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Ein festes Klopfen erklang an der Tür, und Egwene ließ Saidar eilig fahren. Die Öffnung zur Wüste verschwand. »Kommt herein.«

Siuan trat einen Schritt in das Arbeitszimmer, blieb stehen und bemerkte Moghedien, das Armband an Egwenes Handgelenk und Nynaeve und Elayne. Sie schloß die Tür und vollführte einen flüchtigen Hofknicks, der an Romanda und Lelaine erinnerte. »Mutter, ich bin gekommen, um Euch in das Zeremoniell einzuweisen, aber wenn es Euch lieber wäre, wenn ich später wiederkomme...?« Sie hob fragend die Augenbrauen.

»Geht«, befahl Egwene Moghedien. Wenn Nynaeve und Elayne sie bereitwillig ungehindert umhergehen ließen, mußte das A'dam sie einschränken, wenn niemand sie ständig im Auge behielt. Sie betastete das Armband — sie haßte dieses Ding, aber sie beabsichtigte es Tag und Nacht zu tragen — und fügte hinzu: »Aber haltet Euch verfügbar. Ich werde einen Fluchtversuch genauso ahnden wie eine Lüge.« Angst strömte durch das A'dam, während Moghedien hinauseilte. Das konnte bedrohlich werden. Wie hatten Nynaeve und Elayne mit einem solchen Ansturm an Furcht leben können? Aber das würde sie später klären müssen.

Sie wandte sich Siuan zu und verschränkte die Arme vor der Brust. »Das wird nichts nützen, Siuan. Ich weiß alles, Tochter.«

Siuan neigte den Kopf. »Manchmal bietet Wissen dennoch keinen Vorteil. Manchmal bedeutet es nur, die Gefahr zu teilen.«

»Siuan!« sagte Elayne halbwegs erschrocken und halbwegs warnend, und zu Egwenes Überraschung tat Siuan etwas, was sie bei ihr niemals erwartet hätte. Sie errötete.

»Ihr könnt nicht von mir erwarten, über Nacht jemand anderer zu werden«, murrte die Frau verdrießlich.

Egwene vermutete, daß Nynaeve und Elayne ihr bei dem helfen könnten, was sie tun mußte, aber wenn sie wirklich die Amyrlin sein wollte, mußte sie es allein tun. »Elayne, ich weiß, daß du dieses Gewand einer Aufgenommenen loswerden willst. Warum tust du es also nicht? Und dann sieh, was du über die verlorenen Talente herausfinden kannst. Nynaeve, für dich gilt das gleiche.«

Sie wechselten einen Blick, sahen dann Siuan an, erhoben sich schließlich und vollführten vollendete Hofknickse, während sie respektvoll murmelten: »Wie Ihr befehlt, Mutter.« Siuan schien das nicht zu beeindrucken. Sie stand da und beobachtete Egwene mit verzerrtem Gesichtsausdruck, während Nynaeve und Elayne gingen.

Egwene umarmte Saidar erneut, nur kurz, um ihren Stuhl wieder auf seinen Platz hinter dem Tisch gleiten zu lassen, richtete dann ihre Stola und setzte sich hin. Sie betrachtete Siuan einen langen Moment schweigend. »Ich brauche Euch«, sagte sie schließlich. »Ihr wißt, was es bedeutet, die Amyrlin zu sein, und was die Amyrlin tun kann und was nicht. Ihr kennt die Sitzenden, Ihr wißt, wie sie denken, was sie wollen. Ich brauche Euch, und ich will Euch haben. Sheriam und Romanda und Lelaine glauben vielleicht, daß ich unter dieser Stola noch immer das Weiß der Novizinnen trage — vielleicht glauben es alle —, aber Ihr werdet mir helfen, ihnen zu zeigen, daß dem nicht so ist. Ich bitte Euch nicht, Siuan. Ich ... werde ... Eure ... Hilfe ... bekommen.« Nun brauchte sie nur noch abzuwarten.

Siuan betrachtete sie, schüttelte dann leicht den Kopf und lachte leise. »Sie haben einen großen Fehler begangen, nicht wahr? Ich habe ihn natürlich zuerst begangen. Das unbeholfene häßliche Entlein entpuppt sich zu einem selbstbewußten stolzen Schwan.« Sie breitete bei einem tiefen Hofknicks ihre Röcke weit aus und beugte den Kopf. »Mutter, bitte erlaubt mir, Euch zu dienen und zu beraten.«

»Solange Ihr Euch bewußt seid, daß es nur eine Beratung ist, Siuan. Ich habe bereits zu viele Menschen um mich herum, die glauben, sie könnten mich als Marionette benutzen. Das werde ich von Euch nicht dulden.«

»Das werde ich genauso wenig versuchen, wie ich mich selbst als Marionette benutzen würde«, sagte Siuan trocken. »Ihr wißt, daß ich Euch niemals wirklich mochte. Vielleicht weil ich in Euch zu vieles von mir selbst wiedergefunden habe.«

»In diesem Fall«, erwiderte Egwene in gleichermaßen trockenem Tonfall, »könnt Ihr mich Egwene nennen. Wenn wir allein sind. Und nun setzt Euch und erzählt mir, warum der Saal noch immer hier sitzt und wie ich sie in Bewegung bringen kann.«

Siuan zog einen der Stühle heran, bevor sie sich erinnerte, daß sie ihn jetzt mit Saidar bewegen konnte. »Sie sitzen noch, weil sich die Weiße Burg spalten wird, wenn sie sich erst regen. Und wenn ich Euch raten soll, wie Ihr sie in Bewegung bringen könnt...« Es folgte ein sehr ausführlicher Ratschlag. Einiges davon bewegte sich in Bahnen, an die Egwene auch schon gedacht hatte, und alles schien vernünftig.

In ihrem Zimmer in der Kleinen Burg goß Romanda Pfefferminztee für drei weitere Schwestern ein; nur eine von ihnen war eine Gelbe. Der Raum befand sich an der Rückseite der Burg, aber die Geräusche der Festlichkeiten drangen dennoch bis hierher. Romanda mißachtete sie gewissenhaft. Diese drei waren bereit gewesen, sie bei der Einnahme des Amyrlin-Sitzes zu unterstützen. Für das Mädchen zu stimmen, war eine genauso gute Möglichkeit wie jede andere gewesen, Lelaines Ernennung zu verhindern. Lelaine würde toben, wenn sie jemals davon erführe. Auch jetzt, wo Sheriam ihre Kind-Amyrlin eingesetzt hatte, waren diese drei noch immer bereit zuzuhören.

Besonders nachdem sie durch Verfügung zur Stola erhoben worden waren. Das mußte Sheriams Werk gewesen sein. Sie und ihre kleine Gruppe hatten alle vier befördert. Ihr Vorschlag war es gewesen, Theodrin und Faolain über die anderen Aufgenommenen zu erheben, und sie hatte dies gleichzeitig für Elayne und Nynaeve vorgeschlagen. Sie fragte sich stirnrunzelnd, was Delana aufhielt, aber sie begann dennoch zu sprechen, nachdem sie den Raum gegen Lauscher in Saidar gehüllt hatte. Delana würde sich einfach anschließen müssen, wenn sie kam. Wichtig war, daß Sheriam einsah, daß sie nicht soviel Macht erlangt hatte, wie sie glaubte, indem sie die Aufgabe der Behüterin an sich gerissen hatte.

In einem Haus auf halber Strecke durch Salidar hindurch servierte Lelaine vier Sitzenden, von denen nur eine ihrer eigenen Blauen Ajah angehörte, gerade Eiswein. Saidar schirmte den Raum gegen Lauscher ab. Der Klang der Festlichkeiten ließ sie lächeln. Die vier Frauen, die hier bei ihr waren, hatten vorgeschlagen, daß sie sich selbst um den Amyrlin-Sitz bemühen sollte, und sie hatte es bereitwillig getan, aber eine Niederlage hätte bedeutet, daß statt dessen Romanda ernannt worden wäre, was Lelaine genauso geschmerzt hätte wie eine Verbannung. Wie würde Romanda mit den Zähnen knirschen, wenn sie jemals erführe, daß sie alle für das Kind gestimmt hatten, nur damit Romanda nicht die Stola um die Schultern legen konnte. Aber jetzt waren sie zusammengekommen, um darüber zu sprechen, wie sie Sheriams Einfluß zurückdrängen konnten, nachdem sie sich die Stola der Behüterin angeeignet hatte. Diese Lächerlichkeit, Aufgenommene durch die Verfügung des Mädchens zu Aes Sedai zu erheben! Sheriam mußte wahnsinnig geworden sein. Während sie weitersprachen, begann sich Lelaine zu fragen, wo Delana war. Sie hätte dabeisein sollen.

Delana saß in ihrem Zimmer und betrachtete Halima, die auf Delanas Bettkante kauerte. Der Name Aran'gar durfte niemals benutzt werden. Delana fürchtete, daß Halima es bemerken würde, wenn sie den Namen auch nur dachte. Sie hatten nur einen kleinen, lediglich sie beide umgebenden Schutzwall gegen Lauscher errichtet. »Das ist verrückt«, brachte sie schließlich hervor.

»Versteht Ihr nicht? Wenn ich weiterhin versuche, jede Zwietracht zu unterstützen, werden sie mich früher oder später ertappen!«

»Jeder muß gewisse Risiken eingehen.« Die Bestimmtheit in Halimas Stimme strafte das Lächeln um ihren üppigen Mund Lügen. »Und Ihr werdet weiterhin darauf drängen, daß Logain wieder einer Dämpfung unterzogen wird. Andernfalls muß er getötet werden.« Die Frau wirkte tatsächlich ein wenig hübscher, als sie das Gesicht leicht verzog. »Wenn sie ihn jemals aus diesem Haus herausgelangen ließen, würde ich mich selbst um die Angelegenheit kümmern.«