»Elayne, ich bin die Amyrlin — wirklich die Amyrlin —, und ich habe Pläne. Die Weisen Frauen, die die Macht lenken, gehen mit einem großen Teil ihrer Gewebe anders um als die Aes Sedai.« Elayne wußte bereits von den Weisen Frauen, obwohl Egwene, wenn sie darüber nachdachte, sich nicht sicher war, ob das auch für die Aes Sedai galt. Jetzt die anderen Aes Sedai. »Manchmal handeln sie komplizierter oder grober, aber manchmal ist es auch einfacher, als man es uns in der Bürg gelehrt hat, und es funktioniert genausogut.«
»Du willst, daß Aes Sedai und Weise Frauen gemeinsam lernen?« Elayne verzog belustigt den Mund. »Egwene, dem werden sie niemals zustimmen, in tausend Jahren nicht. Sie werden jedoch vermutlich Aiel-Mädchen auf ihre Eignung zur Novizin prüfen wollen, wenn sie es herausfinden.«
Egwene zögerte. Aes Sedai, die mit Weisen Frauen gemeinsam lernten. Als Lehrlinge? Das würde niemals geschehen, aber Romanda und Lelaine könnten besonderen Nutzen aus ein wenig Ji'e'toh ziehen. Und Sheriam und Myrelle und... Sie setzte sich bequemer hin und gab ihre Hirngespinste auf. »Ich bezweifle, daß die Weisen Frauen Aiel-Mädchen als Novizinnen akzeptieren würden.« Sie hätten es vielleicht früher getan, aber heute sicherlich nicht mehr. Jetzt konnte Egwene nur noch erwarten, daß sie höflich mit Aes Sedai umgingen. »Ich dachte an eine Art Bündnis. Elayne, es gibt weniger als tausend Aes Sedai. Und wenn du jene Weisen Frauen mit einbeziehst, die in der Wüste bleiben, gibt es, glaube ich, mehr Weise Frauen, die die Macht lenken können, als Aes Sedai. Vielleicht viel mehr. Wie dem auch sei, ihnen entgeht niemand mit dem Talent.« Wie viele Frauen waren auf dieser Seite der Drachenmauer gestorben, weil sie plötzlich die Macht lenken konnten, ohne vielleicht zu wissen, was sie überhaupt taten, oder jemanden zu haben, der sie lehren konnte? »Ich will mehr Frauen einbringen, Elayne. Was ist mit Frauen, die lernen können, welche die Aes Sedai aber nicht finden, bevor sie als zu alt erachtet werden, um Novizinnen zu werden? Ich sage, wenn sie lernen wollen, sollen sie es versuchen, selbst wenn sie vierzig oder fünfzig sind oder ihre Enkel wiederum Enkel haben.«
Elayne schlang lachend die Arme um sich. »Oh, Egwene, die Aufgenommenen werden es lieben, jene Novizinnenklassen zu unterrichten.«
»Sie werden es lernen müssen«, sagte Egwene bestimmt. Sie hielt es für durchführbar. Die Aes Sedai hatten stets gesagt, man könne zwar zu alt sein, um Novizin zu werden, aber wenn man lernen wolle... Sie hatten ihre Meinung bereits teilweise geändert. Sie hatte in der Menge Gesichter gesehen, die älter als Nynaeves Gesicht über dem Novizinnen-Weiß gewesen waren. »Die Burg hat ihre Aufgabe, Menschen auszuschließen, stets ernst genommen, Elayne. Wenn du nicht stark genug bist, wirst du fortgeschickt Weigere dich, dich einer Prüfung zu unterziehen, und du wirst fortgeschickt. Versage bei einer Prüfung, und du mußt fort. Sie sollten bleiben dürfen, wenn sie es wollen.«
»Aber die Prüfungen sollen sicherstellen, daß man stark genug ist«, widersprach Elayne. »Nicht nur in bezug auf die Eine Macht, sondern auch in sich selbst. Du willst doch sicherlich keine Aes Sedai, die zerbrechen, wenn sie zum ersten Mal unter Druck geraten? Oder Aes Sedai, die kaum die Macht lenken können?«
Egwene schnaubte. Sorilea wäre aus der Burg verwiesen worden, ohne jemals einer Eignungsprüfung zur Aufgenommenen unterzogen zu werden. »Vielleicht können sie keine Aes Sedai werden, aber das bedeutet nicht, daß sie nutzlos sind. Man traut ihnen immerhin zu, die Macht nach zumindest annähernd eigenem Gutdünken zu gebrauchen, sonst würden sie nicht in die Welt hinausgeschickt. Mein Traum besteht darin, daß jede Frau, die die Macht lenken kann, irgendwie mit der Burg verbunden sein sollte. Jede einzelne.«
»Auch die Windsucherinnen?« Elayne zuckte zusammen, als Egwene nickte.
»Du hast sie nicht verraten, Elayne. Ich kann nicht glauben, daß sie ihr Geheimnis so lange bewahrt haben.«
Elayne seufzte tief. »Nun, was geschehen ist, ist geschehen. Du kannst nichts ungeschehen machen. Aber wenn deine Aiel besonderen Schutz erhalten, sollte er dem Meervolk auch zugestanden werden. Laß die Windsucherinnen ihre Mädchen lehren. Keine MeervolkFrau mehr, die gegen ihren Willen von Aes Sedai vertrieben wird.«
»In Ordnung.« Egwene spie auf ihre Handfläche und streckte die Hand dann aus, und kurz darauf spie auch Elayne auf ihre Hand und grinste, als sie sich die Hände gaben, um den Handel zu besiegeln.
Dann schwand das Grinsen langsam. »Hat dies etwas mit Rand und seinem Straferlaß zu tun, Egwene?«
»Teilweise. Elayne, wie konnte der Mann so...?« Sie mochte die Frage nicht zu Ende stellen. Es gab ohnehin keine Antwort darauf. Die andere Frau nickte ein wenig traurig, weil sie verstand oder ihr zustimmte oder beides.
Die Tür wurde geöffnet, und eine stämmige Frau in dunklem Tuch kam mit einem Silbertablett mit drei Silberbechern und einem hohen, silbernen Weinkrug herein. Ihr Gesicht wirkte verbraucht — das Gesicht einer Landfrau —, aber ihre dunklen Augen glänzten, als sie Egwene und Elayne nacheinander genau betrachtete. Egwene konnte sich nur kurz darüber wundern, daß die Frau trotz ihres groben Gewandes eine silberne Halskette trug, denn hinter ihr betrat Nynaeve den Raum und schloß die Tür. Sie mußte wie der Wind gelaufen sein, weil sie auch noch Zeit gefunden hatte, das Gewand der Aufgenommenen gegen ein dunkelblaues, am Halsausschnitt und am Saum mit goldenen Verzierungen besticktes Seidengewand einzutauschen. Es war nicht annähernd so tief ausgeschnitten wie Berelains Gewand, aber noch immer erheblich tiefer, als Egwene es bei Nynaeve zu sehen erwartet hatte.
»Dies ist Marigan«, sagte Nynaeve und warf ihren Zopf mit geübter Bewegung über die Schulter. Der Große Schlangenring schimmerte an ihrer rechten Hand golden.
Egwene wollte gerade fragen, warum sie den Namen so ausdrücklich betonte, erkannte aber dann jäh, daß deren Halskette zu dem Armband an Nynaeves Handgelenk paßte. Sie konnte nicht umhin, die Frau anzustarren. Sie sah sicherlich nicht annähernd so aus, wie sich Egwene eine Verlorene vorgestellt hätte. Sie sprach es aus, und Nynaeve lachte.
»Sieh her, Egwene.«
Sie schaute nicht nur hin — sie sprang fast von ihrem Stuhl auf und umarmte tatsächlich Saidar. Als Nynaeve zu sprechen begann, hatte das Schimmern auch Marigan umhüllt, nur einen Augenblick lang, und bevor es wieder schwand, hatte sich die Frau in dem einfachen Wollkleid vollkommen verändert. Es waren eigentlich nur kleine Veränderungen, aber sie bewirkten, daß die Frau völlig anders aussah, eher hübsch als schön, aber überhaupt nicht mehr verbraucht —eine stolze, sogar stattliche Frau. Nur die Augen waren gleich geblieben, glänzten noch immer. Egwene konnte jetzt glauben, daß diese Frau Moghedien war.
»Wie?« fragte sie nur Sie hörte aufmerksam zu, während Nynaeve und Elayne erklärten, wie man Verkleidungen wob und Gewebe umkehrte, aber sie betrachtete dabei Moghedien. Sie war stolz, von sich selbst erfüllt, und ruhte fest in sich.
»Bringt sie zurück«, sagte Egwene, als die Erläuterungen geendet hatten. Wieder blieb das Schimmern Saidars nur kurz bestehen, und es waren keine sichtbaren Gewebe mehr erkennbar, als es verging. Moghedien war erneut eine einfache und verbrauchte Frau, eine Landfrau, die ein hartes Leben geführt hatte und älter aussah, als sie war. Die schwarzen Augen blitzten Egwene haßerfüllt und vielleicht auch voller Abscheu vor sich selbst an.
Als Egwene erkannte, daß sie Saidar noch immer festhielt, fühlte sie sich einen Moment töricht. Weder Nynaeve noch Elayne hatten die Quelle umarmt. Aber andererseits trug Nynaeve dieses Armband. Egwene erhob sich, ohne ihren Blick von Moghedien abzuwenden, und streckte die Hand aus. Nynaeve schien bestrebt, das Armband von ihrem Handgelenk loszuwerden, was Egwene gut verstehen konnte.