster Karren ist weitaus sicherer. Wenn ich von einem Pferd fiele, würde ich es niemals jemandem erzählen. Nildra würde es tun, und Kaylin... Oh, Ihr würdet niemals glauben, was Frauen manchmal sagen, sobald man den Rücken wendet. Beim Amyrlin-Sitz ist es natürlich anders, aber das würde ich tun.« Sie hielt die Schranktür auf und warf Egwene einen Seitenblick zu, um zu sehen, ob sie verstand.

Egwene lächelte ihr zu. »Menschen sind Menschen, ob hoch- oder tiefgestellt«, sagte sie ernst.

Chesa strahlte einen Moment, bevor sie das blaue Gewand zutage förderte. Sheriam hatte sie vielleicht ausgesucht, aber sie war das Dienstmädchen des Amyrlin-Sitzes und hielt dem Amyrlin-Sitz die Treue. Uns sie hatte auch recht damit, daß der heutige Tag sehr wichtig war.

Egwene aß schnell — trotz Chesas gemurmelten Bemerkungen, daß es dem Magen schade, das Essen hinunterzuschlingen, auch wenn die warme Milch mit Honig und Gewürzen immerhin geeignet sei, einen nervösen Magen wieder zu beruhigen — putzte sich die Zähne und wusch sich, ließ Chesa einige Male mit der Bürste durch ihr Haar fahren und zog sich so schnell an, wie die Frau ihr die blaue Seide über den Kopf ziehen konnte. Sie drapierte die Stola mit den sieben Streifen um ihre Schultern und hielt dann inne, um sich im Spiegel zu betrachten. Stola oder nicht — sie sah nicht wie ein Amyrlin-Sitz aus. Aber ich bin es. Dies ist kein Traum.

Unten im großen Raum waren die Tische noch genauso leer wie in der Nacht. Nur die Sitzenden befanden sich dort, die ihre Stolen trugen und nach Ajahs geordnet zusammensaßen. Nur Sheriam war allein. Sie verstummten, als Egwene die Treppe herunterkam, und vollführten einen Hofknicks. Romanda und Lelaine beäugten sie kritisch, wandten sich dann ab, vermieden es ganz offensichtlich, Sheriam anzusehen, und nahmen ihre Unterhaltungen wieder auf. Als Egwene still blieb, taten es die anderen ihr nach. Gelegentlich schaute eine von ihnen zu ihr. Ihre Stimmen klangen sogar noch im Flüsterton zu laut. Draußen war es äußerst ruhig. Egwene nahm ihr Taschentuch aus dem Ärmel und tupfte ihr Gesicht ab. Sie schwitzten überhaupt nicht.

Sheriam trat neben sie. »Es wird gutgehen«, sagte sie leise. »Erinnert Euch einfach an das, was Ihr sagen müßt.« Auch das hatten sie letzte Nacht in allen Einzelheiten durchgesprochen. Egwene mußte heute morgen eine Rede halten.

Egwene nickte. Es war seltsam. Ihr Magen hätte sich umstülpen und ihre Knie hätten zittern sollen. Beides war nicht der Fall, und sie konnte es nicht verstehen.

»Ihr braucht Euch nicht zu sorgen.« Sheriam klang, als glaubte sie, Egwene sei ängstlich, und wollte sie trösten, aber bevor sie erneut etwas sagen konnte, erhob Romanda die Stimme.

»Es ist Zeit.«

Die Sitzenden stellten sich mit raschelnden Röcken dem Alter nach in einer Reihe auf, wobei Romanda dieses Mal voranging, und marschierten hinaus. Egwene näherte sich der Tür. Noch immer kein Magenflattern. Vielleicht hatte Chesa mit der warmen Milch recht gehabt.

Es herrschte noch immer Stille, aber dann erklang erneut Romandas von Natur aus laute Stimme. »Wir haben einen Amyrlin-Sitz.«

Egwene trat in eine Hitze hinaus, die sie erst später am Tag erwartet hätte. Als ihr Fuß aus der Vorhalle trat, landete er auf einer aus Luft gewobenen Plattform. Die Reihen der Sitzenden erstreckten sich draußen zu beiden Seiten, und jede Sitzende schimmerte im Lichte Saidars.

»Egwene al'Vere«, sagte Romanda in feierlichem Tonfall, während ihre Stimme von den Strängen der Macht getragen wurde, »die Hüterin der Siegel, die Flamme von Tar Valon, der Amyrlin-Sitz.«

Sie hoben sie hoch, während Romanda sprach, erhoben die Amyrlin wahrhaftig, bis sie unmittelbar unter dem Strohdach stand, auf dünner Luft stand, wie es jedermann erscheinen mußte, aber eine Frau, die die Macht lenken konnte.

Es waren viele Menschen dort, die sie, von der aufgehenden Sonne umrissen, sahen. Ein zweites Gewebe ließ das Licht zu einem schimmernden Kokon um sie herum werden. Männer und Frauen bevölkerten die Straße. Die Menge erstreckte sich bis um die Häuserecken. Jeder Eingang, jedes Fenster und jedes Dach außer dem der Kleinen Burg selbst war von Menschen erfüllt. Lärm erklang, der Romanda beinahe übertönt hätte, Wogen von Hochrufen, die über das Dorf hinwegrollten. Egwene betrachtete die Menge, suchte nach Nynaeve und Elayne, aber sie konnte sie in diesem Meer aufwärts gewandter Gesichter nicht finden. Ein ganzes Zeitalter schien vergangen zu sein, bevor es wieder still genug wurde, daß sie sprechen konnte. Das Gewebe hatte ihr Romandas Stimme zugetragen.

Sheriam und die anderen hatten ihre Rede vorbereitet, eine ernste Ermahnung, die sie vielleicht ohne Erröten hätte äußern können, wenn sie doppelt —oder, noch besser, dreimal — so alt gewesen wäre, wie sie tatsächlich war. Sie hatte selbst einige Änderungen angebracht. »Wir haben uns hier auf der Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit versammelt, die nicht enden wird, bis die falsche Amyrlin Elaida von dem Platz vertrieben ist, den sie sich widerrechtlich angeeignet hat. Als Amyrlin werde ich euch bei dieser Suche leiten, und ich werde nicht schwanken, wie ihr es, wie ich weiß, tun werdet.« Und das war genug Ermahnung. Sie hatte keinesfalls die Absicht, lange genug hier oben zu bleiben, um alles zu wiederholen, was die Aes Sedai sie sagen hören wollten. Es wäre auch nur auf das hinausgelaufen, was sie ohnehin bereits gesagt hatte. »Ich ernenne Sheriam Bayanar als meine Behüterin der Chroniken.«

Hierauf erklangen weitaus weniger Hochrufe. Eine Behüterin war immerhin keine Amyrlin. Egwene schaute hinab und wartete, bis sie Sheriam herauseilen sah, während sie noch die Stola der Behüterin um ihre Schultern drapierte, die als Zeichen dafür, daß sie der Blauen Ajah entstammte, blau war. Es war beschlossen worden, keinen zweiten Amyrlin-Stab zu gestalten, der von einer goldenen Flamme gekrönt wurde und den die Behüterin trug. Bis der echte Stab von der Weißen Burg zurückerlangt werden konnte, würde es ohne ihn gehen müssen. Sheriam hatte weitaus mehr Unterstützung erwartet, und sie sah Egwene verärgert an. Romanda und Lelaine, die in der Reihe der Sitzenden standen, zeigten ausdruckslose Gesichter. Sie hatten beide ihre eigenen sehr nachdrücklichen Vorschläge zur Ernennung der Behüterin gemacht, und bei beiden war es, wie nicht erwähnt werden muß, nicht Sheriam gewesen.

Egwene atmete tief ein und wandte sich wieder an die wartende Menge. »Um diesen Tag zu ehren, verfüge ich hiermit, daß allen Aufgenommenen und Novizinnen alle Bußen und Strafen erlassen werden.« Das war üblich und bewirkte erfreute Ausrufe von weiß gekleideten Mädchen und einigen wenigen unbeherrschten Aufgenommenen. »Um diesen Tag zu ehren, verfüge ich hiermit, daß Theodrin Dabei, Faolain Grande, Nynaeve al'Meara und Elayne Trakand von diesem Moment an als vereidigte Schwestern und Aes Sedai zur Stola erhoben werden.« Ein fragendes Schweigen lastete auf der Menge, und nur hier und da erklang ein Murmeln. Das war absolut nicht üblich. Es war weit davon entfernt, üblich zu sein. Aber es war gesagt worden, und es war gut, daß Morvrin zufällig Theodrin und Faolain mit einbezogen hatte. Es war Zeit, sich wieder an das zu halten, was sie für sie aufgeschrieben hatten. »Ich verfüge hiermit, daß der heutige Tag ein Tag der Festlichkeit und des Feierns sei. Es sollen nur Arbeiten ausgeführt werden, die für das Vergnügen notwendig sind. Möge das Licht euch alle bescheinen, und die Hand des Schöpfers euch beschützen.« Die letzten Worte wurden von einem tumultartigen Gebrüll übertönt, das selbst das Gewebe niederdrückte, das ihre Worte getragen hatte. Einige Leute begannen an Ort und Stelle auf der Straße zu tanzen, obwohl kaum genug Platz war.