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Eine Überraschung
Die flammende Sonne stieg hinter ihm höher auf, und Mat war froh, daß ihm sein breitkrempiger Hut ein wenig Schatten spendete. Der altarenische Wald war winterkahl und braun, mit Pinien und Lederblattbäumen und anderen immergrünen Bäumen, die verdorrt und aschfarben und bloß wirkten. Es war noch nicht Mittag, weshalb die schlimmste Hitze erst noch kommen würde, aber der Tag war bereits jetzt brutheiß. Mat hatte seinen Umhang über die Satteltaschen gelegt, aber der Schweiß ließ sein Leinenhemd dennoch an der Haut kleben. Pips' Hufe knirschten auf toten Farnen und dichtem herabgefallenen Laub, und die Horde ritt ebenfalls geräuschvoll über den Waldboden. Einige wenige Vögel tauchten auf, schnelle Blitze zwischen den Zweigen, aber kein einziges Eichhörnchen. Es gab jedoch Fliegen und Stechmücken, als befände man sich mitten im Sommer und nicht einen Monat vor dem Lichterfest. Tatsächlich gab es hier nichts anders als das, was er in Erinin gesehen hatte, aber er fühlte sich unbehaglich, hier dieselben Bedingungen vorzufinden. Würde die ganze Welt tatsächlich ausbrennen?
Aviendha schritt neben Pips einher, ihr Bündel auf dem Rücken, von sterbenden Bäumen oder Stechmücken offensichtlich unbeeinträchtigt, und verursachte trotz ihrer Röcke erheblich weniger Geräusche als das Pferd. Sie suchte mit ihren Blicken die umstehenden Bäume ab, als traue sie den Kundschaftern und Wächtern der Horde nicht zu, einen Hinterhalt zu erkennen. Sie hatte das angebotene Pferd nicht angenommen, was er ohnehin nicht erwartet hatte, nachdem er erkannt hatte, wie Aiel dem Reiten gegenüber empfanden, aber sie hatte auch keine Schwierigkeiten gemacht, außer daß die Tatsache, daß sie bei jedem Halt ihr Messer schärfte, als Herausforderung angesehen werden konnte. Gewiß, da war der Zwischenfall mit Olver gewesen. Er ritt den hochtrabenden Grauen, den Mat unter den Ersatzpferden für ihn gefunden hatte, und behielt sie wachsam im Auge. Er hatte in der zweiten Nacht versucht, sie mit seinem Gürtelmesser zu töten, wobei er etwas über Aiel schrie, die seinen Vater umgebracht hätten. Sie nahm ihm das Messer natürlich nur ab, aber selbst nachdem Mat ihn zurechtgewiesen und ihm den Unterschied zwischen Shaido und anderen Aiel zu erklären versucht hatte — etwas, wovon Mat keineswegs sicher war, daß er es selbst verstand —, behielt Olver sie ständig im Auge. Er mochte die Aiel nicht. Aviendha fühlte sich in Olvers Gegenwart anscheinend unbehaglich, was Mat überhaupt nicht verstand.
Die Bäume waren ausreichend hoch, daß sich eine Brise unter dem spärlichen Baldachin über ihnen hätte regen können, aber das Banner der Roten Hand hing schlaff herab, wie auch die beiden Banner, die er hervorgeholt hatte, nachdem Rand sie durch das Tor auf eine nachtgeschützte Wiese gelassen hatte — ein Drachenbanner, dessen rotgoldenes Symbol in weißen Falten verborgen war, sowie eines der Horde, das al'Thors Banner genannt wurde und dessen uraltes Aes-Sedai-Symbol dankenswerterweise auch nach innen geschlagen war. Ein grauhaariger, rangälterer Bannerträger hielt die Rote Hand, ein Bursche mit schmalen Augen und mehr Narben als Daerid, der tatsächlich darauf bestand, das Banner einen Teil des Tages selbst zu tragen, was nur wenige Bannerträger taten. Talmanes und Daerid hatten für die beiden anderen Banner Unterführer besorgt, junge Männer mit frischen Gesichtern, die sich als ausreichend standhaft erwiesen hatten, ein wenig Verantwortung zu übernehmen.
Drei Tage lang waren sie durch Altara gezogen, drei Tage im Wald, ohne einem einzigen Drachenverschworenen zu begegnen — oder sonst jemandem —, und Mat hoffte, daß sich ihr Alleinsein zumindest noch über diesen vierten Tag erstrecken würde, bevor sie Salidar erreichten. Abgesehen von den Aes Sedai mußte man auch noch Aviendha von Elaynes Kehle fernhalten. Er hegte kaum Zweifel darüber, warum sie ständig dieses Messer schärfte. Die Klinge glitzerte bereits wie Edelsteine. Er befürchtete stark, daß er die Aiel-Frau letztendlich unter Bewachung nach Caemlyn bringen müßte, während die verdammte Tochter- Erbin auf jedem Schritt des Weges von ihm verlangte, jene zu hängen. Rand und seine verdammten Frauen! Mats Ansicht nach war alles nützlich, was die Horde verlangsamte und ihn von dem abhielt, was ihn in Salidar erwartete. Es war hilfreich, früh anzuhalten und spät aufzubrechen. Das galt für die den Zug beschließenden Proviantwagen, die im Wald nur langsam vorankamen. Aber auch die Horde konnte nur langsam voranreiten. Vanin war sich sicher, nur zu bald etwas zu finden.
Wie auf ein Stichwort tauchte der dicke Kundschafter mit vier weiteren Reitern vor ihnen zwischen den Bäumen auf. Er war vor der Dämmerung mit sechs Männern losgeritten.
Mat hob eine geballte Faust und gab so das Zeichen zum Anhalten. Murmeln erklang in der Schlange. Sein erster Befehl, nachdem sie das Tor zurückgelassen hatten, hatte »keine Trommeln, keine Trompeten, keine Flöten und kein verdammtes Singen« gelautet, und wenn zunächst einige verdrießliche Gesichter zu sehen gewesen waren, widersprach nach dem ersten Tag in dem Waldgebiet, in dem man niemals mehr als hundert Schritte voraus sehen konnte, niemand mehr.
Mat legte seinen Speer quer über den Sattel, wartete, bis Vanin herankam, und runzelte unbewußt die Stirn. »Ihr habt sie gefunden?«
Der kahl werdende Mann beugte sich im Sattel zur Seite, um durch eine Zahnlücke auszuspeien. Er schwitzte so stark, daß er zu schmelzen schien. »Ich habe sie gefunden. Acht oder zehn Meilen westlich. In den Wäldern befinden sich Behüter. Ich habe gesehen, wie einer von ihnen einen Mär gefangengenommen hat. Kam einfach in einem dieser Umhänge aus dem Nichts und riß ihn aus dem Sattel. Ich habe ihm erheblich zugesetzt, aber ich habe ihn nicht getötet. Ich vermute, daß Ladwin aus demselben Grund nicht wieder aufgetaucht ist.«
»Also wissen sie, daß wir hier sind.« Mat atmete heftig durch die Nase. Er erwartete nicht, daß die Männer etwas über die Behüter zurückhalten würden, und noch viel weniger über die Aes Sedai. Aber andererseits mußten auch die Aes Sedai es früher oder später erfahren. Er hätte sich nur gewünscht, daß es erst später geschehen würde. Er schlug nach einer Stechmücke, aber sie summte davon und hinterließ einen Blutfleck an seinem Handgelenk. »Wie viele?«
Vanin spie erneut aus. »Mehr als ich jemals erwartet hätte. Ich bin zu Fuß ins Dorf gelangt und habe dort überall Aes-Sedai-Gesichter gesehen. Vielleicht zwei- oder dreihundert. Vielleicht auch vierhundert. Ich wollte nicht zu offensichtlich zählen.« Bevor Mat diesen Schock verdauen konnte, lieferte der Mann schon den nächsten. »Sie haben auch ein Heer. Es lagert nördlich des Dorfes. Mehr Männer, als Ihr habt. Vielleicht doppelt so viele.«
Talmanes, Nalesean und Daerid waren währenddessen schwitzend und nach Stechmücken schlagend herangeritten. »Habt Ihr es gehört?« fragte Mat, und sie nickten betrübt. Er hatte zwar stets Glück im Kampf, aber zwei zu eins in der Minderheit zu sein, mit Hunderten darin verwickelten Aes Sedai, konnte jedes Glück überstrapazieren. »Wir sind nicht hier, um zu kämpfen«, erinnerte er sie, aber ihr Gesichtsausdruck blieb betrübt. Er selbst fühlte sich durch seine Bemerkung auch nicht besser. Es zählte nur, ob die Aes Sedai ihr Heer in den Kampf schicken wollten.
»Die Horde soll sich auf einen Angriff vorbereiten«, befahl er. »Legt soviel Fläche wie möglich frei, und benutzt die Baumstämme für Barrikaden.« Talmanes verzog das Gesicht fast genauso stark wie Nalesean. Sie kämpften lieber im Sattel. »Denkt daran, vielleicht beobachten uns Behüter auch jetzt.« Er war überrascht, Vanin nicken und vielsagend nach rechts blicken zu sehen. »Wenn sie sehen, daß wir uns auf die Verteidigung vorbereiten, werden sie erkennen, daß wir offensichtlich nicht angreifen wollen. Das könnte sie vielleicht überzeugen, uns in Ruhe zu lassen, aber wenn nicht, dann sind wir wenigstens bereit.« Talmanes verstand seine Gedankengänge eher als Nalesean. Daerin hatte von Anfang an zu seinen Worten genickt.