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Egwene verzog das Gesicht. »Ich bin die Amyrlin, aber... Elayne, Sheriam muß nicht allzu scharf nachdenken, um sich einer Novizin namens Egwene zu erinnern, die alles mit großen Augen betrachtete und geschickt wurde, die Wege im Neuen Garten zu harken, weil sie nach dem Zubettgehen Äpfel gegessen hatte. Sie will mich an der Hand führen oder am Genick vorwärtsschieben. Romanda und Lelaine wollten beide Amyrlin werden, und sie sehen noch immer diese Novizin in mir. Sie beabsichtigen genauso sehr wie Sheriam, mich in meine Schranken zu weisen.«

Nynaeve runzelte besorgt die Stirn, aber Elayne verkörperte die reine Empörung. »Du kannst es ihnen nicht durchgehen lassen, daß sie dich zu ... zu tyrannisieren versuchen. Du bist die Amyrlin. Die Amyrlin sagt dem Saal, was er tun soll, nicht umgekehrt. Du mußt dich erheben und sie den Amyrlin-Sitz erkennen lassen.«

Egwene lachte ein wenig verbittert. War es erst gestern abend gewesen, daß sie sich heftig dagegen ausgesprochen hatte, tyrannisiert zu werden? »Es wird ein wenig Zeit brauchen, Elayne. Ich verstehe letztendlich, warum sie mich erwählt haben. Ich glaube, daß es mit Rand zu tun hat. Vielleicht glauben sie, er wird zugänglicher sein, wenn er mich die Stola tragen sieht. Ein anderer Grund ist, daß sie sich der Novizin erinnern. Eine Frau — nein: ein Mädchen! —, die so sehr daran gewöhnt ist zu tun, was man ihr sagt, wird keine Schwierigkeiten machen und leicht zu beeinflussen sein.« Sie griff nach der gestreiften Stola um ihren Hals. »Nun, was auch immer die Gründe sind — sie haben mich zur Amyrlin gewählt, und da sie es getan haben, will ich die Amyrlin sein, aber ich muß vorsichtig sein, zumindest vorerst. Vielleicht hat Siuan den Saal springen lassen, wann immer sie die Stirn runzelte« — sie fragte sich, ob das jemals der Wahrheit entsprochen hatte —, »aber wenn ich das versuchte, könnte ich genausogut die erste Amyrlin werden, die am Tag nach ihrer Ernennung abgesetzt wurde.«

Elayne wirkte verblüfft, aber Nynaeve nickte zögernd. Vielleicht hatte ihr die Tatsache, daß sie eine Waise und zu Hause mit dem Frauenzirkel zusammengewesen war, tiefere Einblicke darein gewährt, wie der Amyrlin-Sitz und der Saal der Burg tatsächlich zusammenarbeiteten, als Elayne während ihrer ganzen Vorbereitung zur Königin erlangt hatte.

»Elayne, wenn sich die Nachricht erst verbreitet und die Herrscher von mir wissen, kann ich den Saal allmählich zu der Erkenntnis führen, daß sie eine Amyrlin und keine Marionette erwählt haben, aber bis dahin könnten sie mir diese Stola tatsächlich genauso schnell wieder nehmen, wie sie diese mir gegeben haben. Ich meine, wenn ich nicht wirklich die Amyrlin bin, ist es nicht schwer, mich beiseite zu schieben. Es würde vielleicht einige Proteste geben, aber ich bezweifle nicht, daß sie sie leicht beiseite räumen könnten. Wenn jemand außerhalb Salidars jemals hörte, daß eine junge Frau namens Egwene al'Vere zur Amyrlin erhoben wurde, wäre es nur wieder eines dieser seltsamen Gerüchte, die um die Aes Sedai entstehen.«

»Was wirst du tun?« fragte Elayne leise. »Du wirst das nicht demütig hinnehmen.« Das ließ Egwene aufrichtig lächeln. Es war keine Frage, sondern eine nachdrückliche Feststellung.

»Nein, das werde ich nicht tun.« Sie hatte vielen Lektionen über das Spiel der Häuser gelauscht, die Moiraine Rand erteilt hatte. Damals hatte sie das Spiel für widersinnig und äußerst hinterhältig gehalten. Jetzt hoffte sie nur noch, sich an alles erinnern zu können, was sie damals gehört hatte. Die Aiel sagten stets: Gebrauche die dir zur Verfügung stehenden Waffen. »Vielleicht hilft es mir, daß sie mich auf drei verschiedene Marionettenfäden vorzubereiten versuchen. Ich kann vorgeben, von dem einen oder anderen beeinflußt zu werden, abhängig davon, welches meinem Streben gerade eher entspricht. Ab und zu kann ich einfach tun, was ich will, so wie ich euch beide ernannt habe, aber nicht mehr sehr häufig.« Sie straffte die Schultern und begegnete ihren Blicken mit Gelassenheit. »Ich würde gerne sagen, daß ich euch ernannt habe, weil ihr es verdient habt, aber die Wahrheit ist, daß ich es getan habe, weil ihr meine Freundinnen seid und weil ich hoffe, daß ihr mir als vereidigte Schwestern helfen könnt. Ich weiß einfach nicht, wem außer euch beiden ich vertrauen kann. Ich werde euch so bald wie möglich nach Ebou Dar schicken, aber davor und danach kann ich mit euch über alles reden. Ich weiß, daß ihr mir die Wahrheit sagen werdet. Diese Reise nach Ebou Dar dauert vielleicht nicht so lange, wie ihr glaubt. Ihr beide habt alle möglichen Entdeckungen gemacht, wie ich hörte, aber wenn ich einiges herausfinden kann, werde ich vielleicht auch meine eigene Entdeckung machen.«

»Das wird wundervoll sein«, sagte Elayne, aber sie klang fast abwesend.

37

Der Kampf beginnt

Es herrschte ein sehr eigenartiges Schweigen, was Egwene überhaupt nicht verstehen konnte. Elayne sah Nynaeve an, und dann schauten beide auf Nynaeves schmales Silberarmband. Nynaeve blickte kurz mit geweiteten Augen zu Egwene und dann schnell zu Boden.

»Ich muß dir etwas gestehen«, flüsterte Nynaeve kaum hörbar. Ihre Stimme blieb leise, aber die Worte strömten eilig hervor. »Ich habe Moghedien gefangengenommen.« Ohne den Blick zu heben, hielt sie das Handgelenk mit dem Armband hoch. »Dies ist ein A'dam. Wir halten sie gefangen, und niemand weiß etwas davon. Außer Siuan und Leane und Birgitte. Und jetzt du.«

»Wir mußten es tun«, sagte Elayne und beugte sich eifrig vor. »Sie hätten sie hingerichtet, Egwene. Ich weiß, daß sie es verdient, aber sie besitzt so großes Wissen, Dinge, die wir uns kaum im Traum vorstellen können. Daher stammen alle unsere Entdeckungen —außer Nynaeves Heilung Siuans und Leanes und Logains und mein Ter'angreal. Sie hätten sie getötet, ohne zu versuchen, etwas von ihr zu lernen.«

Fragen wirbelten in Egwenes verwirrtem Kopf umher. Sie hatten eine der Verlorenen gefangengenommen? Wie? Elayne hatte ein A'dam erlangt? Egwene zitterte und konnte das Armband kaum ansehen. Er ähnelte in keiner Weise dem A'dam, den sie nur zu gut kannte. Wie hatten sie es geschafft, eine Verlorene unter so vielen Aes Sedai verborgen zu halten? Eine der Verlorenen war eine Gefangene. Nicht verurteilt und hingerichtet. Rand war so mißtrauisch geworden, daß er Elayne niemals wieder vertrauen würde, wenn er das herausfände.

»Bringt sie her«, brachte sie schließlich tonlos hervor. Nynaeve sprang auf und lief davon. Der Klang der Feierlichkeiten, Lachen und Musik und Gesang, schwoll einen Moment an, bevor sich die Tür wieder hinter ihr schloß. Egwene rieb sich über die Schläfen. Eine der Verlorenen. »Das muß vollkommen geheim bleiben.«

Elayne errötete. Warum, unter dem Licht... Natürlich.

»Elayne, ich habe nicht die Absicht, nach ... jemandem zu fragen, über den ich nichts wissen sollte.«

Die Frau mit dem goldenen Haar sprang auf. »Ich ... ich kann es dir vielleicht erklären. Später. Morgen vielleicht. Egwene, du mußt mir versprechen, nichts zu verraten — niemandem! —, es sei denn, ich sage es. Egal, was du ... was du siehst«

»Wenn du es so willst.« Egwene verstand nicht, warum die andere Frau so aufgeregt war. Nicht wirklich. Elayne hatte ein Geheimnis, das Egwene teilte, nur daß Egwene es zufällig herausgefunden hatte, und nun gaben sie beide vor, daß es noch immer Elaynes alleiniges Geheimnis sei. Sie hatte in Tel'aran'rhiod Birgitte getroffen, die Heldin aus der Legende, und vielleicht tat sie es noch immer. Warte, Nynaeve hatte es gesagt. Birgitte wußte von Moghedien. Meinte sie, daß die Frau in Tel'aran'rhiod darauf wartete, daß das Horn von Valere sie zurückrief? Kannte Nynaeve das Geheimnis, das Elayne Egwene gegenüber nicht hatte eingestehen wollen, als sie ertappt wurde? Nein. Dies würde nicht auf gegenseitiges Beschuldigen und Leugnen hinauslaufen.