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Eine Frau zog seinen Blick auf sich, eine hübsche Frau in merkwürdiger Kleidung — eine weite gelbe Hose und ein kurzer weißer Mantel — und das goldene Haar bis zur Taille kunstvoll geflochten. Sie trug einen Bogen bei sich. Nicht viele Frauen fühlten sich für den Bogen berufen. Sie bemerkte seinen Blick und verschwand in einer schmalen Gasse. Etwas an ihr erweckte seine Erinnerung, aber er konnte nicht sagen, was es war. Das war der Haken an diesen alten Erinnerungen. Er sah stets Menschen, die ihn an jemanden erinnerten, der, wie sich herausstellte, wenn es ihm wieder einfiel, bereits seit tausend Jahren tot war. Vielleicht hatte er sogar einmal wirklich jemand gekannt, der dieser Frau ähnlich sah. Jene Lücken in der Erinnerung an sein eigenes Leben waren von Verschwommenem umgeben. Wahrscheinlich ein weiterer Jäger des Horns, dachte er verwirrt und verdrängte den Gedanken an die Frau.

Es hatte keinen Sinn umherzureiten, bis jemand sie ansprach, weil es anscheinend niemand tun würde. Mat zügelte sein Pferd und nickte einer dünnen, dunkelhaarigen Frau zu, die gelassen zu ihm hochsah. Sie war hübsch, aber für seinen Geschmack selbst ohne dieses alterslose Gesicht zu hager. Wer wollte schon bei jeder Umarmung gestochen werden? »Mein Name ist Mat Cauthon«, sagte er ruhig. Wenn sie Huldigungen erwartete, würde sie enttäuscht werden, aber es wäre auch töricht, ihre Feindschaft zu erwecken. »Ich suche Elayne Trakand und Egwene al'Vere. Und auch Nynaeve al'Meara.« Rand hatte sie nicht erwähnt, aber Mat wußte, daß sie mit Elayne fortgegangen war.

Die Aes Sedai blinzelte überrascht, faßte sich aber augenblicklich wieder. Sie betrachtete ihn und die anderen einen nach dem anderen, hielt bei Aviendha inne und betrachtete auch die Unterführer dann so lange, daß Mat sich fragte, ob sie den Drachen und die schwarzweiße Scheibe durch die Falten des Stoffes hindurch sehen konnte. »Folgt mir«, sagte sie schließlich. »Ich werde nachsehen, ob der Amyrlin-Sitz Euch empfangen kann.« Sie raffte ihre Röcke und eilte die Straße hinauf.

Während Mat Pips hinter ihr herführte, ließ Vanin seinen Grauen zurückfallen und murrte: »Aes Sedai nach etwas zu fragen, ist niemals gut. Ich hätte Euch den Weg zeigen können.« Mat wandte den Kopf einem dreistöckigen, kubusförmigen Steingebäude zu. »Sie nennen es die Kleine Burg.«

Mat zuckte unbehaglich die Achseln. Die Kleine Burg? Und hier gab es jemanden, den sie den Amyrlin-Sitz nannten? Er bezweifelte, daß die Frau Elaida gemeint hatte. Rand hatte sich erneut geirrt. Diese Leute hatten keine Angst. Sie waren zu stolzgeschwellt und verrückt, um Angst zu haben.

Vor dem kubusförmigen Steingebäude sagte die hagere Aes Sedai herrisch: »Wartet hier.« Sie verschwand im Inneren.

Aviendha glitt vom Pferd, und Mat tat es ihr schnell nach, bereit, sie zu ergreifen, falls sie fliehen wollte. Auch wenn es ihm in der Seele weh tat, würde er sie nicht davonlaufen und Elayne die Kehle aufschlitzen lassen, bevor er auch nur die Gelegenheit gehabt hatte, mit dieser sogenannten Amyrlin zu sprechen. Aber sie stand nur da und starrte mit über der Taille verschränkten Händen und der um die Ellenbogen geschlungenen Stola vor sich hin. Sie wirkte vollkommen gelassen, aber er dachte, daß sie vielleicht dennoch schreckliche Angst hatte. Wenn sie Verstand hätte, würde sie sich fürchten. Sie hatten eine Menschenmenge angezogen.

Aes Sedai hatten sich versammelt, schlossen sie vor der Kleinen Burg ein und beobachteten Mat schweigend, während der Halbkreis der Frauen immer dichter wurde, je länger er dort stand. Tatsächlich schienen sie Aviendha genauso zu beobachten wie ihn, aber er spürte all jene kühlen, unlesbaren Blicke. Er konnte sich kaum beherrschen, den silbernen Fuchskopf unter seinem Hemd zu berühren.

Eine Aes Sedai mit klaren Gesichtszügen bahnte sich ihren Weg zur vordersten Reihe der Menge und führte eine schlanke junge Frau in Weiß mit sich. Sie erinnerte ihn vage an Anaiya, aber sie schien kaum an ihm interessiert. »Seid Ihr sicher, Kind?« fragte sie die Novizin.

Die junge Frau preßte den Mund leicht zusammen, aber ihre Stimme klang fest. »Er scheint noch immer zu leuchten oder zu strahlen. Ich sehe es wirklich. Ich weiß nur nicht warum.«

Anaiya lächelte sie erfreut an. »Er ist Ta'veren, Nicola. Ihr habt Euer erstes Talent entdeckt. Ihr könnt Ta'veren sehen. Und jetzt zurück zum Unterricht. Schnell. Ihr wollt doch nichts versäumen.« Nicola vollführte einen Hofknicks und verschwand mit einem letzten Blick auf Mat in der Menge der sie umgebenden Aes Sedai.

Dann sah Anaiya ihn an, mit einem jener Aes Sedai-Blicke, die einen Mann beunruhigen sollten. Er beunruhigte ihn tatsächlich ausreichend. Natürlich wußten einige Aes Sedai etwas über ihn — einige wußten mehr, als ihm lieb war, und wenn er darüber nachdachte, erinnerte er sich daran, daß Anaiya dazugehörte —, aber wenn die Dinge so verkündet wurden, vor das Licht wußte wie vielen Frauen mit jenen kühlen Aes Sedai-Augen... Er strich mit der Hand über das geschnitzte Heft seines Schwertes. Fuchskopf oder nicht, sie waren ausreichend viele, daß sie einfach Hand an ihn legen und ihn davontragen könnten. Verdammte Aes Sedai! Verdammter Rand!

Aber Anaiyas Aufmerksamkeit galt nur kurz ihm. Sie trat zu Aviendha und sagte: »Und wie heißt Ihr, Kind?« Ihre Stimme klang freundlich, erwartete aber unverzüglich eine Antwort.

Aviendha sah sie offen an. Sie war einen Kopf größer und nutzte auch jeden Zentimeter dieser Größe. »Ich bin Aviendha, von der Neun-Täler-Septime der Taardad-Aiel.« Anaiya verzog den Mund zu der Andeutung eines Lächelns, als sie den trotzigen Unterton bemerkte.

Mat fragte sich, wer bei diesem Duell der Blicke wohl siegen würde, aber bevor er sich eine Meinung darüber bilden konnte, trat eine weitere Aes Sedai zu ihnen, eine Frau, deren knochiges Gesicht trotz glatter Wangen und glänzendem braunen Haar den Eindruck von Alter vermittelte. »Seid Ihr Euch bewußt, daß Ihr die Macht lenken könnt, Kind?«

»Ja«, antwortete Aviendha kurz und schloß jäh den Mund, als beabsichtige sie von jetzt ab zu schweigen. Sie konzentrierte sich darauf, ihre Stola zu richten, aber sie hatte schon genug gesagt. Aes Sedai drängten zu ihr heran und schoben Mat beiseite.

»Wie alt seid Ihr, Kind?«

»Ihr habt viel Kraft entwickelt, aber Ihr könntet als Novizin noch vieles dazulernen.«

»Sterben viele Aiel-Mädchen in jüngerem Alter als Eurem an Abzehrung?«

»Wie lange habt Ihr...«

»Ihr könntet...«

»Ihr solltet wirklich...«

»Ihr müßt...«

Nynaeve erschien so plötzlich im Eingang, daß sie sich aus der Luft materialisiert zu haben schien. Sie stemmte die Fäuste in die Hüften und sah Mat an. »Was tust du hier, Matrim Cauthon? Wie bist du hierhergelangt? Vermutlich wird meine Hoffnung enttäuscht, daß du etwas mit diesem Heer der Drachenverschworenen zu tun hast, das hierherkornmen soll.«

»Tatsächlich«, sagte er trocken, »bin ich der Befehlshaber.«

»Du...!« Nynaeve stand mit offenem Mund da, riß sich dann aber zusammen und zupfte an ihrem blauen Gewand, als sei es in Unordnung gewesen. Es war tiefer ausgeschnitten als jedes andere Gewand, an das er sich bei ihr von früher erinnern konnte, tief genug, um Einblick zu gewähren, mit gelben Ornamenten an Halsausschnitt und Saum. »Nun, dann komm mit«, sagte sie scharf. »Ich bringe dich zur Amyrlin.«

»Mat Cauthon«, rief Aviendha ein wenig atemlos. Sie suchte ihn über die Köpfe der Aes Sedai hinweg. »Mat Cauthon.« Mehr nicht, aber sie wirkte für Aiel-Verhältnisse außer sich.

Die sie umgebenden Aes Sedai sprachen mit ruhigen Stimmen überlegt, aber unaufhörlich weiter.

»Für Euch wäre es das beste, wenn...«

»Ihr müßt bedenken...«

»Das allerbeste... «

»Ihr könnt wohl kaum erwägen...«