Nynaeve gab ihr das Armband und sagte: »Stellt das Tablett auf den Tisch, Marigan. Und benehmt Euch gut. Egwene hat bei den Aiel gelebt.«
Egwene drehte das Silberarmband in den Händen und versuchte, nicht zu erschaudern. Eine hübsche Arbeit, so geschickt in Abschnitte geteilt, daß es fast massiv wirkte. Sie hatte sich einst am anderen Ende eines A'dam befunden. Ein Seanchan-Gegenstand, mit einem Silberband, das die Halskette und das Armband verband, aber dennoch das gleiche war. Ihr Magen rebellierte, wie er es nicht mehr getan hatte, seit sie dem Saal gegenübergestanden hatte. Sie schloß das Silber bedächtig um ihr Handgelenk. Sie hatte eine ungefähre Vorstellung davon, was zu erwarten war, aber sie wäre dennoch beinahe zusammengezuckt. Die Empfindungen der anderen Frau, und auch ihr körperlicher Zustand, lagen in einem abgeschiedenen Winkel ihres Geistes vor Egwene ausgebreitet. Sie sah hauptsächlich bebende Angst, und der Abscheu vor sich selbst, den sie zu erkennen geglaubt hatte, war in fast ebenso starkem Maße vorhanden. Moghedien gefiel ihre gegenwärtige Erscheinung nicht. Vielleicht gefiel sie ihr besonders nach der kurzen Rückkehr in ihre eigene Gestalt nicht mehr.
Egwene dachte daran, wen sie ansah — eine der Verlorenen, eine Frau, deren Name jahrhundertelang benutzt worden war, um Kinder zu erschrecken, eine Frau, deren Verbrechen hundert Mal den Tod verdienten. Sie dachte an das Wissen in diesem Kopf. Sie lächelte. Es war kein schönes Lächeln. Sie wollte es nicht so geraten lassen, aber sie glaubte auch nicht, daß sie es anders hatte gestalten können, wenn sie es versucht hätte. »Sie haben recht. Ich habe bei den Aiel gelebt. Wenn Ihr also von mir erwartet, daß ich genauso sanft mit Euch umgehe wie Nynaeve und Elayne, dann schlagt Euch das aus dem Kopf. Macht mir gegenüber nur einen Fehler, und ich werde Euch um den Tod betteln lassen. Nur daß ich Euch nicht töten werde. Ich werde einen Weg finden, damit Ihr dieses Gesicht für immer behalten müßt. Wenn Ihr mir gegenüber jedoch mehr als einen Fehler macht...« Sie lächelte jetzt breiter, bis es nur noch ein Zähnezeigen war.
Die Angst nahm so stark zu, daß sie alles andere erstickte. Moghedien stand vor dem Tisch, umklammerte ihre Röcke so fest, daß die Knöchel weiß hervortraten, und zitterte sichtbar. Nynaeve und Elayne sahen Egwene an, als hätten sie sie noch niemals zuvor gesehen. Licht, erwarteten sie von ihr, daß sie einer der Verlorenen gegenüber höflich war? Sorilea würde die Frau draußen in der Sonne pfählen, um sie in ihre Schranken zu verweisen, wenn sie ihr nicht gleich die Kehle durchschnitt.
Egwene trat näher an Moghedien heran. Die andere Frau war größer, aber sie drückte sich nach hinten an den lisch, warf die Weinbecher auf dem Tablett um und ließ den Krug schwanken. Egwenes Stimme nahm einen kalten Tonfall an. Es würde nicht lange dauern. »Der Tag, an dem ich Euch bei einer Lüge ertappe, ist der Tag, an dem ich Euch eigenhändig hinrichte. Also, ich habe erwogen, von einem Ort zum anderen zu reisen, indem ich von hier nach dort eine Öffnung schaffe. Eine Öffnung durch das Muster, so daß keine Entfernung zwischen dem einen und dem anderen Ende liegt. Würde das funktionieren?«
»Bei Euch und jeder anderen Frau überhaupt nicht«, antwortete Moghedien atemlos und schnell.
Die sich in ihr steigernde Angst war jetzt auch auf ihrem Gesicht deutlich erkennbar. »So Reisen nur Männer.« Es war eindeutig, was gemeint war. Sie sprach von einem der verlorenen Talente. »Wenn Ihr es versucht, werdet Ihr hineingesogen werden... Ich weiß nicht, was es ist. Vielleicht der Raum zwischen den Strängen des Musters. Ich glaube nicht, daß Ihr sehr lange leben würdet. Ich weiß, daß Ihr niemals zurückkämt.«
»Reisen«, murrte Nynaeve angewidert. »Wir haben niemals ans Reisen gedacht!«
»Nein, das haben wir nicht getan.« Elayne klang nicht zufriedener. »Ich frage mich, an was wir sonst noch nicht gedacht haben.«
Egwene achtete nicht auf sie. »Gibt es einen anderen Weg?« fragte sie wohlwollend. Es war stets besser, die Stimme ruhig zu halten, als jemanden anzuschreien.
Moghedien zuckte zusammen, als hätte Egwene sie doch angeschrien. »Ihr laßt die beiden Orte im Muster identisch werden. Ich kann Euch zeigen wie. Es ist ein wenig mühsam, wegen der ... der Halskette, aber ich kann... «
»So?« fragte Egwene, umarmte Saidar und wob Stränge aus Geist. Dieses Mal versuchte sie nicht, die Welt der Träume anzurühren, aber sie erwartete etwas sehr Ähnliches, wenn es funktionieren würde. Doch sie bekam etwas völlig anderes.
Der dünne Vorhang, den sie wob, schimmerte nicht und bestand nur einen Moment, bevor er ruckartig zu einer senkrechten Linie zusammenfiel, die dann plötzlich zu einem Schlitz aus silbrig blauem Licht wurde. Das Licht weitete sich schnell — oder kehrte sich um, wie es ihr schien — zu ... etwas aus. Dort, mitten auf dem Fußboden, entstand ein ... ein Eingang, der überhaupt nicht so verschwommen wirkte, wie es bei dem Blick aus ihrem Zelt auf Tel'aran'rhiod gewesen war, ein Eingang, der sich in ein von der Sonne versengtes Land Öffnete, das sogar die schlimmste Dürre hier fruchtbar wirken ließ. Felsspitzen und scharfe Klippen ragten über einer staubigen, tongelben Ebene auf, durch die Risse verliefen und die nur wenige verkümmerte Büsche aufwies, die sogar aus der Entfernung dornig wirkten.
Egwene sah gebannt hin. Es war die auf halbem Weg zwischen der Kaltfelsenfestung und dem Tal des Rhuidean gelegene Aiel-Wüste, ein Ort, an dem wohl kaum jemand zu sehen sein oder verletzt würde; Rands Vorsichtsmaßnahmen mit seinem besonderen Raum im Sonnenpalast hatten sie auf den Gedanken gebracht, ebenfalls Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen —, aber sie hatte nur gehofft, es zu erreichen, und sie war sich sicher gewesen, daß es durch einen schimmernden Vorhang zu sehen wäre.
»Licht!« keuchte Elayne. »Weißt du, was du getan hast, Egwene? Weißt du es? Ich glaube, ich kann es auch tun. Wenn du das Gewebe wiederholst, werde ich mich bestimmt erinnern.«
»An was erinnern?« jammerte Nynaeve fast. »Wie hat sie es gemacht? Oh, verflucht sei diese verdammte Blockierung! Elayne, tritt mir gegen den Knöchel.
Bitte!«
Moghediens Gesicht war sehr ruhig geworden. Fast genauso viel Unsicherheit wie Angst wurde jetzt durch das Armband vermittelt. Gefühle zu lesen, ähnelte kaum dem Lesen von Wörtern auf einer Buchseite, aber diese beiden Empfindungen waren deutlich erkennbar. »Wer...?« Moghedien leckte sich die Lippen. »Wer hat Euch das gelehrt?«
Egwene lächelte, wie sie Aes Sedai hatte lächeln sehen. Sie hoffte zumindest, daß es geheimnisvoll wirkte. »Seid niemals zu sicher, daß ich die Antwort nicht vielleicht schon kenne«, sagte sie kühl. »Erinnert Euch. Belügt mich nur einmal.« Plötzlich fiel ihr auf, wie das für Nynaeve und Elayne klingen mußte. Sie hatten die Frau gefangengenommen, hielten sie unter den unmöglichsten Umständen fest und holten alle möglichen Informationen aus ihr heraus. Sie wandte sich zu ihnen um und lachte kurz auf. »Es tut mir wirklich leid. Ich wollte das nicht einfach übernehmen.«
»Warum sollte es dir leid tun?« Egwene lächelte breit. »Du sollst es übernehmen.«
Nynaeve zog an ihrem Zopf und betrachtete ihn dann. »Nichts scheint zu funktionieren! Warum kann ich nicht wütend werden? Oh, was mich betrifft, so kannst du sie für immer hierbehalten. Wir könnten sie ohnehin nicht mit nach Ebou Dar nehmen. Warum kann ich nicht wütend werden? Oh, Blut und blutige Asche!« Ihre Augen weiteten sich, als sie erkannte, was sie gesagt hatte, und sie schlug sich die Hand vor den Mund.
Egwene sah Moghedien an. Die Frau stellte eifrig die Weinbecher wieder auf und goß Wein ein, der nach süßen Gewürzen duftete, aber während Nynaeve gesprochen hatte, war etwas anderes durch das Armband zu spüren gewesen. Vielleicht Erschrecken? Vielleicht würde sie die ihr vertrauten Herrinnen denjenigen vorziehen, die sie fast beim ersten Atemzug mit dem Tode bedrohten.